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Was ist das Ganze?

von Marco Bischof , erschienen in 11/2011

Die herkömmliche naturwissenschaftliche Betrachtung der Welt hat unserer Kultur den Blick auf das Ganze verstellt. Dabei wissen wir, dass es im Leben mehr gibt als das, was sich wiegen und messen lässt. Wir können lernen, auf neue Weise und selbstbewusst über die feineren Ebenen des Lebens zu sprechen.

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Bereits als Kind hatte ich Erfahrungen, die mir die Gewissheit gaben, dass mehr dran sein musste an der Wirklichkeit, als mir die Erwachsenen weismachen wollten. Ich fühlte mich zum Beispiel von bestimmten Stellen in der Umgebung unseres Hauses angezogen, die für mich »etwas Besonderes» hatten, und wollte mir mit anderen Kindern ein Ritual für diese Orte ausdenken. Leider hatten die wenig Verständnis dafür, was dort Besonderes sein sollte. Mir schien auch, ich könne nachts die Seelen der Menschen durch die Mauern der Häuser hindurch spüren, und fühlte manchmal bestimmte Menschen in weiter Entfernung so präsent, als seien sie anwesend. Später lernte ich in meiner Ausbildung als Yogalehrer und Atemtherapeut, dass man bereits in einer gewissen Distanz vom Körper eines Menschen etwas ganz Feines und Lebendiges wahrnehmen kann, das zu diesem Menschen gehört und einem etwas über ihn mitteilt, wenn man sich auf eine bestimmte Weise darauf einstimmt. Man kann sich auf diesem Weg mit anderen Menschen verbinden und sie ohne körperlichen Kontakt »berühren«. Ich bin davon überzeugt, dass alle Menschen ihre Umwelt und andere Menschen auf dieser Ebene wahrnehmen, meist jedoch unbewusst. In der Regel ist es deshalb schwierig, über solche Wahrnehmungen zu sprechen.
In unserer westlichen Kultur der Moderne ist diese Art von Erfahrungen zusammen mit Gefühlen, Erotik, Intimität, allem »Atmosphärischen« und allem, was man als »spirituelles« Erleben bezeichnen könnte, aus dem allgemeinen gesellschaftlichen Bewusstsein verbannt und ins Private verdrängt. Nur in bestimmten Minderheitskreisen wird darüber gesprochen; der gesellschaftliche »Mainstream« ignoriert sie weitgehend. Dennoch sind es bedeutende menschliche Erfahrungen. In anderen Kulturen als der europäischen sowie in gewissen Subkulturen unserer eigenen Gesellschaft spielen sie eine anerkannte Rolle. Spiritualität ist ein menschlicher Erfahrungsbereich, der auf der grundlegendsten Ebene mit Phänomenen, wie ich sie bisher angesprochen habe, beginnt. Wenn man von den einfachen und grundlegenden Erfahrungen ausgeht, die eigentlich jedem vertraut sind, kann man sehen, dass es sich bei Spiritualität nicht um etwas Exotisches und nur wenigen Zugängliches handelt, sondern um etwas allgemein Menschliches. Aus diesem Grund nähere ich mich dem Thema von diesen einfachen Dingen her und zeige, wie man aus wissenschaftlicher Sicht von dieser Warte aus argumentieren kann.

Ein zeitgemäßes Weltbild
So stelle ich zunächst die Frage, wie wir heute zu einem zeitgemäßen Weltbild gelangen können. Nach meiner Auffassung muss ein solches alle Bereiche menschlicher Erfahrung repräsentieren. Das bedeutet in erster Linie, dass auch Aspekte des menschlichen Lebens, die nicht messbar und objektivierbar und deshalb bisher kaum ins wissenschaftliche Weltbild aufgenommen worden sind, einbezogen werden müssen. Gerade aus wissenschaftlicher Sicht muss ein Weltbild vollständig und damit ganzheitlich sein, damit es wahr und der Realität angemessen ist. Ein unvollständiges, unangemessenes Weltbild birgt die Gefahr, dass eine darauf basierende Wissenschaft Schäden anrichtet. Deshalb sollte die Wissenschaft sich eingestehen, dass gewisse Bereiche menschlicher Erfahrung existieren, die sie mit ihren Methoden (noch) nicht erfassen kann, die aber als Teil der menschlichen Erfahrung für unser Leben von hoher Bedeutung sind. Was die Naturwissenschaft zum menschlichen Wissen beiträgt, ist ein wichtiger Aspekt, nicht aber der alleinige Maßstab. Das ist einer der Gründe dafür, dass das Subjektive in der Wissenschaft heute eine gewisse Aufwertung erfährt und die Phänomenologie, die die subjektive Erfahrung als Grundlage allen Wissens betrachtet, wieder eine wichtige Rolle spielt.
Zu einem ganzheitlichen Menschen- und Weltbild gehört auch ein transkultureller Ansatz. Das bedeutet, die menschlichen Erfahrungen anderer Kulturen und anderer Zeiten einzubeziehen. Auch die Berücksichtigung früherer Epochen unserer eigenen Kultur sowie derjenigen Perspektiven in den Subkulturen unserer Gesellschaft, die vom gegenwärtig herrschenden Weltbild abweichen, gehören zu einer solchen erweiterten Sicht, durch die der ganze Reichtum des Menschseins erfassbar wird. So gibt es zum Beispiel Kulturen, die keine kategorische Trennung zwischen Mensch, Tier und Pflanze kennen, die die Erde als lebendig erfahren oder von der Existenz unkörperlicher Wesen (Geister, Götter etc.) ausgehen, und auch ein solches Weltverständnis muss berücksichtigt werden. Durch die kulturelle Globalisierung ist heute erstmals in der Geschichte die Einbeziehung des Wissens fremder Kulturen auf der Basis eines einigermaßen angemessenen Verständnisses nicht-westlicher Kulturen möglich und somit eine echte Auseinandersetzung mit grundlegend verschiedenen Denkformen.

Rationalität
Geisteswissenschaften, Mythos, Dichtung, Musik, darstellende Kunst und andere Ausdrucksweisen der menschlichen Krea­tivität werden in der positivistischen Ideologie der modernen Wissenschaft als »irrational« und damit als irrelevant abgetan. Sie stellen, genau wie die Spiritualität, innerhalb unserer eigenen Kultur eine Denkform dar, die sich durch eine von den herrschenden wissenschaftlich-philosophischen Denk- und Handlungsformen abweichende Art der Rationalität auszeichnet. Die abendländische Wissenschaft wird hier als Prototyp der Rationalität dargestellt und die Naturwissenschaft zum einzigen Weg zur Wahrheit erklärt. Die gegenwärtige Art und Weise, Wissenschaft zu betreiben, wird als die einzig mögliche deklariert, und alle anderen Äußerungen und Anschauungen werden als minderwertig betrachtet. Verbunden damit ist auch das Vorurteil, in anderen Kulturen seien keine rationalen und wissenschaftlichen Traditionen möglich und vorhanden.
Diese Auffassung von Rationalität wird heute unter Philosophen und aufgeklärten Wissenschaftlern zunehmend in Frage gestellt. So schreibt beispielsweise der Kieler Wissenschaftsphilosoph Kurt Hübner, dass die positivistische Auffassung von Rationalität nicht nur »verschroben«, sondern ganz einfach falsch sei. Er sieht die Naturwissenschaft als eine Erkenntnisform unter anderen, einen Spezialfall innerhalb des umfassenderen und allgemeineren Bereichs der menschlichen Erkenntnis. Mythisches Denken, künstlerische, spirituelle, religiöse und moralische Erfahrung hätten nicht weniger Anspruch auf Rationalität als die Naturwissenschaft. Sie besäßen ihre eigene Art von Rationalität, die im Rahmen ihres eigenen Erfahrungs- und Vernunftbegriffs konsistent sei und wirke. Hübner weist darauf hin, dass unsere moderne Kultur in dem Zwiespalt lebe, einerseits die Welt im Licht wissenschaftlicher Erkenntnis zu betrachten, welche – wie der Soziologe Max Weber sagte – die Welt »entzaubert« habe, wir andererseits aber weiterhin wichtige Bereiche des Lebens, wie Liebe, Geburt und Tod, die Begegnung mit der Natur und mit anderen Menschen, auf eine nicht-wissenschaftliche Weise erfahren.
Sehr aufschlussreich ist auch die jüngste Debatte über die »Rationalität des Gefühls« bzw. der Emotionen, wie sie in den Arbeiten der Philosophen Hartmut Böhme, Gernot Böhme, Ronald de Sousa oder Carola Meier-Seethaler geführt wird. Der herrschende Rationalismus misstraut Gefühlen und Emotionen; sie werden als Störfaktor für den sachlichen Denkablauf betrachtet. Doch neben dem rationalistischen Mainstream der westlichen Philosophie hat es schon immer eine andere Denktradition gegeben. Sie vertrat das »Andere der Vernunft«, das heißt eine andere Auffassung von Rationalität und eine breitere Grundlage für sie in der leiblichen Existenz und in den Gefühlen gegenüber einer einseitigen rationalistischen Konzeption von Erkenntnis. Diese Denktradition beginnt in der Zeit der Aufklärung und setzt sich durch die deutsche Romantik bis zur Existenzphilosophie und zur Phänomenologie fort.
Der Franzose Blaise Pascal beispielsweise, der als Mathematiker und Freund von Descartes das rationale Denken hoch einschätzte, sah gleichzeitig dessen Grenzen beim Erfassen großer Zusammenhänge und bei der Beantwortung existenzieller und ethischer Fragen. Aus diesem Grund wollte er die »Logik des Verstands« durch eine »Logik des Herzens« ergänzt sehen. Existenzphilosophie und Phänomenologie wandten sich gegen den Objektivitätskult der Wissenschaft und erklärten die subjektive Wahrnehmung und persönliche Erfahrung des Menschen zur Grundlage der Erkenntnis. Auch die Gefühle gelten hier als eine wichtige Quelle echter Erkenntnis; sie haben vor allem eine zentrale Funktion in der Bewertung von Wahrgenommenem und in der daraus entstehenden Motivation zum Handeln. Die Bewertung der Wahrnehmungen durch das Gefühl bildet überhaupt die Grundlage für die Tätigkeit des Verstands. Unsere Gefühlsgewohnheiten sind eine unerlässliche Voraussetzung für eine rationale Lebensführung, da sie den Einsatz der rationalen Fähigkeiten durch Auswahl und bewertende Strukturierung der Erfahrung ermöglichen. Erst dann kann die Tätigkeit der Vernunft einsetzen, die bewusst zwischen den Alternativen auswählt, die zuvor emotional vorselektiert wurden. Wie De Sousa schreibt, ist die landläufige Meinung, dass Gefühle stets irrational seien, ebenso falsch wie der Appell an die Autorität eines unmittelbaren Fühlens, da Gefühle bereits ihre eigene Art der Ratio­nalität besitzen und auch auf der »vorrationalen« Ebene der Emotionen bereits eine Art von Reflexion stattfindet.
Es gibt somit, wie auch der Philosoph Ernst Cassirer und der Religionswissenschaftler Mircea Eliade betonen, neben der Naturwissenschaft und dem rationalen Denken weitere gleichwertige, aber andersartige Formen der menschlichen Erkenntnis und der Rationalität. Dementsprechend geht man heute davon aus, dass es neben der bekannten intellektuellen und rationalen Intelligenz, die im »Intelligenz-Quotienten« gemessen wird, noch mindestens sechs weitere Arten der Intelligenz gibt, so eine emotionale, körperlich-kinästhetische, musikalische, linguistische, räumliche und praktische Intelligenz. Am bekanntesten ist die emotionale Intelligenz, die der Psychologe und Wissenschaftsautor Daniel Goleman Mitte der 90er Jahre in seinem gleichnamigen Buch populär machte. Danah Zohar und Ian Marshall machten schließlich im Jahr 2000 den Vorschlag, das volle Spektrum der menschlichen Intelligenz werde erst durch die Einbeziehung einer »spirituellen Intelligenz« abgebildet. Sie verstehen darunter »jene Fähigkeiten, mit denen wir Probleme von Sinn und Wert angehen und lösen, die Intelligenz, die uns befähigt, unsere Handlungen und unser Leben in einen weiteren, reicheren, sinngebenden Kontext zu stellen und zu beurteilen, welche Handlungsweise oder welcher Lebensweg gerade stimmiger, sinnvoller und bedeutungsvoller ist als ein anderer«. Sie betrachten die spirituelle Intelligenz als notwendige Basis sowohl für die emotionale wie auch für die rationale Intelligenz.

Die Erkenntnisse der Quantentheorie
In diese grundsätzlichen Überlegungen zu einem zeitgemäßen Weltbild sollten auch Argumente der Quantentheorie einfließen. Die Quantentheorie ist jetzt 111 Jahre alt. Bis vor etwa zehn Jahren sind jedoch ihre philosophischen Implikationen nicht ernstgenommen worden; sie wurde nur als Methode zur Berechnung von Molekülen verwendet. Um ihre Auswirkungen auf unser Weltbild sollten sich die Philosophen kümmern, so die Meinung der Physiker. Seit etwa zehn Jahren hat die Quantenrevolution jedoch auch die anderen Wissenschaften und die Gesellschaft als Ganze erreicht. Die Physik als »Leitwissenschaft« wird von den anderen Wissenschaften und von der Gesellschaft nur mit großer Verzögerung übernommen, deswegen hat bis heute die klassische Newton’sche (mechanistische) Physik die Hauptrolle gespielt. Sie hat sich im allgemeinen Bewusstsein so sehr durchgesetzt, dass der »gesunde Menschenverstand« heute vollständig im mechanistischen Sinn physikalisiert ist. Dazu gehört auch der weitverbreitete Fetisch der »wissenschaftlichen Beweisbarkeit«: Über alles soll heute die Messung und der »wissenschaftliche Beweis« entscheiden. Dabei existiert ein »wissenschaftlicher Beweis«, wie ihn sich der Laie vorstellt, gar nicht: Die Wissenschaft kann keineswegs beweisen, dass etwas der Fall oder wahr ist. Vielmehr bemüht sie sich um die Einordnung eines Phänomens in eine bestehende Theo­rie. Dennoch wird im Ringen um wissenschaftliche (und damit gesellschaftliche) Anerkennung immer wieder die angebliche wissenschaftliche Beweisbarkeit irgendwelcher Erkenntnisse ins Feld geführt, so zuweilen auch bei spirituellen Erfahrungen, die sich jedoch bei Licht betrachtet dem Messbaren entziehen.
Wenn nun im Weltbild der klassischen Physik Spiritualität nicht akzeptabel erschien, so ist das bei der Quantenphysik nicht mehr der Fall. Aus ihr ergibt sich vielmehr zwingend, dass Ganzheitlichkeit, Nicht-Lokalität und Verbundenheit fundamentale ­Eigenschaften der Realität sind. Damit hat selbstverständlich nicht etwa die Wissenschaft bewiesen, dass es den Bereich des Spirituellen gibt, sondern die in unserer Wirklichkeit existierenden Dimensionen, die die Spiritualität schon lange kennt, finden nun auch einen Widerhall in einer wissenschaftlichen Theorie. Gemäß der Quantentheorie kann die Welt nur noch unter bestimmten Ausnahmebedingungen als eine Ansammlung von separaten Objekten betrachtet und behandelt werden. Sie ist vielmehr als ein nahtloses Ganzes zu verstehen, das keine Teile hat, in dem alles mit allem verbunden ist und nichts mehr genau lokalisiert und separierbar erscheint, sondern alles Wellen- oder Feldcharakter hat und damit nicht genau verortet werden kann. Eine weitere Folgerung aus der Quantentheorie ist, dass der »Beobachter« in der Physik nicht mehr von der Welt, die er wahrnimmt, getrennt werden kann, sondern ein Teil von ihr ist; somit muss das Bewusstsein als ein grundlegender Teil der physikalischen Welt betrachtet werden, die auf diese Weise selbst als nicht mehr rein materiell erscheint. Das Universum der Quantentheorie ist lebendig, beseelt und mit Bewusstsein begabt. Logischerweise werden dann in der Generalisierten Quantentheorie die quantenmechanischen Gesetze auf Gebiete außerhalb der Physik ausgedehnt, so dass ihre Erkenntnisse auch zum Verständnis von bisher unverstandenen Phänomenen in Medizin, Psychologie, Biologie und Bewusstseinsforschung beitragen können. Kein Wunder, dass diese weitreichenden Konsequenzen der Quantentheo­rie viele der Begründer dieser neuen Wissenschaft, wie z. B. Werner Heisenberg und Erwin Schrödinger, veranlasst haben, sich eingehend mit östlichen Philosophien und Religionen sowie mit Mystik zu beschäftigen.

Die Ökologie des Unsichtbaren
Nicht nur die Folgerungen aus der Quantentheorie führen in Richtung von Spiritualität, sondern auch ein konsequentes Weiterdenken der Ökologie. Der Ökologie verdanken wir, dass sich in den letzten Jahrzehnten die Erkenntnis der gegenseitigen Abhängigkeit und Vernetzung der biologischen, ja der gesamten materiellen Umwelt durchgesetzt hat. Doch unsere Erfahrung zeigt, dass es nicht nur die materiellen Dimensionen der Realität gibt. Wer hat nicht schon gespürt, dass jemand anderes an ihn gedacht hat, obwohl der- oder diejenige weit entfernt war? Dass zwei Menschen trotz räumlicher Entfernung tatsächlich einander spüren können, dokumentieren die Experimente zur Gehirnwellen-Synchronisation von aufeinander eingestimmten Menschen. Aber um zu erklären, wie diese Übermittlung vor sich geht, kann die Wissenschaft nur vorsichtige Theorien anbieten. Solche Erfahrungen gehören zu unserem Alltag, und wenn wir sie als real akzeptieren bzw. uns bewusst machen, führt das ökologische Weltbild direkt zu einer Ökologie des Nicht-Materiellen und Unsichtbaren. Vielleicht gehört Verbundenheit auf dieser Ebene auch schon zur Spiritualität im weitesten Sinn. Wer sich verbunden fühlt, wird immer ein »größeres Ganzes« wahrnehmen und aus dem Ganzen heraus statt aus dem begrenzten Ich heraus handeln.
Bereits im Bereich der Materie erfasst unsere Wahrnehmung viele unsichtbare physikalisch-chemische Faktoren wie elektro­magnetische Felder, Schall, Schwerkraft, die Luft und ihre Bestandteile, darunter Gerüche und Luft-Ionen, Luftdruck, Feuchtigkeit, sowie die Eigenschaften von Materialien, die auch durch ihre Felder auf uns wirken. Darüber hinaus deutet unsere Erfahrung auf (noch) nicht messbare, aber trotzdem wirksame Faktoren hin, die als eine Art Zwischenbereich zwischen den objektiven und den subjektiven Bereichen unserer Umwelt bezeichnet werden könnten. Es sind feldartige Dimensionen, für die sich der Begriff »Feinstofflichkeit« anbietet. Dazu könnte man Informationsfelder wie Potenziale und die in der populären Literatur so genannten Skalarwellen oder auch Tachyonen zählen, die sich schneller als Lichtgeschwindigkeit ausbreiten sollen. Zum Teil kennt die Physik diese Felder bereits, berücksichtigt sie aber noch kaum bzw. nimmt ihre Existenz von der Theorie her an, kann sie aber noch nicht nachweisen. Auch die gefühlte »Energie« eines besonderen Orts wie in einer mittelalterlichen Kathedrale oder auf einem Berggipfel könnte man zu diesen Feldern zählen. Solche Beispiele reichen bereits in eine weitere Ebene hinein, nämlich zu denjenigen Faktoren der Umwelt, die uns subjektiv-seelisch oder geistig-spirituell beeinflussen, wie zum Beispiel ein archetypisches Symbol oder schlicht die Erfahrung der Lebendigkeit und Schönheit der Natur. Wir nehmen unsere Umwelt nicht nur wahr im Sinn einer objektiven Feststellung dessen, was im wissenschaftlich-rationalen Sinn »tatsächlich existiert«, sondern fühlen sie mit unserem ganzen Wesen, also »subjektiv«, als etwas, das in uns eine bestimmte Befindlichkeit, Stimmung und Gefühlsreaktion auslöst, das also für uns etwas bedeutet.
Das gilt erst recht für die Wahrnehmung anderer Menschen, also die zwischenmenschlichen Dimensionen dieser »unsichtbaren Ökologie«. Auch sie hat neben dem, was wir sehen und anfassen können, noch weitere, unsichtbare Dimensionen. Wie die Biophysik in den letzten 20 Jahren zum Beispiel in der Biophotonenforschung gezeigt hat, besitzt der Mensch neben dem soliden Körper auch einen elektromagnetischen Feldkörper, der weit über die Körpergrenzen hinausreicht. Aus biophysikalischer Sicht müssen wir den Menschen als einen hochempfindlichen »kosmischen Resonator« betrachten, der sich in ständiger Resonanz mit einem schwingenden Universum befindet. Das Universum ist eine Art Hallraum, mit dessen ständig hin und her laufenden Wellen wir in Resonanz sind. Jeder Mensch wird zumindest unbewusst dieser Schwingungen gewahr und reagiert auf sie. Diese Resonanz geht jedoch über die biophysikalischen Dimensionen hinaus: Im Sinn der Generalisierten Quantentheorie, wie Harald Walach sie zum Verständnis transpersonaler Phänomene vorschlägt, können wir sie als nicht bloß materielle, sondern ganzheitliche Resonanz mit dem Universum verstehen.
Wir sind auf einer elementaren, meist unbewussten Ebene keine separaten, voneinander getrennten Individuen, sondern auf der Ebene des Fühlens aufs engste verflochten mit anderen Menschen, egal, wie weit sie von uns entfernt sind. In unserem Erleben ist der Raum um uns herum erfüllt von gefühlten »Anmutungen« und Ahnungen, deren Herkunft und genaue Bedeutung für unseren Verstand schwer zu bestimmen sind. Körpergefühl und Intuition müssen als geeignetere Instrumente für das Zurechtfinden in diesem »zwielichtigen« Bereich allerdings bei den meisten von uns erst geübt und ausgebildet werden.

Wir sind in eine transphysikalische Wirklichkeit eingebettet
Aus diesen Hinweisen auf eine mögliche Annäherung an das Spektrum spiritueller Erfahrungen aus wissenschaftlicher Sicht ergibt sich in erster Linie die Transpersonalität der menschlichen Existenz: Wie meine anfangs geschilderten Erfahrungen zeigen, bin ich nicht auf meine vordergründige, den Sinnen ohne weiteres zugängliche (und wissenschaftlich messbare) Existenz als körpergebundenes, lokalisiertes Wesen beschränkt. Das, was ich bin, geht weit über das Individuelle hinaus und reicht in Dimensionen, die ich zwar nicht messen, aber unter bestimmten Umständen subjektiv wahrnehmen kann.
Wir alle sind eingebettet in eine unsichtbare, physikalische und transphysikalische Dimensionen umfassende Wirklichkeit, von der die Traditionen aller Kulturen und Zeiten berichten. Die in unserer modernen, westlichen Kultur vorherrschende Bewusstseinsverfassung erschwert vor allem durch die Vorstellung, dass das wahrnehmende Subjekt von der wahrgenommenen Welt getrennt sei, die Erfahrung dieser Dimensionen. Immer mehr Menschen beginnen heute aber, sie zumindest ansatzweise wahrzunehmen, und das führt unter anderem zur Entstehung einer neuen, nicht-institutionellen Spiritualität. Wir sind herausgefordert, für unsere Kultur diesen Erfahrungsbereich der anderen Wirklichkeit mit seiner eigenen Rationalität und Gesetzlichkeit neu zu entdecken und zu formulieren. Die menschliche Entwicklung kennt nicht nur das pure biologische Funktionieren, wie es der konventionellen Biologie und Medizin bekannt ist. Erst in der Entwicklung der psychologischen und geistigen Dimensionen der menschlichen Existenz kann das Potenzial des Menschseins umfassend und in all seiner Tiefe ausgeschöpft werden. Der Weg von den ersten keimhaften Wahrnehmungen anderer Dimensionen bis zu einer voll entwickelten, im konkreten Alltag gelebten Spiritualität ist jedoch in unserer Kultur noch weit, und wie sehr unsere Gesellschaft sich in nächster Zukunft für diese Ebenen zu öffnen und diesen Weg zu unterstützen vermag, ist zur Zeit noch ungewiss.  


Marco Bischof (64), Dr. phil., Atemtherapeut, Kulturwissenschaftler. Er lebt in Berlin und ist freischaffend tätig als Wissenschaftsautor und Berater für Grenzgebiete von Natur- und Geisteswissenschaften. www.marcobischof.com

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Marco Bischof: Biophotonen – das Licht in unseren Zellen. Zweitausendeins, 1995; Tachyonen Orgonenergie Skalarwellen – Feinstoffliche Felder zwischen Mythos und Wissenschaft. AT Verlag, 2002 • Hartmut Böhme und Gernot Böhme: Das Andere der Vernunft. Zur Entwicklung von Rationalitätsstrukturen am Beispiel Kants. Suhrkamp, 1983 • Anton Bucher: Psychologie der Spiritualität. Beltz, 2007 • Arndt Büssing und Niko Kohls: Spiritualität transdisziplinär: Wissenschaftliche Grundlagen im Zusammenhang mit Gesundheit und Krankheit. Springer, 2011 • Kurt Hübner: Kritik der wissenschaftlichen Vernunft. Verlag Karl Alber, 1978; Die Wahrheit des Mythos. C. H. Beck, 1985 • Carola Meier-Seethaler: Gefühl und Urteilskraft. C. H. Beck, 1997 • Ronald de Sousa: Die Rationalität des Gefühls. Suhrkamp, 1997 • Harald Walach: Spiritualität – ­Warum wir die Aufklärung weiterführen müssen. Drachen Verlag, 2011 • Max Weber: Wissenschaft als Beruf (1919). Philipp Reclam jun., 1995 • Danah Zohar und Ian Marshall: SQ – ­Spirituelle Intelligenz. Scherz Verlag, Bern-München 2001.

Langfassung mit Literaturangaben im Text und vollständiger Bibliografie.

_Bischof_Oya11_lang.rtf (32 KB)

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