Oya braucht Mithilfe!

Alle Artikel der gedruckten Oya-Ausgaben sind auf dieser Website kostenlos zu lesen. Dahinter steckt viel Arbeit. Bitte helfen Sie mit, dass wir alle Texte weiterhin frei zur Verfügung stellen können:

• Nein, danke

• Ja, ich unterstütze Oya

Bitte wählen Sie hier den Betrag, mit dem Sie Oya unterstützen möchten:



Falls Sie kein PayPal-Konto haben, können Sie natürlich
auch direkt unsere Bankverbindung verwenden:

IBAN: DE96 4306 0967 1112 9897 00 • BIC: GENODEM1GLS
Verwendungszweck: Oya-Online Beitrag

Ein Beutel auf Rädern

Der Handkarren kann mehr sein als ein nützliches Hilfsmittel – durch ihn lässt sich eingebundenes Menschsein erfahren.

von Anja Marwege , erschienen in 58/2020

Bild

Während unserer Bauphase zog ich den Handkarren mehrmals täglich hinter mir her – beladen mit Lebensmitteln, Abfällen, Kindern, Brennholz oder anderen Gegenständen, die für mein Tätigsein und das Zusammenleben bei uns im Dorf und auf der Baustelle relevant waren. Das eiserne, holzverkleidete Kastengestell, das ungefähr das Volumen einer halben Bade­wanne umfasst, läuft auf zwei 26-Zoll-Mountainbike-Reifen. Der Griff an der schwarzen Deichsel ist im Winter oft eisig. Arbeitshandschuhe finden sich fast immer in einer meiner Jackentaschen. Der Karren ist eines der praktischsten Dinge, die in den letzten Jahren zu meinem Fundus an essenziellem Hab und Gut hinzugekommen sind. Wir bargen ihn einst aus einer zugigen Schrebergartenhütte voller ausgedientem Gerät. Schon bald erwies er sich als wesentliches Transportmittel.
Der Handkarren begrenzt meinen täglichen Radius, wirft mich auf ein menschliches Maß zurück. Ein paar hundert Meter Wegstrecke setzen Aufwand und Nutzen in ein großartiges Verhältnis. Er ist rasch beladen, seine Kapazität passt zu meiner Muskelkraft und meinem Bedarf an zu transportierenden Dingen. Nach zehn Minuten bin ich meist am Ziel. Der Weg ins Nachbardorf oder gar in die nächste Stadt mit den üblichen Einkaufsmöglichkeiten wäre ein Tagesmarsch, völlig unpraktikabel im Alltag mit Kind und Kegel.
Ich holpere und scheppere, bei Windstille weit hörbar, meist gut bepackt auf Bürgersteigen, überquere Dorfstraßen, ziehe den Wagen ein Stück über Wiesen und nutze die Teerstraße auch mal längs in Fahrtrichtung, wie andere beräderte Verkehrsträger. Manchmal wünsche ich mir ein Rücklicht, das schon von Weitem rotleuchtend sichtbar ist, um meiner Langsamkeit geschuldeten Auffahrunfällen vorzubeugen. Ich frage mich, was die Menschen hinter den Gardinen und Windschutzscheiben denken, wenn sie mich mit dem Handkarren sehen. Und manchmal wünsche ich mir ein Verdeck, damit nicht alle sehen, was ich heute schon wieder von A nach B transportiere. Neulich lächelte mir ein alter Mann hinter dem Steuer zu, als ob er sich an frühere Zeiten erinnerte. Der Karren und ich, wir sind ein wundersamer Anblick in einer sich sonst viel schneller und anonymer fortbewegenden Welt. Ich fühle mich aus der Zeit gefallen, wünsche mir, dass um mich herum viel mehr Menschen ihre Sachen per Muskel- oder Pedalkraft von Ort zu Ort bewegen würden. Ich akzeptiere es, für einen gewissen Unterhaltungsfaktor im Dorf zu sorgen. Eigentlich transportiere ich lediglich die Dinge des Alltags auf eine schonende, mir selbst mögliche Art und Weise.
Eines Tages brach eine Felge des betagten Karrens. Da ein passendes Ersatzrad nur gebraucht und unter großem Aufwand zu beschaffen war, bat ich eine befreundete Schmiedin, die Radaufhängung ans gängige Standardmaß anzupassen. Einige Tage musste der Alltag also ohne den Handwagen vonstatten­gehen. Wie umständlich! Die Schubkarre führte mir die Rückenfreundlichkeit, ein Kinderfahrradanhänger die schier unbegrenzte Traglast des Handkarrens vor Augen. Zurück aus der Werkstatt und nun leicht reparabel bereift, eckte ich in den ersten Tagen dauernd irgendwo an. Die Spurbreite hatte sich um zwei, drei Zentimeter geweitet. So verinnerlicht hatte ich seine Maße, so vertraut war mir das gute Ding geworden.
Genau genommen greift die Zuschreibung als Transportmittel für den Ziehwagen zu kurz: Er ist ein »Beutel« auf Rädern, also ein Gefäß, das mir erst ermöglicht, all die tollen Inhalte dort zu nutzen, wo ich sie brauche. Diese rollende »Tragetasche«, um an Ursula K. Le Guins Überlegungen anzuknüpfen (siehe Seite 27), ermöglicht es mir, Dinge zu tragen, mitzubringen, zu teilen, zu lagern, zusammenzuführen, neu zu kombinieren – und nicht zuletzt, meine Kinder von hier nach dort zu befördern. Als eine der ursprünglichsten Formen des Werkzeugs erkannte Le Guin Behältnisse wie Beutel, Taschen und Körbe, die es seit Anbeginn der Menschwerdung erlauben, etwa wilden Hafer einzusammeln und nach Hause zu schaffen: Am Anfang war nicht der Speer, sondern der Beutel – nicht das Hauen, Stechen und Töten, sondern das Tragen, Befördern und Bewegen, um Beziehungs- und Stoffströme aufrechtzuerhalten. Ich fühle mich beim Ziehen des Karrens menschlich, ja, lebendig.

Zurück zur Startseite

Hintergrundinfos zu Oya auf Facebook

Oya gemeinsam ermöglichen!