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Utopien neu denken

Warum es wesentlich ist, über das ­Bestehende hinaus zu visionieren.

von Ursula K. LeGuin , erschienen in 59/2020

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© Foto: Euan Monaghan/Structo

Alles könnte anders sein
Meine erzählende Literatur kann insofern als größtenteils »u­topisch« bezeichnet werden, als sie einen flüchtigen Blick auf eine imaginierte Alternative zu unserer »gegenwärtigen Lebensweise« anbietet. Dennoch vermeide ich diesen Begriff. Zwar scheinen mir viele meiner erdachten Gesellschaften auf die eine oder andere Weise eine Verbesserung der unseren zu sein, jedoch finde ich »Utopie« eine viel zu große und starre Bezeichnung dafür.
Utopien sind ebenso wie Dystopien intellektuelle Orte. Ich hingegen schreibe aus Leidenschaft und Spielfreude. Meine Geschichten sind weder dröge Warnungen noch Blaupausen, die uns sagen, was wir tun sollen. Ich betrachte die meisten als menschliche Komödien, als Erinnerung an die unendliche Vielfalt an Wegen, die uns doch immer wieder mehr oder weniger an denselben Ort führen, und als Feier der unendlichen Vielfalt an immer neuen Alternativen und Möglichkeiten. Selbst die ­Romane »Freie Geister« und »Always Coming Home« – in denen ich metho­discher als für gewöhnlich bestimmte Variationen des Machtgebrauchs, die ich gegenüber den gegenwärtig in unserer Welt vorherrschenden Spielarten bevorzuge, ausgearbeitet habe – sind ebensosehr Versuche in Subversion wie auch Versuche, das Ideal eines erreichbaren gesellschaftlichen Plans zu skizzieren, der Ungerechtigkeit und Ungleichheit ein für alle Mal ein Ende setzen würde.
Für mich ist das Entscheidende dabei nicht, eine spezifische Hoffnung auf Besserung anzubieten, sondern durch die Unterbreitung einer imaginierten, aber überzeugenden Alternativ­realität das eigene Bewusstsein und somit auch das Bewusstsein der Lesenden von der faulen, furchtsamen Denkgewohnheit zu befreien, dass unsere gegenwärtige Lebensweise die einzige Weise sei, wie Menschen leben könnten. Ebenjene Trägheit des Denkens ermöglicht, dass institutionalisierte Ungerechtigkeit unhinterfragt fortgeführt wird.
Es liegt in der Natur der Sache, dass Science-Fiction- und Fantasy-Literatur ihren Leserinnen und Lesern Alternativen zu jener Lebenswirklichkeit, die diese gegenwärtig erfahren, anbieten. Junge Menschen sind gemeinhin empfänglich für diese Art von Geschichten, denn in ihrem Elan und Erfahrungsdrang sind sie offen für Alternativen, Möglichkeiten und Wandel. Viele Erwachsene hingegen fürchten bereits die bloße Vorstellung wirklicher Veränderung, lehnen jegliche fantastische Literatur kategorisch ab und brüsten sich damit, dass sie nicht über den Tellerrand dessen, was sie bereits wissen oder zu wissen glauben, hinausschauen.
Als ob sie ihre eigene Wirkmacht fürchteten, sind jedoch große Teile der Science-Fiction- und Fantasy-Literatur nicht von sozialem Erfindungsreichtum geprägt, sondern bleiben kleinmütig und reaktionär – Fantasy klammert am Feudalismus, Science Fiction an militärischen und imperialen Hierarchien. Beide belohnen ihre Hauptfiguren, ganz gleich ob männlich oder weiblich, meist nur für dezidiert männliches Heldentum. (Ich habe selbst über Jahre hinweg so geschrieben. Obwohl meine Hauptfigur in »Die linke Hand der Dunkelheit« geschlechtslos ist, vollbringt sie fast ausschließlich männliche Heldentaten.) Insbesondere in der Science Fiction ist zudem die oben erwähnte Vorstellung weitverbreitet, dass jede Figur, die nicht allzeit bereit ist, zu rebellieren und durch tollkühne, gewalttätige Handlungen Freiheit zu erringen, entweder ein Jammerlappen oder nur eine Randfigur sei.

Über den Tellerrand hinausdenken
Der Gebrauch der Vorstellungskraft ist gefährlich für jene, die vom gegenwärtigen Stand der Dinge profitieren, denn sie kann uns erkennen lassen, dass der gegenwärtige Stand der Dinge nicht dauerhaft, nicht universell, nicht notwendig ist.
Wenn aber fantastische Literatur die reale, wenn auch begrenzte Macht hat, etablierte Institutionen zu hinterfragen, dann hat sie auch die mit dieser Macht einhergehende Verantwortung. Wer Geschichten erzählt, hat auch Wahrheiten zu erzählen.
Es ist schade, dass sich so viele Geschichten, die eine wahre Vision anbieten könnten, mit patriotischen oder religiösen Platitüden, mit technischer Wundertätigkeit oder mit Wunschdenken abfinden, ohne dass ihre Verfasserinnen und Verfasser versucht hätten, etwas Wahres zu imaginieren. Die modische »Dystopie noir« kehrt die Platitüden lediglich um, verwendet Säure statt Süßstoff und umgeht doch die Auseinandersetzung mit menschlichem Leid und echten Möglichkeiten. Fantastische Literatur, die ich bewundere, bietet Alternativen zum Status quo an, die nicht nur die Allgegenwart und Notwendigkeit überholter Institutionen hinterfragen, sondern auch das Feld gesellschaftlicher Möglichkeiten und moralischer Einsichten erweitern.
Wir werden unsere eigene Ungerechtigkeit nicht erkennen, wenn wir uns Gerechtigkeit nicht vorstellen können. Wir werden nicht frei sein, wenn wir uns Freiheit nicht vorstellen können. Wir können von niemandem verlangen, nach Gerechtigkeit und Freiheit zu streben, wenn sie oder er zuvor keinerlei Möglichkeit hatte, sich diese als erreichbar vorzustellen.

Utopyin, Utopyang
Die ›guten Orte‹ alter, plumper Spielart waren Ersatzvisionen, die kontrollierbar machen sollten, was unkontrollierbar war, und erreichbar, was hier und jetzt unerreichbar war – ein geordnetes, friedliches Himmelreich; ein Stundenparadies; ein Wolken­kuckucksheim. Der Weg dorthin war klar, wenn auch drastisch. Man starb.
Auch Thomas Morus’ säkulares Gedankenkonstrukt »Utopia« war noch ein Ausdruck der Sehnsucht nach etwas, das im Hier und Jetzt fehlte  – rationale menschliche Kontrolle über menschliches Leben –, doch sein guter Ort war ausdrücklich ein ›Nicht-Ort‹. Eine Kopfgeburt. Eine Blaupause ohne Baugrund.
Seitdem wurde Utopia nicht mehr im Jenseits, sondern auf unkartiertem Land verortet, am anderen Ufer des Ozeans, jenseits der Berge, in der Zukunft, auf einem anderen Planeten: ein bewohnbares, jedoch unerreichbares Anderswo.
Jede Utopie seit »Utopia« war – offenkundig oder verdeckt, tatsächlich oder möglicherweise, im Urteil der Schreibenden oder der Lesenden – sowohl ein guter als auch ein schlechter Ort. Jede Eutopie birgt eine Dystopie, jede Dystopie birgt eine Eutopie.
Im Yang-Yin-Symbol (Taiji) enthält jede Hälfte einen Anteil der jeweils anderen, worin sich ihre völlige wechselseitige Abhängigkeit und stete Wandelbarkeit ausdrücken. Obwohl die Abbildung statisch ist, enthält jede Hälfte den Samen der Transformation. Das Symbol stellt nicht Stagnation, sondern einen Prozess dar.
Es mag hilfreich sein, sich die Utopie vor der Folie dieses alten chinesischen Symbols vorzustellen, insbesondere, wenn mensch dazu bereit ist, die übliche maskulinistische Annahme, dass das Yang dem Yin überlegen sei, abzulegen, und stattdessen die wechselseitige Abhängigkeit und Wandelbarkeit beider Hälften als wesentliches Merkmal dieses Symbols anzu­erkennen.
Yang ist männlich, hell, trocken, hart, aktiv, durchdringend. Yin ist weiblich, dunkel, feucht, weich, empfangend, aufnehmend. Yang ist Kontrolle, Yin Akzeptanz. Es sind starke, gleichrangige Kräfte; keine kann für sich allein existieren, und jede ist im ständigen Prozess begriffen, sich zur jeweils anderen zu wandeln.
Aus der Sicht von Yang betrachtet, ist Yin nur negativ, minderwertig, schlecht, und bislang hatte Yang immer das letzte Wort. Nur gibt es kein letztes Wort.
Mir scheint, gegenwärtig werden nur Dystopien geschrieben. Um eine Utopie schreiben zu können, müssen wir vielleicht den Yin-Aspekt unseres Denkens stärken. Doch ist eine Yin-Utopie vielleicht gar ein Widerspruch in sich selbst, weil alle bekannten Utopien nur aufgrund starker Kontrollausübung funktionieren, und Yin kontrolliert nicht? Und doch ist es eine große Kraft. Aber wie funktioniert sie?
Das kann ich nur erahnen. Mein Gefühl ist, dass die Gedanken, die wir uns gegenwärtig zumindest anfänglich darüber machen, wie wir unser Streben weg von menschlicher Dominanz und ewigem Wachstum hin zu menschlicher Anpassungsfähigkeit und langfristigem Überleben wandeln können, Teil eines Umschwungs von Yang zu Yin sind. Sie beinhalten somit eine Akzeptanz des Vergänglichen und Unvollkommenen, ein Aushalten des Ungewissen und Provisorischen, eine Freundschaft mit dem Wasser, der Dunkelheit und der Erde. //


Aus: »Ein Krieg ohne Ende« (2004) und »Utopyin, Utopyang« (2017), veröffentlicht in: Am Anfang war der Beutel, übersetzt von Matthias Fersterer, thinkOya, 2020.
 

Ursula K. Le Guin (1929–2018) wurde als Ursula Kroeber im kalifornischen Berkeley geboren. Durch ihre Eltern, die Ethnologen Theodora und Alfred Kroeber, kam sie früh mit indigenen Kulturen und völkerkundlicher Feldforschung in Berührung. Zum großen Freundeskreis der Familie zählten Ishi, der letzte Überlebende vom Stamm der Yahi-Indianer, und Robert ­Oppenheimer, der »Vater der Atombombe«. Nach dem Studium der Romanistik heiratete sie den Historiker Charles Le Guin. Als Schriftstellerin wurde Ursula K. Le Guin 1968 durch den Auftakt der Erdsee-Reihe »Der Magier der Erdsee« bekannt. Die Kritik an patriarchalen Utopien nimmt in ihrem Werk eine zentrale Rolle ein. In den Romanen »Freie Geister« (1974) und »Always Coming Home« (1985), einer ­fiktiven ethnografischen Studie über ein indigenes Volk der Zukunft, versuchte sie dem, was sie als »Yang-Utopien« kritisierte, »Yin-Utopien« gegenüberzustellen. In Science-Fiction- und Fantasy-Literatur ­sowie in Gedichten und Essays verarbeitete Le Guin Erkenntnisse aus Anarchismus, Anthropologie und Feminismus wie auch aus indigener und fernöstlicher Philosophie. In jahrzehntelanger Arbeit übertrug sie das »Daodejing« ins Englische. Am 22. Januar 2018 verstarb Ursula K. Le Guin. Sie hinterließ ihren Mann Charles und drei Kinder.
www.ursulakleguin.com

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