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Beten verbindet Felder

Wie kann morphische Resonanz unsere Wahrnehmung der Welt erweitern?

von Rupert Sheldrake , erschienen in 11/2011

Auf dem Weg zu einer lebenswerten Post-Kollaps-Gesellschaft ist die Kraft der Vision das stärkste Werkzeug des Menschen. Wir laden herausragende Visionärinnen und Visionäre ein, Oya ihre zukunftsweisenden Gedanken zu schenken.

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Von alters her lässt ein starker und weitverbreiteter Glaube an die Wirksamkeit des Gebets, für die Lebenden wie die Toten, vermuten, dass das Bewusstsein nicht auf den physischen Körper beschränkt ist. Weisheitstraditionen aus aller Welt überliefern nicht nur, dass Gebete auf eine wie auch immer geartete Weise den Ahnen helfen oder Hilfe von diesen erwirken, sondern auch die physischen Umstände der Lebenden beeinflussen können.
Wenn Gebete Auswirkungen auf die physische Welt haben, so sollten diese auch messbar und naturwissenschaftlich erforschbar sein. Der Mediziner Larry Dossey führt in seinem Buch »Heilende Worte« eine Fülle interessanter Experimente auf, deren Ergebnisse an der vorherrschenden materialistischen Weltsicht rütteln. Mehr als die Hälfte von 131 kontrollierten Experimenten zur Heilkraft des Gebets hatten statistisch signifikante Ergebnisse. Zu den bekanntesten zählt eine mit 393 Patienten an der kardiologischen Abteilung des San Francisco General Hospital durchgeführte Doppelblindstudie. Für 192 nach dem Zufallsprinzip ausgewählte Patienten wurde in Gebetsgruppen von zu Hause aus gebetet, für die anderen nicht. Jene, für die gebetet worden war, erholten sich schneller, und die Sterblichkeitsrate war geringer.
Um solche Ergebnisse über die Wirksamkeit des Gebets deuten zu können, müssen die Naturwissenschaften ihre Grundannahmen über das Wesen von Kausalität revidieren. Dazu ist eine andere Kausalkraft als die Mechanik elektrochemischer Interaktionen vonnöten. Die gegenwärtige Standardsicht ist jedoch rein mechanistisch, trotz des Geredes über Chaos- und Komplexitätstheorie. Selbst wenn diese Theorien mit Hilfe ausgefeilter Computermodelle auf die Lebenswissenschaften angewendet werden, so erklären sie die Welt nach wie vor anhand mechanischer, auf bekannten physischen und chemischen Prozessen basierender Kausalkräfte. Empirische Studien über das Gebet, ebenso wie die umfangreichen Forschungen zu Telepathie, Hellsichtigkeit und Psychokinese, bringen solche mechanistischen Weltbilder ins Wanken.

Ganzheitliche Wissenschaft und mentale Felder
Unter ganzheitlichen Denkern gibt es jene, die einen Holismus anstreben, der nicht mit der uns bekannten Naturwissenschaft in Konflikt gerät; anstatt die Möglichkeit der Existenz anderer Kausalkräfte zu erforschen, versuchen sie mit Hilfe von Computertechnik und elaborierten Rechenmodellen, diesen Holismus anhand von Komplexität und Selbstorganisation der konventionellen Kräfte zu erklären. Die Eigenschaften lebendiger Systeme unterscheiden sich hier nicht wesentlich von denen physikalischer und chemischer Wechselwirkungen.
Dann gibt es jene Minderheit, zu der auch ich mich zähle, die der Meinung ist, dass es weit mehr als die uns bekannten chemischen, physikalischen und mathematischen Modelle gibt. Ich bin der Ansicht, in der Natur wirken noch ganz andere Kausalkräfte, die auch ganz andere Wirkungen als die allgemein anerkannten erzielen – und diese müssen wir berücksichtigen, wenn wir unsere Erfahrung der Welt und die Welt selbst verstehen wollen. Solche anderen Kausalfaktoren wirken etwa bei paranormalen Phänomenen, bei Gebeten und Heilungserlebnissen. Meine gesamte Theorie der morphischen Resonanz beruht darauf, dass es in der Natur mehr gibt als die für gewöhnlich akzeptierten physikalischen Kräfte. Und diese anderen Kräfte sind zentral für die Organisation des Lebens und des Bewusstseins.
Im Gegensatz zu positivem Denken, das sich nur um das eigene Bewusstsein und die eigenen Wünsche und Bedürfnisse dreht, rufen wir im Gebet eine höhere Macht an, sie möge ein bestimmtes Ergebnis für uns oder andere Lebende oder Tote herbeiführen. Einem mechanischen Weltbild zufolge können die Gedanken in unserem Kopf unmöglich Auswirkungen auf räumlich entfernte Dinge oder Wesen haben. Demzufolge verursachen sie bestenfalls elektrochemische Störungen, die zwar mit hochsensiblen Geräten messbar, aber bereits in einigen Zentimetern Entfernung kaum noch feststellbar sind. Die mechanistische Naturwissenschaft schließt nämlich kategorisch aus, dass die Gedanken in meinem Kopf, ob in Form von positivem Denken oder Gebeten, über Entfernungen hinweg Einfluss auf die Welt ausüben können.
Wie aber ließe sich das Gebet in ein naturwissenschaftliches Weltbild einfügen? Der Schlüssel zum Verständnis des Gebets als wissenschaftlichem Phänomen liegt meiner Ansicht nach darin, dass wir uns von der Vorstellung verabschieden, das Bewusstsein befände sich im Gehirn, isoliert im Inneren unseres Schädels, ohne die Außenwelt beeinflussen zu können. Ich betrachte das Bewusstsein dem gegenüber als Feld. Mentale Felder bilden meiner Meinung nach die Grundlage habitueller Denkmuster. Mentale Felder übersteigen, durchdringen und überlappen elektromagnetische Gehirnmuster. So können mentale Felder über unser Gehirn Auswirkungen auf unseren Körper haben, sind jedoch weit über die Grenzen unseres Gehirns hinaus wirksam.
Akzeptieren wir, dass sich das Bewusstsein durch mentale Felder über große Entfernungen hinweg ausdehnen kann, so verfügen wir über ein Verbindungsmedium, über das die Kraft des Gebets seine Wirksamkeit entfalten kann. Wir haben es dann nicht mehr mit einem rein mechanischen, neuronalen System zu tun. Ein mentales Feld ist ein Medium, das eine Reihe von nicht-lokalen Verbindungen mit geliebten und vertrauten Menschen, Tieren und Orten, ja, mit dem Rest der Welt ermöglicht. Diese erweiterten mentalen Felder schaffen einen Rahmen, innerhalb dessen Gebete ihre nicht-lokale Wirkung entfalten könnten.

Nicht-lokales Bewusstsein
Dies ergibt noch keine ausformulierte naturwissenschaftliche Theorie des Gebets – ganz im Gegenteil, es ist sogar hochspekulativ. Für mich liegt es jedoch auf der Hand, dass wir eine Theorie eines solchen »erweiterten Bewusstseins« brauchen. Die vorherrschende Sicht eines im Schädel eingeschlossenen »begrenzten Bewusstseins«, wurde im 17. Jahrhundert durch Descartes aufgebracht. Dieses Modell, das unser Bewusstsein von unserer Umgebung abschottet und in eine kleine Gehirnregion verbannt, widerspricht unserer unmittelbaren Erfahrung. Wenn Sie diese Seite lesen, so erfahren Sie sie als außerhalb ihres Schädels gelegen, nicht als Produkt ihres Gehirns. Zu behaupten, diese und alle anderen unserer Wahrnehmungen befänden sich nur in unserem Gehirn, ist eine Theorie, keine Erfahrung.
Allerdings sollte man sich das erweiterte Bewusstsein nicht als undifferenziertes, amorphes Feld vorstellen. Ein Sprung vom »begrenzten Bewusstsein« zu einem grenzenlosen, universellen Bewusstsein erscheint mir in wissenschaftlicher Hinsicht wenig hilfreich. Ich betrachte morphische Felder trotz ihrer erweiterten und nicht-lokalen Wirkung als Teil unseres individuellen wie kollektiven Bewusstseins, halte jedoch nichts davon, sie mit einem ultimativen universellen Bewusstsein gleichzusetzen: Morphische Felder sind nicht Gott. Sie sind insofern nicht-lokal, als sie sich – ähnlich wie Gravitationsfelder – über enorme Entfernungen hinweg ausdehnen können. Würde ich etwa von meinem Haus in London für jemanden in Australien beten, so würde sich die Information über das morphische Feld fortsetzen und dem Gebet Wirksamkeit verleihen. Damit eine mentale Verbindung über morphische Felder entsteht, muss es meiner Ansicht nach etwas geben, das mich mit der anderen Person verbindet. Erst wenn zwei Menschen in Kontakt kommen und eine mentale Verbindung aufbauen, die beispielsweise als Zuneigung, Liebe oder Hass erfahren wird, werden ihre morphischen Felder Teil eines größeren, umfassenderen Felds. Wenn sie dann voneinander scheiden, dehnt sich ihr Teil des morphischen Felds gewissermaßen elastisch aus, so dass eine »mentale Spannung« oder Verbindung zwischen ihnen aufrecht erhalten bleibt.

Verschachtelte morphische Felder
Morphische Felder sind in verschachtelten Hierarchien organisiert. So befinden sich beispielsweise die morphischen Felder, die die Atome in unserem Körper umgeben, innerhalb von morphischen Feldern höherer Ordnungen, etwa jenen von Molekülen, Organellen, Zellen, Organen und Gliedmaßen, die alle innerhalb des zum gesamten Körper gehörenden morphischen Felds existieren. Das Körperfeld ist wiederum Teil des Feldes, das sich aus den Beziehungen, die eine Familie ergeben, zusammensetzt, welches wieder Teil eines größeren gesellschaftlichen Zusammenhangs ist. Gesellschaften sind in Ökosysteme und Ökosysteme wiederum in das planetare System »Gaia« eingebettet. Diese Reihe verschachtelter morphischer Felder lässt sich so lange weiterdenken, bis sie, jenseits der Beschränkungen des planetaren Systems, des Sonnensystems und der Galaxis, das gesamte Universum einschließt.
Selbst bei Einsteins raumzeitlichem Gravitationsfeld handelt es sich um ein universelles, kosmisches Feld, das alles zusammenhält und vernetzt und so erst ein Universum, ein »in eins Gekehrtes« ermöglicht. Es wirkt ähnlich wie die Weltseele oder anima mundi der neuplatonischen Philosophie. Es umschließt den gesamten Kosmos und umfasst Ebenen über Ebenen von morphischen Feldern in wieder anderen Feldern, in die wir alle eingebettet sind. Das menschliche Leben ist somit in viel größere Organisationsfelder eingebunden. Inwiefern diese bewusst sind, bleibt nach wie vor spekulativ. Ich gehe jedoch davon aus, dass Felder höherer Ordnungen nicht über weniger, sondern eher über mehr Bewusstsein verfügen als wir selbst, nicht etwa weil sie größer sind, sondern schlichtweg deshalb, weil sie umfassender und komplexer sind und mehr Möglichkeiten in sich vereinen.
Auf diese Weise lässt sich ein Kosmos beschreiben, dem von der allerkleinsten bis zur allergrößten Ebene Intelligenz innewohnt. In einem solchen Kosmos ging das Bewusstsein nicht aus unbewusster Materie hervor, sondern: Am Anfang war die bewusste Intelligenz. Begeben wir uns auf die Suche nach dem Wesen des Bewusstseins, so sollten wir uns vielleicht weniger mit Atomen und Quanten beschäftigen – obwohl vermutlich auch diese über eine Art von Bewusstsein verfügen –, sondern eher mit Sonnensystemen, Galaxien und dem ganzen Kosmos. Vermutlich birgt die gesamte kosmische Ordnung all diese verschiedenen Ebenen von Kreativität, Intelligenz und Bewusstsein. Ähnliche Lehren finden sich auch in allen mir bekannten Weisheits­traditionen. 


Von Matthias Fersterer aus dem Englischen übersetzte und gekürzte Fassung eines erstmals in Noetic Sciences Review (Sommer 1994) erschienenen Artikels.

Rupert Sheldrake (69) studierte Biologie, Geschichte und Philosophie und promovierte in Biochemie. Von 1974 bis 1985 wirkte er an dem gemeinnützigen landwirtschaftlichen Forschungszentrum International Crops Research Institute for the Semi-Arid Tropics in Indien. Zu jener Zeit wandelte sich sein materialistisches Weltbild hin zu einer ganzheitlicheren Weltwahrnehmung. Anderthalb Jahre lebte er im Ashram von Father Bede Griffith, wo er »Das schöpferische Universum« verfasste. Das vielbeachtete Grundlagenwerk einer holistischen, feldbasierten Lebenswissenschaft fügt unserem Verständnis von Bewusstsein und Morphogenese eine neue Dimension hinzu und ermöglicht, als »paranormal« bezeichnete Phänomene im naturwissenschaftlichen Kontext zu beleuchten. In zahlreichen Fachartikeln, populärwissenschaftlichen Werken und in umfassender empirischer Forschung verfeinerte Sheldrake seine Theorie der »morphischen Resonanz« als Alternative zu mechanistisch-materialistischen Weltbildern. Von 2005 bis 2010 war er Direktor des von der Universität Cambridge finanzierten Perrott-Warrick-Projekts zur Erforschung unerklärter Fähigkeiten von Mensch und Tier. Demnächst erscheint sein neustes Buch »The Science Delusion«. Sheldrake ist verheiratet, hat zwei Söhne und lebt in London.

www.sheldrake.org

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