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Werde zum Wandel!

Vielfalt und Einheit gemeinsam leben – als Akteure des Wandels.

von Michael Plesse , erschienen in 12/2012

Die Bücher der Zivilgesellschafts-forscher Paul Hawken und ­Nicanor Perlas erlauben so ­etwas wie Weitwinkel-Perspektiven auf jene riesige Bewegung, die den großen Wandel vorantreibt. Zusammengenommen ermutigen beide Botschaften umso mehr zum Mitmachen.

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»Wir sind der Wandel – Warum die Rettung der Erde bereits voll im Gang ist und kaum einer es bemerkt«, so lautet der deutsche Titel des neuesten Buchs von Paul Hawken (siehe Oya 9). Er schreibt, dass es mittlerweile eine globale Bewegung von Hunderttausenden Basisinitiativen gibt, die alle irgendwie für eine bessere Welt arbeiten.
Erst seit den 90er Jahren ist diese Bewegung als »Zivilgesellschaft« im öffentlichen Diskurs aufgetaucht. Oft haben wir von ihr eine eher vage, pauschale Vorstellung, z. B. dass nur große Nichtregierungsorganisatio­nen (NROs) wie Greenpeace oder Amnesty International dazugehören. Hawken belegt in seinem Buch, dass es weltweit mittlerweile eine unüberschaubare Fülle anderer »Civil-Society«-Initiativen von kleiner, größerer und richtig großer Art gibt, die wir allesamt als globale Zivilgesellschaft bezeichnen können. Diese sei so etwas wie das Immunsystem unseres »siechenden« Planeten, das gefährliche Krankheiten wie eindimensionales Denken, Ungerechtigkeit und Naturzerstörung abwehrt.
Einer der Pioniere und Vordenker dieser Bewegung ist der philippinische Biobauer, Philosoph und Aktivist Nicanor Perlas, der für seine Arbeit mit dem alternativen Nobelpreis ausgezeichnet wurde. Ende der 90er Jahre, als der deregulierte, neoliberale Konsumkapitalismus amerikanischer Prägung auch im Pazifikraum durchgesetzt werden sollte, gelang es ihm, etwa 5000 NROs und Bürgerinitiativen zu mobilisieren. Im Bündnis mit der philippinischen Regierung konnte dieses zerstörerische neoliberale Projekt durch eine gut vernetzte Graswurzelbewegung gestoppt werden. Es war durchaus ein historisches Ereignis, als der Welt klargemacht wurde: Wir als Zivilgesellschaft haben eine andere Vorstellung von Entwicklung!
Nicanor Perlas kommentiert das so: »Im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts haben Millionen Menschen mit je unterschiedlichem Hintergrund direkt Formen von Missbrauch, Ausbeutung und Zerstörung der Erde erfahren. Jetzt aktivieren sie sich mit ihren Mitmenschen, etwas gegen diesen Zerfallsprozess zu tun. Sie engagieren sich positiv in Initiativen und Unterstützungsaktionen, und sie gründen Gruppen außerhalb des politischen Staats und des wirtschaftlichen Markts, um auf lokaler und regionaler Ebene dem Missbrauch entgegenzuwirken«.

Selbstorganisation
Alle diese Organisationen, zu der jetzt auch die weltweit aktive Transition-Town-Bewegung zählt, sind selbstverwaltet, wirken von unten nach oben (»bottom up«) und sind oft auch global vernetzt. Sie werden von keiner externen globalen Macht gesteuert. Sie engagieren sich mit Hilfe globaler Netzwerkaktivitäten. In dieser Vernetzung ihrer Lebensbedürfnisse arbeiten sie zusammen, um ihre Themen auch auf globaler Ebene geltend zu machen.
Eine wichtige Institution der Zivilgesellschaft ist das 2001 in Porto Alegre in Brasilien gegründete Weltsozialforum (WSF). Dieses hat sich in einer enorm dynamischen Form entwickelt. Es begann mit einer Initiative von Aktivisten in Brasilien – Arbeiter, Bauern, Intellektuelle, Indios, auch Befreiungstheologen wie der alternative Nobelpreisträger Chico Whitaker gehörten zu den Initiatoren. Diese Aktivisten sagten: Wir brauchen einen neuen Ansatz zum Handeln für die Welt, für die Erde, für die Menschen – jenseits von politischen Ritualen und staatlichen Absichtserklärungen.
Das Credo des WSF lautet: »Eine andere Welt ist möglich.« Das radikal Neue daran ist also: Diese Weltsicht ist nicht mehr primär gegen etwas gerichtet, sondern versteht sich als reale gesellschaftliche Kraft für die Schaffung einer neuen demokratischen, freien und gerechten Gesellschaft jenseits von Kapitalismus und Kommunismus.
Perlas bezeichnet die Zivilgesellschaft als »dritte Kraft« neben Wirtschaft und Staat. Er sagt: »Die globale Zivilgesellschaft fordert eine Beteiligung an der Gestaltung der Globalisierung ein. Sie will sie nicht durch Revolution von oben gewaltsam herbeiführen, sondern indem sie ihre stärkste Kraft einsetzt: die Inspiration und Kraft aus dem Bereich der Kultur.«

Lebendige Kultur
Die kulturelle Veränderung ist für Perlas die Hauptdomäne der globalen Zivil­gesellschaft. Das WSF versteht sich als ein öffentliches Forum, als Raum für ein neues kulturelles Bewusstsein und nicht nur als soziale Bewegung. Es ist dezentral und selbststeuernd organisiert, und es operiert nicht hierarchisch, sondern wendet offene, transparente Methoden an, wie z. B. Open-Space und World-Café – und es funktioniert! Daraus hat sich von Brasilien über Afrika bis nach Australien und Indien eine Vielfalt von unterschiedlichen Projekten entwickelt. Wichtig ist, dass die Zivilgesellschaft auch kultur- und nationenübergreifend gemeinsame Werte vertritt. Dazu gehören etwa das aus der Permakultur bekannte Prinzip »Earth Care, People Care, Fair Share« oder der Respekt für kulturelle Vielfalt, Schutz der indigenen Traditionen sowie der Sprachenvielfalt oder auch das Grundrecht auf Nahrung, Wasser, Boden, Luft, eingebettet in die Entwicklung von resilienten (widerstandsfähigen) Gemeinschaften, ­Regionen und Nationen.
Für Perlas ist nun von zentraler Bedeutung, dass die Zivilgesellschaft sich in ihrer Identität als kulturschaffende Kraft erkennt. Hierzu gehörten neben Ethik und Werten, die zu Gemeinschaft und für das Gemeinwohl motivieren, auch das Erlernen entsprechender grundlegender Fähigkeiten und Qualitäten, wie z. B. Dialogfähigkeit, Authentizität, gewaltlose Kommunikation, Transparenz, Mitgefühl, Gemeinschaftssinn, gegenseitige Toleranz, Herzenskultur und die Fähigkeit, Visionen und Handlungsmodelle für den Schutz des Lebendigen zu entwickeln. Das hat für mich eine ermutigende, geradezu kulturrevolutionäre Seite, denn hier drückt sich eine entstehende kulturübergreifende »Wertegemeinschaft« aus, die auf innerer Wandlung beruht.
Diese lebendige Kulturkraft, so Perlas, könne dann auch selbstbewusst neue Impulse in die anderen beiden Bereiche hineintragen, so dass wirtschaftliche Akteure und Verbündete in der Politik zu Partnern für die Belange des Gemeinwohls werden.

Wandel in Aktion
Es ist faszinierend und ermutigend, dass wir diese Perspektive auch in der jungen, globalen Transition-Town-Bewegung antreffen. Hier finden wir ein tiefes, undogmatisches Verstehen der Bedeutung von Resilienz in Zeiten globaler Krisen. Und hier entdecken wir auch neue kulturelle Ideen, Wissen über Nachhaltigkeit in Wirtschaft, Bildung, Erziehung und Kunst sowie neue Symbole und die Kunst, alte Erzählungen und Elemente nicht-dogmatischer Spiritualität einzubeziehen.
In den 90er Jahren forderte die erwachende Zivilgesellschaft in einem ihrer Slogans, den öffentlichen Raum zurückzuerobern. Nun scheint die gerade entstehende »Occupy«-Bewegung genau daran anzuknüpfen. Wie auch immer diese Bewegung sich entwickeln mag, in ihr drückt sich für mich ein persönlicher und kollektiver Zuwachs an Selbstvertrauen, Mut und Kompetenz aus. Es wird spürbar, dass jede einzelne Immunzelle (der Zivilgesellschaft) Teil eines immer größer und wirksamer werdenden Immunsystems ist.
Die Netzwerke, die sich für einen Wandel einsetzen, der im Inneren des Menschen beginnt und das Äußere einbezieht, haben laut Perlas die wichtige Aufgabe, an dieser inneren persönlichen Entwicklung dranzubleiben. So könnten wir ein Potenzial entfalten, das sämtliche verfügbaren Talente und Fähigkeiten aktiviert. Die doppelte Aufgabe der Netzwerke liege im »Empowerment«, der Ermutigung zur Selbstermächtigung, die innen und außen gleichermaßen einbezieht.
Zum Beispiel gestaltet sich jede Transition-Town-Initiative selbst, immer ausgehend von den Bedingungen und Potenzialen vor Ort. Indem sie sich gestaltet und vernetzt, entsteht eine größere »Netzwerkkraft«, die wiederum Teil einer globalen Kraft ist. Und diese vertieft und weitet sich ständig neu als selbstorganisierendes System. Wie ein lebendiger Organismus, der sich mit der Erde wiederverbindet.
»Werde zum Wandel« ist die Botschaft von Paul Hawken. Diese Einladung ist wie ein Weckruf, der die unzähligen Initiativen der Zivilgesellschaft durchzieht. Er lässt uns ahnen, dass Vielfalt und Einheit darin Hand in Hand gehen können, und er lässt uns wissen, dass, weltweit vernetzt, bereits Millionen Menschen mit Kopf, Herz und Händen am »großen Wandel« mitwirken.
Wenn sich in diesem Verständnis weitere Menschen als Akteurinnen und Akteure verankern und ermutigen, kann dies nicht nur Potenziale freisetzen, sondern auch ein guter Grund sein, sich darüber zu freuen und es zu feiern. 

Michael Plesse (66) ist Politologe, Therapeut, ­Berater, Referent und Begründer der Transition-­Initiative Kassel.


Weitere Infos:
Internet
www.transition-initiativen.de, www.transitionculture.org
Literatur
Paul Hawken: Wir sind der Wandel. Nietsch, 2010 • Rob ­Hopkins: Das Energiewende-Handbuch. Zweitausendeins, 2008 • Nicanor Perlas: Die Globalisierung gestalten. Info 3, 2003 • Chico Whitaker: Das Weltsozialforum. Vsa, 2007 

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