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Gandalf denkt …

… im Jahr 2030 über die Anfänge der neuen Demokratie nach.

von Gandalf Lipinski , erschienen in 10/2011

Am Anfang des dritten Jahrtausends stand es gar nicht gut um die Demokratie in Europa. Die nationalen Parlamente mit ihren repräsentativen Systemen hatten die Machtergreifung der globalen Finanzbeweger weitestgehend verschlafen und waren vor der »alternativlosen« Diktatur der »Sachzwänge« in die Knie gegangen. Die Bürger durften zwar noch alle vier Jahre wählen, mussten sich aber ansonsten den Entscheidungen immer anonymerer Zentralinstanzen beugen. An der Basis, vor Ort, von den Menschen in den Kommunen und Regionen war kaum etwas von Belang entscheidbar. Doch dann begann es in den Zentralversorgungssystemen zu knirschen. Viele sahen den Kollaps voraus. Einige erkannten im Peak Oil das Ende der bisherigen Zivilisa­tionsform. Andere hatten die zunehmenden Armutswanderungen, Bürgerkriege und Sicherheitsfragen im Blick. Wieder andere sahen den Zusammenbruch der Finanzsysteme durch das Erstarken der »Schattenbanken« mit ihren Wetten auf Getreideernten und gegen ganze Volkswirtschaften eingeläutet.
Wie es genau anfing, ist heute kaum noch rekonstruierbar. In der ersten Dekade waren es eher einzelne und eher Randgruppen, die an alternativen Wirtschaftsformen, Selbstbestimmung und Selbstversorgung bastelten. In der zweiten Dekade begannen sie, zusammenzukommen, man lernte voneinander. Grundeinkommens- und Regiogeldinitiativen kamen genauso dazu wie Dörfer, denen man die Infrastruktur, und Stadtteile, denen man jede Lebensqualität genommen hatte. Es entstanden erste Modellregionen auf zivilgesellschaftlicher Ebene. Es war eine spannende Zeit zwischen 2012 und 2025, als die nationalstaatlichen und die globalen wirtschaftlichen Systeme zunehmend schlechter funktionierten, aber offiziell noch weiterbestanden.
Als die ersten zwölf Modellregionen sich auf dem Regionalkongress 2015 zu einer lockeren Förderation zusammenschlossen, wurden sie noch belächelt. Doch die Nationalstaaten und die EU konnten die Versorgung der Bevölkerung mit dem Notwendigsten kaum noch gewährleisten. Schließlich wurde die informelle Ebene der Gemeinschaften, Kommunen und Regionen vitaler und effizienter als die alten Systeme. Wo die Menschen begonnen hatten, ihre Angelegenheiten selbst in die Hand zu nehmen, wurden basisdemokratische Strukturen fast zeitgleich überall neu entdeckt.
Auf dem Regionalkongress 2020 wurden die 120 ersten autonomen Regionen Europas offiziell ausgerufen. Die alte EU existierte dann keine fünf Jahre mehr. Inzwischen besteht die Europäische Förderation freier Regio­nen aus über 300 Mitgliedern. Da die Gemeinderäte auf Europaebene mitbestimmen, wurden diese zu den Herzkammern der neuen Demokratie. Ihre Sitzungen gehören zu den interessantesten und lebendigsten gesellschaftlichen Ereignissen. Wieso haben wir nicht schon früher damit begonnen? 

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