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Auf in die Post-Kollaps- Gesellschaft

Egal, was wir tun – der Weg in eine nachhaltige Welt wird durch ein Tal der Tränen ­führen. Statt unsere Kräfte im Versuch zu vergeuden, den Kollaps aufhalten zu wollen, sollten wir uns mit aller Kraft auf die Welt vorbereiten, in der wir dann leben werden.

von Johannes Heimrath , erschienen in 02/2010

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Erst wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist, wird über einen Brunnendeckel nachgedacht. Der Mensch lernt aus Fehlern. Der letzte kapitale Fehler führt gegenwärtig dazu, dass sich das planetare Gleichgewicht in Richtung einer neuen Balance verschiebt. Das gefährdet den Fortbestand vieler Spezies, auch unserer.

Bücher über den »System Error« (ein Titel von Ulrich Thielemann) raten, dies sei sofort zu tun und das zu unterlassen. Doch nur wenige Autoren haben biografische Langstrecken in Lebensumständen verbracht, in denen sie selbst die Umsetzbarkeit ihrer Ratschläge erproben konnten. Seit vierzig Jahren übe ich mich auf einem Weg, der mich Elemente einer lebensfördernden Kultur zu leben lehrt – in Gemeinschaft, als Unternehmer und kulturkreativer ­Akteur. Ich habe gelernt: Erstens, die Mächte, die den Globus beherrschen, sind nicht mit Gutmensch-Rezepten zu bändigen. Zweitens, ein konsequenter Ausstieg aus dem Kapitalfehler ist nur in gemeinsamer Anstrengung aller möglich. Solange sich aber die Grundmetaphern der dominanten Kulturen – »untertane Erde«, »Sieg des Kapitals«, »rechter Glaube«, »Diktatur des Volks« … – nicht komplett ändern, gibt es nur Scheinausstiege. Sie reichen so weit, wie man den Kopf in den Sand stecken kann: Wenn meine Handsense mit einem LKW von weit her über die Autobahn in mein Ökorefugium herandieselt, brauchen wir von Ausstieg nicht zu reden.

Es gibt keine Rezepte
Was dann? – Ich empfehle nichts. Das stellt mein Publikum selten zufrieden. Wer aber bei der Nachricht, sein ökologischer Fußabdruck sei fürs Überleben viermal zu groß, nicht schlagartig den Löffel fallen lässt, mit dem er soeben den letzten Rest Brei aus dem bis dato für unerschöpflich gehaltenen Töpfchen zu löffeln sich anschickt, dem ist nicht zu raten und zu helfen. – Tatsächlich kriegt keiner von uns den Löffel aus der Hand: Wie reist dieser Gedanke gedruckt zu Ihnen? – Eben.

Anfang der 70er Jahre sammelten sich die ersten »Aussteiger«-Gemeinschaften. Mir blieb damals rätselhaft, wie wir – was alle propagierten – ohne Interaktion mit dem Mainstream diesen bewegen wollten. Sollte es wirklich genügen, durch bloßes Da-Sein den Hauptstrom so zu stören, dass er schließlich in »unsere« – heute: »lebensfördernde« – Richtung umschwenken müsste? Mit vielen Widersprüchen in der Praxis trotzten wir uns an den Rändern der Gesellschaft die »Halbinseln des guten Lebens« (frei nach Friederike Habermann) ab, die Mathias Greffrath in diesem Heft »Vorposten des Neuen« nennt, »auf denen Produk­tionsweisen und Lebensformen ausprobiert und entwickelt werden, die auf eine veränderte Gesellschaft hinarbeiten, und von denen Boote mit neuen Denk- und Handlungsweisen auf den Ozean des institutionalisierten Irrsinns ausfahren, mit dem Ziel, die Seehoheit zu erringen«. Halbinseln sind es deshalb, weil auch die Heimaten der tapferen »Visionauten« am Kontinent »Fortschritt« hängen, dem Weltreich des megatechnischen ­Pharaos (ein Ausdruck von Jochen Kirchhoff).

Ist die Zeit des Wartens zu Ende?
Es gibt sie heute überall, diese Halbinseln, nicht nur bei uns,
wo man sie relativ komfortabel einrichten kann. Es gibt sie in allen Krisengebieten auf dem Erdball, in Afghanistan genauso wie in unregierbaren Ländern wie dem Kongo, in China, wo jede Woche ein gigantisches Kohlekraftwerk ans Netz geht und sich Internet-Halbinsulaner von heute auf morgen in Arbeitslagern wiederfinden, in Israel und Palästina, in Indien, wo maoistische Terroristen Dorfgemeinschaften massakrieren, es gibt sie in Darfur, das den Klimawandel bereits heftig spürt, in Thailand, Burma, Nordkorea, im Lacandonischen Wald, sie sind oft unsichtbar, häufig physisch bedroht, sie formieren sich im Untergrund oder im Exil, manche existieren nur in wenigen Köpfen, an anderen Orten befeuern sie die Demokratisierung ganzer Gesellschaften. Vor vierzig Jahren sprach man von »Blöcken« und meinte die in Bunkerbeton gegossene, an Raketensilos gefesselte Weltordnung. Dann haben uns die Chaosforscher gelehrt, dass nur Systeme, die aus dem Gleichgewicht geraten sind, sich auf neue Attraktoren hin impulsieren lassen. Inzwischen ist die Weltgesellschaft weit aus der Balance geraten. Hat sich das Warten gelohnt? Ist »unsere« Zeit gekommen?

Der bewusste Teil meiner Biografie entspringt der Utopie einer Welt, in der sich die Gaben des Menschen unverzerrt entfalten: sein Drang, gut zu sein, und seine Fähigkeiten, Schönheit und Gemeinwohl zu schaffen. Darin hat die zu einem »Superorganismus« (William Morton Wheeler, schon 1910) erwachte Menschheit das Potenzial zu einer egalitären, hochinspirierten und partizipativen Gemeinschaft aufgeklärt-herzensgebildeter Individuen, die mit beiden Beinen fest auf der Erde stehen, die Erde als Schenkerin des Lebens achten und würdigen und sich selbst als weiterschenkende Wesen begreifen. Diese Utopie hat mich nicht am Versuch gehindert, die Qualitäten der Epoche nüchtern zu erfassen. Seit einiger Zeit zeichne ich bei Vorträgen, Workshops und Zwiegesprächen auf Flipcharts, in Notizbücher und auf Papierservietten nebenstehende kleine Grafik. Sie scheint mir die Weltentwicklung aus heutiger Sicht einigermaßen realistisch wiederzugeben. In vielen Dialogen ist ein differenziertes Bild von dem, was auf uns zukommt, gereift. Ich fühle die Größe der Chance, als Menschheit zu einem guten Leben zu finden. Und ich kenne die bei den Halbinselbewohnern gepflegten Illusionen über die Größe dieser Chance. Vielen Menschen machen die dargestellten Aussichten Angst. Ich selbst schöpfe Mut aus der Dynamik der Grafik.

Der Weg in die Post-Kollaps-Gesellschaft
Die Kurve zeigt den Weg in die Post-Kollaps-Gesell­schaft. Die Hochachse repräsentiert die Qualität der Welt im Sinn von Geordnetheit, Nachhaltigkeit und Balance, von Bildungs- und Entwicklungschancen und Minderung von Armut, Hunger und Krankheiten. Insgesamt ist die Menschheit hier nicht allzu hoch geklettert. Die Rechtsachse ist der Zeitstrahl. Dort sehen wir bestürzend naheliegende Jahreszahlen. Der Schwankungsbereich liegt bei vielleicht zwanzig Jahren. Darauf lassen zahlreiche aktuelle Studien schließen.

Die schwarze Kurve weist bei »heute« bereits abwärts: Ein internationaler Bericht zu den planetarischen Grenzen, erarbeitet unter Federführung des Stockholm ­Resilience Centre, zeigt, dass mindestens in dreien von neun kritischen Bereichen die Grenzen für eine sichere globale Entwicklung bereits überschritten sind: Klimawandel, biologische Vielfalt und Stickstoffeintrag in die Biosphäre. Zudem beträgt der Faktor der Übernutzung der Biokapazität des Planeten inzwischen 140 Prozent. Wir treiben Raubbau an einer – bald halben! – zweiten Erde. Die Leistungsgrenze der Biosysteme, die »Zivilisation« mit Lebensmitteln und Fasern zu versorgen, den Abfall, der bei der Energiebereitstellung anfällt, zu beseitigen und die Flächen für die Energieinfrastruktur vorzuhalten, ist im Jahr 2010 zum »World Overshoot Day« am 21. September erreicht. Ab dann leben wir auf Pump und verbrauchen bis Silvester 40 Prozent mehr Ressourcen, als die Erde in einem Jahr regenerieren kann. Wer die jüngsten internationalen Konferenzen emotionslos auswertet, weiß: Die Zeit wird nicht reichen, die politischen Systeme kulturkreativ zu unterwandern. Keine noch so drakonische Gesetzgebung wird uns vor dem Tal der Tränen bewahren. Der tiefste Punkt (1) der Kurve markiert somit den globalen Zusammenbruch der gegenwärtigen Verhältnisse.

Sicher ist: Die Post-Kollaps-Gesellschaft wird sich in einer Welt wiederfinden, die nur wenig oder gar nichts mit der uns heute bekannten zu tun hat. Um Hoffnung zu nähren, lasse ich den rechten Ast der schwarzen Kurve nach dem Kollaps wieder ansteigen. Er erreicht nach einiger Zeit das bescheidene Niveau von heute und weist sogar darüber hinaus. Um aber nur wieder diese qualitative Höhe zu erklimmen, wird ein riesiger Aufwand an Lernen, Handarbeit und sozialer Vermittlung – und ein Masterplan – nötig sein. Viele Zukunftspropheten beruhigen uns, wir könnten die Welt, wie wir sie kennen, im Wesentlichen erhalten, wenn wir elektrisch fahren und unser Geld »grün« investieren würden. Sie sollten es besser wissen: Die Bemühung, den Lebensstil der »entwickelten« Welt durch einen totalen ökologischen Umbau zu bewahren und die »nicht-entwickelten« Länder mit ihrer Milliardenbevölkerung auch nur auf den halben westlichen Standard zu heben, trägt unweigerlich zum weiteren Anwachsen des Übernutzungsfaktors bei. Schon der Versuch, die Folgen des heute bereits überschrittenen Fördermaxi­mums von Erdöl konsequent zu Ende zu denken, hebelt die Fantasie aus: Allein der Ersatz konven­tio­neller Kraftwerke durch die »Renewables« verbraucht Öl, Öl, Öl …

Der Berg rutscht
In letzter Minute versuchen Wirtschaft und Politik, die großenteils noch immer an die Unerschöpflichkeit des Töpfchens glauben, Barrieren gegen die Absturzgefahr zu errichten. Mich erinnert das an die Lawinenverbauungen, die man im Hochgebirge an Steilhängen zum Schutz der Talbewohner montiert. Solche Vorrichtungen halten, solange der Untergrund stabil bleibt; kommt der ganze Hang ins Rutschen, sausen die Verbauungen mitsamt der Lawine ins Tal. Die Lawinenverbauer verdrängen den Rebound-Effekt, ein Paradoxon, das der Mathematiker William Stanley Jevons bereits 1865 beschrieben hat. Es besagt, dass die Effizienzsteigerung einer Ressource nicht zur Absenkung ihres Verbrauchs führt. Vielmehr steigt dieser aufgrund zunehmenden Einsatzes insgesamt an, je sparsamer sie verwendet werden kann. An dieser Tatsache kommen auch die unzähligen Initiativen weltweit nicht vorbei, die mit Leib und Seele Brücken über die Sunde zwischen den Halbinseln und dem Kontinent des Mainstreams zu schlagen versuchen, um den Wissenstransfer zu beschleunigen und die schlimmsten Auswirkungen des Kapitalfehlers zu dämpfen.

In dieser Lage wünsche ich mir, dass wir Halbinsulaner beginnen, uns vor allem der Frage zuzuwenden, wie die abgestürzte Menschheit überhaupt bis zu dem Punkt auf dem rechten Ast der schwarzen Kurve wieder aufsteigen kann. Wenn alle harten Fakten gegen uns sprechen, bleibt als einziges Werkzeug die Kraft der Vision. Das ist kein Konjunktiv, »es wäre doch toll, wenn …«. Die Kraft der Vision ist aktiv: Ich sehe, wie es dort und dann sein wird, und das nehme ich so stark in mich herein, dass meine Neuronen beim Durchleben der Vision feuern, als wäre alles real. Jedesmal verstärkt sich das Bild, ich übe mich darin, fühle, rieche, spreche, lache im Bild meiner Vision. Und allmählich erfahre ich die Rückkopplung der visualisierten Zukunft in der Gegenwart meines Alltags. Ich handle anders, ich bin verbunden mit den zukünftigen Auswirkungen meines augenblicklichen Tuns. Spüre ich in Zukunft einen Spaten in meiner Hand, dann fangen meine Augen an, die Gare des Bodens im Park auf dem Weg zur Arbeit zu prüfen, dann kostet mein Geschmackssinn schon heute das Aroma der Karotte, die ich aus dem zukünftigen Beet ziehe. Die Kraft der Vision wird zur Orientierung: Was brauche ich dann, was will ich retten, was ist vorbei? Wofür lohnt sich heute mein Einsatz? Wer sind meine Verbündeten? Was braucht eine nachhaltige Welt an Technik? Wie können wir sie schon heute lebensfördernd schaffen? Wie stellen wir sicher, dass sie »danach« lebensfördernd angewendet wird?

Der Fall muss tief genug sein
Schauen wir den Wahrscheinlichkei-
ten ins Auge: Die durch das Erstarken der Vision aus­gelöste Rückkopplung kann die Fallhöhe des Absturzes mindern. – Dummerweise kein Grund zum Aufatmen. Das gute Wollen der Halbinselbewohner hat ein Milliardengeschäft ausgelöst: Konsumgüterriesen verkaufen »grünen« Lifestyle, Automobilriesen ­Elektroautos, Energieriesen Solarzellen, »Social Business« hofft auf Gewinn mit gutem Gewissen. Um aber dem Lernverhalten der Menschheit als Ganzer zu entsprechen und zu bewirken, dass endlich der Deckel auf den Brunnen getan wird, muss der Fall tief genug sein. Sonst wird das gegenwärtige Weltsystem noch mehrmals – beschädigt, aber in seiner selbstzerstörerischen Grundcharakteristik weiter funk­tionierend – aus dem Brunnen gezogen und mittels High-Tech-Verzöge­rungsmethoden bis zum endgültigen Dahinscheiden am Tropf gehalten. Das daraus resultierende langsame Siechtum der Weltgesellschaft zeigt die orange Kurve (2). Für das Eintreten dieses Szenarios schätze ich die Wahrscheinlichkeit auf 14 Prozent.

Das Ganze dürfte aber bereits so instabil sein, dass der Kollaps bis auf den Grund durchschlägt. Die ganz andere Welt wird mit einer Wahrscheinlichkeit von 85 Prozent schrecklich aussehen. »Gewinner« werden die Führer der mächtigen Oligopole sein, die alle Zugänge zu den materiellen Ressourcen des Planeten besetzen. Zu den »Gewinnern« dürften auch die wenigen vor-industriellen Kulturen zählen, die erst anfänglich von der Moderne erfasst sind und deren Heimaten durch eine günstige Lage auf dem Globus der Beschädigung durch den Klimawandel entgehen. Anders als die Schwellenländer, in denen die Entwurzelung der Gesellschaften aus natürlichen Zusammenhängen bereits weit fortgeschritten ist, verfügen sie noch über tragfähige traditionelle Strukturen. – Die rote Kurve (3) zeigt diesen totalen Zusammenbruch.

Deine Chance ist 1 Prozent. Nutze sie!
Es ist aber auch möglich, dass die Mil-
lionen kulturkreativ engagierter Menschen weltweit ihre Vision der Post-Kollaps-Gesellschaft realisieren können. Immerhin verbleibt noch 1 Prozent Chance, dass die andere Welt zur Schönheit durchstößt wie Löwenzahn durch den Asphalt. Ein Prozent Chance ist mehr als nichts. Das eine Prozent reflektiert Mathias Greffraths illusionslose Frage: »Glaubt irgendjemand, dass man mit freiwilliger Selbstbeschränkung in zwei, drei Jahrzehnten tiefsitzende Lebensstile von Millionen großstädtischer Massen verändern kann?« Abgesehen davon, dass es heute bereits 3,6 Milliarden Menschen sind, die in den Städten leben und »bekehrt« werden müssten, geht es darum so wenig wie um die Hoffnung, dass die 200 reichsten Familien auf dem Globus, die die Hälfte des Weltvermögens besitzen, während die Hälfte der Menschheit sich mit 1 (einem!) Prozent zufriedengeben muss, ihre Güter verschenken. Fondsmanager, die in der ­Finanzkrise Milliarden einsacken, Diktatoren, die ganze Länder als ihr Eigentum betrachten, die Monsantos, Nestlés, Pfizers und Bührles dieser Welt werden sich um keinen Preis freiwillig ändern. So wenig wie talibanische Steiniger, afrikanische Warlords, kolumbianische Drogenbosse und Neofaschisten aller Couleur.

Die »freiwillige Selbstbeschränkung« ist nur dann eine kraftvolle Methode, wenn sie mit dem klaren Wissen über die Realitäten und dem unbedingten Willen verbunden ist, gegen alle Wahrscheinlichkeiten an der Vision eines guten Lebens in einer veränderten Welt festzuhalten.

Setzten wir »Visionauten« nämlich die Kraft, die wir in großer Anstrengung in die Bekehrung der Anderswollenden investieren, ein, um alles zu lernen, zu erfahren, zu erarbeiten, zu üben, auszuprobieren, vorauszulieben, was wir in jener neuen Lebenswelt können, erleben, teilen und genießen wollen, und machten wir das auf dem Kontinent des Mainstreams bekannt genug, so dass es die täglich mehr werdenden Menschen mitbekämen, denen auch dort der Löffel in der Hand zu heiß wird und die nach den Halbinseln Ausschau halten, dann – ja dann könnte es sein, dass wir unsere gemeinsinnstiftenden Werte, unsere erprobten gemeinschaftlichen Lebensweisen und unsere ökologisch schmalfüßigen Verfahren und Techniken für eine die Lebensgrundlagen aller Wesen erhaltende, vielfältige Kultur als »Roadmap« vorschlagen dürfen, an der sich eine zutiefst verstörte Post-Kollaps-Menschheit neu orientieren könnte.

Der richtige Zeitpunkt zur (R)Evolution
Das ist nicht naiv. Diese visionäre Kraft ist Antrieb und Brennstoff aller »Revo­lu­tio­nen«, von denen wir in jüngerer Zeit eine Reihe erfreulich unblutiger erlebt ­haben. Orange Revolution, Rosenrevolution, Tulpen­revolution – sie alle waren möglich, weil es zuvor ein Ereignis gegeben hat, das gegen alle Erwartungen die für unauflösbar gehaltene Doktrin der »Blöcke« pulveri­sier­te: den Fall der Mauer. Die Her­ausforderung, vor der wir stehen, ist um Potenzen komplexer. So sehr wie noch nie in der Menschheitsgeschichte geht es darum, den Kairos, die sich anbahnende richtige Zeitqualität zu erfassen und perfekt vorbereitet zu sein, wenn die Phase kommt, in der das System mit geringster Kraft am leichtesten in die neue Richtung bewegt werden kann. Diese (R)Evolution wäre der Quan­tensprung, nach dem sich viele sehnen.

Ein solcher Sprung lässt sich nicht durch Umbesetzen von Posten nach einer wie auch immer gearteten »Machtübernahme« erreichen. Für solch eine kraftvolle Vision braucht es ein grundsätzliches Vertrauen in den Gesamtorganismus Menschheit. Das habe ich. Die Natur kennt unendlich lernfähige komplexe Systeme – und die Menschheit ist äußerst komplex. Systeme mit hoher Diversität sind höchst anpassungsfähig – und die Menschheit ist wahrlich bunt. Nicanor Perlas hat den kulturkreativen Metaphernschatz mit dem Bild von der Metamorphose des Schmetterlings bereichert: Schon im Ei sind die Imagozellen angelegt, die später das erwachsene Tier ausprägen. Während in der Puppe der alte Organismus sich selbst verdaut, vernetzen sich die Imagozellen zur Struktur, entlang der sich die aus dem Proteinsaft neu bildenden Zellen organisieren. Sie »wissen« oder »visualisieren« von Anfang an unbeirrt das Wesen, dem sie zur Geburt verhelfen – selbst über die Katastrophe der scheinbar totalen Auflösung hinweg.

Das Bild gefällt mir. Schneller, als uns lieb sein kann, werden wir herausfinden, ob wir zu den Imagozellen der Post-Kollaps-Gesellschaft gehören, die den Bauplan für den erwachsenen Schmetterling bewahren: eine zur vollen Blüte entwickelte Menschheit, die ihre Fressphase in der Larve des Homo industrialis endgültig hinter sich ­gebracht hat.

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