Beitrag vom 24.06.2019

Keine Angst vor Konflikten

Die kommende Oya beschäftigt sich mit menschlichem Miteinander, insbesondere mit dem Umgang mit Konflikten in Gruppen, die sich jenseits festgefügter Machtstrukturen aus unserer patriarchal geprägten Gesellschaft organisieren. Wenn Beziehungen nicht mehr durch klare Rollen und Hierarchien geregelt sind, tritt die schlichte Tatsache, dass Menschen verschieden sind, in aller Konsequenz zum Vorschein. Dazu haben wir mit vielen Menschen aus solchen Gruppen gesprochen, mit Mitgliedern von Gemeinschaften, die von schweren Krisenzeiten berichten. Im Folgenden die Aufzeichnung eines Berichts von Luisa Kleine über die Arbeit in der Vorbereitungsgruppe für das Treffen »Move Utopia«.

Grenzen ziehen

Dieses Jahr wird wieder das Zusammentreffen »Move Utopia«, stattfinden, das 2017 fast 1500 Menschen aus vielen Bewegungen, die sich für »gutes Leben für alle« engagieren, zusammengebracht hat. Ich helfe bei der Vorbereitung mit. Ziel des »Move« ist der Brückenbau zwischen ganz verschiedenen Ansätzen, zu einem gesellschaftlichen Wandel beizutragen. So ist auch unsere Vorbereitungsgruppe sehr divers. Aktivistisch geprägte Leute aus der Klimagerechtigkeitsbewegung oder linken Kreisen sind ebenso dabei wie solche, die sich zum Beispiel mit authentischer Begegnung und Ritualen beschäftigen. Etwa 30 mehrheitlich junge Menschen sind in dieser Gruppe dezentral organisiert. Uns verbindet der Gedanke, dass Widersprüche etwas Kreatives sind, zum Beispiel wenn die einen sagen: Wandel muss bei jedem Einzelnen beginnen – und andere dagegenhalten: Ein verengter Blick auf das Individuum lässt die gesellschaftlichen Strukturen außer Acht. Über Spannungsfelder wie Theorie und Praxis, Kollektiv und Individuum, Militanz und Pazifismus haben wir schon viele heiße Diskussionen geführt, aber auch viele Witze gemacht – es tut gut, sich zu veralbern, die Extreme absurd zu übersteigern und dann zu merken, dass es nie nur eine Wahrheit gibt. Niemand kennt »die« Lösung. In diesem Sinn ist das Move vor allem ein Raum, um zu experimentieren – das gilt auch für die Vorbereitungsgruppe. Wir wohnen ja nicht zusammen, sondern verbringen nur eine begrenzte Zeit miteinander. Das macht es einfacher, Widersprüche auszuhalten.

Zu einer Frage gab es allerdings derart unterschiedliche Standpunkte, dass wir sehr lange eine Lösung suchen mussten: Sollen wir bestimmten Gruppen, deren Werte wir nicht teilen, ausschließen? Einige, mit denen wir große Bauchschmerzen hatten, wollten gerne auf dem Move mitwirken, unter anderen die Anastasia-Bewegung (siehe Oya-Ausgabe 45 »Nach Hause kommen«). Die einen waren überzeugt: Es gibt keinen Grund, mit jemandem nicht zu kooperieren; Move Utopia soll für radikale Integration und Vielfalt stehen. Die anderen meinten: Wir müssen uns von bestimmten Aussagen und Haltungen abgrenzen und Position beziehen, unsere Integrität wahren und einen geschützten Raum schaffen.

Auch ich hatte Angst davor, dass die Beziehung zu den Gruppen, die wir ausladen, beendet wird und in Zukunft nur noch harte, kalte Grenzen existieren, über die hinweg kein Austausch mehr möglich ist. Andererseits wollte ich auch mit großer Klarheit zu unseren Werten stehen. Lange schienen die verschiedenen Ansichten unvereinbar, aber irgendwann begannen die Leute in der Runde, von ihren persönlichen Bedürfnissen zu sprechen. Sie argumentierten nicht mehr auf einer prinzipiellen Ebene oder aus Angst, politisch nicht korrekt zu sein, sondern jemand sagte zum Beispiel: »Ich fühle mich nicht mehr frei und unbefangen, wenn diese Gruppe beim Move vertreten ist. Mich persönlich überfordert das auf ganzer Linie, ich würde dann nicht kommen.« Das konnten andere, die bisher auf Integration bestanden hatten, nachvollziehen. Wir sahen dann gemeinschaftlich ein: Diese Gruppen auf eine angemessene Weise zu integrieren, wäre ein großer Kraftakt – das können wir in unserer jetzigen Verfassung noch nicht leisten. Es setzt gute Kräfte frei, wenn nicht Konzepte ins Zentrum gestellt werden, sondern die Bedürfnisse der Menschen.

In meiner Utopie gibt es viele Konflikte. Mir geht es nicht darum, dass immer alles im Einklang passiert, sondern darum, dass überhaupt Resonanz entsteht. Das kann auch eine Resonanz zwischen zwei sehr unterschiedlichen Klängen sein.

Flow und Struktur

In unserer Vorbereitungsgruppe hatten wir es immer wieder mit zwei entgegengesetzten Impulsen zu tun. Wie so oft, wenn etwas geplant wird, können sich die einen nur dann entspannen, wenn sie wissen, dass alle Tagesabläufe klar strukturiert sind, während andere sich nur wohlfühlen, wenn noch nicht alles durchgetaktet ist und sich auch spontan Dinge aus dem freien Fluss, aus einem Flow heraus, ergeben können. Vermutlich weil das Strukturieren in unserer Gesellschaft anerkannter ist als das freie Spiel, hatten die »Strukturpersonen« in der Gruppe tendenziell die stärkere Stimme. Es ist schwierig, zum Flow einzuladen: Du machst dich verletzlich, traust dich in einen Zustand des Nicht-Wissens hinein, hast nicht mehr alles unter Kontrolle. Auch wenn ich in anderen Zusammenhängen oft auf Struktur achte, hatte ich in der Move-Gruppe eher die Rolle der »Flow-Person«. Einmal gab es eine für mich schwierige Situation: An einem Vormittag hatte ich mit anderen dazu eingeladen, sich auf eine möglichst unverkopfte Art zu begegnen. Ich habe eine Übung angeleitet, bei der dann einige den Raum verlassen haben. Das hat viel Scham und Angst in mir ausgelöst, vielleicht die Angst davor, dass sie mich für eine Emo-Tante halten und mir nicht zutrauen, dass ich auch im Praktischen viel schaffen kann. Die Qualität, zu der ich eingeladen hatte, war nicht produktiv, sondern reproduktiv, sie war eher auf der Ebene der Sorgearbeit füreinander, die oft nicht ernstgenommen wird. Ich habe nachher mit den Menschen, die das Treffen verlassen hatten, sehr schöne Gespräche geführt. Dabei habe ich gut verstanden, wie es ihnen gerade ging, welche negativen Erfahrungen sie mit Gruppenübungen gemacht haben, und ich durfte von ihnen ganz viel Wertschätzung für mein Wirken erfahren.

Auch wenn wir generell eher strukturiert arbeiten, haben wir auch mal alle Pläne über den Haufen geworfen und sind Schwimmen gegangen. Der Flow-Impuls lässt sich nicht unterdrücken, er ist widerständig, lebendig. Wenn Leute zusammenkommen und sich eine schöne Atmosphäre aufbaut, entsteht auch immer Flow, eine Eigendynamik, so dass alle merken, was »dran« ist. Selbst wenn wir uns in Strukturen einmauern, glaube ich, dass der Fluss so eine Kraft hat, dass er diese sprengen wird, wenn sie nicht dem Lauf des Flusses entsprechen. Ich bin gespannt, wie es auf dem Move sein wird. Auch dort geben wir eine Struktur vor, aber eine, die Selbstorganisation fördert und viel Leere zulässt. Aus der Leere heraus kann so viel passieren, wovon wir noch nicht einmal geträumt haben.

| | | |

Die nächste Oya-Ausgabe landet Anfang Juli in den Briefkästen der Abonnentinnen und Abonnenten. Bald darauf kann das Heft auch im Bahnhofsbuchhandel gekauft werden.

Wer noch kein Abonnement hat, kann dieses hier bestellen – oder Teil des Oya-Hütekreises werden.

 

geschrieben von Luisa Kleine
am 24.06.2019

4 Kommentare

von Thomas Rehehäuser am 24.06.2019

«Das klingt nach super spannenden Gruppenprozessen. Danke fürs Teilen!»

von Felix am 30.06.2019

«Vielen Dank für dieses offene Wort über nötige Grenzen, wenn Bauchschmerzen auftauchen: »Ich fühle mich nicht mehr frei und unbefangen, wenn diese Gruppe beim Move vertreten ist. Mich persönlich überfordert das auf ganzer Linie, ich würde dann nicht kommen.« Das konnten andere, die bisher auf Integration bestanden hatten, nachvollziehen. Wir sahen dann gemeinschaftlich ein: Diese Gruppen auf eine angemessene Weise zu integrieren, wäre ein großer Kraftakt – das können wir in unserer jetzigen Verfassung noch nicht leisten. Es setzt gute Kräfte frei, wenn nicht Konzepte ins Zentrum gestellt werden, sondern die Bedürfnisse der Menschen." Genau so ergeht es vielen einfachen Menschen in Bezug auf ganz Deutschland und ihre gewohnten Lebensumstände. Sie haben Bauchschmerzen, fühlen sich überfordert, "diese Gruppe" zu integrieren. Sie fühlen, dass sie diesem Kraftakt nicht gewachsen sind. Sie fühlen in sich nicht die Kraft, sich mit Menschen einer ganz anderen Kultur, Sprache, Religion und einem ganz anderen Rollenverständnis zu beschäftigen. Doch dieses Bedürfnis von Millionen Menschen in Deutschland wird wegen des Prinzips der absoluten Offenheit übergangen. Viele Menschen in Deutschland meinen, genau wie im Artikel oben: "Wir müssen uns von bestimmten Aussagen und Haltungen abgrenzen und Position beziehen, unsere Integrität wahren und einen geschützten Raum schaffen." Die vielen besorgten Menschen in Deutschland können nicht wählen, ob sie am "Fest" teilnehmen wollen, oder nicht. Für sie ist das kein Experiment, sondern ihr Leben, ihr Lebensraum. Und da die althergebrachten Parteien dieses Bedürfnis vieler Menschen in Deutschland bisher weitestgehend übergehen, wählen viele die AfD. Das soll jetzt nicht heißen, dass ich das begrüße. Für mich bietet die AfD kein wirklichen Lösungen. Aber in diesem einen wichtigen Punkt übergeht sie das Bauchgefühl, die Ängste vieler Menschen eben nicht. Nur, wenn unsere Gesellschaft dieses Bachgefühl anerkennt, braucht es keine Partei wie die AfD. Das Gefühl: "Wir müssen uns von bestimmten Aussagen und Haltungen abgrenzen und Position beziehen, unsere Integrität wahren und einen geschützten Raum schaffen." kennt jeder Mensch. Es ist die natürliche Reaktion jedes selbsterhaltenden Systems und die eigentliche emotionale Essenz der Politik rechter Parteien. »

von Sören am 12.07.2019

«Lieber Felix, in Deiner Argumentation gibt es eine Unstimmigkeit: Wenn die Anastasia-Bewegung ausgeschlossen wird, ist das für diese sicherlich schade; wenn wir die Tore unserer Gesellschaft vor den Flüchtenden schließen, hat dies weitaus existenziellere Folgen für die Individuen. Da sehe ich "uns" als Gesellschaft in der Verantwortung, gerade weil wir mit unserem Lebensstil viel zum Elend in anderen Teilen der Welt beigetragen haben. Und ich finde es legitim Menschen, die sich bewußt für andere Werte entschieden haben, aus Kreisen, die eben nicht offen sind für Homophobie, Nationalismus und Antisemitismus und für ihre Werte einstehen, auszuschließen. Soweit mit besten Grüßen»

von Felix am 20.07.2019

«Lieber Sören, in meinem Beitrag ging es mir nicht um die Anastasia-Bewegung, sondern um das menschliche Gefühl von Überforderung. Ein Teil der Gesellschaft in Deutschland fühlt sich überfordert, Menschen einer ganz anderen Kultur, Sprache, Religion und einem ganz anderen Rollenverständnis zu integrieren. Ein Teil des MOVE Orga - teams fühlte sich nun überfordert, Menschen einer etwas anders ausgerichteten Bewegung zu integrieren. Sollte man diesen Teil überstimmen, abwerten, ausgrenzen? Das Organisatorenteam des MOVE überging diesen Teil nicht. In der deutsche Gesellschaft wird dieser Teil von der Mehrheit übergangen und dadurch gewinnt die AfD an Einfluss. Ausgrenzung ist keine Lösung doch Integration braucht Zeit und Kraft.»


Kommentar schreiben




Bitte helfen Sie uns zu verhindern, dass die Kommentarfunktion von Spam-Software missbraucht wird und lösen folgende kleine Rechenaufgabe:


sechs minus vier =