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Wir müssen unser Tun mit Bewusstsein füllen

Charlotte Selker unterhielt sich mit der Therapeutin Adelheid Köhn über die Wirkung von ­Traumata und ­Auswege aus überholten ­Handlungsmustern.

von Adelheid Köhn , Charlotte Selker , erschienen in 60/2020

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© Foto: therapie-manaia.de

Charlotte Selker: Schön, dass wir zu einem Gespräch zusammenkommen, Adelheid! Wie fühlst du dich gerade, hier in diesem Videokonferenzraum? 
Adelheid Köhn: Beim Einstimmen auf dich und uns habe ich gemerkt, dass es gut ist, erst mal einen Beziehungsraum aufzuspannen. Ich konnte eine Verbindung zu dir vom Becken her spüren. Dass wir zunächst gemeinsam landen können, macht für mich den Raum sicherer. Im Körper spüre ich Aufregung, so als wären die Zellen ganz aktiv, mein Herz schlägt schneller. Auf der emotionalen Ebene sind da Freude, Neugier und  – eher als mentale Stimme – die Frage, wie wir das hier gut hinbekommen.

Um hier und jetzt anzukommen, habe ich mich auf die Verbindung meiner Füße mit dem Boden konzentriert. Mein Atem war unregelmäßig, es fühlte sich an, als wollte ich tief ­einatmen – jedoch wollte das eher mein Kopf. Ich fühlte auch Aufregung, und mir kamen ein paar Gedanken zu unserem Interview. Auch der gestrige Tag und mein Traum waren noch präsent. Stück für Stück komme ich jetzt mehr an.
Schön, ich merke, wie sich gerade mein Herz für dich, für uns öffnet und für das, was wir hier gestalten wollen – das schafft einen Beziehungsraum zwischen uns. Indem wir einander einladen, uns mit unseren Körperempfindungen, unseren Gefühlen, unserem mentalen Zustand mitzuteilen und mit dem ganzen Körper genauso für den anderen Menschen präsent zu sein, können wir sichere Räume schaffen.

Das schafft Vertrauen am Anfang.
Ja, wir könnten alles mögliche zum Verlauf des Interviews besprechen, aber zu schauen, wie wir in Beziehung sind und uns körperlich, emotional und mental wahrnehmen – das, ist für mich bereits ein Moment von Heilung.

Was fällt dir als erstes ein, wenn du an die Verbindung von Trauma und Körper denkst?
Der Zusammenhang zwischen Trauma, Scheitern und Erschöpfung. Gerade in den politischen Bewegungen spielen Traumata oft unbemerkt eine Rolle. Wenn Menschen sich eine Weile engagieren und dann einfach nicht mehr können, dann frage ich aus traumatherapeutischer Sicht: Wie bezieht sich der betreffende Mensch auf sich und die Welt?

Was passiert da im Körper, und wie erkenne ich ein Trauma?
Das Trauma gehört zum Leben. Es bezeichnet eine »seelische Verletzung«, insbesondere durch überwältigende Situationen wie eine Naturkatastrophe, einen Krieg, Unfall oder einen plötzlichen Todesfall. Die äußeren Ereignisse sind vielleicht gar nicht das Überwältigende daran, sondern die Strategien, die wir einsetzen, um eine Situation zu bewältigen. Der Traumaforscher Peter ­Levine beschrieb, wie er bei einem Unfall unter ein Auto gekommen war. Während er auf den Krankenwagen wartete, kam auf einmal eine Person hinzu, die mit ihm beruhigend gesprochen und ihn in dieser Situation aufgefangen hat. Sein erregtes Nervensystem konnte sich wieder regulieren. Dieses einschneidende Ereignis hat kein Trauma hinterlassen, weil das eigene Nervensystem sich in ein anderes reguliertes Nervensystem hinein entspannen konnte. Wenn aber in einer überwältigenden Situation niemand verlässlich und mitfühlend da ist, dann schaltet der Körper in den Funktionsmodus, ein Teil der Erfahrung spaltet sich möglicherweise ab und wird ins Unbewusste verdrängt. Dieser unbewusste Teil bleibt im Nervensystem wie arretiert in Zeit und Raum und wird erst wieder aktiviert, wenn ein Trigger – ein Auslöser – auftaucht, der eine Erinnerung wachruft und zur Re­traumatisierung führt. Der traumatisierte Mensch erlebt das wieder und wieder, bis sich diese erstarrte Energie auflösen kann.
Es gibt auch länger andauernde Ereignisse, vor allem aus der frühen Kindheit, die Bindungs- und Entwicklungstraumata hervorrufen können. Als Säuglinge und Kleinkinder sind wir von unseren Bezugspersonen abhängig und versuchen alles, um diese Bindungsbeziehung zu sichern. Wenn ein Kind ganz früh erlebt, dass seine primären Bezugspersonen keinen stabilen, verlässlichen Kontakt aufbauen können, dann speichert es vielleicht die Überzeugung ab »Ich bin nicht richtig«, »Ich bin nicht wichtig« oder »Ich sollte am besten gar nicht da sein« und zieht sich in sich zurück. Das Kind bildet bestimmte Hirnfunktionen vielleicht gar nicht erst aus oder verinnerlicht den Glaubenssatz »Ich kann alles allein, brauche niemanden«. So können regelrechte Identitätsverzerrungen entstehen.
Eine andere Überlebensstrategie basiert darauf, dass ich nicht um meiner Selbst willen geliebt werde, sondern nur, wenn ich etwas leiste oder die Bedürfnisse Anderer erfülle. Diese Logik des Entwicklungstraumas, die oft in den Burnout führt, erkenne ich in vielen politischen Gruppen wieder. Auch soziale Berufe werden oft unbewusst aus einer überholten Strategie heraus gewählt.

Ja, das Muster ist bekannt. Wie aber können wir uns dieser ­Dynamik gewahr werden und daraus aussteigen?
Indem wir die eigenen Körperempfindungen, die emotionale und die mentale Ebene wieder stärker in die Wahrnehmung nehmen und uns Menschen suchen, die uns dabei unterstützen. Heilung entsteht im Kontakt, in Beziehung. Oder durch traumatherapeutische Begleitung, wo die eingefrorene Energie im Nervensystem »auftauen« und sich sanft entladen kann. So ist es etwa möglich, das Dilemma »Wenn ich selber etwas will, gefährde ich die Beziehung zu meinen Bezugspersonen«, auf einer körperlichen Wahrnehmungsebene sichtbar zu machen, zu fühlen und mitfühlend jenem Teil zu begegnen, der damals das Intelligenteste getan, heute jedoch andere Möglichkeiten hat. Wenn diese frühen Anteile integrierter sind, müssen wir nicht mehr als gefühlt Fünfjährige durch die Gegend laufen und die Probleme der Welt lösen.

Woran erkenne ich denn, dass ich mich gerade in einem kind­lichen Muster befinde?
Selbstregulation ist wichtig, aber auch Ko-Regulation. Es ist gut, wenn wir uns gegenseitig ein entspanntes Nervensystem zur Verfügung stellen können. Ein Merkmal von Traumastrukturen, gerade auch in politischen Kontexten, ist, dass wir oft zu schnell sind. Wir bekommen gar nicht mehr mit, was unser eigener Rhythmus ist. Es entsteht ein innerer Druck, der es uns manchmal schwer macht, zu erkennen, wie es uns eigentlich gerade geht.

Wie wäre es wohl, wenn wir uns in politischen Gruppen mehr Zeit fürs Spüren, Achtsamsein und Aufdecken dieser Strukturen nehmen würden?
Der Fokus liegt tatsächlich meist auf den Aktionen, weniger auf dem gemeinsamen Sorgetragen. Ja, oft sind solche Gruppen eher im Kopf unterwegs. Viele psychosomatische Krankheiten basieren auf Traumata. Junge Menschen spüren das oft noch nicht so. Der Körper kann das eine Weile regulieren, aber dann kommen Symptome, und der Geist kommt nicht mehr zur Ruhe: Trauma-Energie ist, wenn es da etwas gibt, das nicht in den Körper zurückkommen kann, verbunden mit der Angst davor, wieder am traumatisierenden Punkt zu landen.

Wovor genau habe ich dann Angst? Vor dem Gefühl, dem nicht gewachsen zu sein?
Ja, es ist die Angst, wieder überwältigt zu werden. Für viele meiner Klientinnen und Klienten ist es bereits schamvoll, ein unangenehmes Gefühl zu haben. Es gibt eine Tendenz, zu denken »Ich muss immer entspannt sein« oder »Ich muss immer gut drauf sein«. Gefühle dienen eigentlich unserer seelischen Regulation. Trauer ermöglicht Tiefe und Kontakt zu mir selbst, Wut möchte etwas verändern, und auch gesunde Scham hat eine regulierende Wirkung. Allerdings überwiegt in unserer Gesellschaft die toxische Scham, gerade weil wir als Kinder so oft beschämt wurden, wenn wir uns nicht »richtig« gefühlt haben.

Wir trauen uns oder anderen oft gar nicht zu, Gefühle zu halten. Wo können wir mit Gefühlen des Verlusts oder Scheiterns überhaupt landen?
Wenn wir als Kind unsere Gefühle nicht ausdrücken durften, verinnerlichen wir oft die Überzeugung »Ich bin zu viel« und trauen uns dann als Erwachsene nicht, uns anderen zuzumuten. Auch etwa das Scheitern hat verschiedene Aspekte. Gerade wenn die früheren Überlebensstrategien aktiv sind und das Kind gelernt hat, dass es nichts mitentscheiden darf und nicht gehört wird, dann fühlt sich jedes Scheitern nach Vergeblichkeit an. Entweder traue ich mich dann gar nicht erst, etwas anzufangen, oder ich bestätige mir, dass etwas sowieso nicht klappen wird, weil ich schon einmal gescheitert bin. Oder ich habe nicht genügend Energie, ein Projekt zu Ende zu führen, was sich ebenfalls wie Scheitern anfühlt. Ein erwachsenes Bewusstsein mit guter Erdung wird Scheitern jedoch möglicherweise anders bewerten und sich nicht so sehr persönlich in Frage stellen.
Da, wo Kinder wenig Möglichkeiten hatten, ihrem Bedürfnis nach Autonomie Ausdruck zu verleihen, zeigen sie vielleicht als Erwachsene ein umso größeres Freiheitsbedürfnis. Politischer Widerstand fühlt sich manchmal wie eine Traumafolge an: Egal, was der Staat macht, es erzeugt Widerstand. Hier spielen zudem kollektive Traumata eine Rolle.

Da scheint es noch viel Bedarf für Bewusstseinsarbeit zu geben.
Das, was wir hier gerade tun, trägt schon dazu bei. Wir kreieren einen gemeinsamen Beziehungsraum, in dem du mich mit meinen Wahrnehmungen bezeugen kannst und ich dich mit deinen. Wir nehmen einander in unser Bewusstsein. Wir müssen nicht mehr so viel tun, sondern das, was wir tun, mit mehr Bewusstsein füllen.

Also geht es weniger darum, alte oder unterdrückte Gefühle auszuagieren, sondern erst mal ums Bewusstsein?
Zunächst geht es darum, das Gefühl schlicht zu fühlen, und es ist gut, wenn dabei ein Mensch mit einem regulierten Nervensystem als Gegenüber anwesend ist. Das ist ein ganz physischer Prozess. Wie fühlen sich Angst oder Trauer im Körper an? Das Ausagieren kann im zweiten Schritt sinnvoll sein. Auch das Nicht-Gefühl gehört dazu, es schützt meist ein dahinterstehendes Gefühl. Sanft zu sich selbst zu sein, sich das Gefühl wirklich zu erlauben, es langsam und von selbst auftauchen zu lassen – so können wir nach und nach eine Kultur schaffen, in der das Wahrnehmen von Körper und Gefühlen immer mehr zu unserem alltäglichen authentischen Umgang miteinander gehört.

Danke für das Gespräch, Adelheid. //

 

Adelheid Köhn (68) ist Heilpraktikerin für Psychotherapie sowie NARM-Traumatherapeutin. Sie gibt Kurse in Meditation und transparenter Kommunikation. Sie lebt und arbeitet in Hagen und Bad Belzig. www.therapie-manaia.de

Charlotte Selker (28) bewegt sich in Klimaaktivismus-Gruppen, forscht gern zu Bildung, Musik und Tanz. Seit einigen Jahren befindet sie sich auf einem Weg des feineren Spürens und Erfahrens durch den Körper. Sie wohnt in Leipzig.

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