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Schwarzer Hund Depression

Wie der Poet Les Murray einem uferlosen Meer aus Angst und Wut entschwamm.

von Matthias Fersterer , erschienen in 16/2012

Weltweit steigt die Zahl der depressiven Erkrankungen. Sie sind ebenso weitverbreitet wie ihre Ursachen vielfältig sind. Auch der australische Lyriker Les Murray ist davon betroffen. In einem radikal offenen Buch schreibt er, wie er lernte, mit dem »schwarzen Hund« zu leben.

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© Foto: doreenknipsel.de

 

Es ist unverkennbar Mai. Wir sitzen bei Spargel, Rumpsteak und Maischolle in Berlin-Prenzlauer Berg. Die Tische im Innenhof der Kulturbrauerei sind mit einem feinen Puder aus Lindenblütenstaub überzogen. Mir gegenüber sitzt Les Murray, daneben Übersetzerin und Verlegerin Margitt Lehbert, die seine Gedichte in klares, vielschichtiges Deutsch bringt. Murray ist zu einer Lesereise nach Europa gekommen. Nach dem Essen wird er in der Literaturwerkstatt aus dem gerade auf Deutsch erschienenen Essay »Der Schwarze Hund« lesen. In dem schmalen Band verarbeitet der australische Dichter eine Reihe heftiger depressiver Schübe, die ihn Ende der 80er Jahre heimsuchten.

Siehst du den schwarzen Hund durch Saat und Stoppel streifen?
Alles begann, als Murray Anfang 1988 eine Lesung in seiner Heimatstadt Taree hielt. Kurz zuvor war er mit seiner Familie in die Heimat seiner Kindheit zurückgekehrt. Nach der Lesung erinnerte eine einstige Schulkameradin den damals Neunundvierzigjährigen ganz beiläufig und jovial an seinen früheren Spottnamen. Auf der Heimfahrt begannen seine Finger zu kribbeln, er wurde von Weinkrämpfen überwältigt. Der schwarze Hund, wie Murray seine Krankheit in Anlehnung an Goethes Faust nennt, hatte zugeschnappt, jäh und unerbittlich. Während der folgenden Jahre sollte er nicht mehr von ihm ablassen. Seine Attacken kündigten sich durch einen kupfrigen Geschmack auf der Zunge an. Es folgte »eine Periode hilflosen, bodenlosen Elends [...], bei der ich in Em­bryonalstellung auf dem Sofa kauerte, während mir Tränen aus den Augen sickerten, mein Hirn vor einem Wirrwarr von Dingen überkochte, die es sich nicht lohnt, Gedanken oder Bilder zu nennen: Er erinnerte eher an in reinem Schmerz marinierten, gehäckselten Seelentang.«
Manchmal dauert es den ganzen Tag, bis er den Mut gefasst hat, ein Buch aus dem Nebenzimmer zu holen. Er verliert die Fassung bei öffentlichen Vorträgen, wird von Wutanfällen und Tränenausbrüchen ergriffen. Ein paar Monate darauf wird er mit einem Scheinherzinfarkt, der sich als Panikattacke entpuppt, ins Krankenhaus eingeliefert: Diagnostiziert wird eine, vermutlich angeborene, hormonell bedingte krankhafte Depression. In seinem Buch beschreibt er diesen Zustand als »Meer aus Angst und Wut« – zu Zeiten muss es ihm uferlos erschienen sein.
In seiner australischen Heimat avancierte Murrays Essay zum Bestseller. Dies mag der schonungslosen Offenheit geschuldet sein, mit der er über die eigene Biografie und Krankheit schreibt, sicher hat es auch mit dem öffentlichen Interesse an Thema und Autor zu tun: Der Weltgesundheitsorganisation zufolge ist die Depression, gemessen an den mit Beeinträchtigung gelebten Jahren, die mit Abstand am weitesten verbreitete Krankheit. Und Les Murray ist kein Unbekannter. Als Poet kann man es kaum weiter bringen: Er zählt zu den sprachmächtigsten Lyrikern der englischsprachigen Welt, ist der bekannteste Dichter Australiens und wird seit Jahren als aussichtsreicher Anwärter auf den Literaturnobelpreis gehandelt.
Kennen und schätzen lernte ich Murrays Werk über seine Naturgedichte. Sie berührten mich seltsam tief, bevor ich von seiner Krankheit und vom Hintergrund jener Gedichte gehört hatte. In den während seiner schwarzen Jahre entstandenen »Übersetzungen aus der Natur« hat er seinem »dummen Selbst« eine Ruhepause verschrieben und versucht, »mit Hilfe der Fantasie in das Leben nicht-menschlicher Wesen einzudringen und ihr Leben in die menschliche Sprache zu übersetzen«, schreibt er. Dass diese leichten, lichten, geradezu ätherischen Zeilen aus ebenjener Zeit des schwarzen Hundes stammen, versetzt auch Verlegerin Lehbert in Staunen. Verglichen mit dem »schwarzen Seelentang« seiner Depression erscheinen sie wie ein Gegenentwurf – waren sie vielleicht gar Gegenmittel? Aus dem menschlichen Bewusstsein zu schlüpfen, habe ihm Trost und Linderung gespendet, erzählt Murray.
Sie waren nicht das einzige Antidot gegen den schwarzen Hund: »Was half, waren meine Arbeit, Familie, Freunde, Routinen und Gespräche mit anderen Leidenden.« Etwa mit dem Cartoonisten Michael Leuning. »Wir gaben einander die Erlaubnis krank zu sein, eine notwendige Vorstufe zur Heilung«, schreibt Murray. Was nicht half, waren, mit Ausnahme eines einzigen Psychopharmakums, das phasenweise Linderung brachte, Medikamente.
Ein besonderer Stellenwert kam der Routine des Dichtens zu. Da sind einerseits »Die Gedichte des Schwarzen Hundes«, in denen er den Fokus auf blinde Flecken der eigenen Biografie richtet: Der frühe Tod der Mutter, tabuierte Sexualität, die permanenten Hänseleien der Mitschüler, sein erst spät erkanntes Asperger-Syndrom. In »Burning Want/Brennendes Verlangen«, einem Gedicht, das die Depression deutlich und nachhaltig milderte, schrieb er: »Kaum in der Pubertät, lebte ich in Beerdigung: / Mutter nach einer Fehlgeburt tot, Vater am liebsten auch tot, / so kochten wir schweißbraune Kleider; die Kühe eroberten den Garten zurück. / Körperliche Liebe ist tödlich, war das unausgesprochene Prinzip«.

Ich ist ein anderes
Und dann waren da die Übersetzungen aus der Natur: Leichtfüßige Gedichte, in denen der Poet sich selbst der natürlichen Welt voll und ganz einverleibt. Er »leiht« der Natur nicht bloß seine Stimme, schreibt nicht »über«, sondern »wie«, oder besser: »als« Natur. Als ich ihn in Berlin frage, welches nicht-menschliche Bewusstsein ihm das liebste war, muss er nicht lange überlegen: Die Kuh. (Eben hat er sich den letzten Bissen Rumpsteak in den Mund geschoben.) In seinem Gedicht »The Cows on Killing Day/Die Kühe am Schlachttag« beschreibt er die Kuhherde als Sanftmutskollektiv, als wogendes Meer aus lauter Ichs, in dem »ich«, aus der Perspektive der Kuh betrachtet, das eigene Ich wie auch das der anderen bezeichnet: »me and the other me« – Ich ist ein anderes. Mit übersteigerter Empfindsamkeit, immenser Einfühlungsgabe und unendlichem Mitgefühl beschreibt er aus der Innenperspektive die Tötung und Himmelfahrt der Kühe.
In diesem leichtfüßigen Kommunizierenkönnen mit dem Anderen fand Murray einen Heilungsaspekt. »Echter Kontakt mit einer anderen Spezies verändert unsere Wahrnehmung dramatisch«, schreibt die Psychologin Shierry Weber Nicholsen. »Wir sind dann nicht mehr getrennt, unser Sein verändert sich in den Grundfesten.« Heilung, schreibt der amerikanische Naturphilosoph David Abram in einem Exkurs über Schamanismus, könne sich im schamanischen Weltverständnis nur im Wechselspiel zwischen der menschlichen und der mehr-als-menschlichen Welt ereignen: »[D]ie Quelle des Un-Wohlseins liegt in der Beziehung zwischen der menschlichen Gesellschaft und der natürlichen Landschaft.« Jedes Ungleichgewicht in der einen Sphäre spiegelt sich in der anderen wider. Freilich ist Murray kein Schamane, doch immerhin fand er Linderung in seinen lyrischen Verwandlungen in Wesen der nicht-menschlichen Welt.
Was es letztlich war, das den Schwarzen Hund an die Leine legte, weiß Murray selbst nicht genau. Fakt ist, dass er 1996 mit einem schweren Leberabszess ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Als der knapp dem Tod Entronnene aus der Narkose erwachte, war der Hund, der schon zuvor seltener zugebissen hatte, verschwunden. Vorerst zumindest. Er sollte wiederkehren, wenn auch weniger beklemmend. Seinen kurz darauf verfassten Essay betitelte er noch »Killing the Black Dog«, wo es doch richtiger »Learning the Black Dog« heißen müsste, wie er im Nachwort der deutschen Ausgabe bekennt.
Nie habe er das Vertrauen in die Sprache verloren, antwortet er einem Fragenden im Anschluss an die Berliner Lesung. Und doch misstraut er ihrem Sinn: »Alles außer der Sprache«, schrieb er in einem Achtzeiler nach seiner Depression, »kennt den Sinn der Existenz. / Planeten, Bäume, Flüsse, Zeit / kennen weiter nichts. Sie offenbaren ihn / in jedem Augenblick als das Universum.« Dass die Sprache keinen Sinn kennt, ist eine kühne Aussage für jemanden, der wie Murray ebenjene Sprache unaufhörlich mit Sinn speist, indem er ihr den Sinn der natürlichen Welt einträufelt. In der Logik der komplementären Einheit von Welt und Selbst fügt er so nicht nur der eigenen, sondern auch der Sprache als Ganzer neue Dimensionen hinzu.
Er, der nichts weniger als einer der sprachmächtigsten Dichter unserer Zeit ist, tut nichts weiter, als die natürlichen Phänomene durch sich sprechen zu lassen: In einem Raum zwischen der menschlichen und der mehr-als-menschlichen Welt lässt er Fledermaus, Adler, Schildzecke, Pottwal, Mastschwein, Elefantenbullen, Miezekatze sprechen, wie sie sprächen, wenn unsere Sprache eine gemeinsame wäre. Sie finden Ausdruck darin als der Gesang der Welt, der Steine bewegt und Bäume rührt. Für ihn selbst war diese Spracharbeit heilsam im therapeutischen Sinn, für uns, die wir sie lesen, kann sie es im ästhetischen, wahrnehmenden Sinn sein. Als Poet ist Les Murray eine Ausnahmeerscheinung. Dabei tut er nichts weiter als das, was Poeten zu allen Zeiten ­taten: Er gibt der Welt ihre Sprache. Nichts weiter. 
 

Mehr von und über Les Murray:
www.lesmurray.org
Literatur
Les Murrays Denkschrift
»Der Schwarze Hund« über die Depression sowie die zitierten Lyrikbände »Gedichte, groß wie Photos« und »Übersetzungen aus der Natur« liegen in der Edition Rugerup vor, die Biografie »Les ­Murray – a Life in Progress« von Peter Alexander erschien 2000 bei Oxford University Press.

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