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Widerstandskräfte

Wandel, spontane Immunreaktionen und »die Bewegung«

von Matthias Fersterer , erschienen in 07/2011

Kann man für Frieden kämpfen? Bewirken wir mit dem Einsatz für eine bessere Welt überhaupt etwas, oder sind wir zu Gutmenschentum verdammt? Drei Bücher zu Geschichte und Zukunft des Widerstands geben Antworten.

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 Auf dem Weg von seiner Hütte am Walden Pond zum Schuster des Städtchens Concord wird Henry David Thoreau an einem Juliabend des Jahres 1846 vom örtlichen Steuereintreiber und Gefängniswärter angehalten. Aus Protest gegen Sklaverei und Kriegspolitik der Regierung verweigert Thoreau seit zwei Jahren die Zahlung einer Bagatellsteuer. Der Gesetzesvertreter fordert den Freigeist auf, seine Steuerschuld zu begleichen, und bietet sogar an, ihm den Betrag vorzustrecken. Doch Thoreau lehnt jeden Vorschlag zur Güte ab. Er lässt sich festnehmen und verbringt die folgende Nacht im Gefängnis. Bereits am nächsten Morgen wird er unter mildem inneren Protest entlassen – ein anonymer Gönner, vermutlich Thoreaus Tante, hatte seine Schulden beglichen.
Zwei Jahre darauf wird er seine Nacht hinter Gittern zu einem Vortrag verarbeiten, aus dem der postum betitelte Essay »Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat« hervorgehen wird. Die unmittelbare Wirkung von Thoreaus Protest blieb zwar bescheiden – die Abschaffung der Sklaverei sollte er nicht mehr erleben –, beispiellos ist aber die Wirkungsgeschichte seines Essays. Es beeinflusste Mahatma Gandhis und Martin Luther Kings zivilen Ungehorsam, der wiederum nachfolgende Generationen zu gewaltfreiem Widerstand inspirierte. So auch den Politikwissenschaftler Gene Sharp (»Von der Diktatur zur Demokratie«), seinerseits geistiger Vater zahlreicher friedlicher Proteste, darunter die jüngste Welle von Revolutionen im arabischen Raum.
In der Nachfolge Thoreaus stehen auch zwei Bücher, die unterschiedlicher nicht sein könnten: An dessen Bewunderung für konsequentes Handeln, das mitunter auch in Extremismus umschlagen konnte (etwa in der Apologie »Die letzten Tage des John Brown«), orientiert sich »Der kommende Aufstand«, an seinem pazifistischen Ideal »Wir sind der Wandel«.

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Von einem anonymen Kollektiv verfasst, wurde »Der kommende Aufstand« im November 2008 in Zusammenhang mit der Sabotage der Gleisstrecke eines geplanten Castor-Transports als gerichtliches Beweismittel eingesetzt. Danach fand der Text Verbreitung im Internet. Stilistisch erinnert die linksradikale Streitschrift an den wutentbrannten Sprechgesang eines Rappers, der in wildem Staccato zu einem Rundumschlag gegen das System ausholt: »Die Katastrophe ist nicht das, was kommt, sondern das was da ist«, schreibt das Kollektiv in Anlehnung an Walter Benjamin. Die Autoren sind insofern konsequent, als sie ein System, das sie als todgeweiht betrachten, nicht zu retten versuchen – extremistisch sind sie insofern, als sie diesem System nicht nur eine fatale Diagnose bescheinigen, sondern ihm auch gleich noch den Todesstoß versetzen wollen. Zwar ist dies alles andere als konstruktiv, hin und wieder kann einen dennoch das Gefühl überkommen, hier wagt jemand auszusprechen, wofür andernorts nur beschwichtigende Worte oder betretenes Schweigen gefunden werden – etwa, wenn es heißt, die Krise könne aus der Umwelt wieder eine Mitwelt machen, indem sie uns zwinge, »Kontakt mit dem aufzunehmen, was da ist, die Rhythmen der Wirklichkeit wiederzufinden.«

Im Gegensatz zu »Der kommende Aufstand« hat »Wir sind der Wandel« hierzulande erst relativ geringe Beachtung gefunden. Während das »Unsichtbare Komitee« mit jeder Zeile deutlich macht, dass es sich als Abbruchkommando versteht, schreibt der amerikanische Journalist und Umweltaktivist Paul Hawken für den Aufbau einer neuen Welt. In seinem Buch würdigt er die Gründerväter der modernen Umweltbewegung – dar­unter Ralph Waldo Emerson und Henry David Thoreau – und stellt die Arbeit einzelner Aktivistinnen und Aktivisten in einen weiteren Kontext.
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Wie Hawken argumentiert, sei die »Rettung der Erde« nämlich längst in Gang gesetzt worden – und zwar durch »die größte soziale Bewegung, die es je gab«: Eine weltweit operierende, namenlose, gewaltfreie Graswurzelbewegung ohne zentrale Ideologie und ohne Anführer, von deren Existenz kaum jemand weiß, nicht einmal jene, die ihr angehören. Unter dem Schlagwort »die Bewegung« fasst Hawken bis zu zwei Millionen Einzelinitiativen zusammen, die sich in aller Welt für Naturschutz, soziale Gerechtigkeit und die Rechte indigener Völker einsetzen.
Wie, so lässt sich zu Recht fragen, sollten sich all diese Organisationen auf einen gemeinsamen Nenner einigen, geschweige denn handlungsfähig werden? Das brauchen sie gar nicht, meint Hawken, sie ziehen ohnehin an einem Strang. Ähnlich wie Peter Sloterdijk, der in »Du musst dein Leben ändern« ein globales, »Ko-Immunismus« genanntes Ökomanagement einfordert, verwendet auch Hawken ein Bild aus der Immunologie: Den Einsatz der vielen Bewegungen beschreibt er als unsere spontane »Immunreaktion gegen die korrupte Politik, die dahinsiechende Wirtschaft und die Zerstörung der Umwelt«, als Abwehrsystem, das äußerst effektiv gegen die Bedrohungen des Lebens vorgeht.
Eine ermutigendere und zugleich demütigere Haltung als jene, die das eigene Handeln als Teil einer umfassenden Handlungskette, eines »Immunsystems der Erde« betrachtet, das beständig Widerstandskraft zum Schutz des Planeten aufbaut, ist in der Tat kaum vorstellbar. Auf gute Gesundheit!

Wir sind der Wandel
Paul Hawken
Hans-Nietsch-Verlag, 2010, 320 Seiten
ISBN 978-3939570905
19,90 Euro
(als Oya-Aboprämie erhältlich)

Der kommende Aufstand
Unsichtbares Komitee
Edition Nautilus, 2010, 128 Seiten
ISBN 978-3894017323
9,90 Euro

Über die Pflicht zum ­Ungehorsam gegen den Staat
Henry David Thoreau
Diogenes, 1967, 96 Seiten
ISBN 978-3257200638
7,90 Euro

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