Beitrag vom 21.02.2018

Das Gras wachsen hören

In der kommenden Oya-Ausgabe beschäftigen wir uns mit der Frage "Was ist wesentlich?". Verschiedene Autorinnen und Autoren, die uns die letzten Jahre begleitet haben, probieren diese Frage möglichst persönlich zu beantworten. Doch noch bevor wir deren Antworten erhalten hatten, freuten wir uns über diesen wunderschön dazu passenden Leserbrief von Emil Allmenröder.

Das Gras wachsen hören

In vielen alternativen Kreisen herrscht folgende Erzählung vor: Während die große Masse an Menschen in eine Richtung rennt und das sensible (ob nun ökologische, ökonomische oder soziale) Gleichgewicht aus der Balance gerät, gilt es, noch schneller in die andere Richtung zu rennen, um das Gleichgewicht irgendwie in der Waage zu halten und so zu verhindern, dass System und Menschen in einen großen Abgrund stürzen.
Doch vielleicht ist der Kollaps nicht aufzuhalten, meinen andere und bieten z.B. folgende Erzählung an: Während die Menschen, Wirtschaft und Politik nach immer mehr Besitz, Wachstum und Macht streben und Unternehmen zu globalen Megagebilden aufblähen, gilt es, schon jetzt neue Wege zu suchen, zu experimentieren, Erfahrungen zu sammeln, Lösungen zu finden und so ein feines, aber stabiles Netz an kleinteiligen, lokalen und resilienten System aufzubauen, sodass, wenn die Megamaschine notwendigerweise kollabiert, sofort das Netz an alternativen Systemen greift und einen harten Aufschlag verhindert.

Variationen dieser beiden Erzählungen finden sich in vielen Färbungen und Zwischenstufen. Doch ich möchte hier noch eine dritte, andere Erzählung dazu stellen, um eine wesentliche und für mich notwendige Qualität hinzuzufügen, die ich in den anderen beiden Erzählungen vermisse. Und vielleicht werden wir folgende Geschichte, in einer nicht allzu fernen Zukunft, so oder so ähnlich unseren Kindern erzählen:

Es war ein scheinbar ganz normaler Sommertag, warm und klar, überall brummte und summte die allgemeine Geschäftigkeit dieser Zeit und nichts deutete auf etwas Ungewöhnliches hin, da sagte Jens plötzlich: „Schluss mit dem Rasenmähen. Ich will das Gras wachsen hören!“ Und er stellte seinen Rasenmäher aus und während der Motor laut und stotternd verklang, legte Jens sich in das hohe Gras der ungemähten Wiese.
Und auch sein Nachbar, der Jens über den Gartenzaun hinweg gehört hatte und gerade seinen Rasenmäher hatte starten wollen, hielt mit der Reißleine in der Hand inne und wurde von einer ungewöhnlichen Müdigkeit ergriffen. Da ließ er Rasenmäher und Reißleine los und ließ sich in den Liegestuhl fallen, den er vor Jahren im Baumarkt gekauft und doch fast nie benutzt hatte.
Und auch an anderen Orten, ja überall im Land wurden die Menschen von einer seltsam und doch angenehmen Erschöpfung erfasst. Sie hielten in ihrer Arbeit inne, blickten von ihren Maschinen und Computern auf und traten einen Schritt von den Fließbändern zurück. Sie zogen ihre Musikhörer aus den Ohren, klappten ihren Labtop zu und der Lehrer in der Schule legte die Kreide nieder, ließ sich hinter seinen Pult fallen, sah lange in die unausgeschlafenen Gesichter seiner Schüler, ja sah sie vielleicht zum ersten Mal wirklich an und sagte dann etwas müde: „Das macht doch alles keinen Sinn. Warum machen wir das alles hier eigentlich? Geht erstmal nach Hause und schlaft euch aus.“

Die Presslufthämmer hörten auf zu hämmern, die Sägen auf zu sägen und die Computer hörten auf leise zu summen. In der Bibliothek hörte man nicht mehr das leise Rascheln von hastig umgeschlagenen Seiten und auch nicht mehr das schnelle Klackern der Tastaturen. An der Supermarktkasse verstummte das Piepen der Kasse und auf den Straßen und Autobahnen, in den Staus und vor den Ampeln ließen die Menschen die Motoren ihrer Autos verstummen, stiegen aus und lauschten verwundert, wie der große, immer dagewesene Lärm leiser und leiser wurde und schließlich gänzlich verklang. Und eine große Stille senkte sich über das Land. Doch inmitten dieser Stille hörten die Menschen ein leises Rattern und leise, hektisch sprechende Stimmen, doch sie schienen von nirgendwo her zu kommen, nirgends war etwas zu sehen, dass diese Geräusche verursachen könnte. Da entdeckten die Menschen, dass es ihre eigenen, inneren Gedanken und Gefühle waren, die nicht aufhören konnten, leise vor sich hin zu zu rattern. Doch hinter diesem leisen, inneren Rattern und Flüstern entdeckten die Menschen, jeder einzelne in seinem eigenen Herzen, eine große Müdigkeit, die schon viel zu lange vom Lärm überdeckt worden war.
Da gingen die Menschen nach Hause. Sie ließen sich in ihren Lieblingssessel fallen, legten sich ins Gras oder setzen sich am Rande eines Teiches nieder. Und den ganzen Sommer über hörten sie dem Gras beim Wachsen zu, lauschten dem Rascheln den Windes in den Blättern, den Zwitschern der Vögel und dem immer leiser und langsamer werdenden Rattern in ihrem Inneren.

Und als der Herbst kam, die Vögel gen Süden zogen und dass innere Rattern und Flüstern schließlich gänzlich verstummte, da trat die Müdigkeit aus dem Herzen hervor und breitete sich mit ganzer Kraft in den Menschen aus. Und die Menschen gingen in ihre Häuser und hielten Winterschlaf. Nur manchmal wachten sie auf, dann zündeten sie eine Kerze an, kochten sich einen Tee und lauschten einer Weile der Stille und dem Nachklang ihrer Träume. Und es mag seltsam erscheinen, doch während all dieser Zeit brauchten die Menschen kaum etwas zu essen, denn wie die Tiere im Winterschlaf nährten sie sich vom Überfluss der vorherigen Zeit und es war viel, viel zu viel gewesen, was sie in den Jahren davor produziert, gekauft und verschlungen hatten und so reichte es ihnen in dieser Winterzeit, wenn sie ab und zu ein paar Nüsse oder ein trockenes Stück Brot aßen. Und den ganzen Winter über schliefen und ruhten die Menschen.

Und als der Frühling kam und die Vögel zurückkehrten und die Luft mit ihrem Gesang erfüllten, da erwachten die Menschen an einem strahlend blauen Frühlingsmorgen, rieben sich den Schlaf aus den Augen und kamen aus ihren Häusern. Und sie blickten in die erwachende Welt, sahen den glänzenden Morgentau in der Sonne glitzern, die aufbrechenden, grünen Knospen an den Bäumen und die ersten sprießenden Blumen und sie wussten, dass eine neue Zeit begonnen hatte.

Und auch Jens blickte in seinen verwilderten Garten und sah den Gartenzaun, der ihm auf einmal zu trennend vorkam, sah die Straße, die ihm zu grau erschien, die Autos, die ihm zu groß und schwer vorkamen, die Gebäude ringsherum, deren oft lieblose Fassade ihn bedrückte, dachte an die Sachen, die er besaß, und die im nun viel zu viele waren und an seine Arbeit, die ihn nur manchmal erfüllt hatte. Dann blickte er wieder auf seinen verwilderten Garten, nickte langsam und sagte zu seinem Nachbar: „Es gibt viel zu tun.“ „Ja und es gibt auch viel Zeit.“ antwortete dieser. Da gruben sie ein Stück von dem Zaun aus, der ihre Gärten trennte, holten die Sense aus dem Keller und befreiten eine kleine Fläche der Wiese von dem toten Wintergras. Dann stellten zwei Liegestühle auf und hörten den restlichen Tag lang dem Gras beim Wachsen zu.

- von Emil Allmenröder -

 

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Die nächste Oya-Ausgabe landet Anfang März in den Briefkästen der Abonnentinnen und Abonenten. Bald darauf kann das Heft auch an Bahnhofskiosken gekauft werden.

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geschrieben von Matthias Fellner
am 21.02.2018

2 Kommentare

von Imke-Marie Badur am 11.03.2018

«Emil, was für eine schöne dritte Erzählung! Die halte ich sogar für realistisch - ich brauch ja nur in mich zur horchen und um mich zu gucken, um die Müdigkeit überall zu finden. Danke dir!»

von Nina am 20.03.2018

«Danke für Deine Gedanken in dieser Geschichte! Ich habe beim Lesen recht deutlich gemerkt, welche Sehnsucht Du bei mir auslöst. Alles Liebe»


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