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Von der Innenseite der Welt

Fabian Scheidler ist nicht nur Autor von ­Sachbüchern, sondern auch Schöpfer der »Fotosynthesen«, die diese ­Ausgabe von Oya visuell begleiten.

von Fabian Scheidler , Matthias Fersterer , erschienen in 59/2020

Bild

© Foto: Werkraum Schöpflin, Lörrach

Matthias Fersterer  Als ich mich in Hinblick auf diese Ausgabe noch einmal in deine dem Buch »Die volle und die leere Welt« entnommenen »Fotosynthesen« vertieft habe, empfand ich deinen Blick als den eines »Archäologen der Zukunft«, der sichtet, was bleibt, wenn Oberflächenästhetik und Zweckoptimismus unserer Zivilisation einmal wegfallen: Betonruinen und isolierte, unverbundene Menschen. Gleichzeitig wehen mir aus deinen Bildern echte Schönheit und echte Hoffnung entgegen.
Fabian Scheidler  Anders als bei meinen Büchern gehe ich nicht konzeptionell an die Fotosynthesen heran. Ich sammle und kombiniere intuitiv Bildmaterial – manchmal dauert es Jahre, bis ich am richtigen Punkt bin. Dabei lasse ich mich von den Innenwelten leiten. Wenn ich diesem Weg tief genug folge, gelingt es manchmal, etwas Wahres über unsere Zivilisation zutagezufördern. Auf den Bildern sind zwar Außenwelten abgebildet – etwa abgebaggerte Landschaften –, doch es sind zugleich Innenwelten. Im Nachhinein drücken diese Bilder eine Wahrheit über die Welt, in der wir leben, aus – gerade weil, wie du sagst, alle diese Masken und Vorspiegelungen unserer schönen Bilderwelt dort nicht existieren, sondern nur das nackte Skelett der Dinge. Das ist für mich zunächst eine Archäologie der Gegenwart, denn die Zukunft ist ja noch völlig offen. Auch gute Science Fiction, zum Beispiel bei Ursula K. Le Guin, liefert vor allem ein Bild der Gegenwart – die Zukunft ist die Metapher für das Jetzt.
MF  Deine intuitive Herangehensweise erinnert mich daran, dass der französische Anthropologe Claude Levi-Strauss zwischen zwei Weltzugängen unterschied: dem des Bastlers (bricoleur) und dem des Ingenieurs. Der Bastler trägt Levi-Strauss zufolge fortlaufend und zunächst absichtslos ein Repertoire zusammen: Fragmente, Artefakte, Schnipsel, Wissen und Verfahrensweisen. Irgendwann kommt dann der Moment, an dem er die einzelnen Teile sinnhaft zueinander in Beziehung setzt.
FS  Meine Montagetechnik hat auch etwas Bricolierendes. Dieser Prozess ist für mich wichtig, um aus dem Planen herauszukommen. Wer plant, neigt dazu, das, was er schon weiß oder zu wissen glaubt, in eine Form zu übersetzen. Oft ist das, was dabei herauskommt, ziemlich langweilig und uninspiriert. Wenn ich eher der Intuition folge, ist es hingegen manchmal möglich, in einen traumartigen Prozess einzutauchen. Beim Träumen werden Elemente, die sonst getrennt sind, zu etwas Neuem assoziiert oder, wie der Schriftsteller Arthur Koestler einmal sagte: »bisoziiert«. Darauf beruht letztlich alle Kreativität – und übrigens auch die Evolution. John Lennon sagte einmal über seinen Song »Across the Universe«, dass dieser entstanden sei, als seine Gedanken nachts freien Lauf nahmen und sich plötzlich »in einem Knall« zu etwas völlig Neuem formten. Meine künstlerische Arbeit besteht vor allem darin, zunächst einen Zugang zu tieferen Schichten zu finden. Wenn alle Elemente beieinander sind und es den »Knall« gegeben hat, dann beginnt ein handwerklicher Prozess des ­Polierens und Perfektionierens, der dann auch wieder etwas Planendes hat.
MF  Bei »A Sudden Sense of History« (Seite 42) war mein erster Gedanke: »Das ist ein Kriegsgebiet!« Ich hatte Assoziationen von Sarajevo oder Aleppo. Bei genauerer Betrachtung erkannte ich jedoch: »Nein, das ist der ganz normale Wahnsinn hier und jetzt!« Da sind Verzweiflung, Isolation und Sensationsgier erkennbar, dazwischen Kinderspiel inmitten nackter Betonruinen, durchsetzt von Artefakten aus einem Jahrhundert Aeronautik: das Hier und Jetzt, befreit vom schönen Schein. Deine Bilder machen diese übertünchte Seite der Gegenwart sichtbar.
FS  Das ist für mich die Aufgabe bildender Kunst: dass sie die Innenseite der Welt sichtbar macht. Meine Bilder zeigen nicht schreckliche Kriegsschauplätze, die irgendwo anders liegen – nein, sie liegen hier, bei uns. Letztlich befindet sich unser Wirtschaftssystem auch in einer Art Krieg mit dem Planeten Erde: Landschaften, die Tag für Tag zerstört, abgeholzt und abgebaggert werden; Städte, die ständig demoliert und umgebaut werden; oder der Autoverkehr, der Städte in mobile Schlachtfelder verwandelt. Das erlebe ich auf einer emotionalen Ebene und so übersetzt es sich dann – ohne dass ich es geplant hätte – in diese Bilder, die tatsächlich unseren Alltag darstellen, auch wenn sie nicht alltäglich aussehen.
MF  In deinen Bildern nehme ich auch literarische Bezüge wahr. Einer, der mir sehr präsent erscheint, ist Franz Kafka. In seiner Lite­ratur nahm Kafka ja viel von dem vorweg, was in den darauffolgenden Jahrzehnten kommen sollte – wohl gerade deshalb, weil er seine Gegenwart nicht durch naturalistische Ortsbeschreibungen, sondern durch Innensichten abbildete. Es gibt übri­gens noch etwas, das euch verbindet: Kafka soll bei Lesungen mitunter lauthals aufgelacht haben; und du hast erzählt, dass auch du bei der Arbeit an den Bildern manchmal lachen musst.
FS  Diese Bezüge gibt es durchaus, aber sie stehen nicht am Anfang der Arbeit. Es mag eine gewisse Verwandtschaft zwischen meiner und Kafkas Methode geben, der ja auch diese tiefen, traum­artigen Welten schuf. Er hat die »k. u. k.-Welt« Österreich-Ungarns mit einem Innenblick gesehen, und weil er die inneren Strukturen erkannte, konnte er auch sehen, was kommt. Kafkas Humor kann ich sehr gut nachvollziehen: Verschiedene Dinge zusammenzuführen, die etwas ganz Neues ergeben und etwas auf den Punkt bringen, das sich auf andere Weise nie hätte ausdrücken lassen – ein derart befreiendes Glücksgefühl kann sich durchaus in lautem Lachen entladen.
MF  Dieses Befreiende ist es wohl auch, das ich eingangs mit Anflügen von Schönheit und Hoffnung beschrieben habe.
FS  Ja, so düster die zerstörten Landschaften auf den ersten Blick auch wirken mögen, so wichtig ist es für mich, in den Bildern ein Gleichgewicht durch Farben und Lichtverhältnisse zu schaffen. Das lässt sich auch in den Gemälden von Edward Hopper beobachten, wo das Licht einen starken Gegenpol zur Isolation der Figuren bildet – und diese zugleich auch verstärkt. Für mich ist ein Bild dann gelungen, wenn dieses Spannungsverhältnis da ist.
MF  Durch Sachbücher wie »Das Ende der Megamaschine« versuchst du, gesellschaftliche Veränderung zu bewirken. Geht es dir auch so, wenn du an Bildern arbeitest?
FS  Natürlich hoffe ich immer, dass die befreiende Kraft ­meiner Bilder sich auf andere Menschen übertragen möge. Der nach ­außen gerichtete Impuls, politisch-wirtschaftlich etwas zu verändern, und der nach innen gewandte Impuls, uns erst einmal existenziell damit zu verbinden, wo wir hier und jetzt stehen, sind letztlich zwei Seiten einer Medaille. In Abwandlung eines Satzes von Rosa Luxemburg könnte man sagen: »Zeigen, was ist, ist die revolutionärste Tat.«
MF  Das Hier und Jetzt steht im Gegensatz zu Utopien, die dem Wortsinn nach »Nicht-Orte« bezeichnen. In deinem Buch »Chaos« greifst du diese Problematik auf, indem du konkrete Orte des guten Lebens als »Topien« beschreibst.
FS  Das Grundproblem an Utopien ist, dass sie versuchen, planvoll am Reißbrett eine neue Welt zu entwerfen, die dann auf alle möglichen Weltgegenden übertragen werden soll. Das war auch das Problem des Weltkommunismus. Den vielfältigen komplexen Gefügen von Landschaften und Menschen ein und dasselbe System überzustülpen, ist ein ungeheurer Gewaltakt. Der Kapi­talismus ist für mich auch eine Blaupause dieses Typus, weil er die gewachsene Welt durch ein abstraktes, mathematisches System ersetzen will – eine Art Maschine der endlosen Geldvermehrung, die alles, was lebt,in tote Waren verwandelt. Um aus diesen destruktiven Utopien herauszukommen, bedarf es einer viel genaueren Betrachtung der vielfältigen und komplexen Verwobenheit von Menschen und Landschaften.
Auf Bali wurde etwa über viele Generationen hinweg ein einzigartiges, komplexes Bewässerungssystem entwickelt, das zugleich spirituelle, soziale und ökologische Aspekte hat. In den 1970er Jahren kamen dann Schweizer Ingenieure, die dieses traditionelle System durch ein modernes, marktorientiertes und angeblich effizienteres ersetzten. Das Ergebnis war eine ökologische Katastrophe – letztlich wurde wieder das traditionelle System eingeführt. Es ist eben nicht möglich, sich an weit entfernten Schreibtischen von oben herab auszudenken, wie die Dinge an konkreten Orten laufen sollten; jeder Ort, jedes Ökosystem, jede Gemeinschaft von Menschen ist einzigartig und erfordert eine ganz eigene Herangehensweise. Solche ortsgebundenen Visionen nenne ich »Topien«.
MF  Hab herzlichen Dank für den inspirierenden Austausch! //


Mehr über Fabian Scheidler erfahren
www.fabian-scheidler.de

Essays und Bilder
Fabian Scheidler: Die volle und die leere Welt, thinkOya, 2019.

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