Beitrag vom 05.10.2018

Eindrücke aus dem Hambi

Kathrin Henneberger

Dieser schöne Brief erreicht uns aus dem Hambacher Forst:

Hallo meine Lieben,

ich schreibe Euch, weil ich Euch etwas erzählen möchte. Es geht um einen sehr alten, sagenumwobenen Wald und die Menschen, die gerade für ihn kämpfen. Die letzten zwei Wochen habe ich am Hambacher Forst verbracht und die Eindrücke sind so vielfältig und besonders, dass es mir schwer fällt, sie zu sortieren... Ich denke an die bunten Sonntagsspaziergänge, mit vielen tausenden Menschen – jung und alt, laut und bunt. Ich denke an die Menschen in ihren Baumhäusern, ihre Liebe zum Wald und seinen Lebewesen. Ich denke an die Polizeigewalt. Traurig denke ich an den Journalisten, der hier ums Leben gekommen ist. An die Musik, die uns begleitet. An PolizistInnen, die uns erzählen, wie schlimm sie ihren Einsatz hier finden. Ich denke an den Uhu, der uns nachts im Wald zum Schlafen gehen uhuuut hat. An ein wunderschönes Camp, auf dem 300 Menschen zeigen, wie gut Selbstorganisation funktionieren kann. An die hilfsbereiten Feuerwehrleute. An das halb verlassene Manheim mit seinen heruntergelassenen Fensterläden, das auch bald dem Tagebau weichen soll. An warme Herbsttage und kalte Herbstnächte. An die eingeritzten Sterne in der Feuertonne... 

Aber vor allem denke ich an die Menschen. Ja, am liebsten denke ich an die vielen, vielen Gesichter dieses Widerstands. Eines hat viele Falten und gehört einem Mann, weit über 80 Jahre alt und lange Zeit Landwirt in der Region, der im Sommer - wenn der Wind schlecht steht - täglich den Feinstaub von seinem Gartentisch wischt. Ein anderes einer Freundin, die sich immer wieder so redegewandt und klug RWE in den Weg stellt. Ein drittes Gesicht gehört einem Tischler, der hier auf dem Hambicamp mit unvergleichlichem Eifer Regale für die Küche zimmert. Ein nächstes gehört einer Frau, die im Kleingartenverein - eine Baumhaussiedlung im Hambacher Forst - BesucherInnen immer so herzlich in Empfang genommen hat. Ich könnte lange so weitermachen. 

Was mich beeindruckt: hinter jedem Gesicht verbirgt sich ein anderes Leben, eine andere Geschichte und doch treffen wir uns alle hier, am Hambacher Forst. Was uns eint? Klar, der Hambi – der soll bleiben! Aber den meisten geht es um mehr. Uns geht es auch um Braunkohle und den Klimawandel und, dass - so muss man es einfach sagen - so viel gelabert wird und niemand, nicht die Politik oder die Wirtschaft oder sonst irgendwer mit Macht mal Verantwortung übernimmt und handelt. Was für eine Welt wollen diese Leute eigentlich für ihre Kinder? Wie stellen die sich das vor? Uns geht es auch darum, dass unsere Wirtschaftsweise Menschen in der so genannten dritten Welt  ausbeutet, ihnen kaum Chancen gibt und sie weitaus mehr unterm Klimawandel zu leiden haben, als wir in den reichen Ländern. Und dass, obwohl sie kaum dazu beigetragen haben. Ich finde das so himmelschreiend ungerecht und einfach Scheiße, dass ich mich im Regen vor nen Baumhaus setzen muss! Macht auch keinen Spaß, aber so kann ich wenigstens mal zeigen, dass ich mich dem in den Weg stelle. Mit meinem Körper. Mich müsst ihr schon wegtragen, wenn ihr das kaputt machen wollt. Und: wir kommen wieder! 

Was mich antreibt? Ja, ich bin wütend. Aber ich erfahre hier auch, dass eine andere Gesellschaft möglich ist. Das gibt mir die Kraft, hier zu sein. Wir haben was, wofür wir einstehen: unsere Gemeinschaft, unsere Vision von einem guten Leben für alle und - ja - auch für die wunderschönen Hainbuchen und die Haselmäuse. Hier im Rheinland erfahre ich die unfassbare Solidarität der Menschen vor Ort: Wir können uns kaum vor Essens- und Sachspenden retten. Das rührt mich immer wieder so sehr, dass ich direkt losheulen könnte. Schaue ich weiter, sehe ich die ganzen praktischen Alternativen für eine gerechte und nachhaltige Wirtschaft, die es jetzt schon gibt: solidarische Landwirtschaftsprojekte, Energiegenossenschaften, sozial-ökologische Banken, Handwerkskollektive und viele, viele mehr. Sie zeigen, was jetzt schon möglich ist. Das macht mir Mut und gibt mir Hoffnung. Denn unsere Welt ist nicht einfach so wie sie ist, weil sie schon immer so war. Nein, sie ist, wie sie ist, weil Menschen sich dazu entscheiden, sie so zu belassen. Und ja, wir können sie ändern – im Kleinen und im Großen. 

Was gerade am Hambacher Forst passiert, ist beides – klein und groß. Im Kleinen ist es der Händedruck von einer Freundin, die uns gerade 20 Kilo Kaffee vorbei gebracht hat und uns „viel Power“ wünscht. Im Großen ist es eine Chance für eine klimapolitische Veränderung, die von uns, von den Menschen ausgeht. Und ich will Euch einladen, Teil davon zu sein! Kommt vorbei und besucht uns auf dem Hambicamp. Macht hier einen Workshop mit, bietet selber einen an oder guckt euch einfach um und unterhaltet euch vielleicht mit Menschen aus dem Wald. Kommt auf einen Sonntagsspaziergang mit dem tollen Michael Zobel. Oder zu einer der Demos vor Ort. Macht euch selbst ein Bild von dem, was passiert und schaut, wie sich es anfühlt. Ich kann euch versprechen: ihr werdet Gesichter und Geschichten sammeln.

Ich für mich würde mich sehr freuen, Euch hier zu sehen.

Liebst,
Euer Felix

geschrieben von Oya Redaktionskreis
am 05.10.2018

2 Kommentare

von Michael Knorr am 25.10.2018

«Ich bin tief beeindruckt von diesen Menschen, die so handeln wie du und die andere Menschen und die Natur so lieben wie du Felix. Und die das alles mit ihrem Körper, ihrem ganzen Menschsein so konsequent einsetzen. Ich möchte dir symbolisch einen Baum- und Menschlichkeitsorden verleihen. Hmm, das mit den Orden ist nicht gut besetzt... also vielleicht eher so was wie meine Respektbekundung. »

von rico am 28.10.2018

«hallo. unsere erde als ganzes !(der mensch ist ein teil der erde) leidet unter dem egoismus,der gier und dem geltungsbedürfnis des menschen! jeder einzelne MUSS sich fragen,lebe ich auf kosten der mitgeschöpfe,auf kosten der armen länder usw. ? es ist gewaltig,welch`drama der mensch hier aufführt! wir sollten grossen respekt vor der schöpfung,der erde,dem leben haben. soviele species sind schon hiergewesen. wir sollten aber auch dankbar sein, die erde bewohnen zu dürfen und auch die schönen seiten des lebens ehren. ich wünsche mir mehr stille töne. jeder hat seinen kampf zu kämpfen! machen wir uns das klar,wir sind ein teil der erde.nicht mehr und nicht weniger. »


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