Beitrag vom 13.09.2018

Für eine Care-Revolution auf den Äckern

Maisbeet in Bec Hellouin © Ute Scheub

Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, wie dringlich Klima- und Agrarwende sind, dann lieferte ihn dieser Sommer. Eine Hitzewelle und Dürre ohnegleichen suchte Deutschland und fast ganz Europa heim. Waldbrände plagten Schweden, Griechenland und Portugal und forderten Tote. Wenn es überhaupt noch regnete, dann gleich sturzflutartig, und der ausgetrocknete humusverarmte Boden konnte die Wassermassen nicht mehr aufnehmen. Astronaut Alexander Gerst vermeldete aus der Raumstation ISS, die Dürre sei selbst aus dem Weltall zu sehen. Klimaforscher kommentierten, Verursacher der Hitzewelle sei der schwache Jetstream, der kaum mehr Atlantik-Tiefs transportiert, weil es in der Arktis zu warm ist; solche hyperstabilen Extremwetterlagen würden in Zukunft zunehmen.

Hauptverantwortlich für die Erdüberhitzung ist die Agroindustrie: Pestizid- und Chemiedünger-Hersteller, Massentierhalter, Lebensmittelkonzerne, Landmaschinenbauer, Plantagenbesitzer und Herrscher der Mono- und Reinkulturen. Wenn man ihren Ausstoß von Treibhausgasen zusammenrechnet, macht das ungefähr die Hälfte aller Emissionen aus. Um nur einen Teil der von ihnen verursachten Schäden aufzuzählen: Pestizide, Kunstdünger und tiefes Pflügen töten Bodenleben und Artenvielfalt; der aus dem Humus freigesetzte Kohlenstoff oxidiert in der Luft zu CO₂. Schwere Maschinen verdichten den Boden, so dass Lachgas freigesetzt wird, dreihundert Mal klimaschädlicher als CO₂. Massentierhaltung erzeugt Methan, fünfundzwanzig Mal schlimmer als CO₂. Gülleverklappungen führen zu Nitrat im Grund- und Trinkwasser sowie zu immer größeren »Todeszonen« in den Meeren. Das »Institut für Welternährung« vermeldete im Juli, die US-Fleisch- und Milchkonzerne JBS, Tyson Foods, Cargill und Dairy Farmers hätten als Brandstifter am Weltklima inzwischen sogar die größten Ölkonzerne überholt.

In Europa gibt die »Gemeinsame Agrarpolitik« der EU vor, wie auf den Äckern zu wirtschaften ist. Ihr Grundproblem ist der Irrglaube, die Landwirtschaft müsse sich nach derselben Rationalisierungs-Logik entwickeln wie die Industrie. Die Brüsseler Subventionen machen gewollt Agroindustrielle noch größer, denn sie richten sich vor allem nach der Flächengröße eines Betriebs. Sogar Ackergift-Konzerne wie Bayer erhalten Riesensummen, weil auch sie Flächeneigentümer sind. Umgekehrt mussten schon Millionen von kleinen Höfen und Familienbetrieben aufgeben, weil nach dem Motto »Wachse oder weiche« nur die Größten und Fettesten überleben. Das führt zu immer höheren Betriebskonzentrationen mit spezialisierten Mono- und Reinkulturen. Immer weniger Menschen arbeiten mit immer mehr schwereren Maschinen auf immer öderen Äckern.

Die Lage erscheint hoffnungslos. Ist sie aber nicht! Politischer Willen vorausgesetzt, wäre es möglich, die Landwirtschaft vom Problemverursacher zum Problemlöser umzubauen: mittels »regenerativer Agrikultur«.

Pionierprojekte zeigen den Weg. Etwa Bec Hellouin in der französischen Normandie, gegründet von den Quereinsteigern Perrine und Charles Hervé-Gruyer. Der Permakulturhof mit seinen Gemüseinseln, Marktgärten, Gewächshäusern, Viechern und Waldgärten ist laut einer Studie der Pariser Universität zehnmal so produktiv wie ein konventioneller Betrieb. Zehnmal! Die auf nur 4500 Quadratmeter erzeugten Produkte versorgen das fünfzehnköpfige Team, eine Gemeinschaft der Solidarischen Landwirtschaft, den Hofladen und mehrere Feinschmecker-Restaurants in Paris. Und die Farm sieht aus, als ob die Natur die erfahrene Fürsorge mit Schönheit und Fülle zurückgeben wollte.

Solche individuelle Pflege von Pflanzen, Böden und Tieren entzieht sich der Rationalisierung und der marktwirtschaftlichen Verwertungslogik. Sie erfordert viel Beobachtung, Einsatz, Zuwendung, Verständnis, Fürsorge, Hingabe. Please handle with care! Patentlösungen für alle und alles verbieten sich. Für jeden Ort, jede Zeit, jeden Boden, jede Sorte, jede Pflanzenmischung muss eigens ausprobiert werden, was die je besten Bedingungen fürs Gedeihen sind. »Care« – also gelingendes Kümmern, Umsorgen, Pflegen – ist eine Resonanzbeziehung zwischen gleichwürdigen Subjekten und somit das genaue Gegenteil der lebensfeindlichen Agroindustrie, die heute als landwirtschaftlicher Standard gilt.

Doch wer kommt für die Kosten solch fürsorglicher Mehrarbeit auf? Ist sie überhaupt mit Geld aufzuwiegen oder liegt sie nicht vielmehr jenseits der kommerziellen Sphäre? Das Problem ist dasselbe wie bei menschlicher Care-Arbeit: Im marktwirtschaftlichen System wird Fürsorge weder anerkannt noch finanziell oder anderweitig gewürdigt. Dabei ist sie der viel wichtigere und umfangreichere Bereich, jener Eisberg an ungesehener Versorgungsarbeit, der die Spitze dessen, was man landläufig »Arbeit« nennt, erst ermöglicht: Kinder aufziehen, Alte pflegen, Freunde und Nachbarn unterstützen, ehrenamtliches Engagement – fast überall lastet sie auf den Frauen. Feministinnen haben deshalb 2014 die »Care-Revolution« ausgerufen: Sie fordern, dass der für eine Gesellschaft unersetzliche Wert von Sorgearbeit endlich anerkannt wird – etwa durch ein bedingungsloses Grundeinkommen oder menschenwürdige Pflegeeinrichtungen. Menschen benötigen von Geburt an die Fürsorge anderer, denn ihr »Ich« kann nur entstehen durch ein Gegenüber. In Südafrika gibt es dafür den Begriff »Ubuntu«, der die wechselseitige Verbundenheit meint: Ich bin, weil wir sind.

Das lässt sich auf die Agrikultur übertragen: Wir sind, weil sie ist. Die Lebewesen, von denen wir uns ernähren, pfleglich zu behandeln und artgerecht aufzuziehen, mit dem Land als gleichwürdigem Gegenüber in Beziehung treten, seine Bedürfnisse erkennen – das ist »Agricare«. Konsequent angewendet geht dieser Ansatz weit über eine neue landwirtschaftliche Methode hinaus: Er ist Teil einer Kulturwende, einer kopernikanischen Wende im Mensch-Natur-Verhältnis westlicher Gesellschaften. »Solange wir nicht begreifen, was das Land ist, stehen wir im Widerspruch zu allem, was wir berühren«, schrieb Landwirt und Schriftsteller Wendell Berry. Eine solche tiefgreifende Landwende würde den himmelschreienden Widerspruch auflösen, dass wir den Grund und Boden, der uns nährt und erhält, als Ressource vernutzen. Stattdessen würden wir unser Verbundensein mit allem Lebendigen begreifen.

Menschen, die diese Einsicht verinnerlichen, könnten sich nicht mehr als Besitzer und Beherrscher der Erde gerieren, sondern würden sich als Hüterinnen und Hüter, als Pflegnutzende in der Gemeinschaft der Lebewesen des von ihnen bestellten Lands begreifen. Daraus ergeben sich weitreichende Konsequenzen: Wenn Land nicht mehr als vom Menschen getrennte Ressource verstanden wird, sondern als essenzieller Bestandteil der eigenen Existenz, kann es nicht länger als Spekulationsgut ausgebeutet werden. Es wird dann vielmehr zu einem mit Würde und Rechten begabten Gemeintum, einem Commons, einer Allmende.


Die Langfassung dieses Artikels erscheint in der Druckausgabe von Oya #50. Ute Scheub befasst sich als freie Autorin vor allem mit Humusaufbau und Wegen in  eine enkeltaugliche Landwirtschaft. Bei thinkOya erschien ihr Buch »Ackergifte? Nein danke!«, gemeinsam mit Stefan Schwarzer verfasste sie »Die Humusrevolution«.

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Ute Scheub

geschrieben von Ute Scheub
am 13.09.2018

3 Kommentare

von Ergänzung am 17.09.2018

«Aufruf – – – – – – -Not im Land! – – – – – – Landwirte, Gärtner, alle naturverbundenen Menschen registrieren mit Erschrecken eine beispiellose Trockenheit. Es wird auch nicht besser, wenn wir an die nächsten Wochen denken. Es ist kein Regen in Aussicht. Das ist eine Wetter-Anomalie, die ernste Fragen aufwirft. Fragen wir die Meteorologen, Geophysiker, Atmosphärenchemiker: Wie kann eine derartige Wetterlage über Monate bestehen? Welche Mechanismen und Einflusskräfte verhindern den Regen? Wir brauchen verlässliche Antworten. Haben wir Bekannte, Freunde oder Verwandte, die in der Lage sind belastbare Daten und gesicherte Informationen zu liefern, so sollten wir uns an diese Menschen wenden, die Antworten dann möglichst breit veröffentlichen. Die wichtigste Frage ist aber vermutlich anderen Personen zu stellen: Kann ausgeschlossen werden, dass hier der Einsatz von geophysikalisch wirksamen Waffensystemen geprobt bzw. versucht wird? Wir müssen alles versuchen, um zu erfahren, ob „Wetterwaffen“ zum Einsatz kommen, oder ob evtl. unbeabsichtigte Auswirkungen von geophysikalischen Experimenten zu beobachten sind. Natürliche Ursachen von geoklimatischen Veränderung (z.B.: Sonnenaktivität, Spektren, Energieabstrahlung, Magnetfelder, Bahnparameter, Meeresströmungen,…) können angenommen werden. Doch vorher müssen Manipulationen durch Militärs ausgeschlossen werden können. CO2 spielt hierbei keine Rolle: Die derzeitige Niederschlags- Anomalie in Mitteleuropa ist zu extrem und zeitlich zu langandauernd (im Vergleich zu früheren Jahrzehnten), als das eine direkte Wirkung des CO2-Anteils in der Atmosphäre auf den Niederschlag hinreichend seriös darstellbar wäre. Außerdem ist selbst die Wirkung von CO2 auf die globalen Temperaturverläufe umstritten. Die derzeitige Dürre findet hier in Mitteleuropa statt, ist also eine regionale Erscheinung und dafür muss es auch regional bedeutsame Ursachen und Auslöser geben, denen man wissenschaftlich nachgehen kann und die kommunizierbar sind. Fragen wir also, veröffentlichen wir unsere Anfragen und Antworten. Es muss jetzt gehandelt werden, es geht um das Leben und Überleben in Europa.»

von Horst aus Halle am 26.09.2018

«Liebe Ute, da wird womöglich bald der Wald rauschen und "Verschwörungstheoretikerin" rufen. Ich find auch das sind steile Thesen - aber was hat es in der Geschichte nicht tatsächlich schon -Unvorstellbares- gegeben. Da würd ich schon gern wissen, ob sowas dahntersteckt - aber meine Bekannten leben in Kreisen aus denen ich da keine investigative Info erwarte. -- Mich würden aber mal die Klimaprognosen und Modelle interessieren: War da nicht schon klar, daß Mitteleuropa trockener wird? -- und im Übrigen, der Sommer war irre heiß und trocken, der Winter wird vielleicht irre kalt (und auch trocken?) - Klimawandel ist in jedem Fall eine ganz (zu?) große Herausforderung für die Menschheit. -- und mein Glauben an Techniklösungen ist gering, und das weite ich auch auf böswillige Technik aus. ... wenn Du was Neues dazu weißt, halt Dich nicht zurück... [Horst]»

von rico am 28.10.2018

«ich grüsse die oya und alle menschen die dahinter stecken,ich grüsse alle menschen,die die verbundenheit mit unserem mutterplaneten leben. "nur wer schöpferisch denkt und handelt,wird überleben!" friedrich hundertwasser»


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