Beitrag vom 20.11.2018

Land ist keine Ware!

Barbara Eckholdt/Wikimedia Commons

Dem vorherrschenden kapitalistisch-konsumistischen Paradigma gilt jegliches Land als Immobilie, als nichtssagender Raum – Niemandsland oder potenzieller Baugrund, wertlos bis zur baulichen Erschließung. Unseren heidnischen Ahnen hingegen galt alles Land als Ort – eigen, vielstimmig, beseelt – und somit als wesenhaft und heilig. Ein Ort war nicht einfach nur ein Raum, in dem Objekte existieren konnten, sondern war vielmehr ein Theater voller verwobener Rufe und Antworten, voller sorgsam angelegter Pfade, Spuren und Duftmarken, voller Gebiete, an denen gesungen und getötet wurde, voller reißender Ströme, Wanderungskorridore und wildem Geheul. Er war Zufluchtshort für die Lebenden wie die Toten, für unsere Schatten und unsere Phantome; er war Schauplatz unserer Geschichte und unserer Sterblichkeit. Indem wir ihn durchquerten, erhielten wir ihn lebendig, so wie der fahrende Rötelhändler, der in Thomas Hardys Roman »Die Heimkehr« durch die fiktive Landschaft Egdon Heath zieht. Ein Ort, das war dort, wo sich unsere Geschichten ereigneten, wo unser Schaffen Früchte trug und wo wir Zeugnis ablegten; ihm entsprangen alle unsere Verbindungen, und er vergewisserte uns beständig unserer Sterblichkeit. Wie sich viele von uns erinnern werden, sind Kinder von Natur aus Heiden – wenn schon nicht »Priester der Natur« (wie William Wordsworth kindliche Unschuld umschrieb), so doch ­»Druiden der Natur«.
Angesichts der, wie mir scheint, anhaltenden und bewussten Entweihung des Orts möchte ich die zugegebenermaßen kühne Idee vortragen, was das alte Europa ist oder sein könnte: eine von ihrem Sosein beseelte Bastion heidnisch-animistischer Geomantie (die Kunst, in Landschaften zu lesen); ein Gebiet, das den Nährboden für aktiven Widerspruch gegen eine seelenlose, starre Verwertungslogik bilden könnte, die nun, nachdem sie auch die »letzten Grenzen« eingerissen hat, droht, zum finalen, tödlichen gesellschaftlichen Maßstab zu werden, der den schieren Begriff »Ort« überflüssig macht und durch einen »Raum«-Begriff ersetzt, in dem Lebensstiloptionen ausgeübt werden und in dem alles an systemischer Funktionalität gemessen wird: Gegenwärtigkeit als bloßes Verhaltensmuster, Liebeswerben als soziale Technik, Land – samt dem Leben, das es erhält – als Ressource. Ich denke – oder irre ich mich da? –, wir wissen alle, dass eine solche Auffassung von »Realität« völlig ignorant gegenüber einer umfassend wirkenden Grund-Zärtlichkeit ist sowie gegenüber dem komplexen Austausch von Pheromonen und anderen Lock- und Botenstoffen zwischen jedem Körper und dessen nahen – oder fernen – Anderen. Ich denke, wir wissen auch alle, dass die Aus­löschung des Ortsbewusstseins Teil eines ausgeklügelten Plans ist, der »Raum« zum Spekulationsgut machen möchte; jedoch scheint es, als seien wir zu dem Schluss gekommen, dass wir angesichts dieses Profitstrebens hilflos wären, oder vielleicht denken wir auch nur, es wäre unfein, uns mit den dahinterstehenden Profiteuren anzulegen. Gewiss, in der einen oder anderen Form haben wir es alle schon gesagt: Gib dem Kaiser, was des Kaisers ist – unter den gegenwärtigen Umständen ist das jedoch nicht viel besser, als seine Hände vor der aufgebrachten Menge demon­strativ in Unschuld zu waschen …
Gib dem Kaiser, was des Kaisers ist, ist ein guter Rat, solange Gott in seinem Himmel und per Definition weit entfernt von der kaiserlichen Macht weilt. Ist hingegen unsere höhere Macht nicht fern, sondern manifest in dieser Welt – als »Natur«, diesem Kürzel für alles, was noch nicht auf eine menschliche Vorstellung von Ordnung reduziert und begrenzt worden ist –, dann ist diese höhere Macht zumindest zeitweise sehr anfällig gegenüber imperialer Plünderung. Ja doch, unser Planet hat die Eiszeiten überstanden; ja, einst war er eine Art Feuerball und, ja, eines Tages wird er sich von den Wunden, die wir ihm gegenwärtig zufügen, erholt haben … Aber: Nachdem ich das Glück hatte, unter den Riesenmammutbäumen in Nordkalifornien zu spazieren, in einer sternenklaren Nacht in der englischen Grafschaft Gloucestershire Dachsjunge beim Spiel nahe ihrem Bau zu beobachten und auf der Suche nach Feldspechten und Pottwalen stundenlang die Yatay-Palmenhaine des argentinischen El-Palmar-Nationalparks zu durchstreifen, bin ich zu dem naheliegenden Schluss gelangt, dass uns der Kaiser nicht nur viel zu viel abverlangt, sondern genug Unheil angerichtet hat und aufgehalten werden muss. Jetzt. Sofort.
[…]
Wenn wir das Land zurückerobern, nicht, um es zu besitzen, sondern um seiner selbst willen, können wir vielleicht auch unsere dem Land eingeborenen Seelen zurückgewinnen. Wenn wir aufhören, Land als Eigentum zu betrachten, können wir einen heidnischen Sinn für Land als Ort, als Heimat wiederfinden; es ist dann ein Privileg, sich solchen Orten als gemeinschaffender Mensch, als Commoner zuzueignen. Wenn wir unsere verheerenden »Entwicklungspläne« verwerfen, werden wir vielleicht wieder an unseren Orten ankommen und einen magischen Pakt mit der andauernden Lebendigkeit des Lands schließen – diese Lebendigkeit ist etwas, das uns Menschen einschließt, jedoch niemals unser Eigentum sein kann.

Aus dem Englischen übersetzt von Matthias Fersterer.

Gekürzte Fassung des Texts »Animistische Anklänge«, der in Ausgabe 51 in voller Länge erscheint. Die Rede »Animist Memories. Notes Towards a Re-Sanctification of Europe« wurde bei den Internationalen Autorentagen zu John Burnside, vom 17. bis 19. Oktober 2014 in Schwalenberg, gehalten. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Literaturbüros Ostwestfalen-Lippe in Detmold.

John Burnside (63) zählt zu den bedeutendsten zeitgenössischen Schriftsteller Schottlands. In der Kleinstadt Dunfermline geboren, war seine Kindheit von den Gewaltausbrüchen des Vaters geprägt. Trost spendeten ihm lange Streifzüge durch die umliegenden Wiesen und Wälder. Auf jugendliche Drogen- und Alkoholexzesse, beglei­tet von schizophrenen Schüben, folgte sein vergeblicher Versuch, ein bürgerliches Leben zu führen. Die Monotonie einer Gelegenheitsarbeit als Programmierer ließ Burnside erste lyrische Versuche unternehmen. Nachdem er erkannt hatte, dass es schlichtweg im Widerspruch zu seiner Natur stand, einer gesellschaftlich definierten Norm entsprechen zu wollen, widmete er sich ganz dem ­Schreiben. Dieses bezeichnet er als »schamanistische Übung«: »Alle meine Gedichte forschen nach der ›Anderswelt‹. Sie liegt aber nicht im Jenseits, sondern im Hier und Jetzt.« Für seine Gedichte, Romane und Erzählungen wurde er vielfach ausgezeichnet. Soeben ist die von ihm herausgegebene Lyrikanthologie »Natur!« erschienen. Heute lehrt John Burnside als Professor für kreatives Schreiben an der Universität St. ­Andrews und lebt mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen im schottischen Distrikt Fife.

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geschrieben von John Burnside
am 20.11.2018

5 Kommentare

von MeGa am 20.11.2018

«Wo sind denn jetzt mal die polnischen, tschechischen, finnischen, schwedischen, serbischen, griechischen, italienischen, rumänischen, norwegischen, spanischen, litauischen oder russischen Autoren, Philosophen, Kapitalismuskritiker, Naturfreunde,.. GIBT ES DIE NICHT? Müssen es immer nur anglo-amerikanische sein?»

von MeGa am 20.11.2018

«Und das IST erklärungsbedürftig. Ansonsten müsste man sagen Ihr seid einseitig in Eurer Wahrnehmung und Wiedergabe der Realität.»

von Matthias Fersterer am 20.11.2018

«Wir haben in Oya verschiedentlich über Projekte und Persönlichkeiten aus europäischen Nachbarregionen im nicht-deutschsprachigen- und nicht-englischsprachigen Raum berichtet – siehe insbesondere Ausgabe 30 »Oyropa« und Ausgabe 44 »Nach Hause gehen« – und werden dies auch weiterhin tun. Die Bezeichnung des Autors als »anglo-amerikanisch« ist jedoch selbst einseitig und zu kurz gegriffen: John Burnside gehört als Schotte einer europäischen ethnischen Minderheit an.»

von MeGa am 20.11.2018

«Ja, sicherlich. Ist es nicht an der Zeit die anglo-amerikanische Hegemonie zu überwinden? Warum wird z.B. die Kibbuz-Bewegung nicht und die russische Landsiedlungs-Bewegung nur negativ behandelt? Die anglo-amerikanische Kulturindustrie steckt in uns allen. Die haben wir seit Kindheitstagen verinnerlichjt, daher fällt uns das nicht auf. Dadurch, dass wir die anderen 99% der Kulturen und Völker ausschließen, handelt wir kulturimperialistisch und aus einem Auserwähltheits-Denken heraus. In Deutschland liegen die Dinge nun mal so, wie wir alle wissen. Aber warum gibt es keinen Willen zu einer gemeinsame Strategie? Um wirksam nach Außen auftreten zu können, braucht es eine gemeinsame Position, gemeinsame Leitlinien. Dann kann man gesellschaftlich aktiv werden und z.B. eine nachhaltige Landwirtschaft einfordern. Als Dachorganisation hat man eine Verhandlungsposition gegenüber dem politischen Raum (Bourdieu). Die OYA könnte die Vernetzung organisieren, gesellschaftspolitisch ein Podium bieten, auf dem sich Menschen treffen, ganz selbstlos, nicht aus Eigeninteresse wie es die Permakultur-Leute tun. Auch hier geht es nur ums Geld, so viel ist klar. Und: Man möchte keine negativen Einträge bei Wikipedia oder Psiram, daher schließt man Menschen und Themen aus. Man beschweigt und grenzt aus, nur um eigene Fehler nicht zugeben zu müssen. »

von Lara Mallien am 22.11.2018

«Die Kommentarfunktion ist kein Forum! Sie ist nicht dafür gedacht, dass wir hier lange Diskussonen führen. Das Betreuen eines online-Forums übersteigt im Moment unsere zeitlichen Möglichkeiten. Wir beantworten aber gerne Diskussionsbeiträge, die an mitdenken@oya-online.de gesendet werden. Kommt ein fruchtbarer Austausch zustande, veröffentlichen wir diesen in Auszügen in der Print-Ausgabe.»


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