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Der goldene Faden

Vom Mut, sich dem Missbrauch zu widersetzen.

von Klara Winter , erschienen in 11/2011

Jede ausbeuterische, autoritäre Struktur ist menschenverachtend, und wenn sie im Mantel des »Spirituellen« daherkommt, umso mehr. Von dort einen Weg in die Freiheit zu finden, kann außerordentlich schwierig sein.

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Eines Morgens im Herbst erwachte ich früh, und es war, als würde mich etwas rufen. Das Licht lockte golden durch die Ritzen des metallenen Rollos vor dem Wohnwagenfenster. Barfuß und im Schlafanzug huschte ich, von meinen schlafenden Eltern unbemerkt, zur Tür hinaus. Draußen erwartete mich ein Wunder: Das Tal, das direkt unter uns begann, war angefüllt mit dichtem, wallendem Nebel, und darüber hinweg strahlte sanftes, frühes Morgenlicht. Mit pochendem Herzen warf ich mich hinein ins Nichts, in das Grau, lief den Abhang hinab, die Wiese hinunter, in den Nebel hinein. Lief und lief und lief, abwärts, bis um mich herum nichts mehr zu sehen und zu hören war. Alle Geräusche waren verstummt, keine Welt mehr, nur das kalte Gras unter meinen Füßen und der Nebel und ich. Ich stand lange da, staunte, lauschte in die Stille. Und auf einmal dehnte ich mich aus, verlor meinen Körper, war überall. War das Gras, die Wassertropfen in der Luft, war die Bäume, die ich in der Ferne spüren konnte, war der weite Himmel, war alles, alles, und alles war ich. Ich erfuhr eine große Liebe, die plötzlich in allem da war und mich hielt. Mein Herz wollte schier platzen angesichts dieser großen Gewissheit des All-ein(s)-Seins und dieses unbekannten Gefühls, das ich heute als Erwachsene Demut nenne. Ich war acht Jahre alt und wusste nicht, dass diese kostbare Erfahrung der Beginn meines langen Wegs in die Freiheit sein würde.
Aus heutiger Sicht denke ich, dass dieses Kindheitserlebnis wahrscheinlich meine erste echte spirituelle Erfahrung war. Mein Begriff von Spiritualität ist für mich sowohl universell als auch individuell, öffentlich und gleichzeitig von höchster, verletzlichster Intimität. Und sie scheint unbeschreiblich und sich letztlich nur über eigene Erfahrung zu erschließen.
Spiritualität hat eine dunkle Schwester, die schwer zu fassen ist. Wie alles im Dunkeln sieht man sie nur dann, wenn man sie nicht direkt anschaut, sondern den Blick auf ihre Konturen richtet: Fanatismus, Aberglaube, Fatalismus, Wahrheitsanspruch. Es können im Namen beider Schwestern Gebete gesprochen werden, sogar an dieselbe Gottheit. In beider Namen wird überall auf der Welt meditiert, es werden Rituale abgehalten, Tausende von Buchseiten mit »Wahrheiten« bedruckt, Millionen von Menschen machen tief berührende und sie für immer verändernde Erfahrungen von universeller Einheit, Liebe, Stille und Ekstase. Gibt es Wegweiser und Zeichen, die hilfreich dabei sein können, zwischen den guten und den manipulativen und schädlichen Einflüssen zu unterscheiden?
Es gab in meinem Leben immer mehrere spirituelle Identitäten, die sich wie Zwiebelhäute um mein Inneres legten: Ich wurde katholisch getauft und nahm am Religionsunterricht in der Schule teil, meine Familie zeigte sich an Weihnachten und Ostern in der Kirche: Das war meine spirituelle Deckidentität, die äußerste Haut. Weitaus grundlegender wurde mein Leben dadurch bestimmt, dass ich in eine totalitäre Sekte hineingeboren wurde, als älteste Tochter eines der »Führer« und mit einem vorgezeichneten Lebenslauf als »Priesterin« – das war meine Hauptidentität, mehrere dicke Zwiebelschichten von Glaubenssätzen und Überzeugungen. Und dann war da noch etwas Tieferes, ein Glaube an einen wundersamen Stoff, der alles und alle um mich herum durchwirkt, ein unerklärlicher Glaube an Reinkarnation, ein Absinken in Naturrituale, innere Reisen, Träume. Das war die innerste, manchmal mir selbst verborgene Identität, die ich in der Rückschau als die einzige wirklich meinige bezeichne.

Leben und Aufwachsen in einer Sekte
Das Glaubenssystem der Sekte war totalitär, durchdrungen von Geboten und Verboten. Eine Loge, ein exklusiver Club von Menschen, mit dem Heilsversprechen der absoluten psychischen Optimierung und Stärkung ihrer Mitglieder, »experimentierfreudig« in den Mitteln. Im Hintergrund ein faschistoid-sozialdarwinistisches Menschenbild, das den satanisch-magischen Anstrich im Vordergrund legitimierte: Tu was du willst, das war das erste Gebot, denn es ist naturgemäß und richtig, dass die Stärkeren die Schwächeren beherrschen. Alle Lehren bildeten einen perfekt logischen Kreislauf. Gerade die Widersprüchlichkeit mancher Sätze galt als Beweis für die Richtigkeit des Großen und Ganzen. Disziplin wurde durch Schuld- und Schamrituale und öffentliche Bestrafungen aufrechterhalten. Verrat wurde belohnt, Vertraulichkeit zu einem schweren Risiko. Verwirrende Rhetorik, stundenlange eintönige Gesänge, Reizüberflutung durch laute Musik und Drogen, Reizdeprivation durch tagelanges Eingesperrtsein und »Meditieren«, sexualmagische Rituale, dokumentierte Mutproben, welche die Mitglieder erpressbar machten. Sex, Geld und Macht für diejenigen, die dieses Spiel am besten mitspielten.
Ich war die stolze Erstgeborene und wuchs auf in dem Bewusstsein, etwas Besonderes zu sein. Eine besondere Inkarnation, eine geborene Führerin – eine, die besonders diszipliniert werden musste. Im Rahmen meiner »Erziehung« wurde ich schwer sexuell missbraucht und misshandelt, indoktriniert und dazu gebracht, Handlungen zu tun, die ich mit meinem Gewissen nie werde vereinbaren können.
Das Schmerzlichste meiner Erfahrungen waren die Manipulation und der Missbrauch meines Vertrauens, meiner Neugier und meiner kindlichen Suche nach Anerkennung. Ich war existenziell abhängig von der Liebe meiner Bezugspersonen, die ich jedoch nur durch absoluten Gehorsam sichern konnte. Tu was du willst – aber was ich zu wollen hatte, das wurde mir so lange eingetrichtert, bis ich das Gespür von dem, was ich selbst wollte, so gründlich verloren hatte, dass ich selbst dann davon überzeugt war, nach meinem Willen zu handeln, wenn ich mir oder anderen Leid zufügte. Alles im Namen der göttlichen Macht.
Ein kleinster, gut versteckter Teil in mir blieb jedoch heil. Die Erinnerung an die allumfassende Liebe, die ich im Nebeltal erfahren hatte, war wie ein goldener Faden in meiner Mitte, der mich leitete. Es blieb eine Sehnsucht, ich blieb auf der Suche. Mit zunehmendem Alter wuchsen die Zweifel. Ich las philosophische und religiöse Schriften und begann, mir andere Freundschaften aufzubauen. Die Erkenntnis, dass abweichende Ansichten wertvoll und diskutierbar sind, wurde immer mehr zu meiner Richtschnur. Die war jedoch kaum fassbar, weil durch die Indoktrination alle Zweifel zu massiven Schuldgefühlen und Ängsten führten. Mein Zwiespalt brachte mich ­darüber hinaus in reale Gefahr.

Der Ausstieg
Ich funktionierte nicht mehr. Mit 18 Jahren versuchte ich zum ersten Mal, mir das Leben zu nehmen. Mit Anfang 20 setzte ich eine Ausbildung in einer anderen Stadt durch und begann eine Psychotherapie. Die Zerrissenheit zwischen der Loyalität zu meiner Familie und ihrer Sekte und der Sehnsucht nach Freiheit und Heilung wurde unerträglich. Schließlich wagte ich den Ausstieg. Aus Angst vor Vergeltung tauchte ich unter, änderte meinen Namen und beendete so gut wie alle Kontakte meines bisherigen Lebens. Es folgten Jahre der Angst, der physischen und psychischen Verfolgung und Bedrohung, die mich immer wieder dazu zwangen, alles abzubrechen. In dieser Zeit erfuhr ich viel Hilfe durch kirchliche Einrichtungen wie Beratungsstellen und Klöster, die mich trotz meines tiefen Misstrauens gegenüber aller organisierten Spiritualität unterstützten. Es gelang mir mit viel Kraft, mich zu stabilisieren, Freundschaften aufzubauen, ein Studium zu beginnen, Sicherheit zu gewinnen. Dennoch blieb mein Leben ein Überleben, durchtränkt von einem lähmenden Gefühl der Leere und Sinnlosigkeit.
Immer jedoch gab es Momente, die mich an die Existenz meines goldenen Fadens erinnerten. Momente in der Natur, wie ein Sonnenstrahl, der mich unvermittelt aus dunklen Wolken traf, Orte, die eine reine Kraft zu vermitteln schienen, Wasserfälle, Berge, das Meer. Diese Momente waren meine Gottesdienste, meine Gebete an die große Kraft, an das Leben. An manchen dieser Orte entstanden spontane Meditationen und Rituale, und daraus wuchs der Wunsch, mich wieder auf die Suche nach etwas zu machen, das ich »meinen Glauben« nennen könnte. Zuerst war es eine holprige, vorsichtige Praxis, ganz für mich allein, aus Meditationen und Übungen. Die Wende kam, als ich beschloss, meine aufgezwungene, aber dennoch verinnerlichte Priesterinnenschaft endgültig abzulegen. In einem selbstentwickelten Ritual trug ich meine innere Priesterin zu Grabe, verabschiedete mich von ihr und allen damit verbundenen Ansprüchen und Glaubenssätzen. Ich akzeptierte, nichts Besonderes zu sein. In dieser Kränkung lag die große Erleichterung, mich als Teil des Ganzen zu begreifen, so wie ich bin. Meine leidvolle Geschichte wurde zu etwas Relativem, das ich nun aus einer Distanz betrachten konnte. Durch die regelmäßige Praxis buddhistischer Achtsamkeitsmeditation lernte ich, dass ich meine Gefühle und Leiden erfahre, aber dass ich sie nicht bin. So konnte ich erkennen, was ich gelernt habe durch diese Kindheit – die dennoch so nicht hätte sein sollen. Ich kann die Verwirrung und Angst meiner Eltern erkennen und nicht mehr nur Angst und Wut ihnen gegenüber empfinden, sondern auch Mitgefühl und Trauer. Ob ich ihnen jemals verzeihen kann, weiß ich nicht – ich bin keine Heilige.

Den Unterschied erkennen
Oft wird Spiritualität und Glauben vorgeworfen, sie würden die Menschen unpolitisch, abhängig, unkritisch und mundtot machen. Es stimmt: Wenn Glaubende die Verantwortung für ihr Leben in die Hände einer höheren Macht legen, kann eine schicksalsergebene, ignorante Haltung entstehen, Abhängigkeits- und Ausbeutungsverhältnisse akzeptiert werden. Damit sind wir plötzlich auf der anderen Seite, bei der dunklen Schwester, die ich nicht spirituell nennen kann und will, auch wenn sie sich auf den ersten Blick sehr ähnlich anfühlen mag. Eine solche Haltung durchbricht keine inneren geistigen Gefängnismauern, sie verstärkt sie.
Für mich ist Spiritualität ein Prozess, ein beständiges Überprüfen der Wirklichkeit, ein Dialog mit dem Ganzen. Es sind freie Momente und Erfahrungen von großer, umfassender Liebe. Durch sie erhalte ich erst die Kraft, den wachen Blick, die Berührbarkeit und den inneren Halt, die es braucht, um Missstände in der Welt wahrzunehmen und aktiv zu verändern. Jegliche Relativierung von Leiden, Ausbeutung und Unterdrückung anderer ist mit dieser Liebe und Wachheit nicht zu vereinbaren. Meine Alarmglocken läuten heute beispielsweise, wenn ich in Gruppen Angst habe, bestimmte Fragen zu stellen, wenn Lehrende den Anspruch erheben, die alleinige Wahrheit zu kennen, wenn Andersdenkende als minderwertig angesehen werden, wenn Menschen sich an einen Führer oder eine Führerin binden, wenn sie in schwer zu durchbrechenden Hierarchien organisiert sind und wenn Menschen im Namen eines höheren Ganzen Schmerzen zugefügt werden. Das geschieht beileibe nicht nur in sogenannten spirituellen Kreisen. Jede Ideologie und jede Bewegung und Gemeinschaft kann zur Sekte werden. Dennoch üben gerade Gruppierungen wie die, in der ich aufgewachsen bin, eine Anziehung auf Menschen mit einer spirituellen Sehnsucht aus, und sie bedienen Wünsche nach einem Aufgehobensein in etwas Größerem, nach Sinn, Führung und Halt.
Auch ich hatte innerhalb dieser Gruppierung ekstatische Momente, die in den magischen Ritualen entstanden, die ich mit Spiritualität verwechselte. Es brauchte viele andere Erfahrungen und braucht noch immer Auseinandersetzungen mit anderen Menschen, um zu verstehen, dass diese Ekstase, entstanden aus einer Adrenalinüberflutung meines ganzen Körpers, mit Liebe nichts zu tun hatte, sondern nur mit Angst und Macht.
Letztlich liegt die Erkenntnis, ob ein eingeschlagener Weg in die Freiheit oder in Abhängigkeit führt, bei jeder und jedem Einzelnen von uns. Die Liebe in uns selbst zu erkennen, ist die Aufgabe, die uns auf jedem Weg erwartet. Meiner hat mich trotz allem in die Mitte einer liebevollen Gemeinschaft geführt, die meinen besonderen Weg kennt und unterstützt. Hier leben Menschen mit sehr unterschiedlichen spirituellen und politischen Ansichten, und das ist trotz der dadurch entstehenden Reibung sehr gut so. Durch die Liebe, Wertschätzung und Achtsamkeit der Menschen in meinem Leben wird mir ein Raum geschenkt, in dem ich Heilung erfahren darf. Ich werde weiter suchen – und wachsam sein. 


Klara Winter (31) studiert derzeit Psychologie. Sie arbeitet am Aufbau ­eines experimentellen Kollektivs von Künstlerinnen und Künstlern sowie an der Pflege ihrer Gemeinschaft. Ihr Name wurde von der Redaktion geändert.

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