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Nichts wie raus hier

Wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch: an den Rändern der Gesellschaft

von Wolf Schneider , erschienen in 02/2010

Aussteiger können der Gesellschaft besonders dann ­nützen, wenn sie wieder einsteigen – ohne Bitterkeit, ohne das Draußensein ganz aufzugeben, aber auch ohne Ressentiments gegenüber der Heimat, die sie einst verlassen haben, oft aus guten Gründen. Ein wiedereingestiegener Außenseiter erzählt seine Geschichte.

Ich bin ein Aussteiger und dann doch wieder Einsteiger. Diese ­Linie zieht sich so durch mein ganzes Leben. Im Alter von sechzehn bis etwa fünfundzwanzig hieß es bei mir: Nichts wie raus hier! Die Schule war eine Qual. Als ich mit achtzehn endlich mein Abitur hatte, trampte ich nach Nepal und suchte dort einen Job. Aber auch der Studienplatz in München lockte. Mit zweiundzwanzig verließ ich die Uni, mein Land, den Kontinent und alle meine Freunde. Was ich besaß, war in meinem Rucksack, und damit wanderte ich auf Borneo in den Wald hinein. Schnell endete meine Flucht vor der Zivilisation: Ich fiel einem Außenposten des indonesischen Militärs in die Hände. Der Vietnamkrieg war gerade zu Ende, und sie suchten im Dschungel nach Guerillas, während ich von Sarawak aus illegal die Landesgrenze überschritten hatte. Das Verhör überstand ich gut, musste dann jedoch binnen vier Wochen das Land verlassen. Im Frühjahr 1976 gab ich in Thailand auch meinen Rucksack auf, meine Kleidung, meine Haare – ich trat in ein buddhistisches Kloster ein und holte mir von nun an das Essen auf der Straße.

So weit wie möglich …
Warum wollte ich nur immer weg, so weit wie möglich? Ich fühlte mich gefangen in der Kultur meiner Herkunft, unfrei, manipulierbar. Diese Kultur hatte die zwei Weltkriege erzeugt, den Holocaust, den Kolonialismus und die sexuelle Unterdrückung mit allen ihren bösen Folgen an menschlicher Grausamkeit. Ein Teil dieser Kultur zu bleiben, erschien mir als lebenslängliche Gefangenschaft. Selbst meine Sprache wollte ich verlassen, die würde mich doch nur einengen. Was für ein Jubel, als ich zum ersten Mal feststellte, dass ich in einer außereuropäischen Sprache geträumt hatte (man träumt ja in einer Sprache, auch ohne darin direkt zu sprechen) – in Malaiisch. Dann erfuhr ich in den buddhistischen Klöstern meine ersten, stundenlangen Ekstasen, nach denen ich mich fragte: Bin ich nun endlich »ganz draußen«? Erleuchtet? Dann las ich in den alten Sutren über die Stufen der Erleuchtung von »in den Strom Eingetretenen« (sotapanna) und »Einmalwiederkehrern« – was für eine Verlockung! Draußen sein, nicht mehr wiederkehren müssen. Als ich dann, 1977, meinem Meister begegnete, nannte er mich »Sugata«, den »Wohlgegangenen«, der das Rad des Leidens verlassen hatte. Oh ja, bitte! Draußen sein aus diesem Rad der Wiederkehr des ewig Gleichen! Das Rad verlassen, das Hamsterrad der Routine und Gefangenschaft im Ich – in dem, wozu einen die anderen gemacht hatten.

Die Folgejahre waren für mich immer noch Entledigung – das Aufdecken immer neuer Schichten von Anhaftungen. Ich nahm im Lauf jener Jahre an gut fünfzig Workshops teil, die alle letztlich nur dieses Ziel hatten: Frei werden! Dann ging ich vom Nehmen solcher Workshops über zum Geben – mit immer noch demselben Ziel: Frei werden! Von Anhaftungen, Identifikationen aller Art. Für wen halte ich mich denn heute wieder? Der tägliche Realitycheck, eine Angewohnheit wie das morgendliche Zähneputzen. Ich wurde tatsächlich immer freier, leichter, schlanker, beweglicher, anpassungsfähiger, mitfühlender, einfühlsamer. Da war ich aber noch draußen, dort über den Wolken, wo »die Freiheit wohl grenzenlos« ist. Freiheit, die auch Unverbindlichkeit ist.

Die zweite Wende
Die zweite große Wende in meinem Leben bezeichne ich heute als den Wiedereinstieg in die Erdatmosphäre, die Landung. Das Akzeptieren neuer Bindungen. Soll ich sie Anhaftungen nennen? Sie waren anders. Es waren freiwillig eingegangene Verpflichtungen. Sie beruhten auf Entscheidungen, denen reale Optionen vorausgegangen waren. Ich hätte auch anders können, aber ich wollte es so. Damit begann ich im Alter von zweiunddreißig. Das war 1985, das Jahr, in dem die Zeitschrift »connection« entstand, deren Chefredak­teur ich noch heute bin. Sie war nicht als Gründung gedacht, als planvolle Bindung, aber ich wuchs mit ihr in immer tiefere freiwillige Bindungen hinein. Sie waren anders als die alten, denn in ihnen war ich nicht mehr manipulierbar wie früher. Nicht mehr steuerbar von außen wie damals, an unsichtbaren Fäden, derer ich mir selbst nicht bewusst war, sondern nun war ich frei.

Der Wiedereinstieg bedeutete, vom Besitzlosen wieder zum Besitzer zu werden. Erst war es ein Verlag, dann auch ein Haus, in dem bis zu zwanzig Menschen wohnten. Ich startete ohne eigenes Geld, musste dementsprechend viele Schulden machen und bekam damit Besitz, Macht und Verantwortung. Auch mein Wissen nahm zu, mein Können und meine Bekanntheit. Die Verpflichtungen wurden so viele, dass die Freiheit abzunehmen schien. Relativ zur Zeit der Besitzlosigkeit war meine Macht nun groß, aber auch das Wissen um die mich beschränkenden Folgen des Machens war groß. Nun war ich wieder drin im System, dem einst so verabscheuten, ich war ein Teil davon. Aber es brach. Das im Zinsprinzip begründete exponentielle Wachstum muss Zyklen und Linien brechen, und es brach auch hier: Wegen Überschuldung musste ich Privat­insolvenz anmelden und wurde erneut besitzlos. Meine Freiheit nahm dadurch zu: Davor war ich besitzender, heute bin ich besitzloser Manager eines Verlags.

Randgruppe und Mainstream
Bin ich jetzt noch »draußen«, außerhalb dieser Gesellschaft? Bin ich ein Outsider oder ein Insider? Die von mir herausgegebene Zeitschrift bedient eine gesellschaftliche Randgruppe mit einer kleinen, stabilen Leserschaft von zehn- bis zwanzigtausend. Eine Randgruppe? Wir wollten doch nie nur Lösungen finden für einen kleinen Teil der Gesellschaft, der in seiner Auswirkung für die Gesamtheit fast irrelevant ist! Das geht wohl den meisten Randgruppen so. In unserem Größenwahn meinen wir, der Grund für unser Randgruppendasein sei, dass die Massen zu dumm sind, die wirklichen Ursachen ihrer Probleme zu erkennen und Lösungen zu finden. Nur wir, die auserwählte, kleine Elite, seien dazu bestimmt und befähigt. Vielleicht aber ist uns, bescheidener gesagt, einfach nur das Marketing misslungen: Wir wollten die große Masse ansprechen, haben aber nur eine kleine Zielgruppe erreicht?

Wer sich selbst nach draußen befördert, wird als Außenseiter angesehen, und die von ihm geschmähte Masse lässt ihn, ganz im Gegensatz zu der biblischen Geschichte vom verlorenen Sohn, nicht wieder hinein in die alte Heimat. Außerdem wollen so viele von da draußen rein ins vermeintlich Warme: Die aus der Unterschicht wollen aufsteigen, die Afrikaner wollen nach Europa, die Mexikaner in die USA. Die meisten Randgruppen auch innerhalb der begehrten Länder, wie etwa die »Spiris« (die Ökos sind ja heute gerade im Übergang vom Rand hin zur Mitte), wollen nicht ausgegrenzt sein, nicht erniedrigt und nicht nur geduldet.

Im Fall der Gruppen von »Alternativen« ökologischer und spiritueller, sozialer oder politischer Art scheint es mir durchweg so zu sein, dass sie gesellschaftlich bedeutender sein wollen, als sie sind. Der Mainstream nimmt ein neues Paradigma nur dann auf, wenn dafür massiv Kapital eingesetzt wird, weil ein großes Wirtschaftsunternehmen, ein Global Player, sich davon einen Vorteil verspricht. Manchmal auch durch Prominente, so wie Richard Gere den Buddhismus salonfähiger gemacht hat oder Al Gore dem Klima­bewusstsein zum Durchbruch verhalf. Oder durch Skandale oder Märtyrer. Oder durch historische Koinzidenz: »Nichts ist so stark wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist«, sagte einst Victor Hugo – und noch heute hoffen unzählige Randgruppen, dass es doch bitte ihre Ideen sein mögen, deren Zeit nun endlich gekommen ist, oder sie verkünden diesbezüglich voller Pathos große Zuversicht.

Wir brauchen Mutanten
Aber nicht nur den Randgruppen selbst ist ihr Randgruppendasein vorzuwerfen: dass sie zu sehr von sich selbst eingenommen sind und davon, mit ihren Ideen die Welt retten zu können und dass sie sich abschotten mit je eigenem Jargon, eigener Kleidung und anderen Identitätsmerkmalen. Zugleich ist auch dem Mainstream eben dieses Misstrauen gegenüber den scheinbar so Andersartigen vorzuwerfen, denn doch gerade von dort, von den Rändern der Gesellschaft her, kann Rettung nahen.

Dabei mag das Prinzip der biologischen Entwicklung durch Mutation und Selektion als Vergleich dienen: Man braucht ausreichend viele Mutanten, damit eine von ihnen zum Erfolg wird. Die meisten Mutanten taugen biologisch gesehen nichts, sie sind »Freaks«, das heißt: keine Verbesserung, nicht überlebensfähig. Es genügt aber, dass ein einziger der Mutanten das für die veränderten Umweltbedingungen benötigte Merkmal aufweist! Dann hat es sich – biologisch gesehen – gelohnt, solche Vielfalt zu erzeugen, auch wenn das Meiste davon Ausschuss ist. Und was ist es, das diese Vielfalt erzeugt? Sex! Die asexuelle Fortpflanzung erzeugt nur Kopien der Eltern, nur die sexuelle erzeugt eine Vielfalt, die groß genug ist, um immer wieder sich verändernden Lebensbedingungen (Warmzeiten, Eiszeiten, neue Fressfeinde, das Ausbleiben von Nahrungsmitteln) Paroli bieten zu können.

Soweit die Biologie. Und die Kultur, kann die das auch? Sie bestimmt uns Menschen heute ja noch viel mehr als die Biologie. Ich meine, dass auch die dominante Kultur eine große Vielfalt freakiger Mutanten erzeugen muss, damit mindestens einer von ihnen den kommenden Katastrophen gewachsen ist. Dem Sex in der Biologie entspricht in der Kultur zunächst der Flirt der Gegensätze miteinander (das ist in der Biologie die Balz), in deren Spannungsfeld dann durch punktuelle Fusion (Begattung) immer wieder Neues geboren wird. Monokulturen taugen dafür nicht.

Deshalb bin ich für eine Kultur der Vielfalt von »Alternativen« und dafür, dort einzelne, vielversprechende besonders zu fördern, auch wenn sie dem Mainstreamer zunächst als ver-rückt erscheinen – weggerückt vom Üblichen. Die Verrückten können Gift sein im Organismus einer Gesellschaft (Terroristen, Nazis, religiöse Fanatiker), aber freundliche Verrückte können auch einen Vitalstoff darstellen, ein unerlässliches Vitamin, das der Gesellschaft sonst fehlen würde – oder sie können die Hefe sein, die den Teig schließlich aufgehen lässt. In den Gruppen der Außenseiter kann mit der dort erprobten »anderen« Lebensweise die Chance für ein nachhaltiges, glückliches Leben des Homo sapiens in seinem Biotop prototypisch heranwachsen.

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