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Wir sitzen schon in der Achterbahn

Über den Zustand des Planeten sprach ­Geseko von Lüpke mit Dennis ­Meadows – vierzig Jahre nach dem Buch »Die Grenzen des Wachstums«, bei dem er Mitautor war.

von Dennis Meadows , Geseko von Lüpke , erschienen in 18/2013

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Vor 40 Jahren haben Sie und Ihr Team das Paradigma des Wachstums geknackt. Wie blicken Sie heute als Zukunftsforscher auf Ihre Prognose von 1972?

Die meisten Menschen wissen bis heute nicht, was wir damals in den »Grenzen des Wachstums« geschrieben haben. Manche haben das Buch gelesen und sehr positiv reagiert, andere extrem negativ. Wenn ich mir die aktuelle Situation anschaue, sehe ich eine Menge von dem, was wir vor 40 Jahren prognostiziert haben. Wir haben zwar nicht vom Klimawandel gesprochen, aber die Zunahme von CO2-Emissionen grafisch dargestellt. Wir haben nicht explizit über Energie gesprochen, konnten aber damals schon erkennen, dass wir weit über die Grenzen der Nachhaltigkeit hinauswachsen und dass dies heute schwerwiegende Probleme wie den Klimawandel verursachen würde.

Einige Untersuchungen, die unsere Voraussagen mit der Realität verglichen, haben gezeigt, dass sich die Welt rasant auf einen Kollaps zubewegt. Wirklich überzeugend vermittelt sich dies aber erst, wenn man den Höhepunkt des Wachstums überschritten hat und die Talfahrt beginnt. Insgesamt würde ich sagen: Wir hatten damals recht.

Ihre Prognose von 1972 basierte auf einem Computermodell aus der Systemdynamik, das Sie mit Kollegen am MIT in Boston entwickelt hatten. Was für ein Modell war das?

Modelle helfen immer dann, wenn man mit einem sehr komplexen Problem zu tun hat, das man noch nicht wirklich versteht. Dann erfindet man ein funktionierendes Modell des größeren Systems. Wir haben mit den technischen Möglichkeiten der 70er Jahre ein mathematisches Modell entwickelt, das die systemischen Gründe und Folgen von Wachstum, Überbevölkerung und Ressourcenverschwendung berechnen konnte. Dann experimentierten wir mit unterschiedlichen Annahmen über politische Entwicklungen, technologische Neuerungen oder Fehler in unserem Modell. So kamen wir zu 13 unterschiedlichen Szenarien bis ins Jahr 2100. Manche waren optimistisch und zeigten die Option nachhaltiger Entwicklung. Andere waren ziemlich düster und machten deutlich, was passiert, wenn das Wachstum ungebremst weitergeht.

Gibt es überhaupt Computerprogramme, die unsere komplexe Welt erfassen können? Oder brauchen wir neue Modelle?

Es ist sicherlich möglich, so ein neues Modell zu entwickeln. Aber ist das sinnvoll? Ich denke nicht. Wir wissen längst genug, um zu handeln. Unsere Unfähigkeit, vernünftig auf den Klimawandel zu reagieren, ist nicht mangelnden Modellen, sondern mangelndem politischen Willen geschuldet.

Wurden denn Vorschläge, die Sie damals machten, aufgegriffen?

Wir haben damals aufgezeigt, wie ein Richtungswechsel eingleitet werden könnte, und gingen von der Umsetzung binnen eines Jahrzehnts aus. Wir haben gewarnt, dass eine weitere Verzögerung wachstumsbremsender Maßnahmen um 20 oder 30 Jahre die Lösung des Problems erschweren würde. Unsere Vorschläge wurden nicht aufgegriffen. 40 Jahre später ist nun klar: Wir bewegen uns weit jenseits der Nachhaltigkeit, und dies wird sich absehbar nicht ändern – egal, welchen technologischen Fortschritt man sich vorstellt.

Was ist heute die größte Herausforderung?

Der Klimawandel. Was da auf uns zukommt, wird in den nächsten Jahren immer verheerender werden. Wir müssen weiter daran arbeiten, die CO2-Emissionen zu senken. Doch selbst wenn wir damit unglaublich erfolgreich wären, würde sich das Klima massiv verändern. Die Geologie weiß, dass ein Klimawandel nie linear, sondern immer sprunghaft verläuft. Man nimmt an, dass die Temperatur bis zum Ende des Jahrhunderts um 3 oder 4 Grad steigen wird. Wenn das stimmt, heißt das aber noch lange nicht, dass es jedes Jahr um 0,03 Grad wärmer werden wird. Es kann auch eine Weile bleiben, wie es ist, und plötzlich einen drastischen Sprung machen. Wir wissen es nicht, weil wir so eine Situation in der Menschheitsgeschichte noch nicht erlebt haben.

Ist das Szenario eines Kollapses irgendwo in ferner Zukunft angesiedelt? Oder befinden wir uns etwa bereits mitten drin?

Gut möglich! Manche Völker sind sicherlich schon in einem Kollaps ihrer Gesellschaften. »Kollaps« bedeutet »unkontrollierter Niedergang« – viele Regionen der Welt, vielleicht auch die Euro-Zone, befinden sich in einem solchen. Aber Begriffe wie »Katas­tro­phe«, »Kollaps«, »Desaster« sind sehr egozentrisch, fatalistisch und demotivierend. Lieber sage ich: Wir werden in den nächsten 30 Jahren mehr Veränderung erleben als in den vergangenen 100 Jahren. Regierungssysteme werden sich in den nächsten drei Jahrzehnten sicher verändern, ebenso Umwelt, Technik und Infrastruktur oder das internationale Wirtschaftssystem.

Wann wird das Wachstum – so wir es nicht bremsen können – von selbst zurückgehen?

Das Wachstum wird aufhören, wenn die wachstumsfördernden Kräfte gleich groß wie die wachstumsbremsenden Kräfte sind. Also dann, wenn die Kurve gipfelt und es wieder bergab geht. Die negativen Wachstumskräfte müssen also dann am stärksten sein, wenn die positiven am stärksten sind. Und die positiven Kräfte sind kurz vor ihrem Scheitelpunkt am größten. Jetzt sind die wachstumsfördernden Kräfte noch ziemlich stark, also müssen auch die wachstumsbremsenden Kräfte zunehmen. Aber der Gipfel ist nahe, die Kurve wird in den nächsten Jahrzehnten wieder abwärts zeigen. Deshalb werden auch die negativen Faktoren stark zunehmen. Ob es der Energieverbrauch, die Folgen des Klimawandels, die Schere zwischen Arm und Reich, globale Epidemien oder die Verbreitung von Nuklearwaffen sein wird, weiß ich nicht. Aber diese Probleme werden in den nächsten Jahrzehnten auf uns zukommen und intensivere Auswirkungen haben als je zuvor.

Ist die Vorstellung einer »nachhaltigen Entwicklung« damit gescheitert?

In der Theorie ist »nachhaltige Entwicklung« eine feine Sache. Aber was bislang in der Praxis daraus gemacht wurde, ist reine Fantasterei. Politik und Wirtschaft tun so, als könnten reiche Länder wie Deutschland alles beim Alten lassen, und nur die anderen müssten sich ändern. Oder sie glauben, man könnte Wachstum vom Energie- und Ressourcenverbrauch abkoppeln. Sie tun so, als würde das irgendwie magisch passieren, ohne große politische, ökonomische und kulturelle Veränderungen. Das ist blanker Unsinn und entbehrt jeder wissenschaftlichen Grundlage.

Werden wir noch in der Lage sein, die Entwicklung zu kontrollieren, oder wird die Entwicklung bald uns kontrollieren?

Man braucht bloß die Statistiken über den CO2-Ausstoß anzusehen, um zu erkennen, dass dieser nicht sinkt, sondern ­schneller steigt als je zuvor. Der CO2-Ausstoß schnellte letztes Jahr um drei Prozent nach oben. Das zwingt zu der Einsicht, dass wir die Grenzen offenbar nicht kontrollieren können, sondern bald die biologischen Grenzen uns kontrollieren werden. Man darf nicht vergessen, dass sich zwar Menschen um den Klimawandel sorgen, aber der Klimawandel nicht um die Menschen.

Bislang versuchen wir, die Entwicklung unter Kontrolle zu halten. Ist es nicht gerade dieser Anspruch, der uns in die Krise führte?

»Kontrolle« kann, abhängig vom politischen System und den kulturellen Normen, viele Bedeutungen haben. Bislang wurden alle politischen Maßnahmen von Leuten unternommen, die dem Kontroll-Paradigma folgen und glauben, man könne ein Pro­blem analysieren und entsprechend handeln. Auch »Die Grenzen des Wachstums« war ja so angelegt. Andere könnten die Haltung einnehmen, dass einfach passiert, was passieren soll. Oder gar, dass Gottes Wille geschehe. Ich glaube, es spielt heute keine große Rolle mehr, welche Haltung man einnimmt. Derzeit übernimmt das natürliche System die Kontrolle über unsere Lebensbedingungen. Da machen Haltungen keinen großen Unterschied mehr.

Sehen Sie politische Strategien für eine Zeit nach dem Kollaps?

Ob der Begriff »Kollaps« rückblickend zutreffend gewesen sein wird, können wir heute nicht wissen. Gewiss, es wird einen Bevölkerungsrückgang geben und weniger Energie- und Ressourcenverbrauch. Wird das ein Kollaps oder ein Abstieg? Wie wir diese Transformation auch nennen, sie wird unsere Regierungsführung, unsere ethischen Vorstellungen und persönlichen Ziele massiv verändern. Letztes Jahr war ich auf dem Oktoberfest, wo es diese riesigen Achterbahnen gibt. Was wir 1972 geschrieben haben, entsprach der Situation kurz vor dem Einstieg, wo man sich fragt, »wollen wir’s wagen?« Mittlerweile haben wir uns für die Fahrt entschieden und wurden langsam nach oben gezogen. Das waren die vergangenen 40 Jahre Wachstum. Nun sind wir kurz vor der Talfahrt. Aber Geschwindigkeit und Richtung des Wagens sind inzwischen außer Kontrolle. Da kann man sich nur festhalten, um zu überleben, bis die Fahrt wieder langsamer wird. Ich glaube, dieses Bild beschreibt, wo die Welt heute steht.

Halten Sie es für möglich, dass die entscheidenden Veränderungen nicht aus Politik und Wirtschaft kommen, sondern aus der Zivilgesellschaft? Das Potenzial sieht man etwa in der »Transition-Town«-Bewegung.

Die Transition-Town-Bewegung ist sehr wichtig. Sie geht um die Welt und ist ein Versuch meist kleinerer Städte, sich so umzuorganisieren, dass sie besser mit dem Klimawandel und schwindenden fossilen Brennstoffen umgehen können. Das ist sehr ermutigend. Manches, was da versucht wird, mag scheitern. Aber die Menschen werden aus Fehlern lernen. Der Kern der Sache ist ja, dass wir uns auf etwas zubewegen, das wir noch nicht verstehen. Deshalb dürfen wir nicht länger herumsitzen, sondern müssen ausprobieren, was funktioniert.

Heute sind Sie 70 Jahre alt und haben sich ein halbes Jahrhundert mit den großen globalen Herausforderungen beschäftigt. Wie gehen Sie persönlich mit Ihrem Wissen um? Und was empfehlen Sie anderen?

Ich wurde 1942 geboren. Seitdem wurden 85 Prozent des Erdöls aufgezehrt, das in der gesamten Menschheitsgeschichte verbraucht wurde. Wir denken oft, es sei schon immer so gewesen und müsse immer so weitergehen. Aber das, was wir hier sehen, ist nur für sehr kurze Zeit möglich. Als ich geboren wurde, betrug der Energieverbrauch ein Fünftel des heutigen. Trotzdem sind wir nicht verhungert, erfroren oder haben uns gelangweilt. Wir lebten einfach anders. Mein persönlicher Ratschlag? Pflanzt Gärten! Oder beteiligt euch an Gemeinschaftsgärten. Ich grabe, säe und ernte selbst. Man wird Selbstversorger und bekommt ein Gefühl für natürliche Kreisläufe, anders, als wenn man nur Bücher über Ökologie liest.

Sagen Sie noch immer die Zukunft voraus?

Heute kann ich mir das nicht mehr vorstellen. Es kommt ja doch anders. Das Tempo ist viel rasanter geworden. Der Niedergang des Römischen Reichs dauerte 500 Jahre. So lange werden wir nicht brauchen. •

 

Geseko von Lüpke (54), Journalist, Autor und internationaler Netzwerker, ist im Vorstand des Global Challenges Network. www.gcn.de

Dennis Meadows (70), Professor emeritus für ­Ökonomie. Er forschte am Massachusetts ­Institute of Technology für den Club of Rome.

»Die Grenzen des Wachstums« aktualisiert:
Dennis Meadows, Donella Meadows, Jørgen Randers: Grenzen des Wachstums, das 30-Jahre-Update. Hirzel, 2006

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