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Gärtnern im Kleinen

von Albrecht Vetters , erschienen in 08/2011

Gärtnerfreuden kann man auch ohne Garten genießen, denn improvisierte Pflanztröge haben überall Platz.

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Gärtnern in der Stadt ist »in«. Doch was tun, wenn der Garten fehlt? »Microgardens« helfen in armen Ländern, das Nahrungsangebot zu verbessern. Auch in unseren Städten können die intensiven Anbaumethoden zur Ernährung beitragen.

»Microgardens« sind Kleinstgärten, in denen eine Vielfalt von Anbaumethoden und Techniken eingesetzt werden, um die tägliche Versorgung mit Nahrungsmitteln zu gewährleisten. Sie orientieren sich an traditionellen Gartensystemen, die in vielen Kulturen einen Teil zur Familienernährung beitragen. Sie unterscheiden sich von diesen aber durch die Zuhilfenahme von Techniken intensiver Bewirtschaftung, um den Nahrungsmittelertrag zu optimieren und zugleich den Einsatz von Land, Wasser und Dünger zu senken.
Verwendet wird dabei eine vereinfachte Hydrokultur mit meist bodenlosen Kulturverfahren und -techniken ohne den Gebrauch von mechanischen Geräten oder Kontrollmechanismen. Zudem kommen andere Verfahren, wie die in Kuba entwickelten sogenannten Organoponico, zum Einsatz. Das heißt, in Gemüsebauanlagen mit eingefassten Beeten oder in Containern wird als Substrat Erde und organische Substanz, wie zum Beispiel kompostierte Zuckerrohrbagasse, gemischt sowie als Nährstoffquelle Kompost verwendet.
Derartige Technologien bewähren sich besonders beim Anbau auf allerkleinstem Raum in Notsituationen. Durch ihre Einfachheit und Anpassungsfähigkeit können sie in versiegelten Stadtgebieten, Flüchtlingslagern, Schulen und Krankenhäusern eingesetzt werden. Für Menschen ohne Land und Einkommen können sie mitunter das Überleben sichern.
Entwickelt wurden die hydroponischen Kleingärten in den 80er Jahren in Kolumbien. Umgesetzt wurde das Konzept seitdem meist in UNO-geförderten Projekten in 16 lateinamerikanischen und afrikanischen Ländern. Das erfolgreichste Projekt jedoch entwickelte sich ohne Unterstützung der UNO in Kuba, wo während der dortigen Wirtschaftskrise in den 90er Jahren 80 000 Familien kleine Hausgärten errichteten und zu bewirtschaften lernten. Heute versucht das Institute of Simplified Hydroponics in den USA, diese Art des Gärtnerns weiterzuentwickeln und zu verbreiten, um Armut und Hunger in der Welt zu lindern und vor allem die Eigenständigkeit und Selbstverantwortung der Bevölkerung zu stärken. Neue Projekte entstehen zur Zeit in Indien und Afghanistan.

Alles kann eine Pflanzkiste sein
Tatsächlich bieten sich für diese Art des Gärtnerns praktisch unermessliche Möglichkeiten. Das Gärtnern kann auf versiegelten oder chemisch belasteten Flächen erfolgen, da die Beetanlagen bodenlos angelegt werden. Für die Pflanzgefäße lassen sich alle Materialien verwenden, die halbwegs stabil und undurchlässig sind: selbstgezimmerte Holztische, alte Badewannen, Plastikgefäße, Transportpaletten, Container oder Sperrmüllabfälle – der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Die Anlage wird optimalerweise in angenehmer Arbeitshöhe platziert. Dann werden die Pflanzgefäße mit einer wasserdichten, schwarzen Folie ausgelegt, um das Wasser und die Nährstoffe zu sammeln und Lichtundurchlässigkeit gegen Algenwachstum zu gewährleisten. Als Substrat können die in der Region erhältlichen Materialien und Abfallprodukte, wie zum Beispiel Bambus, Kokosfasern, Sägespäne, Eierschalen, Kies, Sand, Komposte und Perlite, verwendet werden. Im Senegal benutzen Gärtner zum Beispiel eine Mischung aus Reisspelzen, Sand, Erdnusshülsen und Torfmoos. Indem die Nährlösung aus dem Pflanzgefäß über einen Schlauch nach außen geleitet, in Behältern gesammelt und rückgeführt wird, erfolgt die Wiederaufbereitung der Nährstoffe. Es wird weniger Wasser verbraucht sowie der Austritt von Düngemitteln in die Umwelt verhindert. Der Wasserverbrauch lässt sich so bis auf 10 Prozent der herkömmlichen Anwendung in der Landwirtschaft reduzieren. Organische Düngemittel kann man aus Pflanzenabfällen, Hühnermist, Urin, Stroh, Laub und Kompost gewinnen.

Es klappt auch in Mitteleuropa
In eigenen Versuchen habe ich Salat, Mangold, Zwiebeln, Lauch, Paprika, Auberginen und Zucchini in Kästen mit einem Sub­strat aus Kompost und Erde angebaut. Die Kästen waren zum einen eine Konstruktion aus Lärchenholz, zum anderen ein alter Schrank, bei dem ich lediglich die Türen entfernte und Löcher für den Abfluss bohrte. Beide Kästen habe ich mit Folie ausgelegt, sie enthielten am Boden 2 bis 3 cm Kies als Drainage und als Abflussrohr ein Stück Schlauch. Eine der beiden Kisten stand sehr schattig, weshalb hier der Ertrag eher mäßig war. Richtig gut war der Schutz gegen Schnecken, Fraßschäden kamen so gut wie gar nicht vor. Der Wasserbedarf war merklich geringer als im Gartenbeet.
Einen Versuch wert ist auch der Konstruktionsvorschlag des Agrartüftlers Sepp Holzer. Hierbei wird der mit Löchern durchbohrte Pflanztrog mit einen Bodenabstand von 15 bis 20 cm in eine wasserdichte Wanne gestellt, die als Wasserreservoir dienen soll. In die Löcher des Trogs werden Holzstöcke als Klettergerüst für Wein, Zucchini, Gurken, Kürbis oder Bohnen gesteckt. Der Trog wird mit Substrat oder Erde gefüllt, und eine Drainage aus Kies oder Tonscherben am Boden und um die Holzstämme herum sorgt für ausreichenden Wasserabfluss, anderseits saugen die Stöcke Wasser aus der Wanne und regulieren so die Feuchtigkeit im Trog.
Die vereinfachten hydroponischen Verfahren bieten vielen Familien in der Stadt eine reale Chance, ihre Lebensbedingungen zu verbessern und frisches, selbst angebautes Gemüse und Obst zu erhalten. Ein fürsorglich geführter Garten von 20 qm kann am Tag zwei Kilo Gemüse produzieren; eine Schätzung der Mindestgröße zur Erhaltung des Existenzminimums beläuft sich auf 40 qm. ­Microgardens kann man nicht nur auf betonierten Plätzen anlegen, sondern auch auf Dächern, Balkons, Terrassen, Innenhöfen oder sogar in Innenräumen von Häusern. Ein solcher Garten beginnt nach 60 Tagen produktiv zu werden und erreicht seine volle Produktivität nach 90 Tagen. Ursprünglich für afrikanische und lateinamerikanische Elendsviertel mit ganzjähriger Bewirtschaftung und Ernte entwickelt, kann diese Art des Anbaus natürlich auch im ­europäischen Sommer für kulinarische Hochstimmung sorgen.  
 

Albrecht Vetters (27) studiert an der HTW Dresden Gartenbau und ­beschäftigt sich momentan in seiner Diplomarbeit mit der Erhaltung von Kulturpflanzen.

Der Weg zum eigenen Mikrogarten:
Institute of Simplified Hydroponics: www.carbon.org
Film: The Power of Community – How Cuba survived Peak Oil
Artikel: A Study on Microgardens that Help Reduce the Global Poverty and ­Hunger von P. Bradley und C. Marulanda, Download unter www.ishs.org
Sepp Holzer: Sepp Holzers Permakultur, L. Stocker Verlag, 2004 

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