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Spielplatzerfinder Michael Grasemann liebt Matsch, krumme Äste und schiefe Wände.

von Ulrike Meißner , erschienen in 15/2012

Die herkömmlichen Spielplätze werden schnell langweilig. Eine neue Generation von Spielplatzbauern geht andere Wege.

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© Foto: www.holz-spielplatz.de

Fragt man Michael Grasemann aus Dresden nach einer idealen Welt, wäre es eine, die keine Spielplätze bräuchte. Es gäbe darin Städte, in denen vor allem Künstlerinnen und Künstler, Försterinnen und Gärtner das Sagen hätten. Es gäbe zahlreiche Probierfelder für Kinder und wohl auch Große, wo sie sein, tun und sich ausprobieren könnten. Und wo Kinder wie vollwertige Menschen behandelt würden. Trotz allem guten Gestaltungswillen von uns Großen sind Spielplätze eine Krücke, denn sie zeigen, dass die »normale Welt« sich nicht mehr zum Spielen eignet. Schon Ende des 18. Jahrhunderts forderte der Theologe Peter Villaume eingezäunte Plätze in der Stadt, in denen Kinder vor »Pferden, Wagen und Hunden« geschützt sein sollten.


Jenseits von Erwachsenenästhetik
Spielplätze waren in der Geschichte nie frei von damit verbundenen Zielen. Friedrich Ludwig Jahn (1778–1852), Begründer der Turnbewegung und Streiter gegen Napoleons Besetzung Deutschlands, der das Turnen an Reckstangen oder Barren auf öffentlichen Plätzen propagierte, hatte mit der Gesundheit auch eine militärische Ertüchtigung der Jugend im Sinn. Friedrich Fröbel, der 1839 den ersten Kindergarten eröffnete, ging es mit seinen halböffentlichen Spielplätzen vor allem um Lernerfolge, auch um die Vermittlung von Gartenbautechniken. Spielplätze geben immer etwas vor, das manchmal gar nicht zu dem passt, was die Kinder vorhaben. »Gib Kindern einen Haufen Bretter, und sie machen daraus ein Baumhaus. Gib ihnen ein Baumhaus, und sie machen daraus einen Haufen Bretter«, ist eine Erfahrung von Michael Grasemann.
Klassischerweise entsteht ein Spielplatz nach der Maxime »wir bauen bunt, niedlich, sauber, sicher« – und langweilig – eben Erwachsenenästhetik, weil der Erwachsene bezahlt. Grasemann geht es um anspruchsvolle Plätze, wo Kinder auf eigene Faust spannende Erfahrungen machen und ohne vorgegebene »Bühnenbilder«, wie Schiffe, Burgen oder ähnliches, Spiele erfinden können. Es entstehen windschiefe Hüttchen für die ganz Kleinen, in denen Treppen, schräge Ebenen oder verschachtelte Wände das Gleichgewicht herausfordern. Hier wachsen Holzgespinste aus naturbelassenen Hölzern für die Größeren, dort stehen verschachtelte Spielhäuser aus ehemaligen Seecontainern. Sie laden mit mehreren Ebenen, mit schiefen und geraden Wänden, mit unerwarteten Auf- und Abgängen oder Luken zum Erforschen und Beklettern ein. Woanders rinnt Wasser aus Schwengelpumpen durch Rohre, Kanäle oder Schläuche, wird angestaut oder flutet ein Sandbecken.

Warum nicht in der Erde spielen?
Woher nimmt Michael Grasemann die kreativen Ideen? Da ist zuallererst die Frage nach den Orten, an denen die Eltern und Großeltern heutiger Kinder spielten, als die Welt noch freier und weniger kontrolliert war. Da gab es den Wald, Bachläufe, Kuhställe und Scheunen, Heuböden, Keller, Pfützen, bei manch einem auch eine offene Gruft, ein verlassenes Sägewerk oder eine Kiesgrube.
Dann folgt die Frage nach den Bedürfnissen der Kinder. Wenn schon einen »künstlichen« Ort gestalten – wie muss er beschaffen sein, damit er so viel Freiraum gibt, dass die Kinder trotz aller Künstlichkeit inspiriert und kreativ sein können? »Kinder müssen stolpern dürfen, damit sie laufen können«, betont Michael Grasemann. Sie lieben Orte, die nicht gleich völlig einseh- und abschätzbar sind, die scheinbar unüberwindliche Grenzen setzen, deren Übertretung auch mal schmerzhaft sein darf. Denn »wo nichts passieren kann, passiert auch nichts«. Oder wie der Schweizer »Spielträumer« Toni Anderfuhren, ein legendärer Spielplatzbauer und Freund von Grasemann, sagt: »Du musst auch mal zu weit gehen, damit du weißt, dass du zu weit gegangen bist.« Beim Bau der Klettergerüste und Entdeckungsräume von Michael Grasemann bleibt immer etwas, das die Kinder nicht schaffen, solange sie sich nicht gegenseitig helfen oder Arme und Beine nicht länger geworden sind. Es bleiben Her­ausforderungen für die Zukunft, und sei es nur ein Tritt, der etwas zu hoch ist.
Das beste Spielgerät ist ein unsortierter Bauschuttcontainer, da ist sich Michael sicher. Er denkt dabei auch an seinen eigenen Spielplatz, sein Atelier voll verschiedenster Materialien. Was im Modell aus Pappe, Stöckchen und Fäden gebaut ist, besteht in der Realität aus Holzbalken, Ketten, Sandsteinblöcken, Metall- und Plastikrohren, Metallplatten, Seilen und durchsichtigen Schläuchen. Sand als Spielgrund scheint aus dem Bild des Spielplatzes kaum wegzudenken, ist für Michael Grasemann jedoch »eine Krücke, weil man Kindern nicht erlauben will, in der Erde zu spielen«. Wenn sich die Spielplatzbezahler dar­auf einlassen, baut er lieber Erdspielplätze, wo man in der Erde auch Steine, Stöckchen und lebendes Getier finden kann und Kinder sich dreckig machen dürfen. Was für ein Abenteuer ist der Fund einer Raupe oder eines Käfers im Vergleich zum Backen von Sand-Törtchen!
Michael Grasemann macht sich stest bewusst, dass alles, was gebaut wird, vergänglich ist. Seine Spielplätze können jederzeit wieder zerlegt und die Bestandteile anderweitig wiederverwendet werden. Betonfundamente kommen nur dorthin, wo sie tatsächlich nötig sind, damit die Spielstruktur nicht irgendwann als schwer zu beseitigende Ruine verbleibt und auch, damit einzelne Teile repariert werden können.
Oft wird über den Vandalismus an Spielplätzen geklagt, wenn Jugendliche sich an Spielgeräten zu schaffen machen, die etwa nur für die Kleinen gedacht sind. Michael Grasemann erkennt in diesem sogenannten Fehlverhalten den Wunsch, sich auszuprobieren, und einen Gestaltungswillen. Denn warum werden die nun großen Kinder plötzlich aufgrund ihres Alters von den altbekannten Plätzen vertrieben? Vandalismus kennt er von seinen Spielplätzen nicht, vielleicht auch, weil er sich jedesmal nicht nur die Frage stellt »Wie bau ich’s?«, sondern auch: »Wie krieg ich’s kaputt? Und wie kann ich Letzteres ausschließen? Denn alles, was geht, wird auch gemacht.« Auf einem Spielplatz baute er deshalb auch »Opferstock«-Elemente ein, die dazu einladen, mit dem Taschenmesser bearbeitet zu werden. Gelegentlich können sie einfach ausgetauscht werden.
Seine Plätze plant Michael nicht nur im Atelier. Der Ort und die verwendeten Materialien führen ihn zur zukünftigen Gestaltung. Vor Ort erfühlt er, was hier hingehört, und der Ort entscheidet, wo und wie die Behausung aufgebaut wird, damit sie später Bude, Schloss oder Schiff sein kann. Besondere Wertschätzung und Dankbarkeit empfindet Michael Grasemann seinem liebsten und oft verwendeten Baustoff gegenüber, der Robinie. Ihre natürlich krummgewachsenen Stämme holt er selbst aus dem Wald, wo sie ihn dann manchmal schon zu Spielideen inspirieren.

Unfertige Räume
Michael Grasemanns Spielplätze entstehen im Pingpongspiel zwischen Ideen, Materialien und dem, was ihm begegnet, wenn er mit offenen Augen durch die Welt geht. Eltern, die ihr Gelände kindertauglich gestalten wollen, können dieses Spiel ganz einfach selbst spielen. Der Spielplatzbauer hat einige Tipps fürs Selbermachen parat: Besonders wichtig ist die Topographie des Geländes. Schon ein kleiner Hügel, aufgeschüttet in einem sonst flachen Garten, kann zu Ritterburg, Piratenschiff oder Thea­terbühne werden. Heckensträucher bergen die besten Verstecke, und bei entsprechender Pflanzenwahl gibt es Beerenproviant gleich mit dazu. Ein Sonnensegel schafft einen geschützten Ort, wenn Bäume fehlen. Die wichtigste Spielregel: »Heilige Ecken« der Kinder müssen geachtet werden! Im Kinderreich ist Unordnung erlaubt. Klare Spielregeln für alle legen fest, wo erwachsene und wo kindliche Ordnung sein darf.
Kinder sind spielende Menschen, sie wollen berühren, betasten, begreifen und nach ihren eigenen Vorstellungen gestalten. Vielleicht können die Großen wieder lernen, Kindern weniger fertige Räume vorzugeben und überall das Experimentieren zuzulassen – in einem geheimen Kinderversteck hinter den Büschen im Garten oder auf dem Spielplatz –, vielleicht auch einen Ort der scheinbar geordneten Erwachsenenwelt zum Spielplatz werden lassen. Warum nicht mal mit den Töpfen in der Küche einen Turm bauen? Und danach vergnüglich mit den Kindern kochen? Dann sind wir auf dem Weg in die Welt, in der Spielplätze keine Reservate für Kinder mehr sind. 


Zwei kreative Spielplatzbauer:
www.holz-spielplatz.de (Michael Grasemann)
www.spielträumer.ch (Toni Anderfuhren)

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