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Ich habe einen Traum

Wie der Zauberkünstler Willem Wittstamm den Anti-Atom-Widerstand verwandelt.

von Dieter Halbach , erschienen in 07/2011

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W ie drücke ich Protest aus und wirke dennoch konstruktiv? Die Frage treibt viele ­engagierte Menschen um. Willem Wittstamm hat seine Balance gefunden.

Ein Mann steht auf der Bühne, vor ihm ein Meer von gelben Anti-Atom-Fahnen. Er sagt: »Ich habe einen Traum!« Es ist der 6. November 2010, und es sind 50 000 Menschen zur Auftaktveranstaltung des Castor-Widerstands ins Wendland gekommen.
Der Mann ist Willem Wittstamm alias »Mr. X«. Das gelbe X steht überall im Wendland als Zeichen der Widerstands­bewegung, und Willem ist als Mr. X ihr Hofnarr, bekannt für seine Zaubertricks und Sketche. Doch wie er heute hier in seiner Trainingsjacke steht, wirkt er eher privat. Er schaut ruhig in die Menge und macht den Demonstranten einen ungewöhnlichen Vorschlag: »Schließt die Augen. Wir machen zusammen eine Traumreise. … Stell dir den Förderturm in Gorleben vor. Du zoomst näher ran. Unten an der Tür hängt ein großes Schild: Eingang zur Salztherme, Heil- und Lungen-Kurort. … Du zoomst zurück an den Ortsrand, du siehst das gelbe Ortsschild: Bad Gorleben, Salzkurort, und darunter einen kleinen Aufkleber: Eine andere Welt ist möglich. … Dann kommst du zurück, atmest tief, schaust deinen Nachbarn an und weißt, warum du hier bist. … Euch allen viel Kraft für die nächsten Tage!«
Unten im Publikum steht Bea Simon. Auch sie wohnt im Wendland, doch es ist ihre erste Castor-Demo. Sie ist Künstlerin und ein spiritueller Mensch, der bisher nichts mit harten Polit-Aktionen anfangen konnte. In ihre kleine Gruppe, die sich in sensitiver Wahrnehmung übt, hatte jemand jedoch einen politischen Impuls eingebracht. Ein Briefumschlag unbekannten Inhalts, über den sie gemeinsam meditierten, hatte in der Gruppe starke Resonanz hervorgerufen. Zunächst wirkte der Brief bedrohlich und ängstigend, aber er vermittelte auch die Möglichkeit einer Veränderung. Seine Energie rief nach einer positiven Ausrichtung einer konstruktiven Aktion. In dem dann geöffneten Umschlag steckte eine Aufklärungsbroschüre zu Atommüll. Also beriet die Gruppe, wie sie sich positiv an den bevorstehenden Aktionen beteiligen könnte. Für Bea war in dem Moment klar, dass eine neue Ausrichtung keine verschämte »Spiri-Aktion« am Rand sein dürfte, sondern etwas direkt im Zentrum, das auf der großen Demo wirkt. Es war Bea, die Willem anrief und ihm die Idee einer Rede mit dem Motto von Martin Luther King »I have a dream« gab.
Jetzt, während Willems Ansprache, spürt sie, wie eine Welle durch die demonstrierenden Menschen um sie herum geht. Es wird still, und die meisten schließen ihre Augen. Als Bea die Augen wieder öffnet, springt ihr ein Leuchten aus allen Augenpaaren entgegen. Es bricht ein Jubel hervor, als hätten alle auf dieses Hoffnungssignal gewartet. Bea schaut erstaunt um sich und freut sich über ihre Idee und Willems Mut. Eigentlich war er ja als harmloser Spaßmacher eingeplant, und Traumreisen gehören nicht zum üblichen Demo-Repertoire.

Das wahre Gesicht des Mr. X
In seinem normalen Leben ist Willem ein bodenständiger Familienmensch. Mit seiner Frau Kerstin, Schauspielerin und Regisseurin, lebt er mit dreien seiner fünf Kinder in Clenze in einer eigenen »Villa Kunterbunt«. Als ich, gerade angekommen, eine wunderschöne Tonvase vom Tisch fege und betreten vor den Scherben stehe, muntern sie mich wieder auf: »Das passiert bei uns ständig. Mach dir keine Gedanken!«
In einer Gesprächspause zeigt uns Willem sein neues Projekt. Er ist dabei, ein zweites Haus auszubauen, um dort ein Yoga- und Kulturzentrum einzurichten. Denn Yoga zu unterrichten, ist seine neue große Leidenschaft. Er legt Wert auf die Feststellung, dass er »ein richtiges Leben« neben dem Widerstand habe und kein Berufsdemonstrant sei. Willem ist Kult im Wendland: Er ist Mr. X, er ist die kulturelle Lachparade. Er ist abonniert auf den Spaßvogel und muss aufpassen, nicht selbst zur Kunstfigur zu werden.
Als Unterhaltungskünstler und Messemoderator, der gegen Gage Leute bespaßt oder Produkte in den Himmel lobt, war er das jahrelang. Das Wendland, wo er seit 17 Jahren lebt, hat ihn politisch werden lassen – auf seine ganz eigene Art. Lange bevor es die Clownsarmeen gab, zog er sich eine Uniform an und verwickelte aus der Polizeireihe heraus Demonstranten in Gespräche im Sinn von: Ja, glaubt ihr denn, ich mach das hier gerne? Willem erinnert sich: »Es war wunderbar zu sehen, wie sich Irritation in den Polizeireihen entwickelte und auch der eine oder andere Groschen fiel«.
Neben der Castorstrecke baut Willem jeweils seinen »Musenpalast« auf. In einem Zirkuszelt kann man sich aufwärmen, Tee trinken und bei einem Non-Stop-Kulturprogramm Leib und Seele baumeln lassen. »Keine Agitation!« ist auf dem Eingangsschild zu lesen. Der Musenpalast ist ein »unpolitischer Ort«, betont Willem.
Seine Art, Widerstand umzudenken in positive Energie, sorgte bei manchen politisch ausgerichteten Menschen für Befremden. Doch zum Glück ändern sich die Zeiten, meint Willem.

Der positive Weg
Vor fünf Jahren begann für Willem neben dem politischen und künstlerischen ein weiterer Themenkreis zu wachsen, der mit Gemeinschaft und Spiritualtität zu tun hat. Fühlte er sich früher oft wie ein »einsamer Wolf«, lernt er jetzt, sich als Puzzleteil des großen gemeinsamen Geists zu begreifen, sich »im Anderen zu erfahren und daran zu reifen.«
Das erste politische Projekt aus diesem neuen Geist heraus war der »Weiße Block« 2009 auf der großen Anti-Atom-Demo in Berlin. Viele fragten sich: Ist das nun wieder ein neuer Witz von Willem, oder meint er es ernst? Er meinte es ernst! Der »Weiße Block« ist ein Zukunftsprojekt, das noch viele weitere Demonstrationen bereichern soll. Willem publizierte einen Aufruf dazu in vielen Foren: »Die Welt dreht sich immer schneller! Wir können nicht weiterhin in unseren Elfenbeintürmen sitzen, ins Meditationskissen pupsen und uns nur um unsere persönliche Entwicklung kümmern! Lasst uns im öffentlichen Raum unser vitales Interesse zeigen, dass unsere Kinder und Kindeskinder eine lebenswerte Zukunft genießen können. Lasst uns – zwischen all den Politniks, Linken, Grünen, Violetten und meinetwegen auch neben dem ›Schwarzen Block‹ zusammen einen Weißen Block, einen Block fürs Leben bilden!«
Im »Weißen Block« werden Lieder aus aller Welt gesungen, es wird getrommelt und getanzt. Manche Demonstranten zeigen da den Vogel. Das kann Willem nachvollziehen: »Viele, die demonstrieren, sehen die Wut als treibende Kraft. Und wenn da jemand kommt und sagt, ich bin nicht wütend und sehe das Positive hier, glauben sie, dass das Kraft nimmt.«

Die Chance ergreifen
Mit der Auftaktdemo zu den Protesten im November 2010 kam Willems Chance, mit seinem Ansatz auf der Castor-Demo in eine breite Öffentlichkeit zu gehen. »Alle sind bei der Auftaktdemo dabei, und danach ziehen sie los und machen ihre Aktionen«, erklärt Willem. »Am Ende landet der Castor im Zwischenlager Gorleben. Das ist für viele Leute eine große Frustration. Sie denken: Wir haben es wieder mal nicht geschafft. Es ist nicht einfach, durch dieses Wechselbad der Gefühle zu gehen. Gerade dieser Auftakt ist ein signifikanter Punkt der Gemeinsamkeit. Den wollte ich stärken. Hier können wir unsere gemeinsame Energie spüren, hier können wir Kraft tanken.«
Die andere Motivation war, eine Visi­on, ein positives Ziel zu setzen: Bad ­Gorleben. Vor Jahren führte er ein Gespräch mit Allergikern, die bei der Besichtigung des Gorlebener Salzstocks ihre Beschwerden verloren hatten. »Es war für sie so befreiend, da unten diese Luft zu atmen, dass sie gar nicht mehr hoch wollten. Es ist einer der gesündesten Plätze weltweit, keine Umweltgifte, nur die Heilkraft des Salzes. Die Vision des Heilbands nimmt auch den Leuten den Wind aus den Segeln, die immer mit dem Argument der ›Arbeitsplätze im Endlagerbergwerk‹ kommen. Es ist eine ganz reale Alternative. Der Fahrstuhl ist schon da, und die Gegenseite hat Gorleben mit ihrem Marketing berühmt gemacht!«
Doch das ist noch ein weiter Weg. Menschen wie Bea und Willem wissen, dass man Realität nicht wegmeditieren oder weglachen kann. Sie denken »integral« und stellen sich aktiv dem Ganzen.
»Wenn ich eine Traumreise mache, sorge ich dafür, dass der Traum den Weg in die Welt findet. Denn alles, was sich realisiert, ist vorher in unserem Geist vorhanden. Deswegen will ich es auch öffentlich sichtbar machen. Ich möchte in den Fokus rücken, was viele Menschen spüren: Wir sind keine ›Antis‹, wir sorgen für eine lebenswerte Zukunft.«
Wenn Willem so spricht, sehe ich ihn als Visionär und auch als Heiler vor mir. Oft ist seine Medizin das Lachen. Die heilsame Essenz dabei ist immer sein unerschütterlicher Glaube an jeden einzelnen Menschen und die Kraft positiver Beispiele.

Der Castor steht
Und dann passierte es. Der Traum wurde wahr, wenn auch nur für einen Moment. Genauer gesagt für vier Stunden. Willem beendete gerade seine Rede auf der Demo: »Stellt euch den Castor-Zug vor, wie er über Europas Gleise läuft. Jetzt seht ihr vor euch, wie er langsamer wird, immer langsamer. Geht hinein in dieses Bild, ihr seht ihn, er wird noch langsamer und dann – mit leise zischenden Bremsen – hält er an. Es riecht noch ein bisschen nach Bremsbelägen, dann ist es still. Haltet das Bild für einen Moment – und dann lasst ihr den Zug kleiner werden, immer kleiner, bis er weg ist. Weg!«
Just in diesem Moment kam der Moderator auf die Bühne gerannt und verkündete: »Der Zug steht!« 


Kontakt zur Träumerin und zum Träumer:
Bea Simon: www.be-art.net
Willem Wittstamm: mail@wittstamm.de

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