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Regiogeld muss einfacher sein

von Dieter Petschow , Freimut Hennies , Gandalf Lipinski , erschienen in 08/2011

Gandalf Lipinski nutzt mit Dieter ­Petschow und Freimut Hennies die Denkpause, die sich die Initiatorengruppe der beendeten ­Regiowährung »Augusta« verschrieben hat.

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Gandalf Lipinski: Über sechzig Unternehmen und Vereine haben im Raum Göttingen bei »Augusta« mitgemacht. Nun soll damit erstmal Schluss sein. Ich finde es wichtig, neben den positiven Ansätzen auch die eigenen Fehler, die den Menschen bei zukunftsweisenden Experimenten unwillkürlich unterlaufen, zu betrachten. Nichts befördert die eigene Erkenntnis mehr als das Lernen aus Fehlern. Waren denn sechzig teilnehmende Unternehmen zu wenige?

Freimut Hennies: Ich möchte es weniger an dieser Zahl festmachen als an der eher einseitigen Ausrichtung, mit der wir das Projekt begonnen haben. Wir haben auf die Unternehmen gesetzt. Werden die regionalen Kreisläufe zwischen ihnen gestärkt, so hatten wir angenommen, wird das die Akzeptanz und Verbreitung der Augusta ­fördern, und auch die Kunden werden die Regiowährung wahrnehmen und übernehmen. Dem war aber nicht so oder nicht in ausreichendem Maß. Es sind bei einigen wenigen Unternehmen Überhänge entstanden, sie sind auf ihren Augusta sitzengeblieben. Außerdem haben einige das Konzept nicht verstanden.

GL Wie war die Augusta denn grundsätzlich konstruiert?

FH Unser Konzept sah vor, dass die Unternehmen die Herausgeber der Augusta sind. Sie schlossen mit unserem Verein einen Vertrag, dass sie je nach Größe ihres Betriebs eine bestimmte Menge Augusta an ihre Kunden verteilen konnten. Diese konnten damit bei allen Firmen im Augusta-Netzwerk bezahlen. Die Scheine wurden vom Verein gedruckt und – Abrakadabra – bei der Übergabe zu Geld. Zum Schutz vor zu hohen Augusta-Einnahmen bei Unternehmen mit nur wenigen regionalen Lieferanten gab es Annahmequoten. Und um das Horten von Geld unattraktiv zu machen, hatten wir einen »Umlaufimpuls« in Form einer Klebemarke im Wert von 50 Cent konzipiert. Sie sollte auf dem 30-Augusta-Schein in den ungeraden Monaten und auf den 10-Augusta-Schein im Dezember und April zum Werterhalt geklebt werden. Die Idee war einfach: weil fast immer ein Schein an Wert verlor, würden alle möglichst schnell ausgegeben. Das war für viele zu kompliziert. Der Vorteil, nur eine Marke für alle Scheine zu haben, ging im Gefühl des ständig Kleben- und Kontrollierenmüssens unter. Auch dass die Annahmequoten für Augusta in den beteiligten Firmen als Prozentgröße festgelegt war, wurde von einigen eher mit verbissener Präzision als locker und sinngemäß gehandhabt. Bei einer Annahmequote von 25 Prozent und einem Preis von 9,80 Euro etwa wurden dann nicht zwei oder drei Augusta genannt, sondern ein Betrag von 2,45 Augusta – aber eine kleinere Einheit als eine Augusta gab es nicht.

GL Gab es tatsächlich solche Rechnerei mit Centbeträgen?

FH Ja, auch in anderen Regiowährungsprojekten haben wir davon gehört. Es scheint ein speziell deutsches Phänomen zu sein.

GL Was würdest du heute bei einem neuen Anlauf anders machen?

FH Flexible Annahmequoten, einfachere Klebefristen, und die Regionalwährung zunächst mal eurogedeckt statt leistungsgedeckt ausgeben. Bei uns »entstand« das Geld ja durch die Leistung eines Unternehmens. Ein System, bei dem man Euro in Regiogeld tauschen kann, würde die Schwelle für viele Menschen deutlich senken. Am wichtigsten ist aber: Ich würde bei einem neuen Projekt die Kundinnen und Kunden, alle Bürgerin­nen und Bürger von Anfang an stärker einbeziehen. Die Akzeptanz und die Identifikation der Menschen in einer Region mit »ihrer eigenen« Währung kann nicht von den Firmen allein kommen.

GL Eurogedeckt oder leistungsgedeckt – beide Systeme haben ihre Vor- und Nachteile. Wie bewertet ihr sie?

Dieter Petschow: Eurogedeckt heißt, die Regionalwährung funktioniert erstmal wie der Euro und auf der Basis des Euro, nur dass dadurch etwas mehr Euro in der Region bleiben. Und es hat einen pädagogischen Wert, indem die Menschen anfangen, darüber nachzudenken, was Geld ist. Das ist besser als nichts. Und auch wenn ein Regiogeldprojekt scheitert, liegt ja ein pädagogischer Wert darin, wenn man es entsprechend reflektiert. Bei einem waren- und leistungsgedeckten System müssen alle Beteiligten viel intensiver motiviert sein. Sie müssen dazu auch schon tiefer verstehen, was Geld ist und wie es funktioniert. Wichtiger aber scheint mir, die Zielgruppe zu klären. Geht es uns lediglich darum, denjenigen, die bereits am Wirtschaftsleben teilnehmen, also Euro besitzen, Anreize zu einem eher auf die Region bezogenen Handeln zu geben, oder wollen wir tiefer gehen, also denen, die nicht über Euros verfügen – den Verlierern im globalen Casino –, über komplementäre Regiogelder die Teilnahme an der regionalen Wirtschaft ermöglichen? Geld drückt Beziehungen aus. Soll und Haben sind ja nicht nur Rechengrößen, sondern die Quelle, aus der Geld entsteht. Es kann kein Guthaben entstehen, wenn nicht jemand anderer dafür die Schulden trägt. Letztlich geht es um die Souveränität beim Geldschöpfungsprozess. Wirklich interessant wären dann Regionalwährungen als echte Komplementärwährungen, also als Möglichkeit der Wertschöpfung auch und gerade für die Nicht-Eurobesitzer. Geldschöpfung durch Arbeit statt durch die Banken! Wir müssen nicht die Wohlsituierten zu mehr Kooperation überreden, sondern denen bei der Selbstorganisation helfen, die das jetzige System ausschließt.

GL Sind Regionalgelder so etwas wie richtige Ansätze im falschen System?

DP Was heißt falsch? Unser offizielles Finanzsystem ist zutiefst unmoralisch. Es ist zwar legal, aber ethisch illegitim.

GL Wäre die Regiowährungsbewegung größer, würde sie wohl Probleme mit dem Gesetz bekommen, weil man ja kein offizielles Geld schöpfen darf.

FH Noch sind die Initiativen zu klein, als dass es diese Gefahr gäbe. Aber sie wird wachsen. Auch scheiternde Versuche erweitern ja die Erkenntnis. Ein Umweg, so heißt es, führt zu mehr Ortskenntnis.

DP Aber zu viele Irrtümer dürfen uns auch nicht passieren, sonst schwindet das Vertrauen in die eigenen Möglichkeiten.

GL Geht es uns denn bei all diesen Finanzversuchen darum, ganz konkret Not zu lindern, oder wollen wir in erster Linie Bewusstsein schaffen?

DP Es geht um beides. Wenn die Not unübersehbar wird, gibt es auch Chancen für Bewusstseinswandel. Wenn die deutschen Kommunen bald gar keinen Finanzspielraum mehr haben, sind schließlich die Bürgermeister gefragt. Regionale oder lokale Währungen, die nicht nur von engagierten Bürgerinnen und Bürgern, sondern von ihren gewählten Vertretern angeschoben werden – das wäre eigentlich heute auf der Höhe der Zeit …

GL … so wie Anfang der 1930er-Jahre in dem berühmten Regiogeld-Experiment von Wörgl in Österreich.

DP Das gab es nicht nur in Wörgl. Werfen wir doch mal einen Blick auf die Gründungsgedanken der Sparkassen und Raiffeisenbanken. Da ging es zentral um solidarische und gemeinschaftliche Teilhabe am Wirtschaftsleben auch und gerade für die Menschen ohne dickes Portemonnaie. Es geht nicht darum, ob eine Währung euro-, dollar- oder goldgedeckt ist, sondern ob sie das Potenzial hat, wirtschaftspolitische Alternativen zu ermöglichen.

GL Ich würde gern noch einmal zum Thema »Bewusstsein« zurückkommen. In Gesprächen mit Augusta-Teilnehmern kam mir immer wieder in den Sinn: Wie können wir die Frage »Was nützt mir das jetzt?« transformieren in »Was nützt uns das nachhaltig?« Freilich wären bei diesen Fragen vor allem die Kommunalpolitker gefordert. Nur – noch handeln sie nicht.

DP Weil sie noch nicht wirklich rechnen! Und nicht durchschauen, wen sie eigentlich wie fördern. Man denkt ja immer, Sozialabgaben seien die Gelder, die zu denen fließen, die nicht arbeiten. Und Rendite sei das Gegenteil davon. Aber der allergrößte Teil der Gelder, die offiziell ins Sozialsystem fließen, fließt ja direkt wieder in die Kassen der Geldbesitzer zurück. Das merkt nur keiner, weil es verdeckt geschieht. Zum Beispiel durch den Zinsanteil, der ja nicht ausgewiesen wird, aber in allen Waren und Dienstleistungen versteckt enthalten ist. ­Jedes Unternehmen muss in ein Produkt die Bankzinsen, die das Produkt refinanzieren muss, einrechnen.

FH Solche Zusammenhänge sind auch nur einer Minderheit der Teilnehmer an den Regionalwährungen bewusst. Grob geschätzt, ging es drei Vierteln der Augusta-Teilnehmer um Kundenbindung bzw. darum, neue Kundenschichten anzusprechen. Höchstens ein Viertel denkt an die gesellschaftliche Transformation. Denen macht dann auch die eine oder andere Kompliziertheit am Konzept nicht so viel aus.

GL Selbst die genialste Regionalwährung wird wohl die Schieflage des Weltfinanzsystems nicht heilen. Aber es gibt da Vernetzungsansätze, die mir vielversprechend scheinen. So will der neue Vorstand von Augusta nun den Regionalgeld-Gedanken in die Transition-Town-Bewegung einbringen.

FH Ja, unser Team ist beim Aufbau der Transition-Town-Initiative Göttingen aktiv. Weltweit gibt es ja schon in vielen Transition Towns lokale Währungen. Die boomen in der Regel so ein bis anderthalb Jahre, weil sie von der Euphorie »Wir machen es selber!« leben, und kommen danach oft in eine holprigere Phase, stoßen auf ähnliche Probleme wie wir. Aber es beginnt ein Bewusstseinswandel, zum Beispiel gerät die Frage, wie lokale Produktion gefördert und initiiert werden kann, in den Fokus. Und darin ist die Annäherung an die Prinzipien des Selber-Geldschöpfens potenziell ent­halten.

DP Wenn die Bürgermeister verstanden haben, worauf unser globales Geldsystem hinausläuft – und nicht nur sie, sondern alle, die Verantwortung für die Kommunen tragen –, dann geht es erst richtig los mit den Komplementärwährungen.

GL Die kommunale Ebene als die gesellschaftliche Instanz, die Geld dort generiert, wo gearbeitet wird – das passt ja nicht nur genau in die Ideen der Transition-Town-Bewegung, sondern auch zentral zur nachhaltigen Regionalentwicklung und Demokratiereform. Die Verlagerung der Geldschöpfung in selbstbestimmte und nachvollziehbare Zusammenhänge könnte ein ganz zentraler Schlüssel für den nachhaltigen Erfolg all dieser Reformbewegungen sein.
Hoffen wir, dass die Entwicklung in diese Richtung weitergeht. Habt herzlichen Dank für das Gespräch. 


Freimut Hennies (49) ist Software-Architekt, lebt in Göttingen und engagiert sich für Regionalisierung. Er ist Vorstand von Augusta Regional und Mitbegründer der Transition-Town-Initiative Göttingen. http://tt-goettingen.de

Dieter Petschow (63) betreibt als Facharzt für innere Medizin eine selbständige Praxis, engagiert sich unter anderem in den Vereinen Christen für gerechte Wirtschaftsordnung, INWO und ­Attac. http://radaris.de/p/Dieter/Petschow

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