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Mit und ohne Corona: Leben ist endlich

Simone Britsch sprach mit der ehemaligen Physiotherapeutin und Heilpraktikerin Mia-Irene ­Kupfer, seit acht Jahren ­Bewohnerin des Ökodorfs ­Sieben Linden und Angehö­rige der »­Risikogruppe«.

von Mia Irene Kupfer , Simone Britsch , erschienen in 59/2020

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© Foto: Simone Britsch

Wir sitzen an einem sonnigen Aprilnachmittag auf der Terrasse von Mia-Irene Kupfers Wohngemeinschaft im Ökodorf Sieben Linden. Überall grünt und blüht es idyllisch, um uns herum summen Insekten. SARS-CoV-2 bahnt sich nur langsam seinen Weg in die ländliche Altmark. Doch für Menschen wie Mia-Irene mit ihren 70 Jahren könnte es möglicherweise ein lebensgefährliches Virus sein.
 

Simone: Wie lebst du derzeit in der Gemeinschaft?
Mia-Irene: Ich gehöre aufgrund meines Alters und einer Multiple-Sklerose-Erkrankung (MS) zu den »gefährdeten Personen«. Ich lebe in einer altersgemischten WG mit fünf Personen und habe das ganz bewusst gewählt, weil ich eben nicht im Altersheim sein, sondern noch am Leben teilnehmen möchte. Zur Zeit halte ich mich nicht völlig aus der WG heraus, sondern treffe einige Vorsichtsmaßnahmen, die das Ansteckungsrisiko verringern.
(Lachend fügt sie hinzu:) Mich hat mein Leben lang der Satz begleitet: »Das Leben ist gefährlich und es endet immer tödlich.«

Hat diese Krise für dich auch positive Aspekte?
An der Corona-Krise finde ich positiv, dass die Menschen sich wieder mehr damit auseinandersetzen, dass das Leben endlich ist. Man stirbt so, wie man gelebt hat! Wenn ich einen Teil des Lebens verdränge, verdränge ich auch das Sterben. Das Sterben gehört einfach zum Leben dazu – mal abgesehen davon, dass es wohl auch eine Chance zur »Erleuchtung« birgt. Da könnte ein Riesengeschenk verborgen sein: mit dem Leben in Frieden zu kommen und loszulassen. Meine Seele kommt aus dem Licht und geht auch nach dem Tod wieder dorthin zurück.

Siehst du Tod und Sterben als gesellschaftliches Tabuthema?
Ja. Ich habe schon als junge Frau erlebt, dass ich darüber mit fast niemandem offen reden konnte. Sicherlich hängt das auch mit unserer Kriegsvergangenheit zusammen. Überhaupt erinnert mich vieles in der Corona-Krise an Krieg, etwa die Hamsterkäufe sowie die Art der Bestattungen – Massenbegräbnisse in New York und Italien mit nur wenigen Angehörigen. Zudem nehme ich sehr viel Angst wahr. Wenn diese Ängste deutlich werden, können wir sie bearbeiten; wenn sie jedoch im psychischen Untergrund verborgen bleiben, kann keine Erlösung stattfinden.
Schauen wir doch, wie andere Kulturen mit dem Sterben umgehen! Viele indigene Völker haben Wege gefunden, wie sie würdevoll aus dem Leben treten können: durch Rückzug in einsame Höhlen, durch Einstellen der Nahrungsaufnahme. Nomadenvölker haben im gegenseitigen Einverständnis Mitglieder zurückgelassen, um der Gruppe das Weiterziehen zu erleichtern. In Grönland gehen die Menschen traditionell ins Eis hinaus, wenn sie spüren, dass ihre Zeit gekommen ist. Was können wir davon lernen?

Die politischen Strategien zielen darauf ab, möglichst viele Menschen zu retten und das Sterben von Älteren und Vor­erkrankten zu verhindern. Ist das nicht eine Illusion?
Menschen sterben immer an irgendetwas. Und alles hat seine Zeit. Der Tod schafft auch Platz für etwas Neues! Mich würde es in dieser Form gar nicht geben ohne Krankheit und Tod: Die erste Frau meines Großvaters starb 1919 an der Spanischen Grippe; daraufhin heiratete er dann die Mutter meiner Mutter (lacht). Es geht doch nicht nur um in Lebensjahren gezählte Quantität, sondern auch um Qualität, gerade im Alter. Deshalb schließen viele Menschen in ihren Patientenverfügungen lebensverlängernde Maßnahmen aus. Mein Eindruck ist, dass es im Moment eher um Quantität geht: Leben zu retten, ohne auch auf die angemessene Lebensqualität zu achten.

Ein Kerngedanke der Corona-Politik ist es, jederzeit genügend Betten auf den Intensivstationen zur Verfügung zu haben, ­damit Erkrankte mit Komplikationen dort beatmet werden können. Würdest du selbst das wollen?
Ich habe MS, die wird sich durch eine Corona-Erkrankung mit Sicherheit verschlechtern. Ich sehe keinen Sinn darin, ein Leben im Pflegebett zu verlängern. Ich habe keine Angst vor dem Tod – das heißt aber noch lange nicht, dass ich mein Leben leichtfertig aufs Spiel setzen möchte! Noch genieße ich mein Leben und finde gerade diese Zeit spannend. Meine WG hat eingewilligt, dass ich auch im Fall eines Corona-Infekts mit lebensbedrohlichem Verlauf zu Hause bleiben kann. Ich wünsche mir Kontakt, auch in der Sterbephase; das ist für mich eine Qualität, die ich sehr gerne bis zum Schluss erleben möchte: keine klinische Isolation, auch keine intensivmedizinische Behandlung und erst recht keine Beatmung. Ich habe 70 Jahre lang ein reiches und erfülltes Leben gehabt, alles gelebt, was ich leben wollte, da muss ich nichts hinzufügen. Ich habe kürzlich meine Patientenverfügung durch einen Nachtrag zur Corona-Situation aktualisiert.

Was würdest du als eine Beraterin der Bundesregierung in diesen Tagen empfehlen?
Schaut euch auch an, was Corona uns eigentlich sagen will; was wir gerade im Umgang damit alles Neues lernen! Es entsteht einerseits so viel Menschlichkeit und Kreativität – und auf der anderen Seite soviel Isolation. Da ist mehr Gleichgewicht nötig. Es heißt immer, die Risikopatienten müssen geschützt werden – doch wird das Gespräch mit den Betroffenen überhaupt gesucht und ihr Wunsch berücksichtigt? Werden sie darüber aufgeklärt, wie leidvoll und riskant eine intensiv­medizinische Behandlung gerade für Ältere und Vorerkrankte sein kann? Wollen sie isoliert werden? Sind sie wirklich damit einverstanden, dass sie im Altersheim nicht mehr vor die Tür gehen dürfen? Wollen sie noch im hohen Alter auf die Intensiv­station und beatmet werden?
Mein Eindruck ist manchmal, dass Politiker und andere Verantwortliche ihre eigene Angst vor dem Sterben auf uns »Risikogruppen« projizieren und scheinbar alles für uns tun wollen – nur um ihrer eigenen Sterblichkeit nicht ins Auge sehen zu müssen.
Und zum Abschluss: Ja, es geschieht gerade auch viel Positives, etwa im Bereich der Ökologie. Lasst uns daraus für das weitere Leben lernen!

Danke für das offene Gespräch! //


Simone Britsch (46) lebt mit ihrer Familie seit 18 Jahren im Ökodorf Sieben Linden. Der Bildungsbereich, für den sie arbeitet, ist derzeit geschlossen. Zu lernen gibt es trotzdem vieles, unter anderem durch die Älteren in ihrer Gemeinschaft. www.siebenlinden.org

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