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Kaleidoskop des Gehenlassens

Wie gehst du mit Verlust, Scheitern, Enttäuschung, Erschöpfung und Trauer um? Oya fragte, Mitglieder des Hütekreises antworteten.

erschienen in 60/2020

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Erst wollten wir in dieser Ausgabe ein »Mosaik des Scheiterns« veröffentlichen – einen funkelnden Scherbenhaufen aus zerbrochenen Träumen, zerstörten Illusionen und zerborstenen Hoffnungen. Dann merkten wir, dass es um den Verlust geht: das Verlieren der Sicherheit, der Heimat, der Gewissheit – um die Gefühle, die häufig damit verbunden sind: Trauer, Wut, Enttäuschung, Erschöpfung; und auch um Bewertungen des Verlusts: als Scheitern, als schiefgegangen, als Fehler, als Problem. Was aber passiert, wenn wir all diese Bewertungen einmal weglassen? Wenn wir Erschöpfung, Verlust, Trauer, Loslassen, Innehalten als lebendige Prozesse sehen, die Erstarrtes auflösen, die die Jahres­zeitenqualitäten von Herbst und Winter verkörpern, die ein ganz normaler Teil auf unseren immer wieder zyklischen Wegen sind: nicht um voranzukommen, nicht um sich zu »entwickeln« – oder höchstens im wörtlichen Sinn, um sich immer wieder zu ­ent-wickeln, auszuwickeln aus all dem, was das Fließen in und zwischen uns Wesen behindert.
Wir haben Menschen aus dem Hütekreis eingeladen, uns in diesem blühenden Sommer von ihren Erfahrungen mit Verlust, Trauer und Scheitern zu erzählen, und haben darüber hinaus weitere Menschen gefragt, die uns auf diesem Weg begegnet sind. Daraus entstand ein Kaleidoskop aus gelebten Erfahrungen, aus einer Fülle an Verlusten, die sich gut mit den Fotos persönlicher Kraftquellen ergänzen, um die wir ebenfalls Mitglieder des Hütekreises gebeten hatten.
Oya-Redakteurin Luisa Kleine hat dies mit Zeichnungen illustriert, die sich mit der Wasserkraft der Trauer, mit dem Loslassen und dem Wandel beschäftigen. Sie reflektieren die ­Geschichten aus einem eigenen Blickwinkel.
Fall Sie Ihre persönliche Erfahrung mit dem Loslassen oder Gedanken zu den hier veröffentlichten Texten teilen möchten, freuen wir uns über eine Nachricht an: mitdenken@oya-online.de.

 

Einfach rausgekauft
Von Lukas Doerrie

Im Moseltal soll ein Schatz begraben werden: der Schatz der Gemeinschaft. Als die alte Jugendherberge in Bernkastel 2013 schloss, verwandelten die Studierenden der Cusanus-Hochschule sie in einen Ort der Hoffnung. Jetzt werden sie rausgeworfen, weil eine Privatperson das Gebäude kaufen will.
Im Jahr 2013 musste das riesige Haus wegen neuer Brandschutzrichtlinien schließen. Die Renovierung wäre teuer gewesen, die Räumlichkeiten entsprachen nicht mehr dem zeitgemäßen Jugendherbergsstandard. Der gerade frisch gegründeten Cusanus-Hochschule kam das damals sehr gelegen. Nach einigen Verhandlungen konnte der Studierenden-Verein das Anwesen zu einem günstigen Preis mieten, und die ehemalige Herberge musste nicht leerstehen.
Was in der Hochschule theoretisch gelehrt wurde – Plurale Ökonomie, Kooperation statt Konkurrenz – konnten die Studierenden hier in ihrer Gemeinschaft miteinander leben: manche als fest dort wohnende, andere auf Zeit während der Vorlesungsblöcke. Seit 2015 waren um die 600 Menschen Teil des solidarischen Miteinanders, jährlich luden die Studierenden zu Weiterbildungen und Tagungen ein. Der bewegte Ort belebte nicht nur die Hochschule, sondern auch die Region. Doch damit soll jetzt Schluss sein: Der Traum ist aus. Ende Oktober 2019 stand das Vermessungsamt vor der schweren Holztür des Hauses. Das Jugendherbergswerk überlegte, die Jugendherberge zu verkaufen. Erst hieß es, die Studierenden könnten sicher noch ein weiteres Jahr in der Herberge bleiben, es gäbe noch keinen Käufer. Doch dann ging alles viel schneller als erwartet. Mitte Januar erfuhr die Studierendengemeinschaft von Nachbarn, dass der Vertrag nicht verlängert werden sollte. Die Studierenden hatten zwar ihre Kaufbereitschaft signalisiert, doch das Jugendherbergswerk schien daran keinerlei Interesse zu haben. Drei Monate lang versuchte der Verein alles, um das Geld aufzutreiben. Er führte Gespräche mit der Trias-Stiftung, dem Mietshäusersyndikat, der Stiftung Denkmalschutz, regionalen Banken sowie Bürgermeistern; es schien, als wollten alle das Projekt unterstützen. Nur nicht das Jugendherbergswerk. Das verkaufte an den Meistbietenden, einen Menschen in Amerika, der jetzt Fotos einfordert, um das Haus überhaupt einmal zu sehen.
Und doch: Die 600 Menschen, die offenen Veranstaltungen, die gemeinsamen Abende am Lagerfeuer, die Ideen von einer besseren Zukunft waren echt und leben weiter: vielleicht nicht in der ehemaligen Jugendherberge in Bernkastel-Kues, die den kapitalistischen Interessen einiger Weniger zum Opfer fiel, doch dafür eventuell umso mehr an anderen Orten, die von den Gedanken und Ideen dieser vergangenen Oase leben werden.

 

Als wäre ich gestorben und hätte dann ein neues Leben angefangen
Von Bahar Sarkohi

Mit neun Jahren bin ich mit meiner Mutter und meinem Bruder aus dem Iran geflohen. Wir haben unsere Koffer gepackt, sind nachts zum Flughafen gefahren und frühmorgens in den Flieger nach Europa gestiegen. Mein Vater war Teil eines regimekritischen Schriftstellerverbands, Angst war ein ganz normaler Teil meiner Kindheit. Familien wurden in dieser Zeit als Druckmittel genutzt; Folter, Vergewaltigungen und Entführungen von Kindern von Regimekritikern wurden die Norm, so dass mein Vater uns ins Ausland schickte. In einem Koffer hatte ich alle Dinge, die mir wichtig waren. Den Rest, so wussten wir, würden wir nie wiedersehen.
Die ersten drei Jahre in Deutschland haben wir in Flüchtlingslagern in Berlin gewohnt. Ich musste sofort funktionieren. Es ging um irgendwelche Papiere, ich bin direkt in die Schule gekommen, habe Deutsch gelernt, musste für Mama da sein – das war ein purer Überlebensmodus. Also hatte ich keine Zeit, um irgendwas zu verarbeiten, zumal psychologische Unterstützung in Asylheimen sowieso völlig utopisch ist.
Meine Fluchterfahrung hat keinen Punkt, an dem sie endet, sie begleitet mich immer, weil sie nichts ist, womit man einfach abschließen kann – es hört nicht auf. Irgendwann kommt man zwar an, aber man ist immer noch Flüchtling im »neuen« Land. Und wenn ich heute auf der Straße als Kanakin beschimpft werde, dann gehöre ich auch wieder zu denen, die nicht dazugehören, dann bin ich wieder Flüchtling. Irgendetwas in mir fühlt sich einfach zerissen. Manchmal bin ich ganz entspannt, und dann wieder fühle ich mich wie die Neunjährige, die über Nacht ihre Taschen packen und alles hinter sich lassen musste, was sie je kannte. Sowas kann man nicht wieder reparieren, das trage ich mit mir rum und damit muss ich leben.
Alles, was mich mit meiner Kindheit bis zum Alter von zehn Jahren verbindet, ist nur noch in meinem Kopf oder in den Konversationen mit den Menschen, mit denen ich diese Zeit gemeinsam erlebt habe. Ich kann nicht an die Orte zurückkehren, an denen meine Kindheit stattgefunden hat, kann die Dinge meiner Kindheit nicht berühren, riechen, schmecken. Es ist, als wäre der jüngere Teil von mir abgeschnitten worden. Ich habe meinen richtigen Namen verloren, beziehungsweise die Aussprache davon, mein Name hört sich fremd an. Ich habe meinen Vater verloren – als er ein paar Jahre später nach Deutschland geholt wurde, war er ein anderer Mensch. Ein bisschen war es so, als wäre ich gestorben und hätte danach ein neues Leben angefangen, das nichts mit dem alten zu tun hatte.
Eine Zeit lang hatte ich manchmal den Gedanken, warum ich Sachen nicht besser hinkriege, so wie alle anderen. Aber am Ende musst du dich selber anerkennen, wo du gestartet bist, und Verständnis für dich haben. Ich werde niemals so einen glatten Lebenslauf haben wie Lisa, die damals in der vierten Klasse neben mir saß. Das hat nichts mit Scheitern zu tun, sondern mit unterschiedlichen Ausgangslagen.
Was mir Kraft gibt, ist ein stabiler Freundeskreis, der mich wirklich kennt, mich auffängt und zulässt, dass ich mich zeige. Auch Lieder aus meiner Kindheit höre ich mir öfter an, wenn ich mich leer fühle. Aber auch Kunst, Gedichte, Exilliteratur oder Bilder von Flucht schaffen es, dass ich mich weniger alleine fühle.
Meine Erfahrungen haben mich auch vieles gelehrt. Zum Beispiel in einer gewissen Entfernung zur Bahnsteigkante zu stehen, das mache ich heute noch so. In Berlin haben Nazis damals häufig Ausländer auf Schienen gestoßen. Außerdem habe ich eine gewisse Sensibilität für Zwischentöne im Gesagten entwickelt. Ich habe früh gemerkt, worum es eigentlich geht, und habe ein gutes Gefühl für Zwischenmenschliches. Eine dicke Haut habe ich nicht bekommen, es tut immer noch weh, stigmatisiert zu werden. Trotzdem glaube ich, dass ich mit negativem Feedback viel besser klar komme als ein Mensch, der in seinem Leben immer nur Frieden und Liebe erlebt hat. Außerdem habe ich mehr Empathie für Ungleichheiten und den Drang, mich dagegen aufzulehnen, für andere einzustehen – ich weiß, wie sich das anfühlt. Mit der Zeit ist in mir eine Das-muss-ich-nicht-ertragen-Haltung entstanden. Ich komme ja aus einer Diktatur, da habe ich gelernt, das man sich gegen Repressalien auflehnen muss. Ich habe das Recht, aber auch die Verantwortung, mich aufzulehnen. Zorn ist für mich eine treibende Kraft.

 

Dauernd scheitern
Von Edelgard Stadler

Ich bin eine alte Tagebuchschreiberin, und es fällt mir deshalb nicht schwer, mich an Scheitereien zu erinnern. In 67 Lebensjahren kommt ganz schön was zusammen. Bei der Frage »wann« kann ich nur sagen: »dauernd« – mal ist es lebensentscheidend, mal eher unauffällig. Es ist und war für mich Lebensthema. Ich bin überall gescheitert: in der Familie, im Beruf, in Beziehungen, mit Freundinnen und Freunden, in meinem Innenleben. Je älter ich werde, desto mehr will ich wissen warum, aber desto weniger habe ich eine Meinung. Ich habe gelernt loszulassen – so entschärfe ich manche messerscharfe Niederlage. Ich habe ins etymologische Lexikon geschaut, ob scheitern, gescheit und Scheit zusammenhängen. Ja, bei einem Scheit wird Holz gespalten, wer gescheit ist, kann etwas aufspalten, entfalten, aufschlüsseln – und beim Scheitern, da wird auch etwas zerlegt, »analysiert« (wörtlich: aufgelöst). Wer zu gescheit ist, zerlegt etwas in seine Bestandteile und macht es dabei kaputt – scheitert also. Das ist fast schon wieder lustig.
Scheitern macht Angst, es hängt mir lange nach. Es gibt tausend Ängste. Eines habe ich gelernt: Da, wo Angst ist, muss ich gründlich hinschauen, die Angst ans Licht zerren, sonst wird sie mächtiger. Je älter ich werde, desto besser kann ich hinschauen. Ich rege mich weniger auf. Früher war Scheitern ein Weltuntergang, heute ist es eher ein Sonnenuntergang – ich weiß, die Sonne geht wieder auf: in entgegengesetzter Richtung, aber nicht unerwartet. Scheitern sehe ich als Lernprozess, ich lerne über mich selbst. So gesehen, habe ich in meinem Leben viel gelernt.
In meinem Alter habe ich ein gewisses Frühwarnsystem, auf das ich mich aber auch nicht immer verlassen kann. Ich verliere Freunde, aus heiterem Himmel. Mal bin ich zu misstrauisch, manchmal zu vertrauensselig. Das Leben ist so kompliziert, ­voller Grauzonen und voller komplexer Zusammenhänge. Zu vielem habe ich keine Meinung mehr, sondern folge meinem Bauch­gefühl – Psychonavigation. Es ist, als würde ich besser im Leben fahren, wenn ich nicht beide Augen geschlossen, sondern eines weit offen für die Außenwelt und eines weit offen für die Innenwelt habe. Wenn sich eine Tür schließt, öffnet sich eine andere, meistens sind es mehrere. Ich möchte das Scheitern nach wie vor vermeiden – wohl wissend, dass das nicht möglich ist.
Jede, ja, jede Erfahrung ist kostbar. Ich habe immer hingeschaut, wieso, warum, wer, wann, was, wie? Das ist, als würde ich alles zwei-, dreimal erleben. Mein Leben ist halt anstrengend, warum auch nicht? Ich lebe außerdem in äußerst spannenden Zeiten. Das letzte Scheitern ist der Tod, und selbst da werde ich lernen, wie sich ein Phönix aus der Asche in ein neues Leben schwingt.


Die Macht der Gewohnheit
Von Timo Ollech

In den letzten viereinhalb Jahren, seit ich in einer tantrischen Gemeinschaft in Berlin lebe, bin ich daran gescheitert, viele aus meiner Sicht wesentliche Aspekte enkeltauglichen Lebens hier zu verankern. Wir haben uns mit unserer Gemeinschaft die ­sexuelle Befreiung auf die Fahnen geschrieben. Das scheint ein so großes Thema zu sein, dass andere Dinge – wie uns an einer solidarischen Landwirtschaft zu beteiligen, echte gemeinsame Öko­nomie zu leben oder überhaupt grundsätzlich Bio-Lebensmittel einzukaufen – kaum auch noch reinzupassen scheinen.
Manchmal war ich regelrecht verzweifelt, wenn ich zum Beispiel merkte, dass das Bewusstsein für gutes Leben beim Essen nur so weit reicht, dass dieses für uns selber gesund sein soll. Meine Hinweise, dass auch die Art und Weise, wie Lebensmittel entstehen, einen wesentlichen Einfluss auf die Welt hat, verhallten bisher ohne merkliche Resonanz. Da habe ich mir dann schon mal gedacht: »Was bringt das ganze tolle Tantra, wenn wir auf so grundlegende Sachen gar keinen Wert legen?« In anderen Momenten habe ich mir selber gesagt, dass Geduld nötig sei und wir uns nur Schritt für Schritt einem enkeltauglichen Leben wieder annähern können. Aber wenn schon eine kleine Gemeinschaft, die ja eigentlich ein gutes Leben für alle will und sich aktiv dafür einsetzt, sich so schwerfällig ­bewegt – wie soll das dann mit fast acht Milliarden Menschen gehen? Ich bin demütiger geworden und habe erkannt, dass die Macht der Gewohnheit ein großer Faktor ist, den ich auf keinen Fall unterschätzen sollte.
Nicht nur aus dieser Erfahrung, sondern schon länger betrachte ich das Scheitern als meinen Lehrer, der mir Stück für Stück meine Selbstwichtigkeit nimmt. Zu scheitern zeigt mir, dass ich eben nicht alles schaffe, es zeigt mir meine Grenzen. Und ich lasse mich nicht vom Scheitern kleinkriegen, sondern versuche, meine Lehren daraus zu ziehen und anders weiterzumachen.

 

Rausgefallen
Von Matthias Fellner

Im Alter von etwa dreißig Jahren, nach einer langen Ausprobierzeit in Berlin, stand ich plötzlich vor einem klaffenden Abgrund: Ich fand keinen Einstieg mehr in die »normale« Berufswelt. Ich hatte nach meinem Studium ein paar Jahre sehr frei als Künstler, Musiker, Berater und Seminarleiter gearbeitet und wollte irgendwann dann doch in ein »normales Leben« umsteigen. Schnell wurde mir aber klar: Mein Lebensweg entsprach keineswegs mehr den geradlinigen Anforderungen der Jobausschreibungen; und der hohen Stress- und Arbeitsbelastung meiner darauf folgenden, ersten, richtigen Anstellung war ich psychisch nicht gewachsen. Ich kündigte nach kurzer Zeit und fiel in eine tiefe Depression, denn ich fühlte mich plötzlich als ein naiver, aussichtsloser Außenseiter, der selbstverschuldet nicht mehr in die Gesellschaft passte.
Erstmals hat sich da eine unendliche Angst in mir breit gemacht – eine Mischung aus Schuldgefühl, Versagen, Nicht-Genügen. Ich wurde mehr und mehr vergesslich, schlapp, antriebslos und vermied soziale Kontakte. Ich war davon total überwältigt und hatte erst einmal keinerlei Werkzeuge, um damit umzugehen. Meine Freundinnen und Freunde waren überfordert mit meiner so plötzlichen, vermeintlich ausweglosen Situation. Ein Lichtblick zeigte sich erst, als eine Freundin mir empfahl, eine Therapie zu beginnen. Aus heutiger Sicht finde ich es gruselig, was ich in der Therapie herausfand: wie sehr ich auf Erfolg, Funktionieren und gute Laune sozialisiert worden war und wie fremd es mir gewesen war, um Hilfe zu bitten, mir seelischen Beistand zu suchen und mich meinen inneren, verborgenen Themen zu stellen.
Nach einer langen Therapiezeit mit vielen Rückschlägen, einem intensiven spirituellen Selbstfindungsweg und einigen anderen Biegungen und Wendungen im Leben ist mir Scheitern sehr sympathisch geworden. Ich nehme mich selbst nicht mehr so ernst und habe Freude an dem Sprichwort »Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert«. Es freut mich, dass es immer mehr Menschen gibt, die solche tiefgreifenden Krisen auch als Chance oder gar als Initiation erkennen und sich ihren inneren Themen stellen. Und es ist schön zu sehen, dass es hierfür auch zunehmend mehr erfahrene Prozessbegleitende oder körperlich-seelische Angebote gibt, die in solchen schwierigen Lebensabschnitten weiterhelfen können. Ich habe mich damals schon sehr allein damit gefühlt.

 


Lachen hilft, vor allem über sich selbst
Von Uta Mewes

Es war im Sommer 2001 auf der »Offenen Bühne« des Landshuter Jongliervereins vor vollem Saal. Gescheitert bin ich an meiner eigenen »genialen« Idee für eine Clownsnummer, bei der ich mit Badeanzug, Schwimmflügeln, Taucherbrille, Schnorchel und Schwimmflossen von der Bühne sprang. Bei den Proben im Wohnzimmer für diese kurze Nummer hatten wir immer wieder Tränen gelacht. Doch plötzlich sah ich geblendet vom Scheinwerferlicht keine Menschenseele, was für mich, nach gerade absolvierter Grundausbildung in Clownerie, Grundvoraussetzung für das Spiel war. Auch war die Bühne viel höher als das Bett, von dem ich das Springen mit Flossen geübt hatte.
Ich spürte, wie ich das Publikum nach den ersten Spielsekunden verlor, fühlte mich nackt, wollte nur noch so schnell wie möglich von der Bühne verschwinden. Das ging nur, indem ich mit Flossen aus einer Höhe sprang, von der ich dies nie zuvor geübt hatte. Ich kam heil unten an und wäre am liebsten in Grund und Boden versunken. In Sekundenbruchteilen brach in mir die Spielfreude an dieser Nummer völlig zusammen und wich absoluter Peinlichkeit, die das Publikum und mich erfasste. Später kamen hinter der Bühne erlösende Tränen und der Selbstvorwurf, wie ich nur auf solchen Blödsinn hatte kommen können.
Ich habe weitergespielt, und hatte von da an die Angst als Begleiterin. Sie ließ mich langsamer gehen, genauer hinschauen. Für neue Schritte fand ich Kolleginnen und Kollegen, die mich begleiteten. Ich begriff, dass es manchmal ein langer Weg sein kann, bis eine Idee eine spielbare Form findet, und dass im Scheitern oft die größte Komik liegt.
Im Lauf der Jahre verlor das Scheitern seine Brisanz. Es wich der Suche nach Möglichkeiten, wenn ich in mir oder im Leben auf Widerstände stieß, die ich früher als Scheitern bewertet hätte. Das Clownsspiel war ein guter Lehrmeister, der mir immer wieder deutlich die Komik des Versagens, des Mißgeschicks vor Augen führte. Lachen half und hilft, vor allem über sich selbst.

 

Verlust von Gemeinschaft
Von Lena Gebhardt

Wer sich schon mal auf den Weg in Gemeinschaft gemacht oder den Wunsch gehegt hat, in Gemeinschaft zu leben, weiß vielleicht, welche Hindernisse, Blockaden und Widerstände einem sowohl innerlich wie auch äußerlich dabei begegnen können. Nicht selten ist es ein langjähriger mehrstufiger Prozess von der Idee, in Gemeinschaft zu leben – bis zur tatsächlichen Umsetzung – bis sich schließlich die Gruppe, der Ort, die Vision gefunden haben, denen mensch sich aus vollem Herzen gerne anschließen möchte. Viele Menschen gehen bei der Annäherung an eine Gemeinschaft erst mal wieder weg – oder drehen mehrere Runden, bis sie sich dazu durchringen zu sagen: »Ja, hier will ich dazugehören, mit euch will ich leben!« Was, wenn das Außen, die Gemeinschaft, nicht so positiv reagiert, wie angenommen?
Doch irgendwann bin ich dann tatsächlich drin, fühle mich zugehörig, identifiziere mich mit dem neuen System, den Werten und Normen der Gemeinschaft, dem Projekt oder der Region. Ich habe mir neue Horizonte erschlossen, habe Aufgaben und Pflichten zu erfüllen, habe mich neuen Rollen anheim gegeben und Verantwortung übernommen. Ich kann die Vorzüge des Biotops genießen, volle Versorgung aufgrund der gemeinschaftlich organisierten Verpflegung, Gemeinschaftsküche, biologisches Gemüse aus eigenem Anbau mit sozialer Einbettung. Kreative Angebote und menschliche Kontakte in Überfülle, gemeinsames Singen und Musizieren, geistige Inspiration, Gefühlsarbeit, Rederunden, Kuschelkreise und Tanzabende: Was das Herz begehrt und sich einst so dringend herbeisehnte, ist jetzt da. Verbundenheit, Nähe und Intimität werden völlig neu erlebt.
Wieso um Himmels willen sollten sich Menschen denn, endlich in der Herde, im Stamm angekommen, dann wiederum dazu entschließen, aus einer bestehenden, etablierten, wohldurchdachten, gutstrukturierten und inspirierenden Gemeinschaft ausscheiden zu wollen? Die Suche geht von Neuem los. Wie will ich eigentlich leben? Mit wem? Wer sind meine Herzens-Verbündeten? In ein anderes Gemeinschaftsprojekt? Naturnaher? Im Ausland? In der Stadt endlich mal wieder allein in einer Wohnung leben? Es ist spürbar, es drückt und zwackt seit Langem, das Leben will sich entwickeln. Ich bin nur noch nicht bereit dazu. Warte noch ein bisschen, halte still und harre aus. Es muss erst so unaushaltbar drücken, dass ich den Sprung wage – ins Nichts hinaus.
Gibt es da draußen überhaupt Leben? Ernsthafte existenzielle Ängste durchfahren den Leib. Es fühlt sich an, wie ausgestoßen zu werden aus dem Stamm. Ohne die Anderen werde ich nicht überleben können. Das Stammhirn blinkt unaufhörlich. Es gleicht einer Geburt, durch die Enge ins Nicht-Wissen einzutauchen – werde ich jemals am anderen Ende ankommen? War ich doch wohlversorgt, in völlige Einheit eingetaucht, drängt es vom innersten Kern heraus nach draußen: in die große weite Welt der Konsum- und Konkurrenzgesellschaft. Ja, es gibt sie immer noch. Wieso genau wollte ich diesen Schritt noch einmal? Um zu erfahren, dass ich mich über das gemeinschaftliche Gefüge identifiziert, mich im Wir völlig aufgelöst habe. Das war doch gar nicht mal so schlecht – diese Symbiose-Erfahrung. Wie bei Mama im Bauch? Jetzt bin ich wieder mit der nackten Wirklichkeit konfrontiert. Notgedrungene Einkäufe im Supermarkt blieben mir die letzten Jahre erspart – was für ein riesiger Irrsinn, diese abgetrennte Lebensweise, abgepackte Lebensmittel, die was weiß ich woher auch immer auf diesem Planeten kommen. Wie würde unsere Welt aussehen, wenn wir kulturell in gemeinschaftlichen Versorgungskreisen organisiert wären und uns gemeinsam darüber verständigen müssten, was wir zu kaufen und zu speisen verantworten können?
Ich flüchte mich gedanklich in »Utopien« von Was-wäre-Wenn und so weiter und schwelge dabei in Erinnerungen an Zeiten, als ich mich als Teil von etwas Größerem erlebt habe und sich die Trennung zwischen Ich, Du, Wir langsam aufzulösen bzw. zu verschwimmen begann. Als ich meinen Blick in den Kreis schweifen ließ – als es sich noch anfühlte nach: »Ja genau das bin ich auch!« Die Anderen und ich, wir sind eins – abgefahrene ­Erfahrung.

 

Großmutter lernt Lachen
Von Kathrin Schulz

Scheitern ist nicht schön. Es schmerzt, es kann kränken. Es trägt aber einen Moment des Innehaltens: Was passiert gerade mit mir? Warum passiert es? Wie geht es weiter?
Du denkst und du kannst es fühlen: Es geht nicht weiter. Ungeachtet dessen geht es weiter. Irgendwie. Ohne deinen Plan. Es entwickelt sich etwas, das du nicht kennst. Wenn du bereit bist, kannst du es kennenlernen. Aus welchen Gründen du bereit bist, ist nicht wichtig für den Moment. Ob du nicht weißt, wo es langgeht, weil du körperlich, seelisch oder geistig gerade kraftlos bist, schwach. Weil du glaubst und fühlst, du wärest allein mit all deinen Scherben. Während aber die Zeit weiterwandert, kommt, wenn du Glück und Geduld hast, die Hüterin deines Scherbenhaufens. Sie sieht ihn sich mit dir gemeinsam an, und du wirst staunen, was du entdecken kannst!
Ich war einmal ein fröhliches und aus vollem Halse lachendes Kind. Behütet, geborgen, glücklich. Doch ein Kind empfängt im Laufe seiner Entwicklung viele kleine und auch größere Wunden. Fällt in die Realität, lernt, sich hinter einer Maske zu verstecken, die Eltern anzulügen (mehr oder weniger), ohne es wahrzunehmen. Lernt, sich zu wundern, dass etwas ist, wie es ist. Lernt zu fragen, warum. Lernt, sich zu ärgern; lernt, nicht zu schimpfen. Lernt, dass Wut etwas Schlechtes ist.
Jetzt bin ich eine Großmutter, die wieder Lachen lernt. Stumm sein, weinen, wütend sein, lachen als Teile eines Weges. Das liest sich relativ einfach, hat aber gedauert – mein Leben lang.

 

Von Schwalben und Menschen
Von Maria König

Wenn ich mit meinen Kindern meine Mutter und meine jüngste Schwester in meiner alten Heimat in der Oberlausitz besuche, spazieren wir oft zu dem Ort, wo ich aufgewachsen bin – einer Plattenbausiedlung am Ortsrand von Königswartha. Auf einer rechteckigen Fläche von etwa acht Hektar Land reihen und schachteln sich dort zehn fünfgeschossige Blöcke aus Beton. Im Jahr 1989, als meine Eltern dort, noch zu DDR-Zeiten, endlich ihre langersehnte erste gemeinsame Wohnung bezogen, waren das 720 moderne und heiß begehrte Wohneinheiten. Heute klafft an der Stelle, wo einst unser Hauseingang war, eine Lücke im Schachtellabyrinth. Wir stehen vor einer Wiese. Zeigen kann ich meinen Kindern nur ein verblichenes Autokennzeichen. Es wurde mit weißer Farbe in eine Parklücke gemalt zu einer Zeit, als die Siedelnden noch von einem beständigen, florierenden Leben hier träumten.
In den letzten zwanzig Jahren sind viele Menschen aus Königswartha weggezogen. Viele Wohnungen in den Plattenbauten, die jetzt eher als sozialer Brennpunkt verschrien sind, stehen leer. Daher wurden die Wohnblöcke in den letzten Jahren Stück für Stück zurückgebaut. Einige der einstmals grauen Bauten sind jetzt grün, gelb oder blau angestrichen. Ihnen scheint der Erhalt sicher. Bei anderen bröckelt inzwischen der Putz von den Balkondecken. Sie werden wohl die nächsten sein, die weichen. Die großen Lücken in der Wohnanlage, ebenso wie die riesigen verwaisten Parkplätze, vermitteln einen Eindruck von Leere und Tristesse und erzeugen in mir ein Gefühl von Schwermut.
Obwohl ich schon als Kind eine Ahnung hatte, dass menschliches Zusammenleben anders aussehen könnte als eine schmucklose, schnurgerade Massenstapelung, war dieser Ort dennoch für viele Jahre mein Zuhause. Ich habe hier ein gemeinsames Zimmer mit meiner Schwester bewohnt, im Schlafzimmer meiner Eltern Rollenspiele gespielt und jeden Sommer mit Spannung erwartet, ob wohl wieder Schwalben an unserer Balkondecke nisten würden. Die Schwalben jagen noch immer in der Weite zwischen den Blöcken, die mir so leer erscheint, nach Insekten. Und mir bleibt, mit meinen Kindern auf dieser Wiese Fangen zu spielen.

 

Geschichtenlos
Von Harry Rischar

Beim »Internationalen Erzählfestival« in Aachen im Jahr 2001 begann mein Traum vom professionellen Geschichtenerzählen und mit dem Covid19-Berufsausübungsverbot in der zweiten Märzwoche 2020 scheiterte er nach 17 Jahren endgültig. Es gibt große Rettungspakete der Bundesregierung für den Mittelstand oder die Lufthansa. Die Kulturbranche hingegen steht vor dem Aus: Die Corona-Krise macht den Stellenwert von Kunst und Kulturschaffenden für die Politik – aber auch für die gesamte Gesellschaft! – endgültig deutlich. Doch was ist eine Gesellschaft ohne Kunst? Ohne fühlbares kulturelles Miteinander von Menschen? »Geschichtenerzählen digital« – das geht gar nicht.
Mein Traum von Gemeinschaftlichkeit mit anderen professionellen Künstlern und Marktfahrerinnen ist gescheitert. Mein Traum von tragfähiger Gemeinschaftlichkeit unter professionellen Geschichtenerzählerinnen und -erzählern ist gescheitert. Mein Traum von einer Frau und Partnerin, die sich begeistern ließe von meiner Berufung, Hingabe und Sensibilität als professioneller Geschichtenerzähler ist gescheitert. Der Kapitalismus hat uns in unserem individuellen Innersten mehr entmenschlicht, als ich es je zu fürchten gewagt hätte. Künstler verzetteln sich entweder in ihrem wirtschaftlichen Überlebenskampf oder in ihren Profilneurosen und sind deshalb nicht in der Lage, sich miteinander zu solidarisieren. Künstlerviertel als lebendige Orte des Miteinanders in Städten fallen der Gentrifizierung zum Opfer.
Es sind die kleinen Dinge, die mich heute glücklich machen: Das Glitzern eines Baches; eine Entdeckungsreise mit einem Freund; ein verzauberter Erzählauftritt mit einer kraftvollen Geschichte und Menschen, die ihre Herzen öffnen.
Es gibt nicht »das Scheitern« – sondern: »Lernen«. Meine nichterfüllten Wünsche anpassen; dankbar für das Erreichte sein. Abwägen, ob das ursprünglich Erwünschte noch erstrebenswert ist; sich von den nicht mehr aktuellen Wünschen verabschieden – und neue Wege weitergehen, im Verlust und Schmerz ­Mitgefühl und Liebe lernen.

 

Jeden Augenblick scheitern
Von Hanni Welter

Wir scheitern in jedem Augenblick. Aber was genau bedeutet Scheitern? Das, was man sich zum Ziel gesetzt hat, nicht erreicht zu haben. Der Blick auf etwas Vergangenes, das Zukunft wollte, aber gescheitert ist und zur Vergangenheit wurde. Vergänglichkeit. Kann es Scheitern nur geben, wenn man einen Plan hatte, eine Vision, ein Ziel? Im bloßen Wollen steckt bereits das Risiko des Scheiterns. Wir streben nach Erfolg, Aufstieg, Gewinn, Anerkennung, Erfüllung, Heil, Glück. Der Wunsch nach Veränderung des Gegenwärtigen. Wer will, dass alles so bleibt, wie es ist, wird scheitern. Alles ist in stetem Wandel. Vergänglich. Scheitern ist allgegenwärtig. Jeder Augenblick, in dem ich nichts tue, ist gescheitert, denn ich hätte ja etwas tun können, das Veränderung bewirkt. Doch auch nichts zu tun, bewirkt Veränderung. Selbst die Nichtexistenz ändert etwas am Fluss der Dinge.
Was also ist Scheitern? Der Fokus auf Aspekte unseres Tuns und Nicht-Tuns, die wir als besonders enttäuschend erleben? Das Hineinsteigern in die Vergänglichkeit unseres Lebens? Wie viel Zeit bleibt mir noch, um Erfolg zu haben, um glücklich zu sein? Was muss ich ändern und wie? Und was, wenn ich dabei scheitere? Selbst wenn ich ein Ziel erreicht habe, bin ich in diesem Punkt zwar nicht gescheitert, aber vielleicht bin ich an anderer Stelle verlustig gegangen?
Es gibt Menschen, die scheitern nicht: Menschen, die keine, und Menschen, die viel Veränderung wollen. Menschen mit und Menschen ohne Erfolg. Sie befinden sich im Fluss des Lebens.
Jeder Mensch scheitert. Auch die eben genannten. Sie scheitern in den Augen der Anderen. Scheitern ist Wut. Scheitern ist Schadenfreude. Scheitern ist Neid. Scheitern ist Scham. Scheitern ist Schwäche. Scheitern ist Ohnmacht. Scheitern ist Traurigkeit. Scheitern ist Angst. Scheitern ist Freude.
Scheitern ist emotionales Erleben. Scheitern ist Bewertung.
Scheitern ist ein Konstrukt.

 

Plötzlich Schwarzarbeiter
Von Saša Stanišić

Ich kam als Besucher aus Jugoslawien nach Deutschland. Ich bin damals gegangen, weil der Krieg begann. Ich war 28 Jahre alt und hätte zum Militärdienst eingezogen werden sollen. In Belgrad habe ich einen Kollegen kontaktiert, der in Deutschland wohnte, und am Ende konnte ich mit ihm zusammen im Auto fahren. Wir saßen also zu vier Erwachsenen und zwei Kindern in einem Opel Corsa auf der Fahrt nach Deutschland. Nach 24 Stunden waren wir in München. Wir waren jetzt Deserteure.
Ich dachte mir dann, solange mich niemand nach einem offiziellen Schreiben fragt, bin ich einfach da. Ich war zunächst drei Jahre illegal im Land. Als ich dann aber meine Frau, eine Deutsche, heiraten wollte, hat sich doch das Ausländeramt gemeldet. Ich wurde abgeschoben und sollte aus Belgrad mein Bleiberecht beantragen. Mein Sohn war gerade frisch geboren worden, und meine Frau konnte in der Zeit natürlich nicht arbeiten, aber das war denen egal. In Serbien gab es in der Zeit nichts: die Infrastruktur war durch den Krieg zusammengebrochen, genau wie die Währung und die Bürokratie. Mein Bruder ist damals mitgekommen, um mir Gesellschaft zu leisten, während ich die ganze Nacht in der Schlange stand, um überhaupt eine Chance zu haben, morgens meinen Antrag abzugeben. Irgendwann durfte ich zurück nach Deutschland. Nun hatte ich zwar meine Aufenthaltsgenehmigung, aber dann ging es weiter mit der Arbeitserlaubnis. Und ich konnte auch nicht zurück, um meine Familie zu sehen. Ich hatte häufig Jobs, die am Ende nicht bezahlt wurden, weil meine Arbeitgeber Insolvenz anmeldeten oder abhauten.
Ich habe das Gefühl, dass mir ein Stück weit meine Identität aberkannt wird. Ich heiße nicht Sasa sondern Saša. Es ist verletzend, wenn das Arbeitsamt mir als »Frau Saša Stanišić« schreibt. Meine Bewerbung enthält doch ein Foto, die hatten die sich offensichtlich nichtmal angeschaut. Mein Name hat wohl gereicht, um mir abzusagen. Zuletzt habe ich in einem Restaurant gearbeitet und hatte meine eigene Jacke, darauf haben sie meinen Namen auch falsch gedruckt. Sie hätten den doch nur abzuschreiben brauchen. Ich habe die Jacke auf meine Kosten umändern lassen. Leute ändern meinen Namen einfach so, wie es ihnen passt. Die vielen Vorurteile über Serben stören mich. Zu erklären, wo ich wirklich herkomme, aus Jugoslawien, damit fange ich gar nicht erst an – mein Vater kommt aus Montenegro, meine Mutter aus Serbien, das Land, aus dem ich komme, gibt es nicht mehr.
Ich habe mich manchmal gefragt, ob es die richtige Entscheidung war, zu gehen. Vielleicht hätte ich ja im Krieg nichts abbekommen? Meine Zukunft hatte ich mir ganz anders ausgemalt. Ich wollte gut verdienen und Familie haben. Auf einmal war ich Schwarzarbeiter in einem neuen Land, hatte ein Kind und wurde abgeschoben. Heute habe ich keine so großen Ziele mehr – Geschäfte, dickes Auto, großes Haus. Ich habe meine Familie. Viele Dinge sind im Leben anders gekommen, aber es bringt nichts, Sachen ewig nachzuhängen. Die jungen Menschen heute setzen sich viel mehr ein. Als ich jung war, wäre ich nicht auf die Idee gekommen, mich auf einen Baum zu setzen, um zu protestieren.
Es kann sein, dass ich mich durch meine Erfahrungen besser an neue Situationen anpassen kann. Das bringt vielleicht auch das Alter mit sich. Heute will ich lernen, mehr nach vorne zu schauen und weniger zurück. Ich glaube, nach 56 Jahren bin ich kurz davor, es zu schaffen. //

 

 

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