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Der aktive Traum vom Wandel

Von der Vision zum Konzept der tausend kleinen Schritte:
Zu Besuch bei der Transition-Initiative »Göttingen im Wandel«.

von Lea Gathen , erschienen in 10/2011

Vor fünf Jahren fiel in der südenglischen Kleinstadt Totnes der Startschuss für die erste »Transition Town«. Von ihr ließen sich seitdem weltweit über achthundert Initiativen inspirieren. Neben den fünf »offiziellen« deutschen Transition Towns gibt es hierzulande zahlreiche Initiativen, die sich auf den Weg dorthin machen, so auch in Göttingen, das das »TT« für Transition Town bereits im Namen trägt.

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Transition Towns sind kommunale, von der Bevölkerung getragene Bündnisse, die sich dem Wandel hin zu zukunftsfähigen, krisen­resistenten Lebensweisen in einer »postfossilen Welt« ­widmen. Träume und Hoffnungen von mehr Lebensqualität bilden den Nährboden, auf dem diese Samen keimen. Lokale Resilienz heißt einer dieser Ansätze. Gemeint ist die Widerstandsfähigkeit von Kommunen gegenüber Erdölknappheit und Klimawandel und damit verbundenen Versorgungsproblemen. Die Antwort darauf ist simpel: Mehr selber machen und selber anbauen, um Transportwege und Ressourcenverbrauch zu verringern. Sauerkraut einmachen, Marmelade kochen, Apfelsaft pressen, Nüsse sammeln, Nutzbäume pflanzen, Lehmöfen bauen, Kräuter trocknen. Was wie zivilisatorischer Rückschritt klingen mag, ist eher eine fortschrittliche Rückbesinnung, die auf mehr Lebensqualität abzielt.
Beim Vortrag einer Regionalwährungsinitiative entflammte Freimut Hennies für diesen ganzheitlichen Ansatz. »Danach war klar: Das machen wir hier in Göttingen.« Die Idee gärte zwei, drei Monate, während denen er »Energiewende« las, eine »Anleitung für zukunftsfähige Lebensweisen« von Transition-Begründer Rob Hopkins, die schon Transition-Initiativen in aller Welt inspirierte.
Anfang 2010 saß Freimut dann an seinem Schreibtisch. Durch eine Anti-Atom-Mobilisierung hatte er Zugriff auf einen E-Mail-Verteiler mit diversen Initiativen aus dem öko-alternativen Spektrum 
– ideale Verbündete. Er machte seinem Namen alle Ehre und fragte freimütig, wer in Göttingen etwas auf die Beine stellen wolle. »Acht Menschen kamen zum ersten Treffen im April 2010«, erzählt der leger gekleidete Mann mit Ziegenbärtchen und lichtem Schopf.
Bei der öffentlichen Vorführung eines Films über Totnes tauchten bereits rund fünfzig Menschen auf. »Es war unglaublich«, erinnert sich der Informatiker sichtlich bewegt. Ansonsten wirbt er eher nüchtern und pragmatisch für das Transition-Konzept, das er als einen Werkzeugkasten beschreibt, »der dir die Freiheit gibt, das zu machen, was gerade passt.« Es brauche konkrete Visionen statt Abwehrkämpfe. Aus seinem Mund klingt das, als sei es längst selbstverständlich. Neben seinem Vollzeitjob betreut er das Weblog der Initiative, versendet wichtige Informationen per Twitter und koordiniert Aktivitäten der Gruppe im »Kernteam«. Dieses, so Hopkins’ Idee, soll Prozesse anstoßen und sich selbst wieder auflösen, sobald es seine Aufgabe erfüllt hat. »Die Arbeit ist manchmal anstrengend, aber es macht Spaß, etwas wachsen zu sehen«, erzählt Freimut. Es sind nicht die Worte eines charismatischen Anführers. Den braucht es auch nicht für eine offene Graswurzelbewegung, in der sich jede und jeder einbringen können soll. Zum monatlichen Treffen kommt Freimut mit Frau und Fahrradhelm. Der Transition-Ansatz versteht den »Normalbürger als Lösung«, nicht als Problem, schreibt Hopkins.

Wandel für »Normalos«
Wer aber ist »der Normalbürger«? Und ist eine Mitwirkung bei Transition wirklich für alle möglich? Helferin Helgard Greve ist überzeugt: »Jede und jeder soll sich einbringen können.« Mit den blaugetönten Brillengläsern, dem langen, grauen Haar und den Jeans wirkt sie alles andere als »normalbürgerlich«. Von Beginn an ist sie mit Enthusiasmus dabei. Ein Schlüsselmoment war die Vorführung des Films. »Alles, was wir uns vorstellen können, ist auch möglich«, betont darin eine Frau die Bedeutung von Visionsarbeit für die Transition-Bewegung. Plötzlich machte es »Klick!« bei der Idealistin mit der bewegten Vergangenheit. Sie habe in ihrem Leben viel Gruppenerfahrung gesammelt, sei etwa auf der Suche nach gemeinschaft­lichen Lebensformen durch Landkommunen in den USA gereist. »Das Konzept von Transition Town hat so viele meiner Ansätze und Gedanken zusammengeführt«, erzählt sie begeistert.
Im Freien sein, mit den Händen arbeiten und Mobilität ohne Benzin und Diesel ist für Helgard bereits ein Stück Wirklichkeit. Auf einem Grundstück am Stadtrand leben ihre beiden Esel und vier Pferde. Elektrizität und fließend Wasser gibt es nicht. Seit sie mit ihrem kleinen Unternehmen Kutschfahrten, Eselwanderungen und Pferde-Coaching anbietet, sind die Tiere ihre Mitarbeiter. Täglich radelt sie hinaus, um sie zu versorgen. Einmal lud sie das Kernteam dorthin zum Treffen ein. Bei Sonnenschein saßen sie auf der Wiese neben dem Apfelbaum. »Da hingen viele Äpfel dran, und wir wollten doch einen Schritt in die Praxis, in die Sichtbarkeit machen«, erinnert sich Helgard. Da war die erste praktische Aktion geboren. »Göttingen im Wandel«, so der Name der Initiative, lud zum Apfelfest ein. An einem sonnigen Oktobertag kamen viele Besucher, darunter Familien mit Kindern, die gemeinsam pflückten, schnippelten, Saft pressten, Apfelringe schnitten und zum Trocknen auffädelten. Die Aktion gehört zu Helgards liebsten Erinnerungen an das »Jungfernjahr«.
Inzwischen hat die Gruppe sogar einen dreiminütigen Imagefilm gedreht. Die Produktion war Teil einer Auszeichnung eines Wettbewerbs der Drogeriekette »dm« und der UNESCO. »Das war ein Geschenk, das uns als Gruppe enorm voran gebracht und in die Praxis geschubst hat.« Helgard erinnert sich an die vielen Schritte dorthin: Die Bewerbung, Gespräche mit der Kundschaft der Weendener dm-Filiale und dann Konzeption und Dreh. Mit jeder Phase des Prozesses habe sich das Selbstverständnis der Initiative klarer geformt.
Einmal im Monat lädt das Kernteam ein. In verschiedenen »Wirkgruppen«, wie sie in Göttingen genannt werden, wird themenbezogen gearbeitet. Ziel ist das Gestalten, nicht das Diskutieren. Eine Gruppe widmet sich urbanem Gärtnern. Sie initiierte eine Kooperation mit den Internationalen Gärten in Geismar. Zehn Menschen teilen sich dort nun eine »Transition-Parzelle«. Im gemeinschaftlich angelegten Hügelbeet wachsen Zucchini, Tomaten und Kapuzinerkresse. Die Leitprinzipien der Permakultur im sozialen wie ökologischen Sinn sind integraler Bestandteil des Konzepts. Schließlich entstanden viele Ideen der südenglischen Mutterbewegung aus einem Permakulturkurs. Nicht nur Tomaten, auch Ideen scheinen in der Göttinger Gartentruppe prächtig zu gedeihen. »Mobile Gartenaktionen« lautet eines der nächsten Projekte. Per Handy oder Internet könnte spontan Bedarf an helfenden Händen kommuniziert werden. Dann hieße es zum Beispiel: »Dieses Wochenende Beete umgraben bei mir. Ich stelle Essen und Getränke.«
Letztes Jahr organisierte die Gruppe einen Stadtrundgang. Student Andreas Marth erinnert sich lachend, wie sie im Regen gemeinsam über den Stadtwall liefen und von der Anhöhe links und rechts betrachteten, welche Flächen in der postfossilen Zukunft anders genutzt werden könnten. Die Hanglagen wären ideal für Brombeersträucher, die Häuserfassaden optimal nach Süden ausgerichtet. »Zum Beispiel zum Kiwi-Anbau«, schwärmt Andreas mit leuchtenden Augen. »Parkplätze, die heute nur halbvoll sind, könnten in zehn Jahren lediglich viertelvoll sein. All diese Flächen könnten wieder urbar gemacht werden.« Für eine legale Umsetzung müssten die Akteure aber in Kontakt mit den städtischen Behörden treten. Und die Mühlen der Bürokratie mahlen in der Regel langsam: Die Transition-Initiative Berlin Friedrichshain-Kreuzberg brauchte über ein Jahr, bis die Pflanzung von Apfelbäumen im Görlitzer Park genehmigt wurde.

Vielfalt und Partizipation
Das ist zu langwierig für Andreas. Mit seinen fünfundzwanzig Jahren ist er einer der Jüngsten der Gruppe. Ihn begeistert die Kombination aus Praxis und Vision. Wer ihn besucht, sieht einen Einkaufswagen, in dem Tomatenpflanzen wachsen. Selbstgezogen, versteht sich. Ein Supermarktparkplatz grenzt an. Neben den Containern lässt ein übervoller Kirschbaum seine schweren Zweige hängen. Aus den dunkelroten Früchten hat ­Andreas Marmelade gekocht. Dreieinhalb Gläser – sein erstes Mal.
Er bedauert, dass nicht mehr Studenten zu den Treffen kämen. Viele seiner Kommilitonen betrachteten Göttingen als Durchgangsstation. Es fehle die Identifikation mit der Stadt. Die lokale Verwurzelung ist aber ein wichtiger Aspekt der Transition Towns. Vielleicht ein Grund, warum der Altersdurchschnitt der Göttinger Initiative mit über vierzig relativ hoch liegt? Andreas findet das aber auch bereichernd: »So habe ich mit reiferen Leuten zu tun, die ich auch mal um Rat fragen kann.« Die Göttinger hoffen, in Zukunft noch mehr Menschen jenseits des klassischen öko-alternativen Spektrums anzuziehen, um auch das Wissen älterer Menschen um Haus, Hof und Garten weitergeben und bewahren zu können. An der Hochschule hat Andreas bereits in zahlreiche Gruppen und Organisationen hineingeschnuppert, aber der Transition-Rahmen gäbe noch mehr Anschub, Dinge selber zu machen und dem Konsumleben mit pragmatischen Alternativen zu entgehen. Das Konzept mit Raum für Visionen und seiner Bandbreite an Umsetzungsmöglichkeiten nahm ihn sofort für sich ein.

Träume, die Mut machen
Das Träumen von Morgen ist ein integraler Bestandteil bei »Göttingen im Wandel«. Für die Zukunft ist ein Workshop zu John Crofts »Dragon Dreaming« angedacht, das ebenso wie tiefenökologische Übungen nach Joanna Macy ein festes Utensil im Methodenkoffer vieler Transition-Initiativen ist. Ohne Raum für Visionen wären Freimut, Helgard und Andreas wohl kaum so engagiert dabei. Sind sie es doch, die dem »Konzept der tausend kleinen Schritte«, wie Helgard es gerne nennt, einen Rahmen geben. Der Gedanke an die Verwirklichung der eigenen, ganz persönlichen Vision vermittelt Sinn, vielleicht auch Durchhaltevermögen.
Ein langer Atem sei auch nötig, berichtet Alexander Voigt. Er koordiniert eine Wirkgruppe, die sich mit Quartiersinitiativen beschäftigt. Sie will bürgerschaftliches Engagement in einem Haus, einer Straße oder einem Viertel stärken. In Stadtteilgesprächen soll der Wandel im Kleinen überparteilich initiiert werden. Oftmals begnügten sich Aktivisten leider mit einem kurzfristigen Teilerfolg oder zögen sich nach der ersten Niederlage zurück, berichtet er. Dennoch ist er sicher: »Der Wandel ist möglich, wenn er im Quartier beginnt.«
»Lebensfreundliche Mobilität« lautete das Thema des Monatstreffens im Juli. Nach und nach füllen sich die Stühle im kleinen Seminarraum des Göttinger Umwelt- und Naturzentrums, wo sich die Initiative trifft. Sonnenlicht dringt durchs Fenster. Zur Begrüßung ertönt das langgezogene Rauschen eines Regenmachers aus Bambus. »Heute soll alles fließen«, sagt Helgard. Sie und Daniel moderieren. Im Vorfeld haben die beiden die Köpfe zusammengesteckt, um die Anwesenden methodisch abwechslungsreich und interaktiv durch drei Stunden zu manövrieren. Eine Übung zu Helgards Herzensthema der Mobilität heißt »Viele Wege führen zum Ziel«: Krabbelnd, hüpfend oder kriechend nähern sich alle der Frage, wie Mobilität künftig lebensfreundlich und entschleunigt gestaltet werden kann. Der dreijährige Aaron und seine elfjährige Schwester schauen neugierig zu. Dann wieder das Regenrohr. Die Augen werden geschlossen. »Stellt euch vor, wir schreiben das Jahr 2025«, lädt ­Daniels ruhige Stimme zur Visionsreise ein. Anschließend verstreuen sich die Anwesenden, um ihre Kopfbilder mit Farbe auf Papier zu bannen. »Alles, was du dir vorstellen kannst, ist auch möglich«, scheint Helgards Schmunzeln zu sagen, als sie die Bilder an die Wand pinnt.
Visionen haben die Göttinger »Wandler«, Pläne und Werkzeuge auch. Die Initiative ist aber noch ein zartes Pflänzchen, das auch Widrigkeiten ausgesetzt ist. Nicht immer ist es leicht, den offenen, hier­archiefreien Charakter zu wahren, räumt Helgard ein. Dabei ist sie überzeugt, dass es Leute braucht, die die Zügel in die Hand nehmen 
– »Freilich ohne am Maul zu reißen«, fügt die Pferdeexpertin schmunzelnd hinzu. Eine Herausforderung sind auch die begrenzten Ressourcen. »Wir sind eben alle auch anderweitig eingebunden«, bemerkt An­dreas. Trotz mühevoller Vorbereitung kamen zum Treffen im Juli nur drei Neue. Eine wirksame Bürgerinitiative braucht aber viele helfende Hände, die ihre Kräfte für kommunale Resilienz bündeln. Der Erfolg der Transition Town Totnes basiert gerade auf der Vielfalt an Menschen, die für den Wandel der Stadt mobilisiert wurden.
Ihre Hoffnung setzen Freimut, Helgard, Andreas und die anderen Helferinnen und Helfer von »Göttingen im Wandel« auch auf den Kurzfilm, der im Juli Premiere feierte und demnächst auf der Website der Initiative verfügbar sein soll. Zwölf Erwachsene und fünf Kinder in farbenfroher Kleidung sind darin im Abspann zu sehen. Gemeinsam wollen sie Perspektiven für ein gutes Leben in einer postfossilen Welt schaffen. Um diese Vision Wirklichkeit werden zu lassen, brauchen sie jedoch noch viel Kopf, Herz und Hand und auch noch weitere Helfer. »Wir sehen uns bei Transition Göttingen«, winkt die bunte Truppe mit einer Mischung aus Hoffnung und Optimismus in die Kamera.  
 

Lea Gathen (21) studiert Umweltwissenschaften in Lüneburg, wo sie nach einem einjährigen Aufenthalt in der südindischen Gemeinschaft Auroville in einer Mehrgenerationen-Wohngemeinschaft lebt.

Nicht nur Göttingen braucht den Wandel:
Internet
www.tt-goettingen.de/blog, www.transition-initiativen.de
www.transitionnetwork.org
Literatur
Rob Hopkins: Energiewende. Das Handbuch. Anleitung für zukunftsfähige ­Lebensweisen. Verlag Zweitausendeins, 2008 

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