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Fragiler Freiraum

Wie auf dem Flugfeld Aspern ein Zukunftslabor für künstlerische Stadtentwicklung entsteht.

von Theresa Zimmermann , erschienen in 16/2012

Wenn eine Stadt ein neues Siedlungsgelände plant, ist die Reaktion darauf entweder Gleichgültigkeit oder Protest. In Aspern bei Wien sucht ein Künstlerkollektiv im Freiraum vor Baubeginn einen dritten Weg.

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Wer auf dem alten Rollfeld steht, kann es kaum glauben: Hier sollen bald Wohnungen für 20 000 Menschen sowie 15 000 Arbeitsplätze in Büros, Gewerbe, Wissenschaft und Bildung entstehen. Noch brennt Besuchern des rund 240 Hektar großen alten Flugplatzes am Ostrand Wiens die Sonne aufs Haupt. Die einzigen Schattenspender sind ein Informationsturm und einige Container. Bis 2028 soll das Gelände in ein neues Wohn- und Arbeitsviertel mit dem vielversprechenden Namen »Seestadt Aspern« verwandelt werden. Immerhin den See – künstlich angelegt – sieht man schon.
Das riesige Bauprojekt ist eines der größten dieser Art in ganz Europa. Sowohl die Stadt Wien als auch das Entwicklungsbüro Wien 3420 Aspern Development AG bemühen sich, dieser neuen Stadt in der Stadt ein grünes Image zu geben. Die Wiener U-Bahn-Linie 2 wurde bereits bis zur Seestadt verlängert, das Verkehrskonzept verspricht viel Fahrrad, wenig Auto, viel Grün, wenig Grau. Die Anrainer überzeugt das noch nicht. Sie haben sich einst am Stadtrand Wiens niedergelassen, um die Idylle zu genießen. Nun ist hier ein urbaner Raum geplant, das heißt Verkehr, Lärm und Unruhe. In einem sogenannten Qualitätsbeirat konnten sie den Planungsprozess kommentieren, doch das Verfahren hat nicht dazu geführt, dass den Menschen das riesige Projekt sympathisch wurde. Und wer wird eigentlich in die Seestadt ziehen? Wie wird sich das Leben dort gestalten?

Kunst macht eine Ödnis lebendig
Damit Menschen sich an einem Ort wohlfühlen, »braucht es Identität, ein Gefühl von Heimat, die Möglichkeit, verschiedene Lebensstile gemeinsam zu leben«, ist sich Ute Burkhardt-Bodenwinkler sicher. Gemeinsam mit Daniel Aschwanden ist sie Kuratorin des Projekts PUBLIK. Seit April 2011 bemühen sich die zwei, neuerdings im Team mit Susanne Kapeller-Niederwieser, Leben auf das Baugelände zu bringen. Ihre Künstlerinitiative content.associates konzentriert sich darauf, Stadtentwicklungsprozesse künstlerisch und kulturell zu begleiten. Auch auf dem Flugfeld suchen sie Wege, die Gestaltungsmöglichkeiten des Freiraums vor der Bauphase auszukosten und »dem Geplanten durch kulturelle Praxen Identität zu geben«. Daniel begründet das Konzept von PUBLIK: »Es braucht nicht nur Schreibtischplanung, sondern dass tatsächlich Menschen und Betroffene in diese Planung einbezogen werden.«
Bei einem Gang über das leere Flugfeld sehe ich drei Jugend­liche. Sie eilen in Richtung See, um ein erfrischendes Bad zu nehmen und Skat zu spielen. Wenn hier Häuser stehen und das Seeufer als Flaniermeile umgestaltet ist, wird das Schwimmen nicht mehr erlaubt sein. Menschen wissen schon, was sie gerne tun, denke ich im Stillen. Ein paar Meter weiter lädt ein riesiger Holztisch zum Verweilen ein, aufgestellt von PUBLIK. Zwischen der wilden Vegetation auf der Brachfläche sind Gurken, Tomaten und Zucchini zu erkennen: Hier gärtnern die Bürger Wiens. Die Außenwände eines der zwei Baucontainer sind begrünt. Identische Container stehen in Madrid und Bottrop, im Rahmen des Forschungsprojekts PROGREENcity wird so der Einfluss von Fassadenbegrünung auf Innenraumklima und Wohlbefinden der Bewohner getestet.
Die Spuren der Kunstprojekte haben eine erstaunliche Wirkung auf mich. Wo ich auf den ersten Blick nur Ödnis erkennen konnte, spüre ich nun die Kraft des Lebens. Der sanfte Tomatenduft schafft ein Gefühl der Wärme und von Heimat. Der lange Holztisch erzählt von fröhlichem Essen in Gemeinschaft.

Dialog mit dem Ort, Dialog mit der Stadt
Wenige Wochen später greife ich zum Telefon, um mehr über PUBLIK zu erfahren. Die Wahl-Wiener Ute Burkhardt-Bodenwinkler und Daniel Aschwanden – sie kommt aus Stuttgart, er aus der Schweiz – erzählen mir von einem Projekt nach dem anderen, das sie auf der großen Freifläche schon verwirklichen konnten.
Regelmäßig bloggen drei Autorinnen und Autoren über die Geschichte, Gegenwart und geplante Entwicklungen des Flugfelds. »Stadt.schreiben« nennt sich das Projekt, das literarisch die »Stadtwerdung« des Geländes begleitet.
Daniel, der als Choreograf und Performer auch selbst als Künstler aktiv ist, hat alle Filmdokumente zum alten Flugfeld aus Archiven ausgegraben und sie per Videoinstallation auf das Rollfeld projiziert. Solche Beiträge werden Teil eines »Parcours«, wie der Kurator es nennt. Hier wird das Wissen des Orts zusammengetragen, um es situativ zu verstehen und alle Akteurinnen und Akteure in den künstlerischen Prozess einzubinden.
Im Rahmen eines solchen Parcours hat sich das Team von PUBLIK wochenlang vor Ort aufgehalten, um zu erfahren, zu erleben, zu testen – und schließlich zu tanzen. Damit sich nicht nur Kunstschaffende beteiligen, bindet PUBLIK bewusst Menschen vor Ort ein. Der Modellflieger-Fan, der hier des öfteren mit seinen Flugzeugen seine Runden dreht, wurde deshalb kurzerhand in eine performative Führung eingebunden. Im Juni hat der lokale Schachverein mitgemacht, kurz darauf das Jugendblasmusikorchester.
Auch Erkundungstouren mit Spezialisten organisiert das Team von ­PUBLIK. So hat vor kurzem der Bauleiter zusammen mit einer Philosophin eine Gruppe von Interessierten über das Gelände geführt, ein anderes Mal erklärten ein Archäologe und ein Biobauer ihre Sicht auf das Feld. In diesen »bewegten Wandersymposien« entstanden ganz neuartige, spannende Dialoge. So viel Diskurs gab es vor dem Wirken von PUBLIK nicht.
Meine Frage zur Unterstützung all dieser Aktivitäten macht ein großes Fass auf. Wie so viele Kunstprojekte hat es auch PUBLIK nicht leicht. Die Kommunikation mit der Stadt Wien läuft schleppend, die Relevanz des Projekts muss immer wieder neu erörtert werden, und auf die Finanzierung ist auch kein Verlass. Bisher wurde privates Geld der Entwicklergesellschaft investiert – erst wenige Stunden vor unserem Telefonat bekamen Ute Burkhardt-Bodenwinkler und Daniel Aschwanden endlich eine Zusage vom Kulturamt der Stadt Wien. Ihre große Erleichterung zeugt davon, dass das keine Selbstverständlichkeit ist.
»Es scheint, als sei der Stadt noch nicht vollkommen bewusst, dass viele Probleme vermeidbar wären, wenn man schon jetzt mit einer emotionalen Auseinandersetzung mit dem Ort begänne. Es gibt kaum eine Wahrnehmung dessen, was PUBLIK auf dem Gelände der zukünftigen Seestadt tut«, bedauert Daniel. Solange noch keine Menschen dort wohnten, werde die Relevanz nicht gesehen. Doch mit der Förderzusage habe die Stadt nun einen Schritt in die richtige Richtung getan. PUBLIK kann umsetzen, was schon lange geplant ist.
Eine neue, temporäre Holzhalle wird es ihnen ermöglichen, ganzjährig Veranstaltungen anzubieten. Zuvor hatten Wind und Wetter das Arbeiten auf dem alten Rollfeld erheblich erschwert. Einige der Errungenschaften von PUBLIK brauchen allerdings bewusst das freie Feld, wie das Gartenprojekt, das Brachflächen in produktive, blühende Stadtlandschaften verwandelt. Menschen aus ganz Wien, Anrainer und zukünftige Bewohner der Seestadt bauen hier gemeinsam Gemüse an. Daniel und Ute wollen damit eine Praxis schaffen, die in der Stadt, wenn sie dann gebaut sein wird, weiter gepflegt werden soll. Unterstützend wird dafür im Herbst erstmalig ein Permakulturdesign-kurs stattfinden. Da auch die städtische Planung Gärten vorsieht, bleibt zu hoffen, dass dieser Impuls weiter trägt.

Trostpflaster oder Zukunftslabor?
Nicht nur die Gartenkultur soll bleiben. »Vom Temporären zum Manifesten« – so wünschen es sich die Kuratorinnen und Kuratoren von PUBLIK. Bestimmte Räume sollen für die Kultur in der Seestadt reserviert werden. »Wir möchten den Bürgerinnen und Bürgern den öffentlichen Raum ins Gedächtnis schreiben, damit er tatsächlich von aktiven Bewohnerinnen genutzt wird und nicht nur ein Raum des Transits ist – also ein Raum, in dem man konsumiert oder von einem Punkt zum anderen geht –, sondern dass es ein Raum wird, in dem man auch stilvoll Haltung zeigen kann.« Für Ute ist einerseits die Qualität der Arbeit von essenzieller Bedeutung, andererseits aber auch, dass etwas geschieht und dass es den nötigen Raum dafür gibt.
Bleibt allerdings die Tatsache, dass den in der Nachbarschaft zur zukünftigen Seestadt lebenden Menschen der offene Raum eher genommen als geschenkt wird. Statt die Fläche gemeinsam zu gestalten und mit Leben zu füllen, werden, wie in der Stadtplanung üblich, Experten beauftragt, große Konzepte zu entwickeln. Die Stadt wirbt mit neuem Wohnraum nahe an Wien, nahe an Brati­slava und vor allem nahe an Flughafen und Autobahn. Solche Planung fragt nicht, wie denn zukünftige Bewohner und heutige Anwohner ihr Leben gestalten möchten. Es ist abzusehen, dass es in den kommenden Jahren große Migrationsströme, Versorgungsengpässe und immer mehr ältere Menschen geben wird. Anders als die Planer sind Ute und Daniel skeptisch, ob die bestehenden Konzepte für die ungewisse Zukunft dynamisch genug sind.
Immerhin kann die Künstlergruppe durch eine starke Präsenz vor Ort den Bürgerinnen und Bürgern nun ein offenes Ohr schenken und sie in ihrem emotionalen Prozess begleiten. Dass einander zugehört wird, dass Ideen aufkeimen und sich organisch etwickeln können, fehlt in vielen Planungsprozessen. »Aspern ist ein Probeort, wo experimentiert werden kann, wo selbst das Scheitern wichtig ist«, meint Ute. In dem Stadium, in dem sich Projekt und Stadt befinden, kann man noch scheitern – und daraus wird gelernt. Ute und Daniel träumen nicht nur davon, dass die Kultur endlich zum Partner auf Augenhöhe wird, statt nur als Luxusgut begriffen zu werden, sondern sie arbeiten aktiv an Modellen der Umsetzung dieses Traums. Sie glauben, dass die Komplexität unserer Gesellschaft mit den gewöhnlichen, linearen Denkstrukturen kaum zu begreifen ist. Die nonlinearen Strukturen des künstlerischen Denkens könnten jedoch helfen, die Komplexität zu übersetzen und ganz neue Perspektiven zu eröffnen.
Ihre positiven Erfahrungen möchten die beiden gerne weitergeben. Dafür strecken sie ihre Fühler in alle Himmelsrichtungen aus. Bislang gibt es lose Vernetzungen mit Zürich, aber auch Kontakte zu Stadtentwicklungsprozessen in China, Südafrika, Serbien und der Slowakei. Diese Zusammenarbeit fördert ein grundlegendes Nachdenken auf allen Ebenen und einen breit gefächerten Diskurs. Selbst im asiatischen Raum erleben sie nun vereinzelt Bestrebungen, sich von rein statischen Auswertungen abzuwenden und erste Versuche, den Menschen wieder als zentralen Faktor im Städtebau zu sehen.
Bis nach Asien muss aber gar nicht geschaut werden, um ähnliche Projekte zu finden. Wer an stillgelegte Flugplätze denkt, kommt schnell auf das Tempelhofer Feld in Berlin. Einmal waren Ute und Daniel dort, um sich inspirieren zu lassen und Kontakte zu knüpfen. Einige Gemeinsamkeiten fielen ihnen auf: die große Fläche, die Witterungseinflüsse und die Tatsache, dass viel geplant wird. Doch Tempelhof hat bereits viel mehr vorhandene Strukturen, die umgenutzt werden können, als das Flugfeld Aspern. Tempelhof liegt in der Stadt, Aspern am Stadtrand. Tempelhof soll Freizeitfläche bleiben, Aspern wird zur Stadt. Tempelhof ist stark mit dem Rest der Stadt vernetzt, hat vielschichtige Angebote, eine starke Bürgerbeteiligung – in Aspern mussten die Kuratoren von PUBLIK ganz vorne anfangen. Inzwischen haben sie viel Bewusstsein geschaffen.
Ich erinnere mich an den Moment meines Besuchs, in dem mir das leere Flugfeld gar nicht mehr so leer erschien. Es ist voller Geschichten, Erlebnisse, Erfahrungen und Wünsche, die herausgekitzelt werden wollen, so wie es Daniel und Ute tagein, tagaus tun. Bald ziehen die ersten Bewohner in die Seestadt – nicht in neue Wohnhäuser, sondern in die beiden Container. Unter dem Motto »Dein Sommerabenteuer im urbanen Zukunftslabor« veröffentlichen sie ihre Erfahrungen in Texten, Fotos und Videoberichten. Die Pioniere bekommen nicht nur eine komfortable Unterkunft und ein Fahrrad gestellt, sondern werden, wie Ute und Daniel, zu Stadtgestaltern. Ich stelle mir vor, wie immer mehr Menschen das Feld besiedeln, Flächen gestalten, Räume nutzen. Statt das Feld zu bewohnen, beleben sie es. Wäre es nicht möglich, genau so einen Prozess als städtische Planung zu begreifen? 
 

Theresa Zimmermann (24) hat Geographie, Sozial- und Agrarwissenschaften studiert und anschließend einen Kurs in »Design Thinking« absolviert. Derzeit engagiert sie sich für die Konferenz »Visionaries in Action« (www.visionariesinaction.org) und plant ein Filmprojekt in Indien.

Interesse an der Kunst vor dem Bau?
www.blog.aspern-seestadt.at, www.contentassociates.cc

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