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Cyber- und Meatspace!

Zwischen Netz und Welt muss es zu einer fruchtbaren Wechselwirkung kommen.

von Daniel Reusche , erschienen in 14/2012

Welche Chancen bietet der Cyberspace, welche Unbill die Welt aus Fleisch und Blut? Ein junger Internet- und Erdenbewohner erzählt von seinem Weg und seinen Visionen.

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In der Schule war ich immer der Außenseiter: Ein Nerd, wie er im Buche steht. Ich interessierte mich für Computer, Technik, Naturwissenschaften, Science-Fiction und ausländische Filme. Außerdem war ich unsportlich. Ich konnte nichts mit meinen Mitschülern anfangen, sie nichts mit mir.
Dann, als ich vierzehn war, wurde uns ein Internetanschluss gelegt. Eine ganz neue Welt eröffnete sich mir: Ich wurde mit offenen Armen empfangen. Es gab Chat­rooms und Foren zu fast jedem Thema. Überall war der Geist der Zusammenarbeit zu spüren. Diskussionen wurden geführt, um Erkenntnisse zu gewinnen, Fragen beantwortet ohne Erwartung einer Gegenleistung. So entgegnete mir einmal jemand auf ein »Dankeschön« nach geschlossener Wissenslücke: »Im IRC (Internet Relay Chat) gibt es kein Danke. Du hilfst einfach als Gegenleistung jemand anderem, das ist Dank genug.«
Es ging nicht nur um fertiges Wissen, sondern auch darum, es sich gemeinsam zu erarbeiten und sich beim Lernen zu unterstützen. So stieß ich auf ein Projekt in einem Musikerforum: Gemeinsam sollten die Schaltpläne eines Effektgeräts für Bassgitarren entworfen und umgesetzt werden. Trotz des geringen Elektronikwissens einiger konnten sich viele einbringen, da auch leichtere Aufgaben anfielen und Hilfe nie fern war. Um einen Kurzschluss zu beseitigen, den ich partout nicht fand, bot ein Foren-Elektroniker an, ihm die Platine zu schicken, er könne den Fehler vielleicht beheben. Eine Woche darauf lag die Platine wieder auf meinem Tisch – sie funktionierte tadellos. Diese Art der Zusammenarbeit an konkreten Projekten ist allem, was ich bis jetzt in konventionellen Bildungseinrichtungen erlebt habe, meilenweit voraus. Und sie funktioniert ohne zentrale Autorität.
Über das Internet erfuhr ich auch vom Chaos Computer Club. Der CCC hat sich zum Ziel gesetzt, Informationstechnik zum Wohl der Gesellschaft einzusetzen und über Potenziale und Probleme aufzuklären. Dort traf ich erstmals Internetbewohner im echten Leben. Auch hier, im »Meatspace«, dem fleischlichen Gegenstück zum »Cyberspace« war der Austausch sehr fruchtbar, die Horizonte waren weit. Die Möglichkeiten des Internets wurden mir hier noch bewusster. Wir waren nun nicht mehr darauf angewiesen, das zu glauben, was in den etablierten Medien zirkulierte. Wir konnten uns selbst austauschen, publizieren und ein breiteres Spektrum an Meinungen vergleichen.

Sprung in die »echte« Welt
Dort und in der »c-base«, einem weiteren Treffpunkt für Hacker, Gleichgesinnte und alle anderen, wurde ich ebenso problemlos aufgenommen wie im Internet. Dieser Rahmen verbesserte auch meine Fähigkeiten im Umgang mit anderen Menschen, denn hier wurde der Geist der Zusammenarbeit in die echte Welt getragen. Und da wir nun einmal miteinander etwas Tolles schaffen wollten, galt es zu lernen, uns zu arrangieren, Kompromisse einzugehen und andere einzubeziehen.
Wie trifft man Entscheidungen mit Hunderten Leuten? Wie formt man den gemeinsamen Lebensraum, so dass alle Beteiligten zufrieden sind? Wie schafft man es, Veranstaltungen zu organisieren und die Hierarchien flach zu halten? Als wesentlich bei der Problemlösung stellte sich immer wieder ein gegenseitiger Vertrauensvorschuss heraus. Verantwortung wird oft geteilt, wer sich überfordert fühlte, konnte um Hilfe bitten. So wurden Kongresse und Demos organisiert, Kampagnen gefahren, Aufklärung geleistet, die Künste gefördert, Technologien erfunden, auf Freiluftcamps Nerds in die Natur geführt und vieles mehr.
Doch dieser Geist von Freiheit und grenzenlosen Möglichkeiten ist in Gefahr. Ursprünglich als dezentrales Kommunikationsnetzwerk aus gleichberechtigten Knotenpunkten entwickelt, konzentriert sich im Internet derzeit immer mehr Kontrolle auf einige wenige. Dazu gehören Konzerne wie Google und Facebook, aber auch Staaten, die Zugänge regulieren oder sperren, so wie in China und während der Ägyptischen Revolution 2011 geschehen und wie es auch bald Europa und den USA blühen könnte.
Um Problemen in Zusammenhang mit der Zentralisierung von Infrastruktur und Datenbanken entgegenzuwirken, stehen uns mehrere Mittel zur Verfügung:
Eine vielversprechende Möglichkeit zum Aufbau eines zukunftsfähigen Netzes sind »vermaschte Netzwerke« und »Peer-to-Peer Netzwerke«. Jeder Teilnehmer ist hier mit seinen Geräten Teil der Infrastruktur. Die Unterscheidung zwischen Anbieter und Konsument schwindet. Jeder Knoten ist gleichberechtigt und trägt nach Vermögen zum Gesamtnetzwerk bei. Je mehr Teilnehmer es gibt, umso stabiler und leistungsfähiger wird das Netz. Auch bei größeren Ausfällen können zusammenhängende Untergruppen weiterhin kommunizieren. Solche Netze setzen Prinzipien einer egalitären Gesellschaft um, sind robuster und arbeiten ressourcenschonender. Unter Einsatz von dezentralen, vermaschten Netzwerken und verteilten Rechenmethoden wären vielleicht weniger von den gigantischen, energiehungrigen Rechenzentren notwendig, die wir heutzutage verwenden. Auch bei der Hardware gibt es Möglichkeiten der Selbstorganisation: 3D-Drucker stellen mit digitalen Bauplänen aus Kunststoffgranulat, auf petrochemischer oder auch Milchsäurebasis jede beliebige Form her. Immer mehr freie Pläne für grundlegende Technologien wie Generatoren, Traktoren, Pflüge werden gemeinsam entwickelt und auf Plattformen wie »Open Source Ecology« verfügbar gemacht. Schon bald könnten diese Technologien sowohl umfangreiche Desktop-Produktion, als auch größere Projekte wie den Bau ganzer Dörfer ermöglichen.
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Allmendestrukturen in allen Räumen
Als Reaktion auf den fragwürdigen ­Umgang mit persönlichen Daten bei »Faceboogle« wird in der Gemeinschaft rund um freie Software eifrig an dezentralen, verschlüsselten Sozialen Netzwerken gearbeitet, darunter Projekte wie Retro­share, Briar, SecureShare oder Global Square.
Diese Ansätze sind erste Schritte zum Aufbau eines auf Allmendestrukturen bestehenden Netzes aus gleichberechtigten Teilnehmern. Zumindest im Immateriellen könnten so bestehende Produzenten-Konsumenten-Verhältnisse und Hierarchien aufgebrochen werden. Doch auch im Materiellen wirken sich solche Netze aus. Da die Länge der Informations­wege keine Rolle mehr spielt, können sich auch kleinere Gesellschaftseinheiten und ländliche Räume bestens vernetzen. Außerdem bin ich überzeugt, dass sich die Umweltbelastung der Informationstechnik reduzieren lässt. Derzeit verbraucht die Herstellung von Hardware seltene Erden, Halbleiter und Tonnen an Energie – die Berge an Elektroschrott wachsen täglich. Um diese zu verringern, müssen wir uns von Konzepten wie geplanter Obsoleszenz und kurzen Produkt­lebenszyklen verabschieden und Techniken fördern, die weniger Rohstoffe ver­brauchen und weniger Giftstoffe freisetzen.
Die Frage ist nicht, ob die Zukunft im Cyberspace oder im Meatspace liegt, sie liegt in der Verschränkung beider Räume. Das Internet wird kein einziges der Pro­bleme lösen, die uns in der nicht-virtuellen Welt ins Haus stehen. Es bietet uns aber enorme Chancen, uns zu vernetzen und gemeinsam Lösungsansätze für solche Probleme zu entwickeln. Es ist das vielleicht mächtigste, demokratischste und grenzübergreifendste Werkzeug, das wir je erschaffen haben. Es ist die Techno­logie, die ­einem kollektiven Bewusstsein am nächsten kommt. Es ermöglicht Menschengruppen von nie gekannter Größe, Entscheidungen partizipatorisch zu treffen und sich über Grenzen hinweg zu koordinieren. Im Internet existieren keine nationalen Grenzen, keine Hautfarbe, kein Geschlecht oder Alter. Man kann dort teilen, was man will, und es ist genug für alle da. Vielleicht ermöglicht es uns sogar, einen Schritt weiter in Richtung der Einheit und Verbundenheit aller Menschen zu gehen. So könnte sich ein großer Organismus bilden, der in friedlicher Koexistenz, gegenseitigem Austausch und Einklang mit der Erde lebt. Vielleicht gelingt es uns so, zur Abwechslung auch mal die schönen Vorhersagen der Science-Fiction wahrzumachen. 


Daniel Reusche (22) engagiert sich für freie und sichere Kommunikation und arbeitet ­derzeit an der Plattform SecureShare mit.

Links zur freien Zukunft des Internets:
http://gnu.org
http://hackerspaces.org
http://secushare.org
http://opensourceecology.org
http://theglobalsquare.org 

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