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Wawerzineks Tagesbeute

von Peter Wawerzinek , erschienen in 12/2012

Peter Wawerzinek, Ingeborg-Bachmann-Preisträger, Kiezbarde, Stegreifpoet und literarischer Raubritter beehrt Oya mit der Kunst der knappen Form. Dabei ist jeder Zeile anzumerken, dass er im Improvisieren Profi ist – ein echer »Improfi« eben.

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© Foto: Gerd Adloff

 Ich bekenne, dass ich eine Macke habe. Mit dieser Macke bin ich gut über die Zeiten gekommen. Ich liebe meine Macke, und meine Macke liebt die Menschen. Ich weiß heute noch wie bis ans Ende meiner Tage, wie ich an diese Macke geraten bin. Damals waren die Zeiten noch andere, da waren die Wochenenden noch richtige Wochenenden, und wir nannten die Tage noch unsere Tage. Und hielten uns viel draußen auf, in der Natur, um in ihr herumzulümmeln oder endlos lange Wege zu gehen. Fontane hatte ich im Kopf, als ich der Macke verfiel. Er zwitscherte wie ein Vögelein im Kopf so fein zum Glück ’nen Reim: »Das Glück, kein Reiter wird’s erjagen, / es ist nicht dort und ist nicht hier. / Lern überwinden, lern entsagen, / und ungeahnt erblüht es dir.« Und – zack! – flog ein vor die Spitze meines Schuhs geratener Stein hinan und in den nahegelegenen See hinein. Da war’s um mich geschehen.
Hiermit gestehe ich, ein Steinstoßer zu sein. Ja, so einer bin ich. Ich stoße mit den Füßen kleine Steine. Ich versetze ihnen Tritte. Ich bringe sie mit den Schuhspitzen gut voran. Auf all meinen Wegen stoße ich sie. Man darf dabei von grober Regelmäßigkeit reden. Noch sitze ich am Schreibtisch und verfasse diesen Text. Und wenn ich damit fertig bin, stürme ich die Treppen hinunter. Und gehe aus. Und lege los. Ja bitte, bitte. Nennt mich euren Steine in die Gegend stoßenden Stadtwandler. Ich gehe auch für euch hinaus. Ich halte gewissenhaft Ausschau nach Steinen. Ich kenne gute Ecken, weiß, wo mit Steinsegen zu rechnen ist. Bauschutt und abgelegene Sandhalden sind zum Beispiel ergiebige Fundstätten. Habe ich ein Steinchen gefunden, stoße ich es scheinbar nur für mich herum. Doch der Schein trügt. Ich gehe spazieren, aber befinde mich dabei im steten Wetteifer mit mir. Und habe es zu einiger Professionalität gebracht. Ich trete den Stein beinahe so geschickt wie ein Fußballspieler das Leder zum Eckball, Freistoß, Elfmeter. Ich bin, was das angeht, Steinstoßprofi. Ich will meine Steine andocken, einlochen und, schnöde gesagt, im großstädtischen Areal wie auf einem Billardtisch nach allen Regeln der Kunst versenken. Ich mag Ritzen, Lücken, raffinierte Schlaglöcher und enge Baugruben. Aus dem Ein-beinstoßer, der ich war, ist längst ein Rechtslinksbeinstoßer geworden. Ich habe sogar ein Punktesystem zur Bewertung meiner Stöße ersonnen. Ich kann, wenn ich zu Hause anlange, exakt Auskunft geben, wieviele Punkte meine Füße gestoßen haben.
Als spazierender Steinstoßer trete ich nicht nur gegen mich, sondern immer auch für die Menschheit an: Ich gebe dem rechten Fuß einen Namen, dem linken einen anderen und spiele um einen gemeinsamen Nenner. Es geht mir um Vereinigungen. Ich benenne meine Füße nach Nationen und darin lebenden unbekannteren Menschengruppen. Das Steinstoßen soll sie miteinander in Beziehungen bringen, ihr Verhältnis ermöglichen, ihre Grundhaltung zueinander auflockern, ihre Vorbehalte gegeneinander umformen in ein großes »Ja« zum Leben. Ich stoße Steine für die Welt.
Das ist keinesfalls reine Zeitverschwendung. Nicht doch. Bei mir wird der Ungar dem Mongolen ein Stein des Anstoßes im förderlichen, sich zugeneigten, alle Völker gleich liebenden Sinn. Bei mir misst Nordkanada sich brüderlich mit Südkorea. Bei mir findet der Dialog zwischen Eskimos und Lappen auf offener Straße statt. Ich bringe den Eisverkäufer aus Ost-Bangladesch mit dem Postboten des Westjordanlands zusammen. Bei mir trifft Griechenlands Elite auf die Habenichtse der Lofoten, die Falklandinselbewohner schauen bei den Ölarbeitern in Sibirien vorbei, Österreich setzt sich für das schwächere Nordirland ein, Island gibt Neuseeland die steile Vorlage, und Mexikos Frauen werden von indischen Gentle­men unterstützt. Steinstoßen heißt bei mir, die Völker der Erde können und müssen, sollen, wollen und werden miteinander in Berührung kommen. Sie werden voneinander lernen, aufeinander hören, sich gegenseitig ein Familienbündnis sein. Alle Fremdheit wird abgelegt unterm Dach meines spielerischen Spaziergangs.
Nun ist es also raus, ich habe meine Macke hiermit bekannt gemacht. Ich stoße Steine. Sie fliegen in der Gegend herum. Sie prallen manchmal jemandem an die Hacke oder knallen an Fensterscheiben, dass mir angst und bange wird. Und doch muss ich weiter stoßen. Für die Sache der Welt werfe ich den ersten Stein. Mit jedem Spaziergang neu. Und rufe euch auf, es mir nachzutun. Lasst euch überreden. Lasst euch sagen: Wenn nur genügend Menschen ähnliche Macken erfinden, Kinder, dann muss doch unsere Welt gefälliger und entspannter in ihrem Wesen werden. Also rücken wir dichter zusammen und spielen uns die Steine des Anstoßes lustig zu. Und ihr werdet es erleben: Es macht plötzlich wieder Spaß, ein Mensch auf Erden zu sein. Man geht nicht mehr so lustlos hinaus. Wer keine Macke hat, nimmt die Lebenszeit in Gewahrsam. Ohne Macke wird Mensch dem Menschen synchron. Es braucht die Macken aller: Bekennt euch zu euren Macken, setzt die Macken der anderen frei!

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