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Renaissance der Pflanzenheilkunde

Sarah Knauth sprach mit dem Phytologen Klaus Krämer, der sich seit seiner Kindheit intensiv mit Pflanzen und ihrer Heilwirkung beschäftigt.

von Klaus Krämer , Sarah Knauth , erschienen in 15/2012

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© Foto: www.foto-lmp.de

Pflanzen spielen in deinem Leben und in deiner Arbeit eine große Rolle. Die Bezeichnung Phytologe ist nicht ganz so geläufig. Umgangssprachlich könnte man dich auch als Pflanzenheilkundler bezeichnen. Woher kommt deine tiefe Verbundenheit zu den Pflanzen, gab es so etwas wie ein Schlüsselerlebnis für dich?

Ich komme aus einer halbbäuerlichen Gesellschaft und bin sowohl in der Stadt als auch auf dem Land großgeworden. Der Umgang mit Pflanzen, sei es für die eigene Ernährung oder zu Heilungszwecken, war sozusagen Familientradition, selbstverständlich und nichts Besonderes. Die therapeutische Anwendung von Pflanzen war meiner Großmutter mütterlicherseits zu eigen. Ich weiß gar nicht, ob sie eine Ausbildung hatte, aber sie war eine Heilerin. Mit ihr und dem Großvater bin ich ab und zu in die Natur gegangen, um Pflanzen zu sammeln. Außerdem hatten sie einen großen Garten, aus dem sie alles geholt haben, was gebraucht wurde. Die Frage nach dem Schlüsselerlebnis würde ich so beantworten: Ich habe Erinnerungen an Pflanzen, seit ich drei Jahre alt bin, und zwar sehr präzise. Zum Beispiel, als ich mit nacktem Oberkörper in die Brennnesseln fiel und dann mit Molke eingerieben wurde – das half sofort. Mit sechs Jahren kannte ich die meisten der hier einheimischen Pflanzen. Beim Schafehüten beobachtete ich, was die Tiere mochten und was nicht. Zu dieser Zeit, ungefähr mit elf Jahren, fand ich in einer zerbombten Hausruine ein kleines Büchlein über Heilpflanzen, das ich heute noch habe. Dadurch lernte ich um die neunzig Pflanzen genauer kennen, von der Physiognomie über die Wirkungsweise bis hin zu möglichen Anwendungen. Wenn ich im Namen meiner Großmutter in Apotheken oder Drogerien ging, bekam ich auch die Pflanzen, die offiziell nicht verkauft wurden, denn meine Großmutter war bei allen bekannt.

Wann hast du erkannt, dass die Pflanzenheilkunde deine Berufung ist, und wie bist du dazu gekommen, Phytotherapie mit der Irisdiagnose zu verbinden?

Lange bevor ich selber Heilpraktiker wurde, habe ich in der Familie, bei Freunden und Bekannten mit Pflanzen und auch mit Homöopathie ausgeholfen, so wie ich es von klein auf gewöhnt war. Als ich mich mit meiner eher technischen Ausbildung als Industrieschmied und Ingenieur unterfordert fühlte, suchte ich nach Möglichkeiten, mich mehr mit Pflanzen und dem heilenden Umgang damit zu beschäftigen. Ich war 28 Jahre alt, lebte in Berlin, und mein zweites Kind war gerade unterwegs, als mich Freunde auf die Idee brachten, eine Heilpraktikerausbildung zu machen, denn mit dieser beruflichen Neuausrichtung konnte ich mein Interesse und mein Wissen über Pflanzen gut verbinden. Anfang der 70er Jahre gab es nur wenige Schulen dafür. In München besuchte ich drei Jahre lang die Heilpraktiker-Fachschule. Unser Heilpflanzenlehrer war Josef Karl, der als Phyto­therapeut in Deutschland sehr bekannt ist. Während meiner Ausbildung spielte neben der Pflanzenheilkunde auch die Irisdia­gnose eine große Rolle, weshalb ich diese Verbindung später beibehalten und ausgebaut habe. Nach der Ausbildung kehrte ich zurück zu meiner Familie nach Berlin und eröffnete meine Praxis, die ich inzwischen seit 36 Jahren führe.


Es wird erzählt, du wärest schon hunderte Kilometer gereist, um eine Eisbeere zu pflücken oder eine bestimmte Eiche zu besuchen. Rufen die Pflanzen dich?
Jeder weiß, dass Pflanzen keine Stimme haben. Ich bin kein Schamane, sondern ich bin Pflanzenheilkundler und arbeite auch so. Manchmal kommt mir eine Pflanze in den Sinn, und dann denke ich, die könnte ich mal wieder besuchen, so wie man einen guten Freund besucht. Hin und wieder ergibt es sich aber auch, dass ich in der Nähe einer Pflanze oder eines bestimmten Baums vorbeikomme, den ich schon eine Weile nicht mehr gesehen habe, und dann einen Abstecher mache. Zum Beispiel zur »Kaiser-Lothar-Linde« nach Königslutter. Sie ist ungefähr 1200 Jahre alt, und es macht mir große Freude, sie anzuschauen oder solche Bäume anderen Menschen zu zeigen. In dieser Hinsicht rufen die Pflanzen mich schon.

Aus dem Verein »Heilen mit Pflanzen e. V.«, den du mit drei anderen Heilpraktikern gegründet hast, entstand schon 1994 die erste Heilpraktikerschule mit dreijähriger Ausbildung und dem Schwerpunkt Pflanzenheilkunde in Deutschland. Doch neben deiner Tätigkeit als Lehrer praktizierst du auch selber regelmäßig. Wie sieht deine praktische Arbeit heute aus? Gibt es bestimmte Krankheitsbilder, auf die du dich besonders spezialisiert hast?

Nein, ich habe mich nicht auf bestimmte Krankheiten spezialisiert. Ich behandle alle Menschen, unabhängig davon, mit welchen Symptomen sie kommen. Meine Behandlungsmethode ist relativ einfach. Aus verschiedenen getrockneten Heilpflanzen stelle ich Teekompositionen zusammen, die ganz individuell auf die jeweilige Erkrankung abgestimmt sind. In der Regel werden diese Tees dreimal täglich über ein bis zweieinhalb Monate hinweg getrunken. Danach berichten die Patienten von den Veränderungen, die sie an sich bemerkt haben, und bekommen einen neuen Tee. Ein solcher Prozess braucht Zeit, denn nach jedem Tee zeigen sich neue Zusammenhänge, das Bild wird immer klarer. Daher kann es sechs Monate oder auch bis zu drei Jahren dauern, bis positive Veränderungen sichtbar werden und sich stabilisieren. Zusätzlich behandle ich auch ab und zu mit der Biochemie nach Dr. Schüßler. Für die Diagnose setze ich alles ein, was hilfreich ist: Neben Anamnese, klinischer Diagnostik und Laborwerten kommt dabei auch die Augendiagnostik zum Einsatz. Struktur und Farbe der Iris geben wertvolle Hinweise auf die genetischen Voraussetzungen eines Menschen. Mit einem geschulten Blick durch Lupe oder Irismikroskop lassen sich im Auge sowohl Krankheitstendenzen als auch bereits bestehende Erkrankungen erkennen.


Die Phytotherapie oder Pflanzenheilkunde ist ja in Deutschland nicht so geläufig wie vielleicht noch vor einigen hundert Jahren. Mit welchen Erwartungen und Vorurteilen von Patienten wirst du konfrontiert?
Die Patienten erwarten, dass sie gesund werden. Vorurteile gibt es wenige, denn diejenigen, die zu mir kommen, kennen mich und wissen, dass sie bei mir Tee trinken müssen. Ihre Erwartungen sind manchmal sehr hoch. Dann ist es wichtig, Gespräche zu führen – auch darüber, was sie in welchem Zeitraum erwarten können.

Es gab in den letzten Jahren immer wieder viel Wirbel um Änderungen im Arzneimittelgesetz. Denn es werden nur noch die Arzneimittel zugelassen, deren Wirkung mit naturwissenschaftlichen Methoden nachweisbar ist. Viele hatten die Befürchtung, dass dies das Ende für die legale Anwendung von Heilpflanzen bedeuten könnte. Welche Schwierigkeiten siehst du für dich als Phytotherapeut in Zusammenhang mit dem derzeitigen Arzneimittelgesetz?

In den letzten Jahren wurden eine ganze Reihe bewährter Heilpflanzen vom Markt genommen, die meisten, weil sie angeblich leberschädigend sein könnten. Ich finde das zwar bedauerlich, aber meine Arbeit wird dadurch nicht behindert. Prinzipiell sehe ich keine Schwierigkeiten, weil uns genügend Teedrogen zur Verfügung stehen, für die es keine Einschränkungen gibt, die nicht als Arzneimittel gelten. Zusätzlich lassen sich von allen Heilpflanzen ganz legal Tinkturen herstellen. Dadurch entsteht ein weites Feld an therapeutischen Möglichkeiten, die wir gar nicht ausschöpfen können.


Exotische Heilweisen stehen heute hoch im Kurs: Mal ist es die traditionelle chinesische Medizin, mal Ayurveda, mal schamanisches Heilen. Warum scheinen solche Methoden für viele Menschen attraktiver als unsere eigenen Traditionen?
Ich würde hier nicht von »exotisch« reden, denn es handelt sich um ganz präzise Heilweisen nach alter Tradition, und wir sollten froh sein, dass es sie gibt. Attraktiv sind sie, weil es nur noch sehr, sehr wenige Menschen gibt, die unsere eigenen Traditionen kennen, beherrschen und anbieten. Deshalb greifen die Leute dann auf Angebote zurück, die aus aller Welt stammen. Unsere eigenen vielfältigen Heilungsmethoden, auch außerhalb der Phytotherapie – beispielsweise die Wasserbehandlungen von Kneipp oder der Einsatz von Blutegeln – sind durch die moderne Medizin, die Pharmaindustrie und die technischen Anwendungen in den Krankenhäusern in den Hintergrund geraten. Man tut so, als ob diese natürlichen Methoden völlig veraltet seien, als ob man das nicht mehr bräuchte. Ich bin gespannt, wann sie wieder modern werden.

Es wachsen auch in Deutschland immer mehr eingewanderte Pflanzen, deren ursprünglicher Lebensraum in anderen Teilen der Erde liegt. Die meisten davon wurden gezielt angesiedelt, vermehren sich aber inzwischen auch unkontrolliert. Das wird teilweise als Bereicherung, aber auch als Bedrohung empfunden, zumindest, wenn sie sich wuchernd ausbreiten und andere Pflanzen verdrängen. Welche Bedeutung gibst du diesen Neophyten?

Selbstverständlich benutzen wir auch Pflanzen, die in anderen Teilen der Erde zu Hause sind. Die Akazie, eigentlich Robinie genannt, ist so ein Beispiel. Sie kommt vom amerikanischen Kontinent, ist aber inzwischen auch in Europa weit verbreitet. Ihre Blüten haben eine heilende Wirkung. Wir nehmen auch den einjährigen Beifuß, eine alte chinesische Pflanze gegen Malaria, oder Ginseng, der jetzt auch in Deutschland wächst. Ich sehe auch nicht, dass eingewanderte Pflanzen die einheimischen verdrängen oder gefährden. Es gab viel Wirbel um den aus dem Kaukasus eingewanderten Riesenbärenklau, aber ich sehe darin kein Problem.


Du gibst dein Wissen in Berlin am Institut für Phytotherapie und in eurer Heilpraktikerschule in den Fächern Pflanzenheilkunde und Augendiagnose auch an junge Leute weiter. Wie schätzt du die Zukunft der Phytotherapie ein? Und gibt es ein Fazit für dich nach 36 Jahren praktischer Erfahrung?
Ich bin sicher, dass die Phytotherapie eine glänzende Renaissance erfahren wird, denn es läuft alles darauf hinaus, dass die heutige Gesundheitsindustrie an ihre Grenzen kommt. Immer mehr Menschen wird bewusst, dass chemische Arzneimittel der Gesundheit oft mehr schaden, als dass sie echte Heilung unterstützen. Sie sorgen nicht dafür, dass die naturgegebenen Körperfunktionen wiederhergestellt werden, sondern beseitigen Symptome und Schmerzen auf Kosten des gesamten Organismus. Die Phytotherapie dagegen nimmt auf sanfte und natürliche Weise Einfluss auf Fehlfunktionen oder Störungen des Körpers und der persönlichen Befindlichkeit und kann so die Selbstheilung optimal unterstützen. Ich plädiere dafür, dass man in der Behandlung einfach bleibt und versucht, hochkomplizierte Behandlungsmethoden auf ganz einfache Zusammenhänge zurückzuführen. Auch Ernährung kann ganz einfach sein, wenn man einige Grundsätze beachtet – so wie eben auch das Heilen mit Pflanzen ganz einfach ist.

Vielen Dank für das Interview. 

Klaus Krämer (62) arbeitet als Pflanzen­heilkundler in eigener Praxis in Berlin und ­unter­richtet am Institut für Phytologie.

Sarah Knauth (34) wuchs in der Türkei auf. Sie lebt und arbeitet als Sängerin, Musikerin und Heilpraktikerin in Berlin.
Heilpflanzenkunde im Netz:
www.heilen-mit-pflanzen.de

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