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Stadt, Land, Flucht

Von Promis neu entdeckt: Wonnen und Weh des Landlebens

von Matthias Fersterer , erschienen in 02/2010

Längst ist es nicht mehr nur die Stadtluft, die frei macht. Immer mehr Prominente und andere Großstadtpflanzen entdecken das Landleben für sich – und schreiben ­darüber. Matthias Fersterer hat die jüngste Welle von Aussteiger­berichten unter die Lupe genommen.

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»Die Aussteiger sind mitten unter uns«, titelte die Süddeutsche Zeitung im Dezember 2008 unter Berufung auf eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Gallup. Demnach fühlen sich achtundachtzig Prozent der Deutschen ihrer Arbeit nicht richtig verpflichtet, machen nur Dienst nach Vorschrift oder haben bereits innerlich gekündigt. Man stelle sich vor: Ein millionenstarkes Heer lustloser Ins-Büro- und Auf-Arbeit-Geher, die wie Herman Melvilles Figur Bartleby nach dem »Ich-möchte-lieber-nicht-Prinzip« leben. Eine erschreckende Vorstellung? Statistisch gesehen, könnten auch Sie dazugehören. Wenn Sie sich zudem nicht erinnern können, wann Sie zuletzt unasphaltierten Boden betreten haben, sich wundern, warum Sie ihre Nachbarn nicht kennen oder warum die Nahrung, die Sie zu sich nehmen, in Plastikfolie eingeschweißt ist, und Sie aus diesen oder anderen Gründen die Frage beschleicht »Was mache ich eigentlich noch hier?« – dann ist es höchste Zeit, übers Aussteigen nachzudenken.

Dass solche Überlegungen nicht nur Durchschnittsbürger umtreiben, zeigt eine Flut an Aussteigerberichten aus prominenter Feder. Einst waren es versprengte Lebenskünstler und Lebensreformer, die den Ausstieg probten, heute ist der Ausstieg zum Massenphänomen geworden. Zwar haben die Verfasser der jüngsten Welle von Aussteigerliteratur das Aussteigen nicht erfunden, ihr medien­wirksames Auftreten verleiht ihnen aber eine ungleich größere Breitenwirkung. Spätestens seit Hape Kerkelings Pilgerbericht »Ich bin dann mal weg« zu einem der erfolgreichsten Bücher der Nachkriegsgeschichte avancierte und Peter Sloterdijks Ruf »Du musst dein Leben ändern« durch die Bestsellerlisten hallt, schlägt sich die Sehnsucht nach einem anderen Leben auch im gesellschaftlichen Mainstream nieder. Der Aussteigerbericht »Walden« von Henry David Thoreau, 1854 erschienen, verkaufte sich zu seinen Lebzeiten nur schleppend, aber die Bücher seiner Urenkel gehen zu Hunderttausenden über den Ladentisch.

Logierten die Aussteiger der Lost-, Jazz- und Beat-Generation vorzugsweise in mondänen Hotels, so geht es heute bodenständiger zu: Kerkeling pilgert auf Schusters Rappen nach Santiago de Compostela, Moderator Dieter Moor stapft als Landmann in Gummistiefeln durch die brandenburgische Pampa, und TV-Kommissar Andreas Hoppe jagt, zwischen Landsitz in Vorpommern, Wohnung in Berlin und Drehort in Baden pendelnd, regionaler Kost hinterher.

Ausgelöst wird Hoppes Wunsch nach dem Ausstieg aus der Rolle des unmündigen Konsumenten durch den Biss in eine fahle, geschmacksneutrale Erdbeere. Fortan unterzieht er sich einem Selbstversuch, bei dem ihm nur Biologisches, Saisonales und Regio­nales auf den Tisch kommt. Dabei fragt er nach, sieht genau hin, baut selber an und ersetzt mediterrane durch badische Weine, neuseeländische Kiwis durch heimisches Obst und italienische Pasta durch das alte Kulturgewächs Hirse. Und siehe da: Wer sich regio­nal ernährt, muss nicht darben und hat am Ende des Tages auch noch ein reines Gewissen. In humorvoller, wenn auch etwas konfektionierter Sprache stellt »Allein unter Gurken« Fragen über die Herkunft unserer Nahrung und gibt Anregungen, wie sich auch Stadtbewohner regional ernähren können.

Als Stadtflüchtiger ist Dieter Moor Wiederholungstäter. Nicht die Enge der Großstadt, sondern die seiner alpenländischen Heimat ist es, die Moor nebst Gattin Sonja und vierbeinigen Konsorten ins fiktive brandenburgische Nest Amerika treibt. Ähnlichkeiten mit dem realen Dorf Hirschfelde scheinen, allen Beteuerungen des Autors zum Trotz, nicht ganz zufällig. Nachdem zunächst schiefgeht, was nur schiefgehen kann, gelingt es Moor schließlich, in der Dorfgemeinschaft Fuß zu fassen, den »kleinen Schweizer«, wie er seinen inneren Nörgler nennt, loszuwerden und den örtlichen Lebensmittelladen, dessen Motto lautet »Was wir nicht haben, brauchen Sie nicht«, zur Sortimentserweiterung zu bewegen. Dies und noch viel mehr ist nachzulesen in dem gleichnamigen Buch, das weniger vom Aussteigen, als vom Einsteigen und Ankommen handelt – zudem ist es brüllend komisch und grandios erzählt.

Tragen Sie sich mit dem Gedanken, selbst lebensverändernde Maßnahmen zu ergreifen, werden Sie nun vielleicht in André ­Meiers »Kleiner Aussteigerfibel« blättern wollen. In dem ironischen Kompendium schreibt der ehemalige taz-Redakteur, der nach Vorpommern ausstieg, von A bis Z über die Freuden und Nöte, die Großstadtgewächse bei der Verpflanzung in ländliche Gefilde erwarten.

Gemeinsam ist den Büchern, dass darin Medienschaffende mittleren Alters berichten, wie ihnen im strukturschwachen Nordosten der Einstig in ein anderes, besseres Leben gelang. Die Verkaufserfolge lassen mit weiteren Büchern prominenter Aussteiger rechnen. Auch unter den Lesern werden sich Nachahmungstäter finden. Und wer weiß, so wie der »Kerkeling-Effekt« dem Jakobsweg neue Pilgerströme bescherte, werden sich vielleicht bald schon die von Wegzug und Überalterung geplagten Straßendörfer und Weiler Brandenburgs und Mecklenburg-Vorpommerns nicht mehr retten können vor gärtnernden Filmproduzenten, sensenschwingenden Bloggern und brotbackenden Feuilletonisten. Fragt sich nur, wohin dann die wirklichen Aussteiger aussteigen ...

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