Beitrag vom 14.03.2018

Allein die Zeiten, sie sind nicht so

Bleisatz im Winkel (Wilhei/Wikimedia Commons).

Als der Redaktionskreis zusammensaß und wir die druckfrischen Exemplare der neuesten Ausgabe von Oya aufblätterten, fiel uns eine Anzeige im Kleinanzeigen-Teil auf, die unserer Kontrolle offenbar entgangen war. In harmlos erscheinendem Gewand wurde für eine Broschüre mit dem Titel »Neue Wege« geworben, doch stellten die Wörter »unabhängig«, »Dörfer«, »gesund«, »kraftvoll«, »Gemeinschaften«, »Kinder« und »Heimat« einen Kontext her, der unseren Verdacht erregte. Eine kurze Recherche ergab, dass hinter der Anzeige eine der Schlüsselfiguren der Neonazi-Szene steckt. Wir stoppten die Auslieferung der gesamten Auflage und ließen die Anzeige überkleben. Der Vorfall bedeutet: Wir werden in Zukunft noch intensiver als bisher auf Versuche, unser Engagement für eine enkeltaugliche Welt mit extremistischem Gedankengut zu unterwandern, achten.

Wie konnte eine solche Anzeige den Weg in Oya finden? Warum hat die Zusammenstellung der Wörter nicht gleich die Alarmglocken schrillen lassen – bei der Anzeigenannahme, beim Setzen, beim Korrekturlesen? Was für eine Welt ist das, in der wir Wörter unter Generalverdacht stellen müssen? Müssen wir immer beim Wort »Heimat« erst einmal recherchieren, wer es benutzt? Es ist unsere selbstgesetzte Aufgabe, in und mit Oya auch Wörter zu prägen, missbrauchte Wörter in ihren ursprünglichen Rahmen zurückzuversetzen, sie uns wiederanzueignen. »Heimat« und »Verwurzelung« sind solche Beispiele – warum sollten sie Menschen überlassen werden, die damit Ausgrenzung und Abschottung meinen? Aber müssen wir uns vielleicht eingestehen, dass das Ringen um manche Begriffe schon verloren ist? Was ist mit dem »Wörterbuch des Unmenschen«, das 1962 beschrieben hat, welche Begriffe die Nationalsozialisten benutzten, um ihre Taten in schöne Phrasen zu kleiden? Werden die darin verzeichneten Wörter damit zu »Un-Wörtern«, oder sind darunter auch Wörter, die uns um Hilfe anrufen, sie zu hegen und zu pflegen, damit mit ihnen wieder etwas sagbar wird, das in der Vergangenheit gewaltsam umgedeutet worden ist? Was ist mit Wörtern, die in der Vergangenheit so viel Leid erzeugt haben, dass ihre Erwähnung noch heute Menschen zusammenzucken lässt? Wie gehen wir mit essenziellen Begriffen um, die in Misskredit gebracht werden? Zum Beispiel mit dem Begriff »Leben«, der im »Alphabet des rechten Denkens« aufgeführt ist? Andererseits gibt es Wörter, die an der richtigen Stelle wehtun, so wie die »Megamaschine«. Giorgos Kallis, ein Akteur der internationalen Bewegung für eine Wirtschaft ohne Wachstum nennt das englische Wort dafür – »Degrowth« – ein »Missile Word« – »Raketenwort«. Aber ist ein Wort, dass eine »Rakete« sein will, nicht selbst schon so militarisiert, dass es nicht für eine lebensfreundliche Wirtschaft stehen kann? Gibt es Wörter, die spitz und durchdringend wie Pfeile sein müssen? Welchen Maßstab legen wir an die Qualität von Worten an?

Heute wird diskutiert, ob etwa Filme von und mit Männern, die sich des Missbrauchs von Frauen und Männern schuldig gemacht haben, aus dem Verkehr gezogen werden sollen – mit der Folge, dass das Verbrechen eines einzelnen Menschen die Würde und Leistung sämtlicher anderen an dem gemeinsamen Werk Beteiligten entwertet. Dabei würde niemand den Opfern jener Schändlichkeiten Komplizenschaft vorwerfen. Ebenso wenig sind wehrlose Wörter Komplizen von Demagogen jeglicher Couleur. Wie sollen wir damit umgehen?

Viele viele Fragen. Wir freuen uns über Mitdenkende.

geschrieben von Andrea Vetter
am 14.03.2018

17 Kommentare

von Simon Wagendorf am 14.03.2018

«Schwer zu sagen, wie sie damit umgehen sollen, denn der Artikel lässt einem im Unklaren, worum es bei der erwähnten Broschüre konkret geht.»

von Farid am 14.03.2018

«Überklebt? Heißt das man muss nur den Aufkleber ab machen und sieht die Anzeige? Vielleicht wäre es eine Idee gewesen, dass ihr entweder die Anzeige entfernt oder die Arbeit die Anzeige zu über kleben den LeserInnen gebt mit einem Aufkleber + Text zur Aufklärung über den Hintergrund des Inserenten. So hat der Inserent direkt viel Aufmerksamkeit, falls der Aufkleber leicht zu entfernen ist.»

von Peter am 14.03.2018

«Ihr habt m. E. genau richtig gehandelt. Und ja, wir müssen uns tatsächlich über die Art und Weise, wie wir kommunizieren, welche Worte wir benutzen und wie wir es tun, Gedanken machen. Das ist wichtig, auch um das festzustellen, wer uns wie unterwandern oder vereinnahmen will etc. Das ist nicht neu und es erfordert unsere Aufmerksamkeit. Das schärft letztendlich wieder unser eigenes Bewusstsein. Mancmal braucht es vielleicht eine solche "kalte Dusche". Insofern habt ihr - auch wenn (ärgerlicherweise) etwas zu spät, erkannt, wer sich dort zutritt verschaffen wollte (und sehr wahrscheinlich wieder versuchen wird). Wir alle müssen aufpassen, mehr denn je, denn unsere Art zu leben steht derzeit auf dem Spiel. Es ist in der Regel der Kontext, aber ja, natürlich gibt es auch einzelne Worte, der/die eine klare Botschaft transportieren.»

von Lara am 14.03.2018

«Hallo Farid, keine Sorge, wir haben Aufkleber mit einem sehr starken Kleber bestellt. Beim Versuch, ihn zu entfernen, zerstört man das Papier, so dass die Anzeige unleserlich wird. Das Ganze fiel uns ja leider erst nach dem Druck auf, deshalb konnten wir sie nur noch auf diese Art »entfernen«. Das Überkleben der Leserschaft zu überlassen, wäre für uns kein ausreichend starkes Zeichen, um zu dokumentieren, dass wir als Redaktion Anzeigen für menschenverachtende Inhalte nicht akzeptieren.»

von Bernd G. am 14.03.2018

«Ich denke, es gibt nicht die eine richtig Antwort auf die Frage, wie man mit solchen Wörtern umgehen sollte. Dabei finde ich es wichtig, vor dem Missbrauch von Wörtern nicht zu erstarren, sie nicht "unsagbar" zu machen. Damit gäbe ich denen, die sie missbrauchen, Macht über mich. Mich beeindruckt, wie das Wort "schwul", das in meiner Jugend noch ein Schimpfwort war, heute von Schwulen selbst benutzt wird und sie damit denen, die es als Schimpfwort benutzen wollen, die Macht nehmen. Also: "Ich möchte für mich neue Wege gehen, wünsche mir, mich in einer Heimat verwurzelt zu fühlen - das ist in meiner Vorstellung immer mehr eine dörfliche Gemeinschaft - um so seelisch gesünder zu werden und mehr in meine Kraft zu kommen." Weder links noch rechts, aber meins. Geht doch!»

von Horst aus Halle am 14.03.2018

«für mich zeigen sich hier 2 Fragestränge: 1. Worte erhalten ihre (mit der Zeit manchmal völlig konträr zur ursprünglichen) Bedeutung beim Verständnis des Hörers. Wie geht man mit den Vergewaltigungen umgehen möchte, hängt mE von der eigenen Kraft ab, im allgemeinen (prägenden) Verständnis die "richtige/ursprüngliche" (?) Bedeutung zu verteidigen oder mit neuen originären Bezeichungen für das was man selbst wirklich meint, auszuweichen. Das haben wir z.B. in der Commons-Sommerschule 2017 auch im internen Diskurs deutlich erfahren und versucht zu bearbeiten. (ich selbst neige dann zuerst dazu, eine neue eigene "Definition" zu versuchen - bloß, wer versteht diese dann "richtig"?) 2. Noch mehr beschleicht mich immer wieder die Frage: warum finden sich die Schlagworte (s.o. im Artikel) immer öfter im Zusammenhang mit ansonsten rechtem Gedankengut und Menschen- und Weltbild? Die Sehnsüchte vieler Menschen scheinen doch teilweise in die gleiche Richtung zu gehen. Sind die linken Visionen von den Wegen, diese Sehnsüchte zu erreichen, so schwach, daß grundsätzlich rechts tickende hier glauben, Ihre Gesellschafts und Menschenbild als besseren Weg anbieten zu können. Oder ist es wirklich nur ein "Angelhaken" um verunsicherte Menschen zu ködern ? Wäre vielleicht mal einen Exkurs von besser eingearbeiteten Leuten wert.»

von Erwin Z. am 16.03.2018

«Scheint sich um eine Provokation der Nazi-Szene und/oder der angeschlossenen Geheimdienste zu handeln. Mit so etwas müsst Ihr immer rechnen, denn oya steht für eigenständiges Denken und Leben. Alle Selbstermächtigungskräfte und organisatorischen Nischen sind durch die geopolitischen spannungen und aufgrund des Niederganges des Kapitalismus generell stärker unter Druck. Richtet Euchdarauf ein, LEICHTER wird es erstmal nicht. LG Erwin»

von Markus S. am 17.03.2018

«Einzelne Worte oder Schlüsselbegriffe unter Generalverdacht zu stellen, ist keine gute Lösung. Man wird nicht umhin kommen, genau hinzuschauen und Texte in ihrem Inhalt und Zusammenhang zu sehen. Die Oberflächlichkeit von Schlagworten oder die moderne Methode, alles mit englischen Begriffen zu belegen ist da wenig hilfreich. Wir werden in unserer schnellebigen modernen Zeit immer wieder aufgerufen, das Hirn einzuschalten und geistige Präsens zu zeigen. Vielen Dank an das Oya-Team, daß Ihr das hinbekommen habt!»

von Elke S. am 18.03.2018

«Es ist zwar sehr nervig sich "jedes Wort" zu überlegen bevor es benutzt wird um nicht in die Rechte Ecke oder in Schubladendenke gestellt zu werden. Jedoch ist es in heutiger Zeit vielleicht eine Chance seine "Gedankentrampelpfade" die sich oft im Umfeld befinden oder aus der Kindheit stammen zu hinterfragen und dadurch bewußter mit Sprache und deren Bedeutung umzugehen. Gut, wie Sie mit dieser Anzeige umgegangen sind. »

von Timo Ollech am 18.03.2018

«Mich erstaunt bei der Sache, dass Ihr nicht generell bei Anzeigenkunden, die Ihr noch nicht kennt, nachrecherchiert. Oder habt Ihr das nur in diesem Einzelfall vergessen?»

von Lara am 28.03.2018

«Hallo Timo, entdecke jetzt erst deine Frage: Für alle größeren Anzeigen haben wir in Oya uns bekannte Stammkunden, neue kommen meist nur durch aktive Akquise unsererseits dazu, und dabei schauen wir uns natürlich genau an, wen wir einladen. Die "kleinen gestalteten Anzeigen" in den Kleinanzeigen sind ein neues Format, das von den Leserinnen und Lesern aktiv gebucht wird. Das haben wir noch nicht so auf dem Schirm und müssen hier dringend eine Prüf-Routine einziehen. Kleinanzeigen und Terminkalender werden beim Korrekturlesen standardmäßig gecheckt. Hier mussten wir in der Vergangenheit nur allzu abgehoben-esoterische Angebote aussortieren, andere Probleme gab es noch nie. Aber die Zeiten ändern sich ... »

von Horst am 28.03.2018

«übrigens .... Ihr habs sowas von sauber gearbeitet beim Überkleben, daß ich den Deliquenten intensiv suchen mußte! Ich mag mir nicht vorstellen, wieviel Stunden das gedauert hat. richtig gut»

von Elisabeth Voß am 07.04.2018

«Danke, liebe Oya-Redakteur*innen, dass Ihr Euch die Arbeit des Überklebens gemacht habt! Es wäre mir als Autorin sehr unangenehm gewesen, wenn das mit der Neonazi-Anzeige verschickt worden wäre.»

von Archi am 20.04.2018

«Naja, das ist die größte aller Kleinanzeigen auf dieser Seite und der Text klingt schon ziemlich "verdächtig"... da war sicher noch die Wintermüdigkeit in den Augen des Kontrolleurs ;) ich habe auf jeden Fall ein Exemplar ohne Aufkleber in der Hand. Vielleicht kann ich das in Leipzig auf der nächsten Pegida Demo gut an die Faschos verkaufen? (Scherz...) Wie auch immer: Für 110 Seiten wird kaum ein Mensch mit Würde heuzutage 8 Euro ausgeben, wenn die Schlagworte so eindeutig RECHTSweisend sind. Und die Rechten haben ja ähnliches auf YouTube in rauen Mengen für 0 Euro. Mach Euch da keine Sorgen, danke für die Überklebaktion, war sicher stressig... Und, ja mai, wie nah man bei den Überschriften des eigenen Tuns ist und wie fern im Geiste... »

von NB Harder am 18.05.2018

«Liebe Oya-Rekation, ich lese Euch jetzt schon recht lange und finde Eure Arbeit insgesamt fantastisch. Ich bin allerdings ziemlich erschüttert, dass die zitierten Wörter »unabhängig«, »Dörfer«, »gesund«, »kraftvoll«, »Gemeinschaften«, »Kinder« und »Heimat« in dieser Konstellation für soviel Aufsehen sorgen. In einer sozialistischen Familie aufgewachsen, habe ich mich immer eher den Linken zugerechnet aber scheine "schwups" mal eben schnell in die rechte Ecke gerutscht zu sein. Oder was ist hier los? Zugegeben, ich habe den Rest der Anzeige natürlich nicht gesehen aber der Konsens scheint ja hier zu sein, dass solche Worte "gar nicht gehen". Das Alphabet des rechten Denkens von Thomas Assmann in der Zeit online entsetzt mich dann erst recht, vermischt er darin meiner Meinung nach recht launig, viele politische Haltungen und Ansichten, die früher als "politisch korrekt" und "kritisch hinterfragend" galten. Wo war ich als Worldbank und Freihandelsabkommen zur coolen Sache deklariert wurden? Ich erinnere mich gut daran, dass wir Linke dagegen auf die Straße gegangen sind. Für den Autor ist es jedenfalls scheints nichts, dem man mehr als kritisch begegnen sollte, sondern er erwähnt sie "en passant" als ein weiteres Beispiel für die schrulligen Eigenheiten des rechten Randes. Wenn kritisches Denken und Systemhinterfragung somit ein Merkmal von Rechtsradikalen ist, was machen dann noch die Linken? Ich denke weiterhin unabhängig und dem ach so lustigen Alphabet des rechten Denkens kann ich weder Unterhaltungs- noch Aufklärungswert abgewinnen. Meiner Meinung nach hat Thomas Assmann damit kritischen und selbständig denkenden Menschen einen Bärendienst erwiesen. MfG»

von Frauke B. am 19.06.2018

«Liebe Mitdenker und liebe OYA-Redaktion, ich sitze hier vor zwei Seiten handgeschriebener aufgewühlter Gedanken, die so nicht in die Kommentarspalte passen, und sehe, mein Vorredner NB Harder drückt voll und ganz aus, was ich auch sagen möchte.»

von Remo am 14.07.2018

«Frag mich auch, was an den Worten sein soll. Gehen dann die Worte autonom (analog zu unabhängig) oder Siedlungen (analog zu Dörfern) auch nicht? Was ist, wenn einer Karl Marx erwähnt? Ist das "extremistisches Gedankengut"?»


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