Beitrag vom 22.04.2019

Unter lauter Leuten: Auftakt zu Oya #53

Białowieża-Nationalpark an der polnisch-weißrussischen Grenze (Jacek Karczmarz / WikimediaCommons).

Was wäre, wenn wir anerkennen würden, dass alles – Stein, Pflanze, Tier, Mensch und Menschengemachtes – lebt? Wie müssten wir uns – als Individuen wie auch als Gesellschaften – verändern, um dieser Erkenntnis gemäß zu denken und zu handeln? In der nächsten Ausgabe erkunden wir künstlerische und widerständige Wege hin zu freiem und verbundenem Sein unter lauter »Leuten«. Die Auftakt dazu gibt es jetzt schon hier zu lesen.

»Was sind das für Zeiten, wo / Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist / Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!« – so schrieb Bertolt Brecht 1939 völlig zu recht vor dem Hintergrund seiner Zeit.
In welchen Zeiten aber leben wir heute? Manchen Schätzungen zufolge sterben stündlich drei, anderen zufolge täglich bis zu 130 Arten aus. Unwiederbringlich. Stunde um Stunde. Tag um Tag. Käme es da nicht einem Verbrechen gleich, über diese Untaten zu schweigen? Und wo beginnt das Beschweigen – vielleicht schon dort, wo den betroffenen Bäumen, Gräsern, Moosen, Flechten, Säugetieren, Vögeln, Insekten – und wie wir sie alle nennen – die Empfindungsfähigkeit und Bewusstheit abgesprochen wird?! In dieser Ausgabe nehmen wir einen radikalen Perspektivenwechsel vor und wenden uns diesen ungesehenen Wesen zu – nicht als »Dingen« oder für den Menschen mehr oder weniger nutzbringenden Spezies, sondern als »Leute«. Dabei geht es uns nicht dar­um, philosophisch oder neurologisch zu definieren, was genau das bewusste Sein in »Bewusstsein« sei und wo es sitze – eine Frage, die viele hochdekorierte Forscherinnen und Forscher aus verschiedensten Disziplinen nicht abschließend beantworten können –, sondern darum, uns phänomenologisch (erfahrungsbasiert) auf Wesen, die ganz anders als wir selbst sind, einzulassen. Wir suchen das Gespräch – wir wollen nicht nur über, sondern mit Bäumen sprechen; und mit Steinen, Artefakten, Stadttauben und anderen menschlichen und mehr-als-menschlichen Leuten, die uns umgeben und durchdringen, denen wir unser Leben und unsere Existenz verdanken.
Das mag ungewohnt wirken, ist aber schon nicht mehr so seltsam, wenn man sich vergegenwärtigt, dass Kinder größtenteils als Animisten (von »Animismus«, die Wahrnehmung der Welt als allseits belebt) zur Welt kommen und viele indigene Ethnien Steine, Bäume, Lachse oder Elche als »Leute«, »Völker« und »Verwandte« bezeichnen. Nun ließe sich einwenden, dass all dies bloß eine Projektion der menschlichen Psyche auf »unbewusste Dinge« sei. Das hieße jedoch, die animistische Weltwahrnehmung, die zahlreiche Jäger-und-Sammler-Gesellschaften – also auch uns während 99 Prozent unserer Geschichte – prägte, als Projektion abzutun. Demnach wäre »wildes Denken« primitiv und fiele entwicklungsgeschichtlich hinter modernes rationales Denken zurück. Diese kulturchauvinistische Annahme, die das alte Lied von der Überlegenheit des weißen Westens singt, wird durch nichts gestützt. Wie passt diese damit zusammen, dass die eingangs beschriebene »sechste Welle des Massenaussterbens« wesentlich Lebensweisen geschuldet ist, die durch industriemodernen Rationalismus geprägt worden sind?
Unsere zivilisatorischen Dilemmata haben begonnen, als Menschen anfingen, sich selbst als höherstehend, andere Lebewesen als minderwertig und Materie insgesamt als unbeseelt und leblos zu betrachten. Zuerst haben Menschen sich selbst, dann den Rest der Natur domestiziert und so eine Kette von Diskriminierung und Ausbeutung in Gang gesetzt: Zu verschiedenen Zeiten galten Frauen (Aristoteles), Kinder, Unfreie oder Tiere (Descartes) nicht als mit Gefühl, Verstand und Empfindung begabte Subjekte, sondern als Dinge, als Objekte, die nach Gutdünken von den mit Macht ausgestatteten Bevölkerungsschichten ausgebeutet werden konnten.
Der Begriff »Natur« wurde uns während der Arbeit an dieser Ausgabe selbst zweifelhaft. Dieser merkwürdige Sammelbegriff für Gänseblümchen, Aquifere, Weißtannen und Findlinge, der einen Gegensatz zwischen »wild« und »zivilisiert«, zwischen »Materie« und »Geist«, zwischen »Frau« und »Mann«, zwischen »Objekt« und »Subjekt«, zwischen »Beherrschtem« und »Herrscher«, kurz: zwischen »Natur« und »Kultur« erzeugt – schaffen wir es nicht, ohne ihn auszukommen?
»Frauen, Kinder, Tiere – empfindungslose Objekte?!«, fragen wir uns heute kopfschüttelnd. Die Argumente für diese aus heutiger Sicht haarsträubenden Annahmen waren ihrerzeit und ihrer­orts wohlbegründeter, gesellschaftlicher Konsens. Wie können wir uns da so sicher sein, dass die scharfe Trennlinie, die gegenwärtig gemeinhin zwischen belebter und vermeintlich unbelebter Materie gezogen wird, gerechtfertigt sei? Könnte es nicht sein, dass diese rückblickend ebenfalls ungläubiges Kopfschütteln hervorrufen wird? – »Bäume, Steine, Erde – einfach als Objekte ausgebeutet?!« Dabei ist klar, dass nichts gleich-gültig ist: Ein Autoreifen oder ein Pappkarton sind nicht auf dieselbe Weise Lebewesen wie es eine Haselmaus oder ein Spitzahorn sind. Fabrizierte Artefakte erhalten sich nicht selbst und pflanzen sich nicht fort, wie es lebendige Wesen tun, sondern zerfallen ohne Pflege wieder in etwas anderes. Und dennoch: Wir alle bestehen im Wesentlichen aus Wasser und Kohlenstoff, und dasselbe Kohlenstoffatom, das einen Teil von uns bildet, war – lebte? – davor hundertfach in anderen Wesen: in Tieren, Pflanzen, Erdöl, Fossilien, und wenn wir dereinst zu Humus werden, werden unsere einzelnen Teilchen wieder in andere Verbindungen wechseln.
Wenn wir Steine als unsere »Verwandten« betrachten, so wie es die finnische Künstlerin Elsa Salonen in ihrer Ausstellung »Stories Told by Stones« oder die Beitragenden des Buchs »Der Stein als Bruder« tun – schließlich braucht auch unser menschlicher Körper Mineralien zum Leben –, können wir dann die Graphitmine eines Bleistifts gänzlich aus diesem verwandtschaftlichen Gefüge ausklammern? Ist es nicht einigermaßen kurios, dass manche »aufgeklärten« Menschen aus Industrienationen Bäumen die Empfindungsfähigkeit absprechen, aber gleichzeitig emotionale Bindungen zu Autos oder Elektrogeräten entwickeln? Ein Großteil der Produktwerbung appelliert mal marktschreierisch, mal subtil an solche animistischen Anklänge im kollektiven Menschheitsbewusstsein.
Was für Zeiten sind das? Im Jahr 2000 prägte der Atmosphärenforscher Paul Crutzen den Begriff »Anthropozän« (Zeitalter des Menschen). In Anknüpfung und Abgrenzung dazu wird in der gegenwärtigen Theoriebildung mit »Kapitalozän« (Zeitalter des Kapitals), »Plantagozän« (Zeitalter der Landwirtschaft) oder »Chth­uluzän« (Donna Haraways Begriff) experimentiert. Der Internationalen Kommission für Stratigraphie zufolge leben wir seit Juli vergangenen Jahres im »Megha­layan«, dem vorerst letzten, nach einem nordindischen Bundesstaat betitelten Abschnitt des Holozäns.
Vielleicht lenkt uns all dies aber auch nur ab von der offenkundigen Antwort auf die Frage, wann und wo wir leben: hier und jetzt! Und nur aus diesem Hier-und-Jetzt heraus können wir handeln, können wir mitfühlend wirksam werden und unerschrocken gegen das große »Zaudern« angehen, das der Science-Fiction-Autor Kim Stanley Robinson als Bezeichnung unserer Epoche vorschlug. Die Kesh, ein von Ursula K. Le Guin beschriebenes indigene Volk der Zukunft, nennen unsere Zeit »Als sie außerhalb der Welt lebten«. – Es ist höchste Zeit, dass wir Menschen von einer distanzierten, vermeintlich außerhalb und über den anderen Wesen stehenden Warte wieder in die Tiefe der allseits belebten Welt eintauchen. Jetzt. Hier. Der Blick auf das Jetzt schärft die Wahrnehmung dafür, dass wir uns irgendwo auf halbem Weg befinden, als Teile einer langen Kette von Großmüttern zu Enkeltöchtern, vom Löwenmenschen zu Le Guins »Blue Clay People«, hier auf unserer Heimatplanetin.
Dieser Ansatz spiegelt sich auch in den kleinen Textvignetten dieser Ausgabe wider, in denen sieben Autorinnen und Autoren Gespräche mit Artefakten, Tieren, Pflanzen, Mikroben gesucht haben. Anhand dieser Texte zeigte sich, wie herausfordernd oder gar aussichtslos sich die Kommunikation mit nicht-menschlichen Wesen gestaltet, solange sie in Mustern diskursiver menschlicher Sprache verhaftet bleibt. Sobald Kommunikation jedoch ungesagte Resonanzphänomene einschließt, ist jeder Gedanke, jede Inspiration, jeder Atemzug, jeder Blick und jeder Bissen ein wechselseitiger Akt gemeinschaffender sinnlicher Wahrnehmung zwischen einer Vielzahl an Akteuren. Wie der Kulturanthropologe David Abram in seinem Buch »Im Bann der sinnlichen Natur« schrieb:

»Wenn ich die furchige Haut eines Baums berühre, erfahre ich immer auch meine eigene Berührbarkeit und fühle mich selbst vom Baum berührt. Die Welt zu sehen, heißt, meine eigene Sichtbarkeit zu erfahren und mich selbst gesehen zu fühlen. […] Wir können Dinge nur deshalb erfahren, können sie berühren, hören und schmecken, weil wir als Körper selbst in das sinnlich erfahrbare Feld eingebunden sind, selbst eine eigene Oberfläche haben, eigene Laute hervorbringen und selbst nach etwas schmecken. Wir können Dinge nur wahrnehmen, weil wir selbst ganz und gar Teil der wahrnehmenden, sinnlichen Welt sind! Man könnte auch sagen, dass wir Organe dieser Welt sind, Fleisch von ihrem Fleisch, und dass die Welt sich selbst durch uns wahrnimmt.«

Als ihre »Organe« mögen wir untrennbar mit der Erde verbunden sein – leben und wirksam werden können wir jedoch nur an ganz bestimmten Erd-Teilen, an konkreten Orten und Plätzen. Diese Orte zu erkennen und mit ihren alten Namen zu rufen oder – dort, wo sie unwiederbringlich verloren sind – neue zu finden, ist Teil des Heimischwerdens in der Welt. Aus solch wechselseitiger Verbundenheit heraus kann enorme Kraft für wirksamen Widerstand gegen die tagtägliche Zerstörung des Lebendigen erwachsen. Diese haben wir auch bitter nötig: In der Zeit, die während der Lektüre von fünf durchschnittlichen Seiten dieser Ausgabe verstreicht, wird die große Gemeinschaft der Erdgeschöpfe um ein bis zwei Arten ärmer geworden sein. Der Verlust, den das mit sich bringt, ist ungleich höher, wenn wir dabei nicht nur an verminderte »Biodiversität« und ausgefallene »Ökosystemdienstleistungen« denken, sondern an »Leute«, an »Völker« nicht-menschlicher Wesen, an einstige Gegenüber, die unwiederbringlich verschwunden sind – »tot wie ein Dodo«, wie eine makabere englische Redensart lautet.
Was also tun in diesen Zeiten? Ursula K. Le Guin und Donna Haraway, zwei Frauen, die bei dieser Ausgabe Patin standen, würden uns vielleicht geraten haben: Macht euch verwandt mit den anderen Leuten und werdet heimisch auf der einen Erde! – Nichts anderes versuchen wir in der kommenden Ausgabe.

 

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Die nächste Oya-Ausgabe landet Anfang Mai in den Briefkästen der Abonnentinnen und Abonnenten. Bald darauf kann das Heft auch im gut sortierten Bahnhofsbuchhandel gekauft werden.

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geschrieben von Oya Redaktionskreis
am 22.04.2019

3 Kommentare

von Heino Frank am 29.04.2019

«Ja, viele Gedanken zu einem Thema, welches aufgrund der menschlichen Unwissenheit bezüglich der Grundsatzfrage: "Wodurch ich Alles und wozu?" unendlich ausufert. Denn es werden Aspekte bezüglich dem, was Leben ist, vorausgesetzt, die ebenso in die Irre führen können. Nur als Beispiel zwei Fragen: Kann etwas Leben haben, was einst stirbt? Kann etwas wirklich sein, was einst vergeht? Liebe Grüsse, Heino Frank»

von Matthias Fersterer am 07.05.2019

«Hallo, Frank, das sind alles berechtigte und lohnende Fragen, denen wir in unserem Auftaktartikel nicht detailliert nachgegangen sind, weil wir stattdessen unserer informierten Intuition gefolgt sind, dass alles "lebt" und "fühlt", wenn freilich auch nicht auf genau dieselbe Weise, in der menschliche Leute leben und fühlen. Das Prinzip der Parsimonie (Ockham’sche Regel), d.h. dass die einfachere aus mehreren möglichen Lösungen die zu bevorzugende ist, legt nahe, dass entweder alles tot oder alles lebendig ist. Für Ersteres gibt es keinerlei Anzeichen, stattdessen gibt es Beispiele über Beispiele dafür, dass das Leben lebt. Wer sich in die tagtägliche Zerstörung des Lebendigen vertiefen möchte: Gestern wurde der "Globale Bericht des Weltbiodiversitätsrats" zum Artensterben veröffentlicht und kann hier in verschiedenen Fassungen heruntergeladen werden: https://www.ipbes.net/news/Media-Release-Global-Assessment
Mit herzlichen Grüßen aus der Oya-Redaktion, Matthias»

von Horst Volkhammer am 01.07.2019

«Wieder einmal mehr weiß ich warum ich gern in fernerer Vergangenheit gelebt hätte, weil da das Bemühen um eigenen, vlt. auch gesellschaftlichen Wohlstand überschaubar und somit nicht ständig mit der Unzulänglichkeit menschlichen Denkens hinsichtlich zukünftiger Daseinsformen konfrontiert wurde. Ein schönes Gefühl sich noch über Fortschritt freuen zu können und ein trauriges im Gedanken an den meistens unbezwingbaren Willen mit dem unabwendbaren Ende.»


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