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Getrennt vereint

Dieter Halbach sprach mit Dolores Richter und Frank Fiess über ihre Arbeit zu Bewusstheit in Liebe und Sexualität, Identitätsfindung und Selbstwahrnehmung als Basis partnerschaftlicher Beziehung.

von Dieter Halbach , Dolores Richter , Frank Fiess , erschienen in 13/2012

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Dieter Halbach  Zu Beginn eine persönliche Frage: Wie fühlt ihr euch in eurer Identität als Frau und als Mann?
Dolores Richter Was ich an mir als weiblich empfinde, ist eine Durchlässigkeit, eine Empfänglichkeit, ein Angebundensein. Und es hat natürlich auch eine Geschichte: Heute, mit 53 Jahren, ist mein Empfinden sensibler, ich nehme viel mehr von der Welt wahr, ich durchdringe viel mehr. Früher war mein Leben eher geradlinig und sehr geprägt davon, dem Mann ebenbürtig sein zu wollen. Es war kraftvoll, aber im Nachklang empfinde ich es als nicht nur gesund.
DH Und du, Frank?
Frank Fiess Was ich seit vielen Jahren praktiziere, ist, mich als Mann in der »Achse« zu spüren, also zwischen dem Mittelpunkt der Erde, meinem Herzen und dem »großen Geist«. In dieser Achse bin ich bei mir. In der Zeit nach der 68er-Revolte wollten wir so etwas wie die besseren Frauen sein. Ich war da sehr selbstunsicher, wollte gefallen und mit den Frauen meinen Selbstwert aufpolieren. Heute fühle ich mich »satt«, und von dort aus liebe, lebe und arbeite ich.
DH Ich möchte jetzt auf die andere Seite wechseln, die Schattenseite. Welche Schattenseite spürst du, Dolores, im weiblichen Sein?
DR Es gibt da eine archetypische dunkle Seite, wie zum Beispiel die Verschlingende, die Besitzende oder die Machtvolle, die auch im positiven Sinn kraftvoll sein kann. Geprägt auch durch unsere gesellschaftliche Stellung hat das Frausein die Schattenseite, dass Frauen oft nicht sichtbar Macht übernehmen, sondern hintenherum über Rache, über Intrige, über Spiele. Das finde ich eine im negativen Sinn dunkle Seite, weil sie nicht greifbar ist.
DH Auf der Seite der Männer denkt man bei den Schatten an Gewalttätigkeit. Wie hängt das mit Schwäche zusammen?
FF Für mich ist Schwäche bei Männern etwas, das ich als mangelnden Selbstkontakt erlebe. Ein Mann, der nicht bei sich ist, der ist leicht manipulierbar und muss alle möglichen kompensatorischen Dinge tun. Wenn dann die Krücken wegfallen, wankt sein ganzes Kartenhaus. Dann ist er letztlich der Welt ausgeliefert, der es nicht mangelt an Verrücktheit, an Wahnsinn …
DH Und was tut er dann?
FF Dann geht es gegen Frauen, zum Teil gegen Kinder, dann wird sich die Erde untertan gemacht. Und dann geht die Gier und dieses ganze Programm los. Lernt ein Mann, ethisch integer bei sich zu sein, dann werden ihm die Dinge bewusst, die er tut.
Schau die letzten 40 Jahre an: Die Männer haben fast alles verloren: Sicherheit, Orientierung, Rolle, Klarheit. Natürlich wird das kaschiert – Männer gehen ins Sportstudio und haben weiter ihre Rituale. Aber was eigentlich passiert, ist eine dramatische Veränderung der jahrhundertealten Frauen- und Männerbilder.
DH Dolores, wie fühlt sich so ein Mann an, der ein traditionelles Männerbild, mit dem er vielleicht noch aufgewachsen ist, abzulegen versucht, der alles, was er bisher war, nicht mehr ist? Was wünscht du dir von ihm?
DR Ich würde gerne diese Erschütterung gemeinsam halten. Spüren. Diese Krisen bringen etwas in Bewegung. Vor allem bringen sie uns ins Fühlen, öffnen den Herzraum, und da möchte ich den Mann treffen. Ich wünsche mir, dass er diese Leere aushalten und sehen kann, ob wir das in die Begegnung bringen können. Ich bin ja auch verunsichert. Ich suche auf eine Art immer noch den Mann, an dem ich mich orientieren kann, den es aber so nicht gibt oder zu geben braucht. Dieses gemeinsame Orientierungslos-Sein könnte uns direkt in die Begegnung bringen, wenn wir nicht wegrennen.
DH Was allerdings eine hohe Kunst ist. Es gibt meiner Erfahrung nach eine Form von männlicher Schwäche, die Frauen überhaupt nicht mögen. Die ist ein bisschen weinerlich, resigniert oder mit vielen Wünschen garniert. Was für eine männliche Schwäche wäre das, die nicht in eine Abwehr von Seiten der Frau führt?
FF Es geht darum, dass ein Mann nicht länger die Kraft von der Mutter und letztendlich von der Frau erhält. Solange er da an der emotionalen Angel hängt und sich über Frauen stabilisiert, solange berührt er seine authentische männliche Kraft nicht. Diese Form, das Weibliche zu lieben, ist unreif. Und das mögen die meisten Frauen auch nicht, weil sie nicht noch ein Kind wollen. Sondern sie hätten gerne einen Mann, der auch für seine Unsicherheit, sein Nicht-Wissen, seine Verwundung einsteht – das ist ja ein zentrales Thema, den Schmerz nicht mehr gegen andere auszuagieren.
Das ist natürlich für einen Mann nach Jahrtausenden in Ritterrüstung ein Riesenschritt. Mir kommen oft die Tränen, wenn ein Mann das riskiert. Aber genau dort, wenn eine Frau ihn hält, ohne für ihn zur Mutter zu werden, als liebende Frau, dann ist auch zwischen den Geschlechtern etwas Neues geboren.
DH Aber was ist mit der Polarität von Mann und Frau in solchen Zeiten?
DR Ich brauche nicht immer Polarität. Es gibt Phasen von Anziehung, von Mann–Frau-Polarität, in denen es sexuell funkt. Und dann wieder, in solchen Phasen der Erschütterung, ist das nicht so wichtig. Da treffen wir uns, und es ist fast egal, wer wer ist. Für mich ist auch das etwas Polares, dass sich die Phasen abwechseln.
DH Kann männlich-weibliche Polarität auch in nicht-heterosexuellen Beziehungen und jenseits von Rollenklischees fruchtbar sein?
FF Das ist doch die alte Sichtweise: Dieser Mensch ist jetzt nur ein Mann oder nur eine Frau. Ich kann einem Mann nicht vertrauen, der nicht seine weibliche Seite entwickelt hat, und umgekehrt genauso wenig. Es ist für uns als Menschen im 21. Jahrhundert enorm wichtig, dass wir alle Anteile besetzen. Das macht für mich unsere Ganzheit aus.
DH Welche Rolle spielt der Gemeinschaftsgedanke in diesem Bewusstseinsfeld? Wenn man auf der größeren Klaviatur spielen will, dann braucht man auch Menschen, die mitspielen.
FF Die meisten Menschen leben ja nicht in einer Gemeinschaft, in Berlin sind 51 Prozent aller Haushalte Single-Haushalte. Wenn die Alternative nicht eine Lebensgemeinschaft sein soll oder kann, lassen sich andere Sinnzusammenhänge schaffen, in denen Menschen sich ausprobieren und wechselseitig erleben können.
DR Was Gemeinschaften oder auch Seminare, Netzwerke und Freundeskreise leisten können, ist diese Erfahrung des Überpersönlichen. Ich spiegele mich als Frau in dem einen Mann anders als in dem anderen. Dieses Gefühl von »wer ich alles noch bin« ist in einem solchen Kontext viel größer. Und was wir zu heilen haben in Partnerschaften, ist zum großen Teil ein kollektives Erbe. Das zu erfahren, ist in Gruppen viel leichter, als wenn ich das nur mit meinem Partner durcharbeite. Dann kann ich sehen: Nicht nur ich bin nicht an meiner weiblichen Quelle. Und wenn ich die Männer sehen kann, und nicht nur meinen Mann vor mir habe, kann ich erkennen: Das ist die Situation des Mannes. Dann wird mein Ärger oder meine Enttäuschung viel milder in meinem Herzen. Wir haben gemeinsam ein Werk zu tun. Das ist für mich das Wesen von Gemeinschaft und Gruppenarbeit.
DH Habt ihr das Gefühl, dass sich das Spektrum von Menschen, die zu euch kommen, und eure Arbeit sich verändern?
DR Irgendetwas wird feiner an der Arbeit. Zu mir kommen weniger Menschen, die in Not sind oder etwas brauchen, sondern solche, die wirklich Feinarbeit machen wollen an ihrer Situation, in der Welt als Mann und als Frau und in der Beziehung mit ihren Kindern.
FF Die Menschen sind jetzt tiefer an einer essenziellen Liebes- und Befreiungsarbeit interessiert, die sie befähigt, in ihrem Beruf, ihren Beziehungen und in ihrem realen Leben aufzublühen. Die Menschen spüren, dass es heute um etwas geht auf der Erde, und es geht auch in ihrem eigenen Leben um etwas. In den letzten Jahren haben abertausende Menschen Familienaufstellungen und Therapien gemacht, in Gemeinschaften gelebt, Partnerschaften aufgebaut, und ich glaube, viele sitzen da und fragen sich: Wo ist denn jetzt das neue Leben? (Frank steht auf und spricht im Stehen weiter.) Jetzt wächst die Bereitschaft, zu verstehen: Niemand wird es für mich machen! Nicht meine Gemeinschaft, nicht meine Partner, niemand. Ich. Ich selbst verkörpere Freiheit und Liebe. Wir können nicht immer von der Transformation auf der Erde reden und selber unseren Arsch schön in unseren Opfergeschichten weiter warm halten. Das wird nicht gehen. (Er setzt sich wieder.)
DH Das war jetzt eine männliche Ansprache, oder?
DR Ich möchte das bekräftigen. Das Gefühl ist, dass wir über viele Jahre auf etwas zugearbeitet haben, und es jetzt wie ein kleiner Qualitätssprung ist: So, jetzt bin ich da. Das ist wie ein mystischer Augenblick, und jetzt wird nicht mehr gewartet, nicht mehr vorbereitet, sondern ich liebe den Mann, mit dem ich bin, ich liebe das Leben, das ich führe, ich weiß, was zu tun ist …
FF Und ich tue es!
DR In diesem Jahr soll ja ein Männer- und Frauenkongress stattfinden, zu dem ich als Referentin eingeladen bin, und ich bin gespannt, ob er diesen Qualitätssprung zeigen wird. Die Frage, die mir für mein Referat gestellt wurde, fand ich schön: Was ist der Beitrag der Frau zur Heilung der Partnerschaft? Wer sich mit dieser Frage befasst, geht aus der passiven Situation ins heilende Tun.
Es geht um eine Kulturaufgabe. Sicherlich gibt es funktionierende Partnerschaften. Aber unsere Aufgabe ist es, eine partnerschaftliche Kultur zu schaffen. Dann liegt nicht so viel auf diesem einen Mann und dieser einen Frau. Wenn wir eine partnerschaftliche Kultur erschaffen, fallen Partnerschaften sozusagen vom Baum.
FF Wenn Männer in einem guten Rahmen sind, kommt diese Ehre in jedem Mann zurück. Das hat mein Herz für das Männliche geöffnet, weil ich gesehen habe, dass Männer nicht nur die Zerstörer und die Gierbolzen an den Börsen sind. Es ist gar nicht so viel, was ein Mann braucht, damit er aufhört, dem Todes- und dem Angstbewusstsein zu folgen. Der Stamm der Männer hat eine Menge auf der Erde angerichtet, und jetzt kann er eine Menge Heilung, Liebe, Konstruktivität und Schöpferkraft auf die Erde bringen.
DR Das ist aus weiblicher Sicht bei mir ähnlich. Es gibt eine archetypische Freundschaftsmöglichkeit unter Frauen. Dadurch, dass ich in den Innenraum der anderen schauen kann, merke ich: Diese Frau ist eine Frau, und aufgrund dieser Schwesternschaft können wir gemeinsam einen Raum für Heilung schaffen.
Wenn ich unter Frauen bin, wächst in mir auch eine ganz andere Art von Anteilnahme an dem, was das Männliche gerade durchzugehen hat. Diesen Aspekt kann ich oft gar nicht sehen, wenn ich mit meinem Mann am Tisch sitze und einen bestimmten Wunsch habe. Da bin ich immer in dieser Bezogenheit auf meine persönlichen Bedürfnisse. Davon kann ich aber zurücktreten, wenn ich es schaffe, mich zunächst einmal unter Frauen zu nähren und zu sehen, was der Mann von mir braucht an Größe, an Raum, damit wir beide unsere Bewegungen machen können. So wird Partnerschaft für mich fast wie eine Kirche, ein großer Raum, den ich zunächst mit Frauen eröffne und der meine Wahrnehmung weitet.
DH Was ist in diesem Frauenraum als Tatendrang vorhanden?
DR Ich erlebe es als Drang, Lebenszusammenhänge zu schaffen, in denen das Weibliche überhaupt Berufsmöglichkeiten oder Ausdrucksmöglichkeiten findet. Es gibt so viel umzugestalten, damit weibliche Kraftquellen Raum bekommen. Es gibt bereits Ansätze von sozia­len Netzwerken – das will jetzt in die gesellschaftliche Größenordnung.
DH Ich bin gespannt auf diese gemeinsam gestaltete Welt, auf eine Gesellschaft in Balance. Und ich bedanke mich bei euch für das partnerschaftliche Gespräch.  


Mehr über Frauen und Männer im Wandel der Zeiten:
Die Audio-Datei des Gesprächs gibt es auf www.oya-online.de.
Zum Frauen- und Männerkongress im September 2012:
www.frauen-kongress.com, www.männer-kongress.de

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