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Einblicke – Ausblicke

von Angelika Kalix , Dagmar Frank , Johannes Heimrath , Olaf Spillner , erschienen in 02/2010

An einem geschichtsträchtigen Ort, dem ehemaligen Kurhaus von Hohenbüssow im ­vorpommerschen Tollensetal – zu DDR-Zeiten ein Treffpunkt kreativer Dissidenten –, traf sich Oya-Herausgeber Johannes Heimrath mit drei ganz unterschiedlichen Akteuren aus dem weiten Netzwerk von Menschen, die den von Abwanderung geprägten ­ländlichen Raum Mecklenburg-Vorpommerns auf ungewöhnliche Weise beleben.

Johannes heimrath
Die zweite Ausgabe von Oya haben wir unter das Thema »Aussteiger und Einsteiger« gestellt, ein Thema, das viele bewegt. Ich selber frage mich allerdings, ob ich in meinem Leben jemals irgendwo ausgestiegen bin. Als ich in den 1970er Jahren meine beginnende Karriere als Komponist abbrach, zürnten Gutmeinende, mit so einem Talent könne man doch nicht einfach »aussteigen«. Für mich war das aber weniger bedeutsam als ein früherer, verborgener Moment: Ich war fünfzehn Jahre alt, ging abends vom Bahnhof nach Hause und konnte plötzlich glasklar vor mir sehen, wohin mein Leben zielen würde. Heute lebe ich an einem Ort, der jenem Bild genau entspricht. Die Kurven in meinem Lebenslauf haben geradlinig dorthin geführt. Kennt ihr in eurer Biografie ähnliche Punkte, nach denen sich das Leben ausgerichtet hat?

Angelika Kalix

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Meine Ausstiegszeit war die Pubertät. Ich hatte in der Schule die größten Probleme, und nachdem ich das Abitur überstanden hatte, war ich mir sicher, dass weder ein Studium noch eine Ausbildung für mich in Frage käme. Irgendwann wusste ich von selbst, was mein Beruf und meine Berufung waren: Ich bin Gärtnerin. Diese Erkenntnis kam wie aus heiterem Himmel.

Nach langer Praxis in meinem Beruf bin ich im Jahr 2001 doch wieder in eine Schule gegangen. Ich besuchte einen Kurs an der Schule für Geomantie, Hagia Chora. Thema war die Sensibilisierung der eigenen Wahrnehmung für die Natur. Das hat enorm viel in mir bewirkt. Es passierte etwas, das fast wie ein Märchen klingt: Ich hatte drei Träume, die so »anders« waren als alles, was ich jemals zuvor und später geträumt habe. Die ersten beiden Träume sagten: Wenn du gerufen wirst, dann geh sofort, du wirst den Ruf kein zweites Mal hören. Im dritten Traum erschien die Landkarte von Skandinavien, darauf ein bestimmter Ort in Norwegen. Mein Partner und ich haben tatsächlich alles hinter uns gelassen, lösten unsere Wohnung auf, packten unsere wenigen Habseligkeiten in ein Auto und fuhren nach Norwegen, wo wir vier intensive Monate in der Natur verbrachten. Und noch einmal fast vier Monate sind wir anschließend zu Fuß von Bayern nach Santiago de Compostela den Jakobsweg gegangen. In dieser Zeit ist die Grundlage für das, was wir heute hier in Mecklenburg verwirklichen, herangewachsen.

Dagmar Frank

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Bei mir hat sich auch schon in der Kindheit ein Ausstieg abgezeichnet. Ich sah, dass meine Eltern in ihrem Leben, in dem es immer darum ging, etwas zu »schaffen«, zu organisieren und zu planen, nicht glücklich waren. Meine Mutter war depressiv und nahm sich das Leben, als ich achtzehn Jahre alt war. Meine Reaktion war Protest. Mit fünfzehn Jahren bin ich Punk geworden, mit achtzehn Jahren in ein besetztes Haus gezogen. Von dort bin ich in die Welt gereist, erst als Rucksacktouristin, aber dann wollte ich länger bleiben, andere Kulturen kennenlernen, ihre Sprachen lernen. In Indonesien habe ich mit den Bauern auf den Feldern gearbeitet und mit den Frauen im Fluss Wäsche gewaschen. Mich schockierte, dass die Dörfler so leben wollten wie wir im Westen. Ich versuchte, ihnen zu erzählen, wie unglücklich und gestresst die Menschen dort in Wirklichkeit sind.

Zurück in Deutschland, habe ich Landschaftsökologie studiert, um eine Daseinsberechtigung zu haben. Gegen Ende des Studiums geriet ich in die bisher tiefste Krise meines Lebens. Ich sah nur noch das Schreckliche in der Welt, sie schien mir voller Autobahnen und Fabrikanlagen, selbst im Wald sangen für mich keine Vögel, sondern es grollten Motorsägen und Hubschrauber. Da habe ich mein Studium hingeschmissen, mein Zimmer gekündigt und bin nur mit einem Rucksack auf dem Rücken auf die Straße gegangen. Ich wollte sehen, wohin das Leben mich trägt und keine Erwartungen mehr an mich selbst oder irgendjemand anderen haben. So frei wie damals hatte ich mich nie zuvor gefühlt. Später konnte ich auch wieder einsteigen, mein Studium abschließen und Menschen finden, um eine eigene Gemeinschaft zu gründen.

Olaf Spillner

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Wenn ich nach prägenden Erlebnissen in meinem Leben suche, gehe ich auch weit zurück. Ich vermute, mein Ausstieg war die Schule. Die erste Klasse habe ich unter meiner Bank verbracht: Irgendetwas fiel immer von meinem Tisch, ich hinterher, und ich blieb dort unten sitzen. Das war so extrem, dass meine Mutter sich darum kümmern musste, dass ich in eine andere Klasse kam. Noch während der Grundschulzeit zogen wir – meine Mutter und fünf Kinder – mehrmals um, von Schwerin erst nach Weimar, dann wieder in den Norden nach Prerow und dann nach Stralsund. Ich lernte, mich all den neuen Umgebungen anzupassen. Als wir in der Schule unseren Berufswunsch aufschreiben sollten, stand bei mir Förster ganz oben. Stattdessen habe ich im Atomkraftwerk Lubmin gearbeitet und konnte dadurch in Zittau Kraftwerksanlagenbau studieren. Irgendwann landete ich aber in Berlin im Naturkundemuseum zwischen all den ausgestopften Tieren und fragte mich: Warum gehört mein Leben eigentlich der Technik? Der Förster hatte sich zurückgemeldet. Mit dieser Frage im Kopf bin ich einmal quer durch die Hohe Tatra gewandert. Es lag noch Schnee, ich sackte immer wieder bis zum Bauch ein. Jeden Tag dachte ich: Morgen gehe ich außen um das Gebirge herum. Aber jeden Morgen, als die Schuhe wieder trocken waren, ging ich wieder querdurch.

Nach dieser Wanderung begann das andere Leben. Das »Aussteigen« war bei mir mehrmals ein Abbrechen von angefangenen Wegen, die jemand anderer für mich weiterging. Ein anderer hat an meiner Stelle Kraftwerksbau weiterstudiert, später ist jemand an meiner Stelle Kameramann geworden, nachdem ich eine Stelle in Berlin bei der staatlichen Filmdokumentation gekündigt hatte. Schließlich bin ich mit meiner Frau Møne und meiner Tochter in Hohenbüssow gelandet. Wir haben Schafe angeschafft und einen Webstuhl. Zu Zeiten der DDR war ich hier freiberuflicher bildender Künstler. Was ich als Künstler gemacht habe, war, glaube ich, ziemlich gut. Als es richtig gut war, habe ich aufgehört – was andere Menschen überhaupt nicht verstanden haben.

JH
Interessant, eure Geschichten fangen alle in der Kindheit an. Mir scheint, es sind nur äußerlich Geschichten von Brüchen. Tatsächlich erzählt ihr von einem Immer-schon-so-Sein. Letztlich wird man erst in der Perspektive der anderen zum Aussteiger. Olaf, als man dich gefragt hat, warum du deine Karriere nicht weiterverfolgst, kein Weltstar werden willst – wie war dir da zumute?

OS
Ich stehe zu dem, wofür ich mich entschieden habe und bin auf der Suche, die Welt zu verstehen. Jeden Tag kommt etwas Neues hinzu. Missverständnisse, Unverständnis – das habe ich alles erlebt. Aber je länger man tut, was man wirklich tun möchte, desto weniger spielt die Außenwahrnehmung eine Rolle. Meine Familie hat mich immer kritisch beobachtet. »Ach, der Olaf«, hieß es bei den Onkeln und Tanten. Aber die familiären Bande existieren noch, da ist kein Schnitt passiert.

DF
Bei mir hat die Konfrontation vor allem mit meiner Familie stattgefunden. Mein sonstiges Umfeld hat immer positiv auf alle Veränderungen reagiert. Als Punks haben wir uns natürlich extrem von der Außenwelt abgegrenzt. Wir hielten uns für »die Guten«, die anderen waren die Spießer, die keine Ahnung hatten.

AK
Ich war als Jugendliche eher ein bisschen feige, habe nicht protestiert, sondern mich zurückgezogen. Auch als Gärtnerin hatte ich lange überhaupt keinen Kontakt zu anderen Gärtnern. Es gab auch niemanden, der mein Interesse für Philosophie geteilt hätte. Aber die Menschen in meinem Umfeld haben gesehen, dass ich immer viel arbeite, denn ich arbeite unheimlich gerne, und so entsteht viel um mich herum. Das erzeugt Kontaktflächen. Aber das Wesentliche meiner Arbeit habe ich lange verborgen gehalten. Ich fühlte mich Diskussionen mit anderen nicht gewachsen, da hieß es allzu oft, dass ich in utopischen Welten lebte.

JH
Als Gärtnerin hast du doch etwas ganz Handfestes gemacht. Was war für die Menschen in deinem Umfeld befremdlich?

AK
Bei meiner Arbeit stehe ich gut gegründet auf der Erde, aber als Mensch habe ich auch einen Geist, der noch in eine andere, unsichtbare Welt hineinreicht. Ich möchte mit beiden Welten verbunden sein, hören, was beide Welten mir sagen, und das zusammenbringen. Versuchte ich, das in Worte zu fassen, sagten die Leute, »jetzt spinnt sie ein bisschen«. Auch in den ersten Jahren unseres Neueinstiegs in Mecklenburg mit unserer Gärtnerei als »Landschaft in der Landschaft«, haben wir wenig über die Beweggründe unserer Arbeit gesprochen. Inzwischen kann ich mich besser ausdrücken und erlebe auch mehr Verständnis. Vielleicht liegt das auch daran, dass wir inzwischen keine jungen Leute mehr sind.

DF
Wir jungen Leute in unserem Gemeinschafts-Experiment »Friedrichshof« bei Friedland in Mecklenburg galten im Dorf auf jeden Fall als die Exoten, obwohl wir immer Verbindung zu den Alteingesessenen gesucht haben. Von Anfang an haben wir alle im Dorf zu Kaffeekränzchen eingeladen, aber es kamen immer nur diejenigen, die sowieso schon offen für Neues waren. Dass wir den Hof aufgegeben haben, lag allerdings nicht an Konflikten mit dem Umfeld, sondern daran, dass die Entscheidung zum Kauf des Anwesens überstürzt getroffen worden war. Es war nicht »unser« Ort.

JH
Wie ist es, wenn es zu Konflikten mit der Welt außerhalb der Inseln, die ihr euch geschaffen habt, kommt? Wo stoßt ihr an Grenzen? Wo sind Reibungsflächen oder Interaktionsmöglichkeiten?

OS
Sobald ich »meine Welt« verlasse, stoße ich natürlich immer an Grenzen. Schon außerhalb des Dorfs zieht die Agrarindustrie eine Grenze, indem sie auf den Feldern Gift und Gülle verspritzt. Kurz nach der Wende hat die CDU ja versucht, die Wahl zu gewinnen mit dem Argument, den alten Bauernstand zu erhalten. Die Kirche sollte im Dorf bleiben, man sollte sein eigenes Brot produzieren können. Das waren alles Floskeln von Politikern. Nichts dergleichen ist passiert. Wenn heute hier Weizen produziert wird, landet er als Brennstoff in der Biogasanlage. Die Artenvielfalt der Vogelwelt oder der Fauna da draußen auf den Äckern hat sich drastisch reduziert.

AK
Ich stoße kaum auf Grenzen. Wir haben auch Glück mit einem fantastischen Bürgermeister, der uns von Anfang an einbezogen hat. Schon im ersten Jahr konnten wir den »Arbeitskreis bewohnte Landschaft« gründen, der sich seitdem einmal im Monat trifft und kreativ mit den Räumen dieser Landschaft arbeitet. Zum zweiten Advent kam im letzten Winter zum Beispiel ein ziemlich verrückter Einfall: Wir bauen die Heiligen drei Könige samt einem Kamel in Lebensgröße nach, stellen sie jede Nacht an einen anderen Ort und überraschen damit die Leute. Das hat bestens funktioniert, immer wieder haben uns Leute von diesem kurzen Moment der Überraschung erzählt – da sind ja die Könige plötzlich hinter dem Hügel aufgetaucht! Dieses kurze Innehalten – in diesen Momenten ist man in der Gegenwart: Wenn man etwas sieht, das anders ist. Solches Erstaunen möchten wir immer wieder erzeugen.

JH
Der Moment des Innehaltens – da geht es ja nicht um Ausstieg oder Einstieg, sondern um einen Impuls, der aus der Mitte kommt.

DF
Ich fühle mich nicht als Aussteigerin, sondern ich bin mittendrin in dem, was ich tue. Auf diese Weise bin ich vielleicht »ansteckend« für andere. Als Kleinfamilie mit zwei Kindern haben wir uns zum Beispiel gegen ein Auto entschieden. Mit Fahrrädern und Anhänger kommen wir überall hin. Das bedeutet für uns sehr viel Lebensqualität und bringt Freunde und Nachbarn zum Nachdenken.

JH
Manchmal reicht die Ansteckung aber auch nicht, manchmal scheint es angebracht, sich zu wehren …

OS
Zielt deine Frage darauf, dass in unserer Nachbarschaft Europas größte Ferkelfabrik installiert werden soll? Noch ist sie nicht da, erst müssen 700 Einwendungen bearbeitet werden. Als die Sache bekannt wurde, gab es eine Bürgerinitiative, deren Resultat diese Einwendungen sind. Ich habe mich sehr dafür engagiert, aber letztlich erschöpft sich die Arbeit in einer Bürgerinitiative immer in eindimensionalem Protest. Dann kam aber noch etwas anderes hinzu. Letztes Jahr fand in Schwerin die Bundesgartenschau statt: Blühende Landschaften rund um das Schweriner Schloss mit seiner goldenen Kuppel, wo die Politik gemacht wird, unter der der ländliche Raum zu leiden hat. Aus dieser Bezugnahme heraus habe ich einen Blog unter dem Motto »Gülleland M-V« ins Internet gesetzt. Inzwischen ist die Bundesgartenschau verschwunden, aber den Blog gibt es immer noch. Ist das ein Einstieg?

JH
Viele meinen: Wir können ja doch nichts bewirken. Wie schätzt ihr das ein?

AK
Ich bin überzeugt, dass wir etwas bewirken. Denken wir an den Schmetterlingseffekt: Nachdem die Raupe sich verpuppt hat, existieren in ihr erst ganz wenige Imagozellen, die den Schmetterling ausbilden. Die ersten werden sofort aufgefressen. Aber je mehr es werden und je mehr sie sich vernetzen, desto weniger leicht lassen sie sich auffressen, bis der Schmetterling schlüpfen kann. Von »unseren« Impulsen sieht man im Land zwar noch nicht allzu viel, aber wir müssen daran weiterarbeiten und dürfen nicht vergessen, uns zu vernetzen. Oft merke ich in der letzten Zeit bei den Menschen eine extreme Anspannung: Wir haben keine Zeit mehr, der Klimawandel kommt. Meine Erfahrung ist: Geben wir unsere aggressive Haltung gegenüber der Erde auf, haben wir alle Zeit der Welt. Ihr kennt sicher auch diese unendliche Zeitgefühl, das entsteht, wenn man in seiner Mitte ist. Was kann man da alles schaffen!

JH
Das ist ein Paradoxon: Während wir diese unend­liche Zeit spüren, schreitet die Zerstörung unserer Lebensressoucen fort. Aber es lähmt uns, wenn wir auf diese Entwicklung starren wie das Kaninchen auf die Schlange. Die Imagozellen, das ist beruhigend, sind von Anfang an da, sogar schon im Ei des Schmetterlings.

OS
Um 1900 gab es die vielen Initiativen der Lebensreform, auch nach dem ersten Weltkrieg, aber sie konnten die Machtergreifung der Nationalsozialisten nicht verhindern. Vor diesem Hintergrund scheint es mir wichtig, dazu zu stehen, dass man etwas anderes will, sich nicht einschüchtern lässt. Es wäre schön, wenn sich die ganze brodelnde Artenvielfalt an guten Initiativen weiterentwickeln könnte, damit sich entfalten kann, was im Menschen möglich ist. Das wäre mein großer Wunsch, dass es nicht wieder zu so einem abrupten Ende kommt, wie es in der Geschichte schon oft passiert ist. Denn es könnte auch ein letztes Mal sein.

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