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Neue Noahs gesucht!

Nutztiere können in der Permakultur wertvolle Mitarbeiter und Nahrungsgrundlage zugleich sein – Schweine ackern den Boden, Hühner vertilgen unerwünschtes Krabbelgetier, und Schafe mähen die Wiese. Es lohnt sich, bei der Wahl der tierischen Mitarbeiter auf alte Haustierrassen zu setzen.

von Sylvia Buttler , erschienen in 14/2012

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Dass viele Arten bedroht sind, sowohl Tiere als auch Pflanzen, weiß heutzutage jedes Kind. Dass darunter auch »Nutz-« bzw. Haustiere sind, ist hingegen eher unbekannt. Derzeit stehen 70 Haustierrassen auf der roten Liste.
Da nur noch wenige Haustierrassen in der Landwirtschaft »genutzt« werden, haben wir uns an ein einheitliches Aussehen gewöhnt. Eine Kuh hat schwarz-weiß zu sein und ein Schwein rosa. Dabei gibt es auch gefleckte Schweine, braune Kühe und schwarze Schafe. Nachgefragt und daher gezüchtet werden diejenigen Rassen, die die höchste Leistung versprechen. Und das sind die modernen Kreuzungen. Dabei gibt es unter den Nutztieren alte Rassen, die früher vor allem von regionaler Bedeutung waren und im Ergebnis langjähriger Zuchtbemühungen an Klima und Boden ihrer Heimat angepasst sind. Gegenüber den Hochleistungsrassen sind sie widerstandsfähiger und vitaler. So verwundert es nicht, dass die wenigen Vertreter alter Rassen, die gehalten werden, überwiegend in Bio-Betrieben zu finden sind. Allerdings ist noch nicht allen Rassen der Sprung von der Hobbyhaltung in die professionelle Landwirtschaft gelungen.
Jenen engagierten Hobbyhaltern aber haben wir es überwiegend zu verdanken, dass überhaupt noch Restbestände dieser Tiere existieren. Zum Vergleich: Es gibt noch etwa 500 Sibirische Tiger, der Bestand des Murnau–Werdenfelser Rinds beträgt 550 Tiere, von den Alpinen Steinschafen gibt es noch 720.
Wann aber ist eine Rasse alt? Sie muss seit mindestens 50 Jahren in Deutschland bekannt und durch zeitgenössische Darstellungen dokumentiert sein. Gefährdet ist sie dann, wenn der Tierbestand unter eine bestimmte Mindestanzahl sinkt. Für Pferde, Schweine und Ziegen liegt diese bei 5000 Tieren, für Schafe bei 1500. Alt alleine reicht aber noch nicht, die Rasse muss auch erhaltenswert sein. Das ist der Fall, wenn sie von kulturhistorischer Bedeutung ist. Geschützt werden also im Grund die Zuchtbemühungen und Zuchterfolge früherer Generationen.

Viele gute Gründe
Nicht alle sind davon überzeugt, dass es sinnvoll und notwendig ist, alte Haustierrassen zu erhalten. Eine einzige Schweinerasse, eine Rinderrasse würden doch ausreichen, um die Ernährung mit tierischen Produkten sicherzustellen, meinen Kritiker. Übersehen wird dabei jedoch, dass die Erhaltung der Artenvielfalt nicht nur nostalgische Beweggründe hat. Immer wieder werden zum Beispiel Tierbestände von Krankheiten und Seuchen heimgesucht. Vor einigen Jahren dezimierte die Blauzungenkrankheit Schaf- und Ziegenherden, heute sind die Tiere vom Schmallenbergvirus bedroht. Experten halten die Vielfalt der Rassen und die damit verbundenen genetischen Ressourcen durchaus für wichtig im Kampf gegen derartige Krankheiten. So ist zu beobachten, dass bei gleichzeitiger Haltung von Hochleistungsrassen (z. B. Merinoschafen) und alten Rassen erstere stärker von Parasiten befallen werden. Merinoschafe sind außerdem empfindlicher gegen Kälte und Nässe, ihre Wolle saugt Wasser regelrecht auf – im Gegensatz zu den alten Rassen, deren Wolle das Wasser abperlen lässt. Solche Kriterien werden in Zukunft wieder mehr in den Vordergrund rücken, da die Haltungsbedingungen von Nutztieren sich ändern müssen. In Zeiten von Peak Oil wird die Stallhaltung der anspruchsvollen und anfälligen Hochleistungsrassen immer teurer. Eine »moderne« Milchkuh gibt nicht von Natur aus 6000 oder mehr Liter Milch jährlich. Sie lebt auch nicht so lange wie eine Vertreterin der robusteren Rassen, die während ihres langen Lebens natürlich mehr Kälber bekommt.
Solche Überlegungen waren es auch, die Nathalie Ketterle vom Archehof Ketterle bewogen, sich für das Coburger Fuchsschaf zu entscheiden. »Unser Hof am Rand der Schwäbischen Alb, umgeben von steilen Hängen, wäre für Hochleistungsschafe nicht geeignet«, erklärt sie. »Daher haben wir nach Rassen gesucht, die mit dem Futterangebot hier gut zurechtkommen.«
In Deutschland, Österreich und der Schweiz gibt es mehrere Vereinigungen, die sich die Erhaltung und Verbreitung alter Rassen zur Aufgabe gemacht haben. Die GEH (Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen), Pro Specie Rara und der Verein VIEH e. V. sind einige von ihnen. Die GEH ernennt jedes Jahr eine »Rasse des Jahres«, die unter anderem auf der Grünen Woche in Berlin präsentiert wird.
In den genannten Vereinigungen sind überwiegend Hobbyhalter aktiv, die viel Zeit und Mühe aufwenden, um ihren Schützlingen zu mehr Aufmerksamkeit zu verhelfen. Wegen der niedrigen Bestandszahlen ist es umso wichtiger, auf Inzuchtvermeidung zu achten. Das zwingt Züchter jedoch oft zu langen Transportfahrten, um an neue Zuchttiere zu kommen. Die geografische Ausbreitung der Rassen kann aber den Vorteil haben, dass bei Ausbruch einer Seuche in einer Region Tiere in anderen Landesteilen von Zwangstötungen verschont bleiben. Insofern kann es sinnvoll sein, etwa das Bunte Bentheimer Schwein auch in Bayern zu züchten, obwohl es ursprünglich im Norden beheimatet ist.

Perfekt angepasst
Andere Rassen sind weniger dafür geeignet, in fremde Regionen umzuziehen. Alpine Schafrassen etwa, die an die Boden-, Klima- und Futterbedingungen der Berge angepasst sind, werden sich in Norddeutschland schwertun. Würde man sie dort ansiedeln, könnten sie auf Dauer sogar ihre rassetypischen Merkmale verlieren. Die Moorschnucke hingegen ist so gut an Moorlandschaften angepasst wie sonst keine Rasse. Selbst knietiefes Wasser beeinträchtigt die Gesundheit dieser Schafe nicht. Wer sich Tiere einer alten Rasse anschaffen möchte, sollte sich vorher genau mit ihren Bedürfnissen beschäftigen. Am geeignetsten werden immer regional angestammte Tiere sein, was manchmal schon am Namen zu erkennen ist.
Manche alte Rasse schafft es auch in die professionelle Landwirtschaft. So erfuhr vor einigen Jahren das Bunte Bentheimer Schwein eine Renaissance vor allem in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen. Der in Laer bei Münster ansässige Naturlandhof von Maria Büning setzt ganz auf diese Rasse, die in den 1960er Jahren fast ausgestorben war. Der Erhalt der Rasse ist dem damals einzig verbliebenenen Züchter zu verdanken. »Die Bent­heimer Schweine setzen mehr Fett an als andere Rassen, das war bei den Verbrauchern lange Zeit verpönt«, sagt Maria Büning. »Heute wissen unsere Kunden aber den besonderen Geschmack und die Qualität zu schätzen, schließlich wird bei uns ein Schwein mindestens ein Jahr alt.« Auf dem Bio-Hof im Münsterland leben rund 600 Schweine in Weidehaltung, beobachtet von einem Rudel Border Collies. Diese Hütehunde treiben die Schweine bei Bedarf auf eine andere Weide oder in den Stall. »Unsere Schweine sind robust und halten sich am liebsten draußen auf, auch im Winter«, erklärt Maria Büning. »Und sie bleiben auch dann noch gelassen, wenn bei unserem Hoffest 5000 Besucher herumlaufen. Hochleistungsschweine bekämen wohl spätestens dann einen Herzinfarkt.« Ihre Besucher sind immer wieder überrascht, dass sie die Sauen mit ihren Ferkeln in großen, eingestreuten Ställen herumlaufen lässt. Dieses Bild kennt man heute gar nicht mehr.

Erhalten durch Aufessen
Es verwundert auf den ersten Blick, dass die seltenen Tiere für den Verzehr geschlachtet werden. »Das Motto heißt: Erhalten durch Aufessen«, meint die Züchterin. »Nur wenn Produkte gekauft werden, lohnt es sich für Landwirte, die alten Rassen zu erhalten.«
Betrachtet man die Höfe, die alte Haustierrassen züchten, fällt auf, dass fast alle die Vermarktung ihrer Produkte selbst in die Hand genommen haben. Die Kunden schätzen die Nähe zu »ihrem« Bauern und sind bereit, für Fleisch, Käse oder Eier etwas mehr zu bezahlen. Viele dieser Betriebe sind außerdem Mitglied in einem der Bio-Verbände. »Bio und alte Haustierrassen passen wunderbar zusammen«, so Maria Büning. Sie wollte ihren Kunden auf dem Münsteraner Wochenmarkt auch Rindfleisch anbieten können und schaffte sich daher eine Herde vom »Harzer Höhenvieh« an.
Schwieriger scheinen es alte Geflügelrassen, insbesondere Hühner, zu haben. Obschon bei Hobbyhaltern sehr beliebt, trifft man sie in größeren Betrieben nur sehr selten an. Dort werden heute Rassen gesucht, die entweder sehr viele Eier legen oder während der Mast viel Gewicht zulegen. Die alten Rassen zeichnen sich jedoch durch Robustheit, ein ausgeprägtes Sozialverhalten und Vitalität aus – ­Eigenschaften, die bei den heutigen Haltungsformen nicht mehr gefragt sind, auch nicht in den meisten Bio-Betrieben.
Für Nathalie Ketterle ist der geringere Fleischansatz ihrer Lämmer dagegen kein Vermarktungsproblem. »Im Gegenteil«, sagt sie. »Meine Kunden haben meist nur geringe Lagerkapazitäten und wollen gar nicht so schwere Lämmer.« Und sie sieht noch einen weiteren Vorteil: »Wir laden Schulklassen ein und spinnen und filzen mit den Kindern. Da ist es von Vorteil, dass die alten Rassen vielfältigere Farbschläge hervorbringen. Nur weiße Wolle wäre den Kindern zu langweilig. Deswegen haben wir auch noch Juraschafe und Alpine Steinschafe dazugenommen.«
Vor einigen Jahren waren Besitzer von kleinen Herden noch gezwungen, die Wolle ihrer Schafe nach der Schur wegzuwerfen. Niemand wollte die farbige Wolle haben. Kommerzielle Abnehmer drängen außerdem auf große Mengen, möglichst in einer Farbe und einheitlicher Qualität. Hinzu kam der Wunsch des Verbrauchers nach möglichst weicher Wolle, wie die Merinoschafe sie liefern. Die Nachfrage nach derberer Wolle, wie sie für Walk- und Filzstoffe benötigt wird, ging immer mehr zurück. Das bewog die GEH dazu, das Projekt »Kollektion der Vielfalt« ins Leben zu rufen. Hier haben Schafhalter die Möglichkeit, die Wolle ihrer Tiere abzugeben. Diese wird dann gewaschen und zu Pullovern, Hausschuhen und anderen schönen Dingen verarbeitet. Nathalie Ketterle hat die Vermarktung der Produkte übernommen. »Es ist wichtig für die Züchter, dass sich die Arbeit wieder lohnt und die Wolle wertgeschätzt wird.«

Spitz, pass auf!
Die beispielhaft erwähnten Haustierrassen sind keine Einzelfälle. Zahlreiche weitere Rinder-, Schaf- und Ziegenrassen sind bedroht. Dazu kommen Kaninchen, Esel, Pferde und – was weithin unbekannt ist – auch Hunde. Während es für Esel so gut wie keine Einsatzmöglichkeiten mehr gibt, leiden die alten Pferderassen unter den veränderten Ansprüchen der Reiter. Fast völlig aus der Landwirtschaft verdrängt, ist das Pferd heute im besten Fall Freizeitpartner, schlimmstenfalls Sportgerät. Für die überwiegend schweren Rassen wie das Rheinische und Belgische Kaltblut gibt es kaum noch Verwendung. Auch das könnte sich allerdings in Zukunft durch steigende Benzin- und Dieselpreise wieder ändern.
Selbst das liebste Haustier der Deutschen, der Hund, leidet unter Modeschwankungen. Beispielsweise war der Spitz früher auf vielen Bauernhöfen als zuverlässiger Wächter und treuer Freund der Kinder zu finden. Obwohl eigentlich ein perfekter Familienhund – freundlich, nicht zu groß und ohne nennenswerten Jagdtrieb – ist er heute auch auf dem Land nicht mehr zu sehen.
Andere Hunderassen sind bedroht, weil ihnen die Arbeit ausgeht. So der Harzer Fuchs, auch Altdeutscher Hütehund genannt, oder der Deutsche Pinscher, der als Stall- und Hofhund ausgedient hat. Auch sie hätten es verdient, dass wir uns ihrer vielen guten Eigenschaften erinnern. Vielleicht brauchen wir sie bald wieder. 


Sylvia Buttler (43) ist Landwirtin und Autorin. Sie lebt im Bayerischen Wald und züchtet bedrohte Haustierrassen, darunter die seltenen Alpinen Steinschafe. www.am-schimmelbach.de
 

Hier kann man eine neue ökologische Leidenschaft entdecken:
Internet:
www.g-e-h.de
www.vieh-ev.de
www.prospecierara.ch
Literatur:
Hans Hinrich Sambraus: Gefährdete Nutztierrassen. Ulmer Verlag, 2011
Im Text erwähnte Höfe:
www.naturlandhof-buening.de
www.archehof-ketterle.de 

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