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Pionierpflanzer

Wie an Afrikas Westküste ein Permakultur-Waldgarten entsteht.

von Andrea Joswig , erschienen in 18/2013

Einen Permakulturgarten neu anzulegen und während dieses Prozesses ein Gelände und eine Region von Grund auf kennenzulernen, ist an jedem Ort eine Herausforderung. Andrea ­Joswig berichtet von den beiden Anfangsjahren ­eines Waldgartenprojekts in Nigeria.

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Die »Adunni Susanne Wenger Foundation« in Nigeria baut seit Mitte 2011 in Kooperation mit dem Verein SONED Brandenburg e. V. auf der Insel Gberefu in Badagry im Bundesstaat Lagos das Umweltbildungscamp »Permaculture Forest Garden« auf. Schwerpunkte des Projekts sind neben der Umweltbildung auch Gesundheitsvorsorge, gesunde Ernährung, gewaltfreie Kommunikation und die Unterstützung demokratischer Prozesse. Gefördert wird das Projekt durch das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und die Stiftung »Nord-Süd-Brücken«. Die Zielgruppen sind neben den etwa 500 Bewohnern der umliegenden Siedlungen auch Schüler, Studenten und Lehrer aus Badagry und Lagos sowie interessierte Kleinbauern.
Gberefu ist ein Teil der Halbinsel, die sich zwischen der Lagune von Lagos und dem Atlantik an der nigerianischen Küste entlangzieht. In der Vergangenheit war die gesamte Region von dichtem Regenwald bedeckt, der aber durch Holzeinschlag, Brandrodung und Überweidung weitestgehend verschwunden ist. Die nächste Brücke ist weit entfernt; die Hauptverkehrsmittel sind Kanus und kleine Motorboote. Die Insel ist nicht ans öffentliche Stromnetz angeschlossen. Es gibt keine Straßen; die Grundstücke sind lediglich durch unbefestigte Wege miteinander verbunden, die während der Regenzeit teilweise überflutet werden.
Das Grundstück, das uns für unser Projekt zur Verfügung gestellt wurde, liegt direkt an der Lagune, so dass der nördliche Teil sehr sumpfig und die natürliche Vegetation relativ gut erhalten ist. Nach Süden steigt das Land an und wird aufgrund des Sandbodens deutlich trockener. Dieser Teil des Geländes ist wegen des jahrelangen Holzeinschlags und anhaltender Überweidung durch Rinderherden stark erodiert. Hier konnten nur die robustesten Pflanzenarten überleben, und der Boden war teilweise völlig ungeschützt der Witterung ausgesetzt.
Lawal Adeosun und Williams Abu leben und arbeiten permanent im Camp. Im letzten Jahr wurde das Gelände mittels dichter Hecken aus den unterschiedlichsten Gehölzen eingezäunt. Die Stabilisierung der erodierten Böden sowie der Aufbau der nötigen Gebäude, einer Baumschule und des Küchengartens waren weitere Vorhaben. Gleichzeitig begann der Seminarbetrieb. Wir konnten Nachbarn und Interessierte mit Praxisworkshops in den Aufbau einbinden und auf ihrem eigenen Land beraten.
Um unsere Arbeit auf dem Gelände beginnen zu können, wurde als erstes eine leichte Holzhütte mit Palmdach errichtet. Das Multifunktions­haus ist zum Schutz von Ausrüstung und Materialien vor Wettereinflüssen und Diebstahl aus selbstgeformten Zementblöcken gebaut worden. Es erhielt ein Grasdach; Fensterläden und Tür sind aus massivem Hartholz. Dieses Gebäude dient als Büro und Lager, als sichere Übernachtungsmöglichkeit für Gäste sowie als Schutz bei Unwettern. Ergänzt wird das Haus durch die Kochhütte, die den »Rocket-Stove«-Tonnenherd und das Feuerholz vor Regen schützt. Da die erste Hütte bereits nach wenigen Wochen von Termiten attackiert wurde, entschieden wir uns beim Bau der Seminarhalle für eine Konstruktion aus lebenden Bäumen. Wir wählten eine Feigenart, deren Äste schnell und leicht zusammenwachsen. Alle Bauten errichteten wir selbst, zum Teil unter Anleitung von Fachleuten.

Erst beobachtet, dann geplant
In diesem Jahr stellten wir die endgültigen Design­pläne für die Nutzung des Geländes sowie die Zonierung fertig. Wir haben uns bewusst ein Jahr Zeit gelassen, um das Land in Regen- und Trockenzeit beobachten zu können und so Gestaltungsfehler zu vermeiden.
Die öffentliche und zentrale Fläche um die Seminarhütte und das Multifunktionshaus wird die einzige relativ offene Fläche sein. Um das Land vor weiterer Erosion zu schützen und die Böden zu stabilisieren, wurde der südliche Teil des Geländes dicht mit einheimischen Arten bepflanzt. Glücklicherweise fungieren hier wundervolle Bäume, wie Mango, Cashew, Guave, Kokosnuss, Ölpalme und Neem, als Pionierpflanzen, die durch Leguminosen unterstützt werden. Später werden hier auch wertvollere und empfindlichere Bäume und Pflanzen etabliert. Wir wollen neben Obstbäumen auch Bau- und Feuerholz sowie Heilpflanzen anbauen.
Um die Seminarhütte herum entsteht nach der Fertigstellung eine kleine Versuchsfarm. Der Boden ist hier mager und trocken und in der Regenzeit vorübergehend überflutet. Diese extremen Bodenbedingungen betreffen die meisten Anbauflächen der Umgebung; wir suchen nach den besten Lösungen, um sie an unsere Nachbarn weitergeben zu können.
Auf der westlichen Seite des Camps ist der Boden, verursacht durch das Gefälle zur Lagune, viel fruchtbarer. Hier soll ein Waldgarten entstehen, der nach dem Vorbild natürlicher Wälder einer großen Anzahl verschiedenster Pflanzengemeinschaften Raum bietet, die sich gegenseitig unterstützen. Hier konnten schon empfindlichere Bäume wie Dattelpalmen, Sternfrucht- und Avocadobäume gepflanzt werden, die im Schutz von Pionieren und Leguminosen gut wachsen.
In unmittelbarer Umgebung der Wohn- und Arbeitsräume liegt unser Küchengarten. Hier wachsen die Gemüse, Salate und Kräuter des täglichen Bedarfs sowie die empfindlichsten Heilpflanzen, da diese die meiste Aufmerksamkeit verlangen. Ermöglicht wird diese Vielfalt durch »Sponges« und Hochbeete. Sponges (englisch für »Schwämme«) sind mit organischen Abfällen gefüllte Gruben, die große Mengen Wasser und Nährstoffe aufnehmen können.
Im nördlichen Teil des Geländes entsteht ein Wassergarten mit Nutzpflanzen, die permanente Feuchtigkeit brauchen. Hier befindet sich auch die Baumschule. Wir konnten im letzten Jahr mehr als 300 kräftige Jungbäume aufziehen, die während der letzten Regenzeit auf dem Gelände sowie bei Nachbarn ihren endgültigen Platz fanden.
Der östliche Teil des Landes ist am stärksten von Erosion betroffen. Auch hier wurden Pioniere und Leguminosen gepflanzt und sogenannte Swales – Gräben entlang der Konturlinien – angelegt. Hier werden auch Nutztiere, wie Hühner und Kaninchen, ihr Zuhause finden. Ihre Exkremente werden dazu beitragen, die Bodenqualität zu verbessern.
Im ersten Jahr hatten wir einen Großteil unserer jungen Bäume verloren, als Rinderherden immer wieder durch die Zäune brachen. Nach vielen fruchtlosen Gesprächen mit den Eigentümern riss uns der Geduldsfaden, und wir hielten eine Kuh auf dem Gelände fest – ohne zu wissen, dass wir damit eine Grundsatzdiskussion in der Gemeinde auslösen würden. Viele Kleinbauern hatten das Pflanzen schon vor Jahren aufgegeben, das Pro­blem war allgemein bekannt. Seit der Diskussion werden nun in unserem Abschnitt der Insel die Rinder von Hirten geführt und über Nacht angebunden. Zahlreiche Kleinbauern haben ihre Ackerflächen bereits wieder in Betrieb genommen. Die Kuh gaben wir übrigens nach fünf Tagen in optimalem Pflegezustand zurück, was uns zuletzt sogar noch den Respekt der Rinderhalter einbrachte, da wir nach örtlichem Recht die Kuh auch hätten behalten dürfen.

Stoff für Konflikte mit Viehzüchtern und Wilderern
Ein weiterer Konflikt entstand aus unserer Entscheidung, den Sumpfgürtel zwischen Lagune und Camp zur Schutzzone zu erklären. Hier ist die Vegetation am üppigsten und bietet Lebensraum für viele Wildtiere, darunter Affen, Warane und Krokodile. Diese sind allerdings auch eine begehrte Jagdbeute der örtlichen Wilderer. Da Affen schlau sind, kommen mittlerweile bis zu fünf große Männchen mit ihren Familien, um die Nacht in Sicherheit zu verbringen. Mehrfach sind Wilderer nachts in unser kleines Sanktuarium eingedrungen, konnten bis jetzt aber immer wieder vertrieben werden. Nur einmal kam es dabei zu einer handgreiflichen Aus­einandersetzung. Da die Ernährungssituation in unserer Region angespannt ist und einige Menschen offenbar auf das zusätzliche Protein angewiesen sind, ist dieser Konflikt nicht so leicht zu lösen. Es bedarf wohl weiterer Gespräche und alternativer Lösungskonzepte, um einen allseits zufriedenstellenden Ausweg zu finden.
Die nächste Herausforderung stellt die Versorgung mit Strom und sauberem Wasser dar. Wir haben das Projekt mit einer gebrauchten Solaranlage begonnen, die aber mittlerweile nur noch zwei Glühbirnen betreiben kann. Telefon und Laptop können wir nur in Badagry laden, was einen erheblichen Zeit- und Geldaufwand bedeutet. Das Wasser aus den Brunnen der Umgebung ist erheblich belastet, so dass es immer wieder zu Typhus-Erkrankungen kommt. Wir haben einen kleinen Teich gegraben, der uns Wasser zum ­Gießen der Pflanzen zur Verfügung stellt. Für die direkte Nutzung durch Menschen ist dieses Wasser aber nicht geeignet, da mit dem Grundwasser auch Wasser aus der Lagune eindringt, welches durch die ungeklärten Abwässer von Badagry und Lagos verunreinigt ist.
Wir würden das Camp gerne mit einer Solaranlage ausstatten, die uns die Möglichkeit gibt, unser Büro unabhängig zu betreiben und über eine Pumpe sauberes Wasser zu fördern. Hierzu reichen unsere Eigenmittel aber nicht aus. Wir hoffen daher auf Menschen, die uns durch Geld- oder Materialspenden unterstützen. •


Andrea Joswig (47) beschäftigt sich mit Entwicklungszusammenarbeit und Permakultur. Sie lebte einige Monate lang im Projekt in Nigeria, um dessen Start praktisch und organisatorisch zu begleiten.
Kontakt: forestgardennigeria(ÄT-Zeichen)rocketmail.com

Informieren und spenden:
Internet
www.soned.de
Spendenkonto
SONED Brandenburg, Stichwort »Forest Garden«
BLZ 430 609 67, Konto 1 103 866 100

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