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Immunsystem der Erde

Wie eine weltweite immunologische Bewegung den Planeten retten kann.

von Paul Hawken , erschienen in 09/2011

 

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In den 1960er Jahren begann Sir James Lovelock zu untersuchen, ob die Erde ein einziges großes Lebewesen sein könnte. »Die Gaia-Hypothese«, wie er sie später nannte, ist Ökologie in Reinform. Diese Hypothese besagt, dass die Erde über Merkmale natürlicher Selbstorganisation und Selbstregulierung verfügt, die denen eines lebenden Organismus entsprechen, denn sie schafft Bedingungen, die Leben ermöglichen. Zwei Jahrhunderte zuvor hatten sich Immanuel Kant und der französische Ökonom Jacques Turgot die Menschheit als System vorgestellt, das Eigenschaften wie ein lebender Organismus aufweist. Und sie waren nicht allein. Von Spinoza bis Gandhi, von Lewis Thomas bis Teilhard de Chardin befassten sich Philosophen, Religionslehrer und Wissenschaftler immer wieder mit der Frage, ob die gesamte Menschheit auf mysteriöse und unerklärliche Weise miteinander verflochten ist. »Wenn man sich die große Masse an menschlichen Gehirnen auf der Erde vorstellt, scheint sie sich wie ein zusammenhängendes lebendiges System zu verhalten«, schreibt Lewis Thomas.

Die Bewegung glaubt nicht, sie beobachtet
Einer der Unterschiede zwischen »der Bewegung«, die von unten nach oben verläuft und gegenwärtig überall auf der Welt in Erscheinung tritt, und Ideologien besteht darin, dass die Bewegung ihre Ideen durch direkte Beobachtung gewinnt, wogegen Ideologien sich auf Glaubenssätze oder Theorien stützen. Und so ist es auch nicht das Ziel der Bewegung, Kapitalismus, Globalisierung und religiösen Fundamentalismus zu widerlegen. Sie versucht vielmehr, sich einen Reim darauf zu machen, was sie in der Erde und den Wäldern, in Flüssen und Seen, in Städten und Slums vorfindet.
Gibt es in der Bewegung Ideologien? Mit Sicherheit, aber grundsätzlich ist die Bewegung jener Teil der Menschheit, der die Aufgabe übernommen hat, die Menschheit zu schützen und ihr Überleben zu sichern. Wenn wir davon ausgehen, dass die Menschheit ein Organismus ist, können wir uns eine kollektive Bewegung vorstellen, die diesen Organismus schützt und in die Lage versetzt, mit Bedrohungen fertig zu werden. Diese Fähigkeit zur Reaktion würde wie ein Immunsystem funktionieren, das unabhängig vom Willen des Einzelnen agiert. Die gemeinsame Aktivität von Hunderttausenden gemeinnütziger Organisationen kann als das Immunsystem der Menschheit betrachtet werden, das uns vor schädlichen Einflüssen wie Korruption, wirtschaftlicher Fehlentwicklung und ökologischem Zerfall schützt.
So wie ein Immunsystem zwischen »körpereigen« und »fremd« unterscheidet, erkennt die Bewegung, was menschenwürdig ist. So wie das Immunsystem eine innere Abwehrlinie darstellt, die dem Organismus ein zeitlich begrenztes Leben ermöglicht, ist Nachhaltigkeit eine Strategie, die das Überleben der Menschheit sichert. Das Wort »Immunität« stammt vom lateinischen immunis und bedeutet: frei, unberührt, rein. Normalerweise wird das Immunsystem mit militärischen Begriffen beschrieben: eine bewaffnete biologische Verteidigungseinheit, die einfallende Organismen bekämpft.
Gemessen am Zustand der Welt, könnte man meinen, die Bewegung sei nicht sonderlich erfolgreich gewesen. Einer Vielzahl an Organisationen und Aktivisten, die sich weltweit gegen Ungerechtigkeit zur Wehr setzen, steht ein fast fünfhundertjähriger Vorsprung der Plünderung des Planeten durch die Globalisierung gegenüber, und das Immunsystem der Menschheit ist geschwächt. Der massive Angriff auf die Ressourcen, die enorme Abfallproduktion, die Ausbeutung der Arbeiter und die Auslöschung ganzer Kulturen ist eine Krankheit, so schwer wie Hepatitis oder Krebs. Sie wird vorangetrieben von einem Politik- und Wirtschaftssystem, dem wir alle angehören. Zeigen wir mit dem Finger auf andere, so deuten wir zwangsläufig auch auf uns. Es gibt sie nicht, diejenigen, die allein verantwortlich oder schuldig sind; aber das System als Ganzes ist eine Krankheit, selbst wenn wir sie gemeinsam erschaffen haben und alle an ihr erkrankt sind. Weil viele Menschen wissen, dass wir krank sind, und nicht nur Symptome behandeln, sondern Ursachen beheben wollen, gleicht die Umweltbewegung einer »Reaktion der Menschheit auf infektiöse politische Strategien«, die die Erde bedrohen.
Die Umweltbewegung und die Bewegung für soziale Gerechtigkeit, die gegen die von der Wirtschaft und der Gesetzgebung hervorgebrachten Krankheitserreger angehen, sind zwei Seiten derselben Medaille, denn wenn man der Umwelt schadet, schadet man auch der sozialen Gerechtigkeit. Beide Bewegungen kümmern sich um das, was der Arzt Paul Farmer »Pathologie der Macht« nennt, eine »steigende Flut der Ungleichheit«, die Gewalt hervorbringt, sei es gegen Menschen, Orte oder andere Formen des Lebens.
Letztlich besteht die Aufgabe eines weltweit aktiven Immunsystems darin, zu erkennen, was nicht dem Leben dient, und eben dies einzudämmen, zu neutralisieren und zu eliminieren. Wo Gesellschaften, Kulturen und Ökosysteme bereits geschädigt sind, versucht es, weiteren Schaden abzuwenden, die bereits existierenden Verletzungen zu heilen und den gesunden, natürlichen Zustand wiederherzustellen. Die meisten Organisationen, die sich für sozialen Wandel einsetzen, haben nicht genug Personal und Geld, dafür jedoch steile Lernkurven. Es ist nicht leicht, ein System zu erschaffen, das keine Vorläufer hat. Befasst man sich mit der Bewegung, so erkennt man, dass hier ein neues Lernfeld für die Menschheit entsteht. Wir lernen einzugreifen, instandzusetzen, zu erneuern und unsere Vorstellungskraft zu gebrauchen. In vielen Ländern ist es gefährlich, Teil der Bewegung zu sein. Beispiele sind die Ermordung des südafrikanischen Aktivisten Stephen Biko oder des brasilianischen Umweltschützers Chico Mendes. Noch immer werden Tag für Tag Aktivisten der Bewegung eingeschüchtert oder getötet.

Vor der eigenen Haustür die Menschheit retten
Die meisten beginnen so wie Chico Mendes. Anfangs glauben sie, sich für ein bestimmtes Anliegen einzusetzen – in seinem Fall Kautschukbäume –, um später zu erkennen, dass sie im Grund für eine größere Sache kämpfen: »Damals dachte ich, ich würde helfen, den Regenwald am Amazonas zu retten. Inzwischen ist mir klar, dass ich für das Überleben der Menschheit kämpfe.«
Um mit allen Krankheitserregern fertig werden zu können, musste die Bewegung verschiedenste Organisationsformen annehmen, wie regionale Entwicklungsgesellschaften, Dorfinitiativen, Bürgergruppen, Firmen, Forschungsinstitute, Verbände, Netzwerke, Glaubensgemeinschaften, Stiftungen. Innerhalb dieser Kategorien gibt es wieder Dutzende verschiedene Aktivitäten mit ihren jeweiligen Schwerpunkten: Kinderrechte, Flossenfüßer, kulturelle Vielfalt, Schutz der Korallenriffe, demokratische Reformen, Energiesicherheit, Alphabetisierung … Weil wir in den Medien immer wieder von denselben großen und bekannten Organisationen hören, erschließt sich uns die unglaubliche Vielfalt der Bewegung nicht gleich oder wir kennen nur ständig wiederkehrende Bilder von Demonstranten, Plakaten und Protestaktionen. Diese Aktivitäten sind wichtig, sind aber nur ein kleiner Teil der Arbeit, die die Bewegung tut.
Fünfhundert Jahre ökologischer Katastrophe und sozialer Tyrannei sind für die Menschheit eine relativ kurze Zeit, um die selbstgeschaffenen Muster systematischer Ausbeutung und Vernichtung zu verstehen. Was sich verändert hat, ist das Ausmaß der Vernetzung und die Möglichkeit, diese Verbundenheit bewusst einzusetzen. Dies gibt uns die Gewissheit, dass Hoffnung eine vernünftige Reaktion sein kann, auch wenn unentwegt Informationen auf uns einprasseln, die uns Gegenteiliges weismachen wollen. Individuen gehen aufeinander zu, verbinden sich und identifizieren sich mit dem, was gemeinsam entsteht. Aus diesem Miteinander und der gemeinsamen Erfahrung bilden diese Menschen neue Einheiten, erfinden immer wieder neue Teile eines größeren Organismus, bilden Vereine, Ausschüsse und Gruppen und fügen sie zu einem Mosaik an Aktivitäten zusammen, als ob sie ein Puzzle legen wollten, ohne vorher das fertige Bild gesehen zu haben. Dem Wahnsinn der menschlichen Zerstörungswut wirkt eine ältere Einsichtsfähigkeit und Intelligenz entgegen, die uns auf eine bislang ungekannte und unvorstellbare Weise miteinander verbindet.
Die Menschen, die in der Bewegung aktiv sind, gehen mit großer Entschlossenheit ans Werk, anders lassen sich der unbändige Mut und das Herzblut nicht beschreiben, mit dem so viele auf die Straße gehen, auf Versammlungen sprechen, Neues ins Leben rufen, Widerstand leisten und Alternativen in die Tat umsetzen. Es ist eine Entschlossenheit, die aus dem Wissen entsteht, dass wir Menschen sind und überleben wollen. Es ist grauenhaft und entmutigend, wenn man beobachten muss, wie die weltweite Zivilisation zusammenbricht, wie verschiedene Lager und Ideologien sich feindlich gegenüberstehen und bekriegen und wie die natürliche Umwelt immer weiter zerstört wird.

Wir müssen uns erinnern, wer wir sind
Das Immunsystem ist nicht immer erfolgreich; es könnte auch sein, dass die Bewegung ihre Ziele nicht erreicht. Wenn wir unsere Selbstwahrnehmung verändern und erkennen, wer wir wirklich sind, werden wir die Bewegung jedoch weiterführen können. Die menschliche Zivilisation wird verschwinden, wenn wir nicht als globale Menschheit zusammenarbeiten. Damit dies gelingt, müssen wir erkennen, wo unser Platz ist – im biologischen und kulturellen Sinn –, und wir müssen uns energisch für unsere gemeinsame Zukunft einsetzen. Unser Gehirn hat sich entwickelt, weil wir uns mit seiner Hilfe effektiver schützen und verteidigen können, und es kooperiert mit dem älteren Immunsystem, mit dessen Hilfe wir diesen Entwicklungsstand in der Evolution erreicht haben.
Wir sind mit Kriegsmetaphern groß geworden, so dass wir an »Angriff« denken, wenn wir »Verteidigung« hören, aber die Verteidigung der Erde kann nur gelingen, wenn wir miteinander kooperieren und uns in Mitgefühl üben. Es ist ein wissenschaftlich bewiesener Fakt, dass alle Kinder altruistisches Verhalten an den Tag legen, solange sie Windeln tragen. Die Sorge um das Wohlergehen des Mitmenschen steckt tief in uns und ist unauslöschlich mit unserem Wesenskern verknüpft. Wir wurden Menschen, indem wir zusammengearbeitet und uns gegenseitig geholfen haben. Wie der Immunologe Gerald Callahan herausfand, sind Vertrauen und Liebe in unseren Genen und Lymphozyten angelegt.
Wir können unseren Niedergang ins weltweite Chaos aufhalten, wenn sich jeder von uns wieder erinnert, wer er wirklich ist. 


Bearbeitete Fassung eines Kapitels aus: Paul Hawken: Wir sind der ­Wandel. Warum die Rettung der Erde bereits voll im Gang ist – und kaum einer es bemerkt. Hans-Nietsch-Verlag, 2010.

Paul Hawken (65) ist Umweltaktivist, Unternehmer, Journalist und Autor. Er berät Firmen und Regierungen in Nachhaltigkeitsfragen. In den 60er Jahren war er in der Bürgerrechtsbewe­gung um Martin Luther King aktiv, später bereiste er als humanitärer Helfer und Fotojournalist Krisen- und Kriegsgebiete. In dem einflussreichen Buch »Wir sind der Wandel« beschreibt Hawken die von ihm identifizierte größte Bewegung in der Geschichte der Menschheit als eine Art Immunsystem der Erde. »Die Bewegung« besteht aus bis zu zwei Millionen Einzelbewegungen, die sich weltweit für ökologische, soziale und kulturelle Gerechtigkeit einsetzen. So wie weiße Blutkörperchen im menschlichen Körper greifen sie im Organismus Erde überall dort ein, wo Gefahr durch Umweltzerstörung, Gewalt und soziale Ungerechtigkeit droht. Über einhunderttausend solcher Einzelbewegungen sind bei »­WiserEarth«, einem von Hawken gegründeten sozialen Netzwerk für Nachhaltigkeit, registriert. Die Ökologie-Zeitschrift »Utne Reader« erkor Paul Hawken zu einem der einhundert Visionäre, die unser Leben verändern können. Seine Bücher wurden in 26 Sprachen übersetzt und sind in über 50 Ländern erhältlich. Er lebt in Kalifornien.

www.paulhawken.com 

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