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Gandalf denkt …

…darüber nach, wie es ist, seine Mutter zu verkaufen.

von Gandalf Lipinski , erschienen in 12/2012

Als man die Finanzschlinge um den Hals der Griechen langsam zuzog, tauchten mitunter so genia­le Ratschläge auf wie: Die haben doch so wunderschöne ­Inseln in der Ägäis, sollen sie doch ein paar davon verkaufen! Ja, ja, recht einfach und einleuchtend scheinen die Ratschläge aus der Folterwerkzeugsammlung des neoliberalen Denkens manchmal zu sein. Wo die Logik auf kurzfristige Gewinn­maximierung ausgerichtet ist, da kommt man eben auch auf solche Ideen. Aber geht das wirklich: Land verkaufen?

Selbstverständlich kann man das, denken wir. Es geschieht doch andauernd und überall ganz legal. Gerade jetzt, wo eine Währung bedroht zu sein scheint, geht der Run auf die Immobilien los. Die, bei denen das Geld angekommen ist, wandeln es in Landbesitz um. Und die Abhängigkeit derer, von denen das Geld weggeflossen ist, steigert sich, indem ihnen die Nutzung des Bodens, auf dem sie ­leben, buchstäblich unter den Füßen weggezogen wird.
Doch ist das, was betriebswirtschaftlich und kurzfristig vielleicht schlau erscheint, auch langfristig und volkswirtschaftlich sinnvoll? Wenn wir das Zusammenleben von Menschen auch unter dem Blickpunkt, wie sich ihre Beziehungen zueinander gestalten, betrachten, und wenn wir die Beziehungen von Gemeinschaften zu dem Land, auf und mit dem sie leben, einbeziehen, dann ergibt es keinen Sinn, wenn über immer mehr Land global von immer weniger Menschen allein verfügt wird. Was dem Casino intelligent scheint, ist aus anthropologischer Sicht auf die Spezies Mensch nur als schwerer Ausfall des Realitätssinns zu deuten.
Und die Alchemisten der Macht, die es verstehen, das virtuelle Herrschaftsmittel Geld in den Realwert von Grund und Boden zu verwandeln, sind die Goldmacher der Moderne. Sie nutzen die alte Technik des Landraubs zur Absicherung ihrer Herrschaftsansprüche. Wie schon vor über sechstausend Jahren, als sie sich das Land ihrer gartenbautreibenden Nachbarn aneigneten und alle, die nicht fliehen konnten, zwangen, künftig für sie zu arbeiten. Wie schon zu Beginn der Neuzeit, als sie sich als Fürsten nicht mehr mit dem Land als »Lehen« begnügten und ihre Staatsterritorien schließlich zu ihrem Besitz machten. Wie schon die englischen Schafsbarone und ersten Fabrikanten, die den Bauern das Land nahmen und sie zur Arbeit in ihren Fabriken zwangen. Wie schon die europäischen Siedler, die den Indianern Amerikas mit dem Land auch die Identität und die Lebensgrundlagen nahmen.
Es gehört zum Grundeinmaleins der Herrschaft, den Menschen, die man beherrschen will, zuallererst das Land zu nehmen und damit die Möglichkeit, sich selbständig zu ernähren. In der berühmten Rede des Häuptlings Seattle an den Präsidenten der USA heißt es einfach, dass man Geld nicht essen kann. Viele kennen heute wenigstens einige Zitate aus dieser Rede. Kann Land nicht schlicht »sich selbst« gehören? In vielen lebensdienlich und gemeinwohlorientierten Kulturen drückte sich dieses Prinzip in der Allmende aus. Das Gewohnheitsrecht der mittelalterlichen Dorfgemeinde mit ihrem Allmende-Land war weniger ein Rechtstitel über einen Gemeinschaftsbesitz im juristischen Sinn als mehr der Ausdruck einer gemeinschaftlichen Nutzung und der Beziehung der Dorf­gemeinschaft zu ihrem Land. Doch das ist lange her …
Warum habe ich auch heute noch ein befremdliches Gefühl bei der Idee, Land zu kaufen oder zu verkaufen? Ist es nicht so, als überlege man, seine Mutter zu verkaufen? Das Befremdliche eines solchen Gedankens ist durchaus auf unsere Beziehung zum Boden, dem Land, das uns trägt und ernährt, zu übertragen. Wenn ich im tiefenökologischen Sinn erfahren habe, wie sich meine Wahrnehmungsfähigkeit weitet, wenn ich die nicht-menschliche Mitwelt als lebendig und mir verwandt erlebe, ist der Vergleich mit dem Verkauf der Mutter durchaus angebracht.
Die offene Sklaverei, also der Besitz, der Kauf und Verkauf von Menschen, ist heute geächtet. Deshalb muss der globale Spätkapitalismus (wenigstens in einigen Ländern und in bestimmten Situationen) gewisse Formen wahren, wie die Menschenrechte und parlamentarische Standards, und darf den Sklavengehorsam der von ihm Abhängigen zur Zeit nicht überall offen einfordern. Ähnliches gilt, wenn sich das Kapital heute zunehmend den Grund und Boden von Gemeinschaften oder Gemeinwesen aneignet. Zumindestens in den westlichen Gesellschaften geschieht dies heute weniger durch offene Raubzüge als durch finanzpolitische und wirtschaftsjuristische Manipulationen. Der Staat, die Gemeinden, die öffentliche Hand müssen zunehmend ihr Tafelsilber herausrücken. Schulden wollen bezahlt, Zins- und Renditeforderungen bedient werden. Oder? Was war da mit dem befremdlichen Gefühl beim Verkauf der eigenen Mutter? Könnte es sein, dass es doch einige tiefersitzende Anstandsempfindungen gibt? Kann sich auch ein westlich geprägter Mensch an Werte erinnern, die in vielen Gegenden und während langer Zeiträume für ein friedliches Miteinander auf diesem Planeten dienlich waren?
Die Griechen haben übrigens vor rund 2500 Jahren einem vielfach überlegenen persischen Invasionsheer bei Salamis und ­Plataiai mit Erfolg die rote Karte ­gezeigt. Jámas!  

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