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Leben wie ein Fisch im Wasser

Wie ein Flow-Erlebnis das Leben prägt.

von Ulrike Reiche , erschienen in 11/2011

Die Eröffnung des neuen Hallenbads in meinem Stadtteil erinnerte mich an meine alte Leidenschaft: das Schwimmen. Dreißig Jahre zuvor war ich als Teenager regelmäßig zum Training ins Wasser gestiegen. Damals liebte ich die 1000-Meter-Strecke und das technisch herausfordernde Brustschwimmen. Als der Schwimmtrainer jedoch eine Wettkampfschwimmerin aus mir machen wollte, stieg ich aus: Der verschärfte Trainingsplan nahm mir die Freude daran, in meinem eigenen Rhythmus durchs Wasser zu gleiten. In den Folgejahren schwamm ich nur im Urlaub, und dann zumeist ohne Plan und Ziel, am liebsten im offenen Meer.
Nun aber, mit dem Schwimmbad direkt vor meiner Haustür, zog mich meine alte Liebe wieder ins Wasser. Bevor ich eintauchte, warf ich einen obligatorischen Blick auf die Uhr an der Schwimmbadwand. Noch hatte ich keinen Plan für die nächsten Minuten gefasst, doch dann dachte ich mir, einmal wieder die alte Trainingsstrecke zu schwimmen, um herauszufinden, wie sich das anfühlen würde. Und so zog ich meine Bahnen. Die ersten kamen mir sehr holprig vor. Ich brauchte einige Zeit, um mich an die Schwimmtechnik zu erinnern und meine Züge auf die Bahnlängen auszurichten. Dann aber fand ich zunehmend meinen eigenen Rhythmus und glitt durchs Wasser. Es stellte sich das altbekannte Gefühl des gleichmäßigen Fließens ein. Ich genoss es, den Strom des Wassers auf meiner Haut zu spüren und Atmung und Bewegung miteinander zu harmonisieren. Meine Achtsamkeit war sowohl auf mich selbst gerichtet als auch auf die anderen Badenden, die ab und an meinen Weg kreuzten. Ohne Widerstand und Anstrengung schwamm ich meine fünfzig Bahnen. Ich stieg beglückt aus dem Wasser und freute mich, dass ich so leicht wieder einen Zugang zu einer lange zurückliegenden Erfahrung gefunden hatte. Eher zufällig fiel mein Blick auf die Uhr. Ich fing an zu rechnen und registrierte zu meinem Erstaunen, dass ich – völlig untrainiert nach dreißig Jahren – an alte Bestzeiten angeknüpft hatte!
Ich rechnete mehrfach nach und kam stets zum gleichen Ergebnis. Schließlich ging ich zum Bademeister und erkundigte mich nach der Bahnlänge – vielleicht war sie doch kürzer, als ich dachte?! Aber nein. Ich brauchte einige Minuten, um mein Erstaunen zu verarbeiten. Was war hier geschehen? Weder wollte ich schnell sein, noch hatte ich mich übermäßig verausgabt. Vielmehr war ich kontinuierlich in meinem Tempo geblieben und war zugleich mit allem, was mich umgab, verbunden. So war ich nicht nur sehr kräfteschonend, sondern auch noch genauso schnell wie als trainierte, junge Frau geschwommen. Diese Erfahrung widerlegte für mich endgültig die weitverbreitete Annahme, dass ein exzellentes Ergebnis immer mit extremer Anstrengung verbunden sein muss. Es reicht vollkommen aus, die eigenen Bewegungen im je eigenen, natürlichen Rhythmus auszuführen und seine innere Ausrichtung mit dem Umfeld zu harmonisieren.
Diese Erfahrung gab mir den Impuls, auch in meinem Alltag dem Flow-Gefühl zu folgen. Mein Schwimmerlebnis ist genauso wichtig für meine heutige Lebens- und Arbeitsweise wie die tägliche Rückanbindung an die Natur und meine Yoga-Praxis, die mein Körpergefühl und meine Achtsamkeit schult. Heute orientiere ich mich konsequenter als früher an meinen eigenen Möglichkeiten und beachte meine Grenzen. Dadurch empfinde ich einen größeren Einklang mit den Lebensrhythmen und der menschlichen Natur. Mein Leben ist leichter und selbstverständlicher geworden. Vieles, um das ich früher hart kämpfen musste, geschieht scheinbar von allein und kommt zu mir. 

Ulrike Reiche (46), Yogalehrerin (3HO), Beratung von Unternehmen zur Mitarbeiter-Gesundheit, Coach für berufstätige Frauen, seit 2002 Yoga-Programme für Berufstätige im arbeitsplatznahen Umfeld. www.femalespirit.de

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