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Regiogeld schafft vor ­allem Freundschaft

von Franz Galler , Johannes Heimrath , erschienen in 08/2011

Johannes Heimrath sprach mit Franz
Galler über ein kooperatives Wirtschaftsmodell im Berchtesgadener Land.

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Franz, du bist in deinem Brotberuf Vermögensberater. Steht das nicht in einem Gegensatz zu deinem Regionalentwicklungsprojekt, dem Aufbau der Komplementärwährung »Sterntaler«?
In meinem Beruf bin ich Stratege und muss mir ganzheitliche Gedanken über langfristige Entwicklungen machen. Auch wenn ich ein Regiogeld erfinde, lautet die Fragestellung: Wo wollen wir hin, und wie kommen wir ans Ziel?


Mein Handwerk habe ich in einer kleinen Genossenschaftsbank erlernt. Friedrich Wilhelm Raiffeisen, der diesen Typ Bank erfunden hat, ist immer noch mein Vorbild. Wir müssen heute »Raiffeisen 2.0« realisieren. Zu seiner Zeit waren die Notleidenden die Bauern, denen er mit einer genossenschaftlich organisierten Bank und gemeinschaftlichen Lagerhäusern für Futtermittel und Saatgut helfen konnte. Heute sind die kleinen Unternehmer die Bauern von damals. Die Raiffeisen-Idee heißt für mich immer deutlicher: Weg vom persönlichen Egoismus hin zum Gemeinschaftseigentum.

Versprechen sich die Unternehmerinnen und Unternehmer, die sich am Sterntaler beteiligen, nicht auch einen persönlichen Vorteil?

Diejenigen, die mit dem Sterntaler am erfolgreichsten sind, sagen interessanterweise nicht, dass sie möglichst viel von dieser Währung einnehmen und ausgeben wollen, sondern sie machen den Sterntaler zu einem Marketing-Instrument. Sie gewinnen durch ihn neue Kunden und schließen neue Partnerschaften mit anderen Gewerbetreibenden im Sterntaler-Netzwerk.
Der Vorteil ist tatsächlich vor allem das Gemeinschaftliche. Wir haben den Begriff des virtuellen Dorfs geprägt. Dessen Grenzen gehen weit über unsere kleinen Gemeinden hinaus, aber das Beziehungsgeflecht der Beteiligten untereinander entspricht einer dörflichen Nachbarschaft. Im Euro ist die Logik »Ich will sparen« eingebaut. Der Sterntaler vermittelt hingegen das Gefühl, dass regionales Wirtschaften und Kooperation etwas Schönes und Wichtiges ist, und so fördert die Sterntaler-Wirtschaft das Interesse am Anderen. Es entstehen durch diesen Wirtschaftskreislauf vor allem Freundschaften.

Manche empfinden es auch als Erleichterung, mit neutralen Euros bezahlen zu können, ohne dass freundschaftliche Nähe zwischen den Geschäftspartnern nötig ist. Dabei spielt die Angst vor zu viel Nähe oder Abhängigkeit eine Rolle. Sozialer Druck kann ja auch zum Problem werden.

Der Sterntaler als eurogedeckte Regionalwährung ist immer noch etwas sehr Pragmatisches. Ihn zu verwenden, verlangt nicht per se, sich emotional zu verbinden, das passiert eher von selbst als Nebeneffekt. Wer sich über die Ebene des Sterntalers hinaus näher mit anderen in einem Wirtschaftsnetz in Beziehung setzen möchte, kann Mitglied in unserem Genossenschafts-Kooperationsring werden.
Aber auch der Sterntaler wird in Zukunft stärker von dem getragen werden, was die Menschen tatsächlich tun und produzieren, und weniger vom neutralen Euro. Wir möchten im Sommer zusätzlich zur Eurodeckung den Sterntaler mit einer Deckung durch Waren- und Dienstleistungen hinterlegen. Ich kenne ja die Welt der Banken und weiß, dass unser Finanzsystem zeitlich ist. Die Frage ist: Wie wollen wir nach der Zeit dieses Geldsystems leben? Wie soll es nachher weitergehen? Aus dieser Frage heraus entwickeln wir ein Modell, das wir jetzt schon leben können.
Denn die einzige Sicherheit, die es wirklich gibt, ist gelebte Gemeinschaft. Ich selbst würde zwar im Moment nicht Mitglied einer Lebensgemeinschaft werden wollen, das passt nicht für alle Menschen, aber auch schon die nachbarschaftliche Gemeinschaft macht glücklich.

Was hat es denn mit diesem Kooperationsring auf sich?

Der Genossenschafts-Kooperationsring »Midanand«, bayerisch für »Miteinander«, funktioniert nach dem Vorbild der Schweizer WIR-Banken als bargeldloses Verrechnungssystem, das übers Internet koordiniert wird. Knapp 100 Leute sind dabei. Sie haben im vergangenen Jahr ­Waren und Dienstleistungen im Wert von 175 000 Euro untereinander getauscht. Alle sind Mitglied in der RegioSTAR eG, die als Dach fungiert, aber auch selbst unternehmerisch tätig ist und derzeit zwei Gartenprojekte, einen Dorfladen mit Bio- und regionalen Produkten und eine Photovoltaik-Anlage trägt. Die Einheit, in der im Kooperationsring gerechnet wird, sind »Talente«. Privatpersonen bezahlen sich in Talenten die Nachbarschaftshilfe, Unternehmer können damit ihre Lieferungen und Arbeiten verrechnen.

Was ist das langfristige Ziel, das du mit diesen Wirtschaftsmodellen in deiner Region erreichen möchtest?

Wir wollen Schritt für Schritt die Selbständigkeit unserer Region realisieren, so dass sie sich selbst mit Nahrung, Energie und Mobilität versorgen kann. Für die Zukunft stelle ich mir zum Beispiel vor, dass wir das Geld, das wir in der Genossenschaft mit einer Photovoltaik-Anlage einnehmen, nicht als Rendite an die Mitglieder auszahlen, sondern gemeinsam in sinnvolle Projekte stecken, zum Beispiel einen verschuldeten Bauernhof kaufen. Wir könnten dann dem betroffenen Landwirt sagen: Lieber Freund, du produzierst genau das, was wir brauchen. Wir bezahlen deine Schulden bei der Bank in Euro, und du wirst bei uns Mitglied, indem du allen Beteiligten deine Produkte lieferst. Dafür bekommst du wiederum Talente und Sterntaler, um in unserem Kreis zu wirtschaften. Damit verwandeln sich letztlich Euros in regionalen Austausch. Auf solche Weise hätten wir Raiffeisen in einer zeitgemäßen Form ganz neu umgesetzt.

Wenn ich mir so ein genossenschaftliches Netzwerk vorstelle, frage ich mich immer, warum man nicht ganz auf das Vertrauen setzt, dass sich alle gegenseitig das, was sie zum Leben brauchen, aus freien Stücken zur Verfügung stellen. Warum sollte das, was die Menschen tun und produzieren, mit einem Preis versehen und zur Ware gemacht werden, wo doch in einem regionalen Zusammenhang sich alle gegenseitig wertschätzen und ihre Werte nicht über Preise vermitteln müssten?

Je kleiner die Gemeinschaften sind, desto weniger werden wir Währungen brauchen, da bin ich ganz deiner Meinung. Aber je ­größer die Einheiten sind, desto mehr wächst die Notwendigkeit, das Wirtschaftsleben in eine handhabbare Form zu gießen. Mir schwebt ein kleinräumiges, regionales Wirtschaftsmodell vor, in dem 150 Menschen selbstorganisiert miteinander handeln. In der Startphase brauchen sie auf jeden Fall eine Struktur, die ihren Austausch organisiert. Aber wenn sie sich im Lauf der Zeit näher kennenlernen, werden sie irgendwann sagen: Müssen wir dem jetzt einen Wert geben und diesen auf ein Konto schreiben, oder ist es einfach so in Ordnung, dass ich dir das gegeben habe? Solche Effekte erlebe ich bereits jetzt in unserem Tauschring. Irgendwann erscheint einem das Verrechnen widersinnig.

Je länger ich über die Regiogeld-Modelle nachdenke, desto mehr erscheinen sie mir als Überbrückung oder Trick, um die Menschen an den Punkt zu führen, an dem sie sich in arbeits- und lebensfähigen Einheiten zusammentun und ohne eine Verrechnungseinheit das, was produziert und füreinander getan wird, teilen. Womöglich bräuchte man ein Medium wie eine Währung nur zur Vermittlung zwischen weiter entfernten Gruppen, zum Beispiel um sich mit Materialien versorgen zu können, die von weit her kommen.

Ich denke, dass Ansätze solcher Zukunftsvisionen schon heute umgesetzt werden können, zum Beispiel bei bürgerschaftlich organisiertem Gemeinschaftseigentum im Bereich Energie und Nahrung. Und selbst Gesundheitsvorsorge, gegenseitige Risikoabsicherung oder Bildung lassen sich auf so eine Weise realisieren.

Ich stelle mir das wie ein flaches, über den Globus gespanntes Netz vor. Auch wenn es um überschaubare Regionen geht, hätte das nichts mit Lokalpatriotismus zu tun, sondern das Netz wäre durchlässig und verbunden mit diversen überregionalen, auch virtuellen Kultur- und Wissensnetzen. Ihr seid ein Beispiel dafür, dass man im Hier und Jetzt mit dem Weben dieser Netze beginnen kann. Versteht ihr euch als Vorbild?

Wenn mich jemand einlädt, einen Vortrag über das Sterntaler-Projekt zu halten, freue ich mich. Es geht mir nicht darum, dass andere unser Modell eins zu eins übernehmen, aber unsere Erfahrungen sind nützliche Leitplanken für Initiativen mit ähnlichen Absichten. Unser Modell lässt sich als Raster über jede andere Region legen und den Eigenheiten der Menschen und der Wirtschaft vor Ort anpassen. Unsere Erfahrungen sind wie eine Bauanleitung für ein Spielzeug, dessen Teile man selbst auf seine Weise zusammenbauen kann.

Wird dich die Aufgabe, Wissen weiterzugeben, nicht irgendwann so stark fordern, dass du aus deinem Beruf aussteigen wirst?

Ich baue gerade als weiteres Standbein mit der Universität München einen Zertifikatskurs für Regionalentwicklung auf. Nächste Woche wird das erste Modul starten. Daran beteiligen sich so unterschiedliche Menschen wie Studentinnen und Studenten, Unternehmerinnen und Unternehmer oder eine Bankerin aus Österreich. Wir haben einen 60-jährigen Teilnehmer und eine 24-jährige Teilnehmerin. Die nachhaltige Entwicklung ländlicher Räume ist ein großes Zukunftsthema.

Viel Erfolg auf diesem neuen Weg, und ­herzlichen Dank für das Gespräch. 


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Franz Galler (52), Gründungsvorstand des Sterntaler-Vereins und der Sozialgenossenschaft RegioSTAR eG im Berchtesgadener Land. Er ist seit über 35 Jahren im Bankwesen tätig und selbständiger Vermögensberater.

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