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Wie werden wir allmendetauglich?

Lassen sich Allmende-Fähigkeiten in einer Ausbildung lernen? Eine Gruppe junger Menschen hat es versucht.

von Franziska Castro , erschienen in 58/2020

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© Foto: Malte Cegiolka

Auf dem Weg zu einer kleinen, mir bisher unbekannten Gemeinschaft wandere ich Ende September letzten Jahres durch Brück im Fläming. Ich möchte etwas über eine Allmende-Ausbildung erfahren, die hier erstmals in einem zweimonatigen Testlauf stattfindet. Das kleine Städtchen zieht sich – wie viele Orte in Brandenburg – mehrere Kilometer entlang einer Straße und besteht vor allem aus zwei­geschossigen Häusern. Fast wäre ich an der »Frieda«, dem Wohnhaus der Gemeinschaft, vorbeigelaufen. Am Briefkasten stehen vier Namen; niemand ist zu Hause. Nach einer Weile sehe ich einen jungen Mann auf einem Fahrrad kommen und vermute sofort, dass es ein Frieda-Bewohner ist. Er hält vor dem Haus, stellt sich als Malte vor und erzählt, dass er im Waldgarten am Ortsrand war. Die Gemeinschaft – zu ihr gehören außerdem Theresa, Jona und Sophia – legt diesen gemeinsam mit dem ebenfalls in Brück lebenden Forstwirt und Waldgartenspezialisten Philipp Gerhardt an. Gerade ging dort ein Kurs zu Ende: »Selbstversorgung fossilfrei – Werkzeuge und Techniken für Waldgärtner*innen«.
Zwei Tage später, nach gemeinsamen Mahlzeiten, Morgenrunden und vielen Gesprächen mit den Menschen aus der Gemeinschaft und der Ausbildungsgruppe, arbeite ich selbst im Waldgarten mit. Die Werkzeuge begeistern mich – vor allem die große Handsäge. Wir sägen gemeinsam einen Baumstamm in Stücke, und ich bin überrascht, wie leicht und schnell das geht – ohne Kettensäge, dafür zu dritt. Das Arbeiten mit einem Werkzeug, das weder Strom noch Benzin braucht, dafür aber das Zusammenwirken von mindestens zwei Menschen – oder drei, weil sich jemand auf den wackelnden Baumstamm setzt –: Vielleicht beschreibt diese Szene besser, was Allmende bedeutet, als alle Versuche, den Begriff zu definieren.

Gemeinschaft lernen
So erzählen auch die Teilnehmenden der Ausbildung vor allem von prägenden Gemeinschaftserfahrungen – und ­davon, dass der Begriff »Allmende«, den die Frieda-­Gemeinschaft dem englischen »Commons« vorzieht, für sie teilweise unklar bleibt. Bei einem öffentlichen Vortragsabend in der Frieda hatten sie eine Ausein­andersetzung zwischen dem Refe­renten und einem der Bewohner über die Frage erlebt, ob mit Allmende nur endliche Ressourcen oder auch eine Allmende-Kultur gemeint sei. »Es verwirrt mich«, sagt David, »dass zwei Menschen mit sehr ähnlichen Idealen über eine solche Definition diskutieren. Ich wünsche mir, dass der gelebte Alltag das Ideal bestimmt.«
Für Jule ist die Verwandlung des Frieda-Wohnzimmers in einen offenen Ort ein Bild für Allmende. Sie bewundert, dass die »Friedas«, wie die Gemeinschaftsmitglieder oft genannt werden, ihren privaten Raum immer wieder für Gruppen öffnen. Im Rahmen der »Bildungs-Bande«, einem Netzwerk von überwiegend jungen Menschen, die unkommerzielle Bildungsangebote organisieren, finden hier Seminare für eine gemeinschaftliche Kultur statt. Aus dem Wunsch, die Seminarthemen zu vertiefen, stärker miteinander zu verbinden und den gesellschaftlichen Kontext einzubeziehen, entstand die Idee der Allmende-Ausbildung. Wie können wir gut zusammenleben und Lebensgrundlagen gemeinsam gestalten und hüten? Das soll während der Ausbildung vor allem im Erleben und Tun erforscht werden.
Fünf junge Menschen – David, Jule, There, Natascha und Tom – ließen sich auf das Experiment ein und zogen Anfang August für zwei Monate in die »Wilma«, ein recht baufälliges Haus schräg gegenüber der Frieda, das die Gemeinschaft mit Unterstützung vieler anderer Menschen gekauft hatte. Das Zusammenleben ist Teil der Ausbildung. Die Arbeiten im Waldgarten, beim Renovieren der Wilma, zur Vorbereitung von Veranstaltungen und im Büro erledigen die Menschen aus beiden Häusern gemeinsam, wobei jeweils zwei oder drei von ihnen für einen Bereich hauptverantwortlich sind. Bestandteil des Testlaufs der Ausbildung sind außerdem drei Seminare zu den Themen »Projektmanagement«, »Gewaltfreie Kommunikation und Körper« und der Organisationsform »Soziokratie« sowie zwei Vortrags- und Gesprächsabende über Baumfeldwirtschaft und die Eigentumskrise.
»Ich wollte handwerkliche Fähigkeiten erwerben und mich dazu vernetzen«, erzählt Tom. »Hier lerne ich aber vor allem etwas über Gemeinschaft. Zu sehen, wie die Friedas ihre Ideale leben und mit dem Bildungsangebot einen Ansatz für gesellschaftliche Veränderung gefunden haben, hilft mir sehr. Vorher war ich oft verzweifelt. Hier aber entsteht ein Netzwerk, das kraftvoll werden könnte. Und ich kann Teil davon sein! Die Vision von vielen kleinen allmendisierten Gemeinschaften, die alle Teil einer größeren sind, macht mir Hoffnung. Auch das Projektmanagement-Seminar hat mir Selbstvertrauen gegeben. Mir wurde durch die Ausbildung deutlich, dass ich mein Leben selbst gestalten kann und will.«
David berichtet von einer für ihn schwierigen Situation. Es hatte sich gezeigt, dass die vorher festgelegten Inhalte und der Ablauf der Ausbildung nicht ­allen Bedürfnissen der Gruppenmitglieder entsprachen. »Einige von uns waren unzufrieden, wollten sich aussprechen und etwas verändern. Das haben wir in der großen Runde angesprochen und daraufhin einen Zwischenbilanztag organisiert, an dem wir uns ausgetauscht und den Wochenplan so verändert haben, dass wir seitdem mehr gemeinsame Arbeitszeit und frei gestaltbare Zeit haben. Gehört zu werden damit, dass es mir gerade nicht so gut geht, und zu erleben, dass innerhalb weniger Tage die Struktur an unsere Bedürfnisse angepasst wurde, war eine ganz wichtige Erfahrung. Dafür bin ich sehr dankbar.«
Jule spricht über die Stimmung im täglichen Zusammensein: »Es ist warm und herzlich, wir gehen achtsam mitein­ander um. Ich konnte auch über Unangenehmes sprechen; das fällt mir in anderen Gruppen oft schwer. Hier spüre ich viel Vertrauen.« Auf meine Frage, wie das Vertrauen entstanden sei, erzählt sie von einer liebevoll gestalteten Einführungs­woche mit vielen »Wie geht’s mir?«-Runden. There hingegen empfand die Einführungswoche als überfordernd. Sie konnte Vertrauen fassen, »weil wir uns im Alltag immer wieder in verschiedenen kleinen Gruppen zusammenfinden, in denen ein enger Kontakt entsteht«.
Mir fällt auf, dass sich die »Wilmas« bei allen praktischen Arbeiten mit ihren Ideen und Fähigkeiten ebenso einbringen und Verantwortung übernehmen wie die Friedas. Offenbar leben die neun jungen Menschen hier eine Allmendekultur. Über Theorien sprechen sie außerhalb der Seminare kaum. David denkt darüber nach: »Ich bin überrascht, dass wir unsere Freizeit nicht so politisch gestalten. Unsere Gespräche drehen sich zum großen Teil um unsere kleine Welt. Das Leben hier ist selbst schon ein Ausprobieren von Allmende. Vielleicht setzen wir uns deshalb kaum mit der Theorie auseinander und führen wenig politische Diskussionen. Ich bin da zwiegespalten: Müssten wir einerseits nicht die Welt verändern? Andererseits konfrontieren mich diese Gedanken mit meinem Pflichtbewusstsein, und ich frage mich: ›Sollte ich nicht einfach mal tun, wozu ich Lust habe?‹ An solchen Fragen können wir auch als Gemeinschaft lernen.«
Bei meiner ersten Begegnung mit der Gruppe spielten die Wilmas ein Kartenspiel mit Monstern, bei dem es nicht um Kooperation, sondern um Kampf geht. Ich lachte und freute mich, dass sie etwas so »unallmendiges« taten.
Einige Wochen nach dem Ende der Ausbildung bitte ich die Gruppe um einen Rückblick. There schreibt: »Ich hatte vorher keine Vorstellung davon, was es heißt, als Gemeinschaft zu leben. In meiner WG mit vier anderen Frauen teilen wir uns zwar alle Räume – einen gemeinsamen Schlafraum, einen Raum zum Tanzen und so weiter –, und das war für mich bisher die höchste Form gemeinsamen Wohnens. Aber in Brück habe ich gemerkt, wie schön es ist, nicht nur den Wohnraum, sondern auch den Alltag zu teilen. Dort fiel es mir sehr leicht, aktiv zu sein. Jetzt bringe ich einiges aus der Ausbildung in meine WG ein. Längerfristig möchte ich aber in einer Gemeinschaft leben, in der sich die Menschen einen gemeinsamen Alltag aufbauen. Durch die Zeit in Brück sehe ich meine Zukunft klarer und weiß deutlicher, was ich vom Leben will. Wieder zurück in Berlin fiel mir auch auf, wie frei und leicht ich mich während der Ausbildung gefühlt hatte, weil wir in der Wilma abseits von Medien gelebt hatten, ohne Internet und Fernsehen. Trotzdem fühlte ich mich nie von der Außenwelt abgeschnitten. Durch die Seminare, Aktionswochenenden und Vorträge gab es Kontakt zu vielen Menschen, so dass wir immer Anregungen von außen bekamen.«

Die Ausbildung zeigt Wirkung
Noch einmal fahre ich nach Brück. Tom ist noch da. Er hat sich entschieden, den Winter über bei der Frieda-Gemeinschaft zu bleiben.
Sophia, Malte und Jona erzählen, wie sie die Ausbildung erlebt haben: »Dieses Bildungsformat greift tiefer als Seminare. Es bewirkt viel, wenn Menschen über Monate hinweg füreinander ansprechbar und miteinander wirksam sind. Mehr und mehr ging die Initiative von den ›­Wilmas‹ aus, sie haben sich den Ort und das Konzept angeeignet. Das, was aus dem Zwischenbilanztag entstand, war vielseitiger, passender für alle und hat viel besser funktioniert als das von uns Vorgegebene. Wir wurden an unser Bildungsverständnis erinnert – daran, dass Bildung mit Fragen beginnt und von denen ausgehen sollte, die lernen wollen. Wir alle haben gemeinsam gelernt. Als Gemeinschaft sind wir jetzt geübter darin, Menschen in unseren Alltag einzubinden, haben aber auch Grenzen erkannt. Auch wir wollten etwas herausfinden und haben unser ganzes Leben geöffnet. Das war sehr ermächtigend für die Teilnehmenden, dabei sind aber die Beziehungen unter uns Vieren zu kurz gekommen. Wir haben unterschätzt, wie sehr auch wir teilnehmen. In Zukunft wollen wir mehr auf uns als Gruppe achten; diese Ressource hatten wir vorher für unerschöpflich gehalten.«
Auch der Alltag der Friedas verändert sich seit der Ausbildung. »In den zwei Jahren unseres Zusammenlebens waren wir etwas streng und unflexibel geworden, im Projektalltag versunken. Vieles haben wir mit Struktur und Methoden gelöst. Dass wir gelernt hatten, gemeinsam Dinge zu bewältigen, zu wissen, dass wir gut organisieren und funktionieren können, ist wichtig und gibt Sicherheit. Aber der stark durchgeplante Alltag hat uns überfordert. Uns wurde bewusst, dass wir auch gesellige, unstrukturierte Räume brauchen und auf den Moment und unsere Bedürfnisse achten wollen. Wir lernen jetzt mehr, ohne Thema und Moderation einfach miteinander zu sein und das als wertvoll zu empfinden.«
Der ehrliche Rückblick rührt mich an. Das, worüber die Friedas hier sprechen, kenne ich aus meinem eigenen Leben und erlebe es immer wieder in Semi­naren, Ausbildungen und verschiedenen Gruppen. Zwischen all den Projekten, Strukturen und Methoden, die der Gemeinschaft und dem guten Leben dienen sollen, wird es eng für das gute Leben in Gemeinschaft. Ich bin froh und dankbar, dass die Friedas ihre Erfahrungen und Erkenntnisse mit mir teilen.
Mich beschäftigt noch, dass die gesamte Gruppe aus beiden Häusern sehr homogen war – junge, gesunde, weiße, deutsche Menschen ohne Kinder. Auf meine Frage, wie vielfältigere Erfahrungen in die Ausbildung integriert werden könnten, höre ich von den für die Nachbarschaft offenen Veranstaltungen; Kinder sprangen bei Waldgartenaktionen umher, bei den Barabenden gab es sehr berührende Momente zwischen jungen und alten Menschen, und beim gemeinsamen Feiern versammelte ein Nachbar die ganze Partygesellschaft zur Polonaise hinter sich. Auch im Alltag der Wilmas gab es Kontakte zu Menschen aus dem Ort, die sehr geschätzt wurden.
Ich bin beeindruckt. Beim Testlauf dieser Ausbildung wurde Allmende-Kultur offenbar auf vielfältige Weise erfahrbar. Das eigene Erleben ist durch keine Theorie zu ersetzen, und es braucht Zeit! Deshalb denken die Friedas darüber nach, die Ausbildung in Zukunft wesentlich länger als zwei Monate zu gestalten. Dann sollen auch Tätigkeiten zur Selbstversorgung, wie das Einkochen von Früchten oder Brot­backen, einen größeren Teil einnehmen. Diese vernachlässigt zu haben, wird von den Wilmas bedauert. Die Friedas wollen in Ruhe die Erfahrungen aus dem Testlauf auswerten und ein Konzept für weitere Ausbildungsrunden entwickeln. Der Fürsorge für ihre eigene kleine Gemeinschaft wollen sie dabei genug Raum und Aufmerksamkeit geben. Auch das braucht Zeit. Dass sie nicht sofort in die nächste Runde starten, sondern die Erfahrungen wirken lassen, überzeugt mich umso mehr, dass hier etwas ganz Wesentliches geschieht.

 

Franziska Castro (49) hat drei Kinder im Alter der Wilmas und wünscht allen jungen Menschen dieser Erde die Erfahrung von unterstützender Gemeinschaft, die ihr selbst als junger Frau oft fehlte.

Allmende-Kultur erleben:
www.bildungs-bande.de

https://die-frieda.org/die-frieda

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