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Lebe, solange du nicht stirbst

 Wie Menschen gesund werden

von Peter Held , erschienen in 01/2010

Peter Held bildete vor seiner Herzkrankheit Führungskräfte in einem großen Konzern aus. War es die moderne Medizin, die ihn am Leben erhielt? Heute beschreibt er es anders: Der ­Moment der Heilung kam in einer Phase, in der Körper und Geist sich selbst helfen mussten. Der vor zehn Jahren bereits Totgesagte leitet heute eine Stiftung, die Kindern hilft, Eigen­verantwortung zu übernehmen.

Meine Heilungsgeschichte war eine Odyssee über mehr als acht Jahre. Ich war auf dem Höhepunkt meiner Karriere, hatte manches durchgestanden und verfügte über eine Menge beruflicher Erfahrung. Da erlitt ich einen Schlaganfall, der meine Tätigkeit jäh beendete. Die ganze rechte Körperhälfte und das Sprachzentrum waren gelähmt.

Wochenlang habe ich trainiert, stundenlang laut gelesen, und als ich auf einmal den Laut »Sch« wieder herausbrachte, liefen mir die Freudentränen übers Gesicht. Die guten Fortschritte bei der Genesung wurden getrübt durch die Diagnose einer Herzschwäche. Mein Herzmuskel war schwer erkrankt. Die Pumpleistung war auf 24 Prozent gesunken. Man gab mir Aussicht auf höchstens drei weitere Lebensjahre. Ich war 52 und fühlte mich noch zu jung, um zu sterben. Aber die Leistung des Herzmuskels würde immer weiter abnehmen, er würde mich nicht mit ausreichend Sauerstoff versorgen können. Ich heulte Rotz und Wasser und war maßlos traurig. Als Rettung kam nur eine Transplantation in Frage. »Fünfzig bis sechzig Prozent überleben das«, sagte der Facharzt. Meine Aufenthalte zu Hause und in einer Reha-Klinik halfen mir, Rückblick zu halten und mir klarer über meine Gefühle und Gedanken zu werden.

Einige Zeit später erlitt ich einen Herzanfall. Kammerflimmern lautete die Diagnose. Zwei Geräte wurden mir unter den linken Brustmuskel implantiert. Es war das vierte Jahr, dass ich gebeutelt und gerüttelt wurde. Wachgerüttelt. Ja, vielleicht musste ich mit Gewalt wachgerüttelt werden, um zu begreifen, was der wirkliche Sinn meines Lebens ist. Wahrscheinlich hatte ich bisher nur konsumiert, war allen Trends hinterhergelaufen.

Die Leistung meines Herzens hatte rapide abgenommen, und es hatte sich viel Wasser in der Lunge angesammelt. Es war ungewiss, ob die nötige Herztransplantation durchgeführt werden könnte. Schließlich kam ich doch auf die Liste der Anwärter für ein neues Herz. Das bedeutete, zu warten, bis ein geeigneter Spender gefunden war. Für alle Fälle hatte ich meine Tasche gepackt und mir ein Mobiltelefon gekauft.

Da erlitt ich einen zweiten Schlaganfall. Mein Name musste von der Liste gestrichen werden. Inzwischen waren elf Monate von den achtzehn verstrichen, die mir die Ärzte mit einem so schwachen Herzen noch gegeben hatten. Nach weiteren zwei Monaten Reha hatte ich es dank Gottes Hilfe und dank der Hilfe aller beteiligten Ärzte und Pflegerinnen geschafft – ich kam wieder auf die Liste. Jetzt, im sechsten Jahr meiner Krankheit, war die Pumpleistung meines Herzens auf 14 Prozent abgesunken. Ich brauchte stärkere Medikamente, die auch stärkere Nebenwirkungen hatten. Die Muskeln verloren ihre Kraft, alle Sinnesorgane wurden geschwächt. Ich wurde immer abhängiger von anderen Menschen. Ich war eine Last für meine Familie. Ich fiel in ein schwarzes Loch und geriet in eine tiefe Depression.

Plötzlich bekam ich die Nachricht, dass ein Spenderherz zur Verfügung stand. Ich überstand die Operation und auch die Zeit danach, in der sich alle Organe neu orientieren mussten. Als meine Nieren nach einigen Wochen immer noch nicht mitspielen wollten und ich die tägliche Blutwäsche leid war, redete ich sehr energisch mit ihnen, und wie durch ein Wunder nahmen sie ihre Tätigkeit wieder auf.

Das erste Jahr nach einer Transplantation ist das schwerste. Das Risiko der Abstoßung des neuen Organs ist groß. Und so kam es: Bei einer Nachuntersuchung wurde festgestellt, dass eine Herzklappe nicht mehr richtig funktionierte. Ohne erneute Opera­tion blieben mir nur noch zwei Wochen.

Die Strapazen waren noch präsent, meine Kräfte noch nicht wieder zurückgekehrt – und jetzt alles noch einmal? Ich entschied mich dafür. Ich wollte leben. Nach überstandener Operation bekam ich Fieber – eine Vireninfektion. Medikamente konnten wegen der Gefahr der Abstoßung des neuen Herzens nicht verabreicht werden. Mein Körper müsse sich jetzt selber helfen, meinten die Ärzte.

Da begann für mich eine innere Reise. Ich war überall, in allen Zeiten und allen Welten. Mehrmals delirierte ich den gleichen inneren Zufluchtsort – eine riesengroße, aus rotbraunem Lehm gebaute Höhle. Irgendwann hatte ich es geschafft, das Fieber ging zurück. Das Leben hatte mich wieder. Geholfen haben mir eine Kraft aus dem Inneren, das Malen, meine Familie und das Engagement der Ärzte.

Ein Projekt für junge Menschen
Mein Fazit: An einer Krankheit kann man nicht sterben; man stirbt, weil das Leben zu Ende ist! Und nicht die Medizin heilt, sondern eine sinnvolle Aufgabe. Schon während meiner Reha-Aufenthalte erfuhr ich, wie hilfreich einfühlsame Gespräche in schwierigen Lebenssituationen sein können. Ich begann, Kinder nach ihren Gedanken und Wünschen zu fragen. Mir wurde klar, wie wichtig es für die junge Generation ist, Ansprechpartner zu haben. Deshalb habe ich schließlich das Projekt Schülercoach aufgebaut. Jedes Kind zwischen zwölf und sechzehn Jahren sollte einen Erwachsenen als Gegenüber und Ansprechpartner haben. Das ist das Ziel. Es gibt inzwischen eine Stiftung, um ehrenamtliche Schülercoaches ausbilden zu können. Die Stärkung des Selbstwertgefühls und der Eigenverantwortung gehören zu den wichtigsten Zielen.

Das ist ein großes Projekt und bedeutet viel Arbeit. Zugleich sehe ich die Herausforderung, mich selbst und meine Bedürfnisse dabei nicht aus dem Blick zu verlieren.

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