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Städte sollen produktiv werden

Johannes Heimrath sprach mit Konrad Otto-Zimmermann, dem Generalsekretär der Organisation »ICLEI – Local Governments for Sustainability«, über die Notwendigkeit von subsistenten Stadtorganismen.

von Johannes Heimrath , Konrad Otto-Zimmermann , erschienen in 16/2012

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© Foto: privat

Herr Otto-Zimmermann, wie groß sind die Städte in Ihrem Netzwerk?

Wir bauen Brücken zwischen den Kleinsten und den Größten. Zu ICLEI gehören 12 Mega-Städte und 100 Superstädte mit mehr als einer Million Einwohnern, 450 Großstädte und 650 Klein- und Mittelstädte in 80 Ländern. Unser größtes Mitglied hat 41 Millionen, unser kleinstes 90 Einwohner. Unsere Städte- und Projektnetzwerke sprechen alle Größenordnungen von Kommunen an.

Wie entstehen diese Brücken?

Kürzlich fand unser Weltkongress im brasilianischen Belo Horizonte während der Tage von Rio+20 statt. Da waren 1600 Teilnehmer angereist, und es referierten Bürgermeister von großen und kleinen Städten. Oft kommen die wegweisenden Inspirationen von kleineren Kommunen; die meisten Innovationen im Umwelt- und Nachhaltigkeitsbereich bringen jedenfalls Städte zwischen 50 000 und 500 000 Einwohnern ein. Eine Stadt wie Freiburg mit 225 000 Einwohnern ist z. B. im Bereich Solarenergie Themenpartnerstadt von Seoul in Korea, wo 10 Millionen Menschen leben. In Freiburg sitzen interessante Organisationen wie das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme, und so werden dort viele Modellprojekte durchgeführt. Das übertragen die Verantwortlichen von Seoul auf ihre Maßstäbe.

Sind erneuerbare Energien ein zentrales Thema in Ihrem Netzwerk?

Ja, neben Mobilität steht das an erster Stelle. Die Kommunen können hier aber nur so viel tun, wie die jeweilige Gesetzeslage im Land zulässt. Es gibt ja Länder wie Frankreich, in denen die Kommunen gar nicht in die Energieversorgung eingebunden sind. Auch in Japan war das vor Fukushima so. Jetzt ist dort alles im Umbruch. In Ländern, in denen mehr kommunale Selbstverwaltung existiert, entstehen viele spannende Lösungen im Energiebereich.

Versteht sich ICLEI als Herold, der Beispiele für gute Praxis in andere Länder transportieren will?

Wir können nur bewirken, dass sich die Städte gegenseitig anregen und miteinander austauschen. Aber wir arbeiten auch mit Städten an konkreten Programmen, in denen wir sie durch den Prozess der Planung und Umsetzung eines lokalen Energieversorgungs- oder Klimaschutzkonzepts führen. Dabei können wir fachliche Expertise beitragen oder uns auf die Suche nach geeigneten Expertinnen und Experten machen. Beim Kongress in Belo Horizonte haben unsere Mitglieder gerade unseren nächsten strategischen Plan beschlossen, der acht Agenden umfasst. Sie reichen von ressourceneffizienten Städten bis hin zu katastrophen- und klimasicheren, resilienten Städten.

Zur Resilienz, der eigenständigen Widerstandsfähigkeit eines Organismus in Krisensituationen, gehört ja vor allem die Frage nach der möglichen Selbstversorgung, der Subsistenz von Städten. Heute sind Städte nicht nur von ihrem unmittelbaren Umland abhängig, sondern beziehen Ressourcen aus allen Teilen der Erde. Wird das im Kreis von ICLEI auch diskutiert?

Ja, das ist ein äußerst wichtiges Thema. Nachdem ich jetzt mit so vielen Experten gesprochen habe, sehe auch ich voraus, dass wir auf eine von Ressourcenverknappung geprägte Zeit zugehen werden, wenn wir 30 bis 50 Jahre nach vorne schauen. Die Trends des Weltbevölkerungswachstums und der rapiden Verstädterung legen nahe, dass in vierzig Jahren zwei Drittel der Menschheit in Städten oder verstädterten Bereichen leben werden. Wir werden also über drei Milliarden neue Stadtbewohner versorgen müssen. Sie kommen in die Städte, weil der dortige Lebensstil attrak­tiv und der Zugang zu Arbeit, Bildung und sozialen Diensten besser ist als auf dem Land. Dies kommt insbesondere auch den Frauen zugute. Die negativen Folgen sind aber der erhöhte Energie- und Ressourcenverbrauch eines städtischen Lebens. Die Gleichung ist sehr einfach: Je mehr Menschen in Städte ziehen – und das passiert weltweit – desto ressourcenintensiver wird, global betrachtet, das Leben der Erdbevölkerung. Die Effizienz-Vorteile einer Stadt durch ihre Dichte werden von den negativen Seiten des städtischen Lebensstils wieder aufgefressen. Wenn in 30 bis 50 Jahren das Trinkwasser in vielen Teilen der Erde knapper und teurer wird, die Ölvorräte dem Ende zugehen, das Erdgas und viele Mineralien knapp werden, es weniger fruchtbare Ackerflächen geben wird – gar nicht zu reden vom Anstieg des Meeresspiegels, von Dürreperioden sowie der Häufung extremer Wetterlagen – mögen wir von einem Zeitalter des immer höheren Ressourcenverbrauchs in ein Zeitalter extremer Verarmung kommen. Es wird eine neue Art städtischer Armut entstehen, die an manchen Orten zu unvorstellbaren Krisen führen wird.
Die Leute sitzen in den Städten wie in einer Falle. Noch fühlen sie sich wohl, hüpfen wie ein Vogel von Stange zu Stange, aber wenn von außen kein Futter nachgelegt wird, ist das angenehme Leben schnell zu Ende. Deshalb müssen wir Städte in produktive Systeme verwandeln, so dass sie ihre Ressourcen selbst herstellen. Sonne und Wind kommen von außen als nicht versiegende Energiequellen. Aber Städte produzieren Bio-Abfälle mit hohem Nährstoffgehalt, die nach außen transportiert und großteils über Abwässer und Flüsse ins Meer geschwemmt werden. Aus diesen Quellen werden wir schöpfen müssen.

Es ist schier unvorstellbar, welche Ansammlungen an Materialien heutige Städte bereits darstellen. Man würde sie in einer Zeit der immer stärker werdenden Ressourcenverknappung sicherlich auf andere Weise nutzen als heute.

Die großen Firmen sitzen schon an Konzepten für das sogenannte Urban Mining, der Rohstoffgewinnung aus dem städtischen Abfall. Es werden kurze Wege beim Recy­cling entwickelt. Letztlich müssen wir alle Rohstoffe lokal wiederverwenden und in den Kreislauf einführen oder mit anderen Städten und Regionen austauschen. Auch die Nutzung von Abfällen aus städtischer Landwirtschaft wird wiederkommen. Die Transformation der Städte in »Productive Cities« – dieses Konzept haben wir auf der Rio+20-Konferenz vorgestellt.

Es braucht ein gehöriges Maß guten Glaubens, dass diese Konzepte in der nahen Zukunft so greifen, dass wir – ich denke hier nur an Europa – in 30 Jahren noch einen befriedigenden Lebensstil pflegen können.

Die Zukunft wird zeigen, ob wir in der Lage gewesen sein werden, den rapiden negativen Trends zu begegnen. Die Erfahrung der Menschheit zeigt, dass es Schocks braucht, damit etwas in eine neue Richtung geht. Warnungen allein reichen nicht aus. Wir können heute nur hoffen, dass mehr Entscheidungsträger in mehr Städten mehr Vorsorge treffen und ihre Städte in Eigeninitiative umbauen – selbst wenn es heute nicht so aussieht, als gäbe es einen konkreten Bedarf für diesen Umbau. Aber wenn ich 30 bis 50 Jahre vorausschaue und einen Kurs suche, der im wirklichen Sinn nachhaltig ist, dann kann der nur heißen: aus eigener Kraft runter von den CO2-Emissionen, ein Höchstmaß an Ressourceneffizienz und Krisenfestigkeit, also Resilienz.

Gerade habe ich eine Studie aus dem Jahr 2010 gelesen, in der drei hochrangige Wissenschaftler fragen, was mit dem Klima passieren würde, wenn wir ab sofort kein einziges Gerät, das fossile Brennstoffe verbrennt, keinen Motor, keine Heizung, kein Kraftwerk mehr neu bauen und in Betrieb setzen, sondern nur noch die vorhandene Infrastruktur zu Ende nutzen würden. Sie kommen zu der erschreckenden Einsicht, dass dies dann immer noch zu einer Erwärmung von 1,3 Grad Celsius im Vergleich zu heute führen würde.

Das ist eine realistische Sichtweise, und da wir die negativen globalen Trends derzeit nicht aufhalten und umlenken, kommen wir dramatischen Entwicklungen näher. In Deutschland werden wir in weiten Landstrichen noch einigermaßen gut leben können, in anderen Regionen wohl nicht mehr. Also müssen wir uns auf Umweltflüchtlinge und enorme Migrationsströme einstellen.
Viele Wissenschaftler sind sich über diese Bedrohung im Klaren. Zwar verläuft die Entwicklung von wissenschaftlichen Erkenntnissen hin zur Handlungsbereitschaft und Umsetzung so schnell wie noch nie zuvor in der Menschheitsgeschichte – aber längst nicht schnell genug. Oft kommen aber aus der Bevölkerung Impulse, die die Stadtentwicklung in die richtige Richtung treiben. Die Lokale-Agenda-Prozesse haben die Stadtverwaltungen durchaus unter Druck gesetzt. Es gibt die bewussten Bürgerinnen und Bürger – auch wenn die Masse lethargisch ist –, die sofort bereit wären, beim Umbau der Städte in widerstandsfähige Organismen mitzumachen. Wenn man die kleine Zahl von Lobbyisten, Meinungs- und Politikmachern einmal weglässt, ist ein erheblicher Teil der Gesellschaft erstaunlich vernunftbereit.

Was ist für Sie persönlich das größte ­Pro­blem in Ihrer Arbeit, welches sind die empfindlichsten Mangelpunkte?

Das Wirksamkeitspotenzial unserer Orga­nisation und die Bedeutung, die uns andere Institutionen und Unternehmen beimessen, driften gegenüber den finanziellen Ressourcen, die sie für eine Arbeit wie unsere bereitstellen, extrem auseinander. Wenn ich sehe, wieviele Finanzmittel für völlig nutzlose Dinge verfügbar sind oder in der Wirtschaft allein für Repräsentations­zwecke ausgegeben werden – da kostet eine Abendveranstaltung schnell mal 100 000 Euro, während es uns bisweilen an 10 000 Euro mangelt, um eine große Wirkung zu entfalten –, dann ist das schon frustrierend. Die permanente Suche nach Finanzierung raubt enorm viel Zeit …

Das teilen Sie mit vielen Organisationen. Dabei staune ich immer wieder, was man auch mit wenig Mitteln bewirken kann. – Woran arbeiten Sie im ICLEI zu Zeit?

An unterschiedlichsten Programmen und Initiativen. Ein nettes Projekt ist das EcoMobility-Festival in der Stadt Suwon in Korea. Während des ganzen Monats September nächsten Jahres werden die Bewohner eines Stadtteils mit rund 6000 Einwohnern autofrei und »ökomobil« leben. In diesen Wochen beginnt ein Bürgerbeteiligungsprozess, in dem wir beobachten, wie sich die Menschen dort an Wochentagen und Wochenenden fortbewegen. Dann wird gefragt: Was könnten sie alternativ nutzen? Zu Fuß gehen, radfahren, ein Lastendreirad, einen Rollstuhl, einen Rollator oder ein kleines Elektromobil benutzen? Für das Festival wird die Stadt »umdekoriert« in eine Straßenraumnutzung, wie wir sie in 20 Jahren sehen möchten. Wie sich das Leben dann darin entfaltet, wird aufgezeichnet, so dass Berichte, Fotoserien, Dokumentarfilme und vielleicht sogar Spielfilme entstehen. Sie sollen in die Ausbildung von Stadt- und Verkehrsplanern einfließen und an Entscheidungsträger gehen, um zu zeigen, dass die Transformation zu einer ökomobilen Stadt möglich ist. Vielleicht werden sich die Bürgerinnen und Bürger von Suwon in den vier Wochen mit der autofreien Situation anfreunden und einige Merkmale ökomobilen Lebens beibehalten. Auch für das Jahr 2014 haben wir schon eine interessierte Stadt für das nächste EcoMobility-Festival gefunden.

Das klingt nach einem aufregenden Prozess. Viel Glück dabei! Haben Sie vielen Dank für das aufschlussreiche Gespräch.

Konrad Otto-Zimmermann (61) ist Ver­waltungswissenschaftler, Initiator der Global Alliance for EcoMobility und Generalsekretär von ICLEI – Local Governments for Sustainability, www.iclei.org.

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