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Meister der Melancholie

Zum Andenken an einen zeitlosen Meister der leisen Töne.

von Matthias Fersterer , erschienen in 11/2011

Am 14. Dezember 2011 jährt sich der Todestag des großen Schriftstellers W. G. Sebald zum zehnten Mal. Eine Würdigung von Leben und Werk.

Schwer zu entdecken sind nämlich / die zwischen den Schiefertafeln / eingelagerten geflügelten Wirbeltiere / der Vorzeit. Seh ich aber die Nervatur / des vergangenen Lebens vor mir / in einem Bild, dann denk ich immer, / es hätte dies etwas mit der Wahrheit / zu tun.

Bild

© Foto: Foto: Jan Peter Tripp

 In seinen frühen Zwanzigern verließ Winfried Georg Sebald seine, so darf vermutet werden, eher unheimliche Allgäuer Heimat, um sich in England anzusiedeln, wo er, zunächst in Manchester, dann in der ostenglischen Grafschaft Norfolk, bis zu seinem Tod lebte. Als Professor für Neuere Deutsche Literatur forschte er an der University of East Anglia in Norwich über das, was der Philosoph Gilles Deleuze einmal als »kleine Literatur« bezeichnet hatte: Schriftsteller aus randständigen, kleinteiligen Gebieten an der Peripherie der deutschsprachigen Literaturlandschaft, darunter Adalbert Stifter, Gottfried Keller, Johann Peter Hebel, Robert Walser, Franz Kafka, Thomas Bernhard und Peter Handke.
Um nicht der Eintönigkeit des Akademikerdaseins zu erliegen, begann Sebald, eigenwillige Prosatexte zu verfassen. Die altertümliche Diktion knüpft an Vorbilder aus dem 19. Jahrhundert an, die getragene Rhythmik und Melodik der bisweilen über ganze Buchseiten mäandernden Sätze greifen den Gang des stets namenlosen Erzählers auf. Dieser solitäre Wanderer wandelt auf Spuren der Erinnerung, wo er Ausgegrenzten, Exzentrikern und Ausgewanderten begegnet. So werden Geschichten zu Gehör gebracht, die in des Autors Nachkriegsheimat einer »Verschwörung des Stillschweigens« zum Opfer gefallen waren, etwa die des Lyrikers und Übersetzers Michael Hamburger.
Sebalds Muse hieß Melancholie, und seine Prosa umgibt eine stille Extremität, die mit solch unaufdringlicher Eleganz vorgetragen wird, dass der Leser oft erst im Nachhinein erkennt, an welche Abgründe er gerade herangeführt wurde. Gegensätze sind darin so kunstvoll verwoben, Worte so sorgsam gewählt, Satzkadenzen so meisterlich austariert, dass Dinge, die an sich nicht zusammengehen, allein mittels Sprache eine notwendige Paarung bilden: Ein Fisch ist ein Vogel. Ein Ozean eine Einfallstraße. Eine Stadt ein Flammenmeer, jeder Passant in ihr vielleicht ein Wiedergänger aus weit entfernten Zeiten. Diesen mit gängiger Logik nicht beizukommenden Gleichungen lässt sich nur Sinn entlocken durch ein aus der Mode gekommenes Analogiedenken und eine Metaphorik der Lücke, die von dem erzählt, was ungesagt bleibt. »Unerzählt« ist auch der Titel eines posthum erschienenen Gemeinschaftswerks zwischen Sebald und dem Maler Jan Peter Tripp, die seit ihrer Schulzeit in Oberstdorf eine enge Künstlerfreundschaft verband. Die Prosaminiaturen bilden darin ein komplementäres Ganzes mit Tripps fotorealistischen Gemälden, die ebenso kunstvoll in die Texte eingewebt sind wie die meist historischen Fotografien in Sebalds Erzählungen und Romanen.
Wie ein roter Faden zieht sich durch sein Werk eine »Aufhebung« der Zeit im doppelten Sinn: einerseits das Bewahren, andererseits das Transzendieren jener weitaus künstlichsten menschlichen Erfindung, wie die Titelfigur in »Austerlitz« bemerkt. Zumindest kraft der Sprache wird die Zeit aufgehoben in jenen Passagen, in denen Sebald sich mit ans Schwerelose grenzender Leichtigkeit in der Zeit vor- und zurückbewegt und so in Fahrwasser vordringt, in denen andere Gesetze als der Fluss der Zeit walten. Er öffnet Schleusen zu einer Welt hinter der Welt, und wir folgen ihm wie Schwemmgut den Gezeiten weiter und weiter hinaus aufs uferlose Meer der Melancholie ...
Am 14. Dezember 2001 kommt W.  G. Sebald in East Anglia bei einem Autounfall, erlitten infolge eines Infarkts der Koronargefäße, ums Leben. Seine Tochter, die er zum Flugzeug hatte bringen wollen, überlebt schwer verletzt. In der literarischen Welt hinterlässt sein Tod eine Lücke, die nichts zu schließen vermag, nichts außer das Andenken an einen Meister und sein Werk.

Es war, als die Dunkelheit / einbrach, und weit unter mir / sah ich das Dach meines Hauses, / sah die Schatten sich legen / über die ostenglische Landschaft, / den Saum der Insel sah ich, / die Wellen auflaufen am Sand / und in der Nordsee die Schiffe / unbeweglich vor ihrer schaumweißen Spur. / So, wie ein Rochen schwebt in der Tiefe / des Meeres, so glitt ich lautlos, / kaum einen Flügel rührend, / hoch über die Erde hin.

(Die Passagen in Kursivsatz sind dem Elementargedicht »Nach der Natur« entnommen. W. G. Sebalds Werk ist bei den Verlagen Eichborn und Hanser sowie im Fischer Taschenbuch Verlag erschienen.)

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