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Die Welten-Wanderin

Von der Apartheid Südafrikas zum globalen Netzwerk der Gemeinschaften ist es ein weiter Weg. Was treibt einen Menschen an, ihn zu gehen?

von Kosha Anja Joubert , erschienen in 02/2010

Kosha Anja Joubert wuchs in Südafrika auf. Zur Zeit, in der noch die Apartheid herrschte, entschied sie sich, ihr Leben der authentischen Kommunikation zwischen Menschen zu widmen. Heute setzt sie sich auf internationaler Ebene für den Aufbau nachhaltiger Gemeinschaften im Rahmen von Ökodörfern ein.

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Meine Mutter ist Deutsche. Mein Vater stammt aus einer südafrikanischen Burenfamilie – ursprünglich Hugenotten, die im 17. Jahrhundert ans Kap der Guten Hoffnung geflohen waren. Wenn überhaupt irgendwo, bin ich dort in der kargen Karoo-Landschaft verwurzelt. Als Kind lief ich nachmittags, wenn alle im Schatten des Hauses meiner Großeltern ruhten, hinaus auf das Feld. Der Sand brannte heiß unter meinen nackten Füßen, das Zirpen der Zikaden vibrierte in der Luft. Hier draußen war ich frei. Im Haus hingegen gab es Räume mit einer Dunkelheit, die sich der lichtdurchfluteten Weite widersetzte. Das Geräusch der dicken Pavianspinnen auf den Holzfußböden flößte mir Furcht ein. Angst hatte ich auch vor etwas, das mir unbenannt blieb. Da war eine Spannung ­unter den Menschen – ein Gefühl der Gefahr. In meinen Alpträumen brach Feuer aus der Erde und verschluckte, was mir lieb und teuer war. Am Tag wuchs in mir das Bewusstsein um die Apartheid: Gewaltsam getrennte Welten in einem Land voller Schönheit.

Alle paar Jahre verbrachten wir einige Monate in Deutschland. Ich lernte, wie sehr meine Persönlichkeit von dem Wertesystem der jeweiligen Kultur geprägt wurde. Der Bruch kam mit der Emigration in die Niederlande in meinem fünfzehnten Lebensjahr. Nicht nur der ewige Nieselregen machte mir zu schaffen. In Süd­afrika war ich Vorreiterin in meiner Schulklasse gewesen, frech und auftrumpfend – als Klassenbeste konnte ich mir einiges erlauben. Dort hatte ich die modernsten Ideen und herausfordernde Gedanken. In Europa war ich plötzlich die Altmodischste des Klassenverbands. Fassungslos sah ich zu, wie meine Altersgenossen sich Joints drehten oder mit sexuellen Abenteuern und kleinen Diebstählen prahlten. Ich wurde schweigsam. Wer war ich, wenn von meiner Persönlichkeit nach einem Umzug so wenig übrig blieb?

In dieser Welt fiel auch Gott als letztendliche Zuflucht weg. Mir war klar geworden, dass der Jesus meiner Kindheit auf unerklärliche Weise in die Apartheid verwickelt gewesen war. Die falsche Moral der gefalteten Hände und inbrünstigen Gebete, während gleichzeitig Aktivisten der Gleichberechtigung in Gefängnissen mit Elektroschocks gequält wurden, war in mir aufgebrochen. Der Materialismus eines wissenschaftlichen Ansatzes, der die Welt nüchtern auseinandernimmt und Handel mit ihr treibt, bot keinen Trost, sondern vertiefte mein Erschrecken. Ich kämpfte mit Schlaflosigkeit, stritt mit meinem Vater, nahm Zuflucht zu Literatur und Kunst. Meine wachsende Wut über die Apartheid führte schließlich zu einem Riss in der Familie – was sollen Eltern tun, wenn die eigene Tochter eine »Terroristenorganisation« wie den ANC (Afrikanischer Nationalkongress, www.anc.org.za) unterstützt?

Alte Wege, neue Wege
Ich studierte Linguistik und kulturelle Anthropologie, getrie-
ben von dem sehnlichen Wunsch, die interkulturelle Kommunikation zu erlernen und Gesprächsräume zu eröffnen für Menschen, die sich fremd sind. 1990 war ich Helferin bei der Organisation einer Frauenkonferenz namens »Malibongwe«. Frauen aus Südafrika, von denen viele ins Ausland geflohen waren, konnten sich hier mit dem Ziel treffen, eine südafrikanische Frauenbewegung zu gründen und gemeinsame Strategien zu erarbeiten. Die Frauen, die kamen, waren zutiefst beeindruckend. Manche hatten Hüften, die so groß waren, dass sie die Welt zu umfassen schienen. Andere besaßen eine innere Kraft, dass die Luft förmlich davon erfüllt war und der Raum vibrierte. Sie sprachen direkt aus Herz und Bauch. Ich aber fühlte mich unendlich weiß, unbedeutend und schuldig. Obwohl ich viele Monate bei der Vorbereitung mitgearbeitet hatte, bekam ich den Mund nicht auf. Ich gab mein Studium auf. Nach vier Jahren an der Universität hatte ich nichts gelernt, was in dieser Situation von Bedeutung schien.

Ich verließ alle Sicherheiten, zog in ein besetztes Haus und fing an, ohne Geld zu leben. Ich trat der Performancegruppe »The Mutoid Waste Company« (www.mutoidwastecompany.co.uk) bei, die Müll in Kunst verwandelt – von überdimensionalen Dinosau­rier- und Insektenskulpturen aus Altmetall bis hin zu feinsten Zauberfiguren aus buntgemusterten Telefonkabeln. Maßgeschneiderte Kostüme und Hüte aus alten Innenreifen wurden meine Spezialitäten. Das Leben selbst wurde zu einem Kunstwerk. Hier, in den Randbereichen der normalen Gesellschaft, lernte ich endlich, mit dem Fremdartigen zu kommunizieren. Hier waren Menschen, die alles verloren hatten, was ihnen teuer war, und deren Wunden offenlagen. Hier fand ich zu meiner inneren Freiheit zurück.

Auf der Pilgerreise
1991 brach ich zu einer Pilgerreise durch Südafrika auf. Nelson Mandela war gerade freigelassen worden, die weiße ­Autorität brach langsam in sich zusammen. Es war eine Zeit der Gewalt im ganzen Land. Ich wollte all die Orte sehen, die ich als Kind nie gesehen hatte, Townships und Homelands durchwandern. Mit ­einem Bus, in dem ansonsten nur Schwarze reisten, fuhr ich in die nächste Township. Von dort trampte ich mit Taxis weiter und wunderte mich sehr über meine weiße Haut, so eingequetscht zwischen schwarzer Haut. Vier Wochen wanderte ich alleine die Küste hoch, von Port Elisabeth nach Port St. Johns.

Ich sah Wale im Meer. Meine Haut war salzig. Manchmal waren die Strände für Weiße, manchmal für Schwarze reserviert. Ich ging weiter. Die Weißen wunderten sich, denn es gab in ihrer Welt keine jungen weißen Frauen, die alleine die Küste hochwandern. Die Schwarzen lachten und zeigten auf mich. Manchmal wurde ich zu einem Essen eingeladen. Immer, wenn ich an einsamen Stränden auf Menschen traf, hatte ich Angst. Trotzdem geschah mir nichts: Ich passte in kein Konzept, die Menschen ließen mich in Ruhe. Schließlich landete ich in der Transkei, einem der damaligen Homelands. Dorthin waren Weiße vor dem Kriegsdienst geflüchtet und hatten sich mit Schwarzen zusammengetan. Eine Gemeinschaft war entstanden – Lehmhütten wurden gebaut, das Land wurde gepflügt, Kunsthandwerk hergestellt. Hier blieb ich zwei Monate, ruhte mich aus und heilte allmählich. Im Urwald bei Port St. Johns gibt es eine Schwefelheilquelle, zu der Kranke von weit her kommen. Dorthin schickte man mich. Ich saß in der Quelle mit einer dicken Xhosa-Frau. Sie lachte und schmierte mir den Schlamm auf den ganzen Körper. Ich tat für sie das Gleiche und spürte unendliche sinnliche Befriedigung in diesem schlichten Vorgang.

Keine der Hauptstraßen der Gesellschaft hätte mich an diesen Ort gebracht. Alle Freunde und Bekannte hatten mir gesagt, dass ich zumindest vergewaltigt werden würde, wenn nicht ermordet, alleine in diesem Land. Keiner wusste etwas von dem einfachen Wohlwollen, auf das ich traf. Aber das Leben kann nur gelebt werden. Die Weisheit liegt dort, wo wir sie nicht erwarten.

Es gab also Inseln inmitten unserer »normalen« Welt, wo Menschen längst Alternativen aufbauten. In der Transkei, mitten im Herzen Südafrikas und vollkommen unbeobachtet von der südafrikanischen Regierung, lebten Schwarze und Weiße nicht nur miteinander, sie lachten gemeinsam, liebten sich, ließen ihre Kinder gemeinsam aufwachsen. Diese Menschen hatten sich entschieden, in einem gewaltvollen System nicht länger mitzuspielen.

Eine unsichtbare Bewegung
Zurück in Europa, entdeckte ich, dass es nicht nur in Amster-
dam Gemeinschaftsprojekte aller Art gab, sondern in vielen Ländern. Ich reiste in die französischen Pyrenäen, nach Spanien, Gomera, Italien, England, Dänemark, Norwegen, Irland. Ich entdeckte ein Netzwerk, das mir bisher unsichtbar geblieben war. In den Medien, in der Schule, im Studium hatte ich nie davon gehört. Nun entfaltete es sich langsam und in erster Linie durch Mund-zu-Mund-Propaganda vor meinen staunenden Augen.

Statt auf das Versagen von Wirtschaft und Politik zu starren, sah ich plötzlich überall die Kraft und den Mut der Menschen, die ihr Leben in die Hand nehmen und sich für das Wohl eines größeren Ganzen einsetzen. Der Weg meines persönlichen Engagements hatte in einem globalen Netzwerk lokal verankerter Projekte eine Heimat gefunden. Seitdem sind fast zwanzig Jahre vergangen. Die Vielfalt und Ganzheitlichkeit der weltweit entwickelten Lösungsstrategien sind beeindruckend. 2007 veröffentlichte Paul Hawken sein Buch »Blessed Unrest« (»Gesegnete Unruhe – Wie die größte soziale Bewegung der Geschichte wieder Gerechtigkeit und Schönheit in der Welt herstellt«). Inzwischen schätzt er die Organisationen, die sich für Nachhaltigkeit und soziale Gerechtigkeit einsetzen, weltweit auf mehr als eine Million. Nie zuvor gab es eine Zivilbewegung in diesem Ausmaß! Zum ersten Mal in der Geschichte müssen wir anerkennen, dass wir alle unterschiedlich, aber gemeinsam unsere globale Realität erschaffen. Durch meine Arbeit für das Global Ecovillage Network kann ich viele dieser Menschen persönlich kennenlernen. Ich fühle mich reich beschenkt und verbunden mit einem weltweiten Freundschaftsnetz großartiger, mutiger Menschen.

Ich selbst habe jetzt zehn Jahre im Ökodorf Sieben Linden gelebt und werde im Herbst dieses mir lieb und vertraut gewordene Projekt verlassen und mit meinen beiden Kindern in die schottische Gemeinschaft Findhorn ziehen. Eine neue Integration von Aktivismus, Mutterschaft und Partnerschaft steht für mich an. Solche individuellen Schritte scheinen für sich zwar kaum bedeutsam zu sein, gemeinsam erschließen wir aber unaufhaltsam Neuland. Die Reise zur kollektiven Weisheit ist ein gemeinsames Abenteuer, das längst begonnen hat. Jede und jeder von uns spielt darin mit. 

Der Artikel basiert auf Auszügen aus dem Buch von Kosha Joubert: »Die Kraft der kollektiven Weisheit« (September 2010, Kamphausen-Verlag).

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