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Was tun mit Altlasten?

Andrea Vetter sprach mit der Soziologin Corinna Vosse und dem Architekten Jeroen Meissner über Umbau und Abriss aus technischer wie gesellschaftlicher Sicht: Was muss weg? Und wo können wir unsere Bedürfnisse verändern?

von Andrea Vetter , Corinna Vosse , Jeroen Meissner , erschienen in 58/2020

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© Foto: Privat | Partner und Partner Architekten

Andrea Vetter  Ein Gebäude neu zu bauen, ist ja immer eine Spekulation auf die Zukunft: dass die Menschen in 25 Jahren einen ähnlichen Zuschnitt ihrer Wohnung haben wollen, dass bestimmte Kulturtechniken, um Gebäudeteile zu warten, in 50 Jahren noch bekannt sein werden, dass die passenden Bauteile für die Sanierung auch in 80 Jahren noch da sein werden. Und bislang hat es ja auch nicht schlecht geklappt. Ich sitze gerade in meiner Berliner Wohnung in einem mehr als hundert Jahre alten ­Gebäude aus der Kaiserzeit. Seitdem gab es viele System­umbrüche, aber das Gebäude steht noch und ist in einem bewohn­baren Zustand. Ich frage mich aber: Wenn wir uns mit der Erdüberhitzung wirklich in einen Zustand der Unwägbarkeit und des Chaos hineinbewegen, ist es dann nicht vermessen, so zu bauen, wie wir es jetzt tun, weil es diese Kontinuität schlicht nicht mehr geben wird?
Jeroen Meissner  Ich sehe eine große Chance darin, wieder einfach zu bauen. Wenn wir Materialien und Rohstoffe wählen, die einfach umzunutzen oder in natürliche Kreisläufe zurückzuführen sind, hinterlassen wir den nachfolgenden Generationen ­etwas, das sie auf ihre Weise nutzen können – ob als Gebäude, als Baumaterial oder als Brennstoff. Wenn wir heute mit nachwachsenden Rohstoffen so bauen, dass das Gebäude relativ einfach wieder abgebaut werden kann, stehen den Menschen in 100 Jahren die doppelten Ressourcen zur Verfügung: das, was bis dahin nachgewachsen ist, und das, was wir heute verbaut haben. In Gebäuden als Ressourcenlager sehe ich eine große Chance, um angesichts der steigenden Weltbevölkerung Wohnraum zu schaffen, CO2 zu speichern und der Erdüberhitzung entgegenzuwirken.
Corinna Vosse  So eine Haltung ist die absolute Ausnahme! Fast alle Neubauten werden bestenfalls mit einem Horizont auf die finanzielle Abschreibung geplant – niemanden interessieren die Nachsorge und die Anpassbarkeit. Das Bauen wird dominiert von Gleichförmigkeit, Kapitalrendite und den kurzsichtigen Interessen der Bauherren. Etwas neu zu bauen, ist immer ein Problem. Stattdessen sollten wir lernen, unsere Bedürfnisse stärker der vorhandenen baulichen Struktur unterzuordnen. Es war eine interessante Erfahrung, das Haupthaus der »Akademie für Suffizienz« schrittweise von Hand zu sanieren. Schnell landeten wir da bei den Baustoffen der Vergangenheit – und auch der Zukunft: Feldsteine, Holz, Lehm und Stroh. Dabei habe ich erlebt, wie sich diese Stoffe nach 200 Jahren zerlegen und wiederverwenden lassen. Diese Materialien, die damals vor Ort zur Verfügung standen, spielen heute beim üblichen Neubau keine Rolle mehr – um das zu verändern, bedarf es einer Veränderung der politischen Rahmenbedingungen und eines Sinns dafür, dass es gut ist, wiederverwendbare lokale Ressourcen über lange Zeiträume hinweg zu nutzen und wiederzunutzen.
JM  Dem stimme ich zu. In der Praxis stellt sich aber das Pro­blem, dass wir seit der Mitte des 20. Jahrhunderts Verbundstoffe entwickelt haben, die gesundheitsschädlich sind. Deshalb kommen wir nicht umhin, diese Stoffe aus unseren Gebäuden zu entfernen.
AV  Der Großteil unserer Gebäude besteht ja aber aus solchen Verbundmaterialien – die können wir doch nicht alle abreißen, oder doch? Sorgt das nicht für Berge an Bauschutt?
JM  Sicherlich. Global gesehen, gehen 60 Prozent aller Abfälle aufs Konto der Bauwirtschaft; in Deutschland waren es trotz Recyclingbemühungen im Jahr 2016 immerhin noch 54 Prozent. Ein Großteil davon ist Beton – ein Verbundstoff aus Kies, Sand, Zement und meist Stahl, der kaum in gleicher Qualität nachgenutzt werden kann. Es gibt erste Methoden, Beton zu recyceln, doch um dabei die gleichen statischen Eigenschaften und ­Fließqualitäten zu erreichen, müssen chemische Stoffe zugesetzt werden, die dann eine erneute Weiterverwertung noch viel problematischer werden lassen. Deshalb brauchen wir neue Gebäude aus anderen Mate­rialien.
CV  Nein, wir sollten nutzen, was schon da ist! Den Schaden, der durch Abriss entsteht, schätze ich höher ein als den, der durch Weiter­nutzung entsteht. Ich vermeide das Wort »Rückbau«, denn auch das ist ein Abriss, eine Zerstörung von Werten – zumal es viele Möglichkeiten gibt, Schadstoffe baulich einzuhausen. Aber ich sehe das Problem. Ich möchte auch nicht in eine Plattenbausiedlung ziehen – diese Großsiedlungen gründen auf städtebaulichen Entscheidungen, die heute unsinnig erscheinen. Lange wurde auf kurzwellige Moden reagiert und ständig neu gebaut und wieder abgerissen – nicht, weil erkannt worden wäre, dass die Baustoffe schädlich sind, sondern weil diese Bauten zur falschen Zeit am falschen Ort standen.
JM  Ich bin nicht grundsätzlich für Abriss. Doch auch wenn wir sanieren, ist es entscheidend, wiederverwendbare Rohstoffe zu nutzen und diese so zu verbauen, dass sie sich wieder in reinem Zustand demontieren lassen. Wir tun uns keinen Gefallen damit, zum Beispiel alte Turbinen aus Windrädern in Innenräumen zu verbauen, weil wir uns damit Giftmüll in die Wohnung holen. Die Turbinen bestehen aus Carbonfasern, die sich nicht recyceln lassen. Mittlerweile gibt es Designer, die daraus Spielgeräte für Kinderspielplätze herstellen. Werden diese Geräte mit Lacken versiegelt, damit die Kinder den Giftstoffen nicht ausgesetzt sind, dann schaffen wir wieder neue Verbundstoffe, die künftig noch schwieriger zu entsorgen sind. Wie können wir diese Altmasse bereinigen und unsere gebauten Infrastrukturen zu ökologischen, weiternutzbaren und gesunden Lebensräumen transformieren? Ich sehe nur die Lösung, dass wir all die belastenden Stoffe aus dem Kreislauf holen und darauf achten, dass keine neuen Schadstoffe in Umlauf kommen …
CV  … ohne das immer nur den drei innovativsten Architektur­büros zu überlassen, die neue ökologische Materialien entwickeln, die dann unfassbar teuer sind.
JM  Da kommen wir zur Systemfrage. Die Umnutzung und Weiterverwendung von Baustoffen zu berücksichtigen, ist derzeit nur sehr schwer in der Praxis umzusetzen, weil wir Arbeit besteuern, nicht Maschinen. Deshalb ist es meist teurer, von Menschen aufbereitete Materialien wiederzuverwenden, als neu fabrizierte Materialien zu nutzen. Die Weiterverwendung müsste hingegen steuerbefreit oder subventioniert werden.
CV  Warum überhaupt neu bauen, anstatt umzunutzen oder anzueignen?
JM  Ich würde dir zustimmen, wenn wir über Gebäude mit baukulturellem Wert sprächen, die aus Holz, Stein, Lehm und Stroh gefertigt wurden. Kompliziert wird es bei Ressourcenverbünden, in denen Rohstoffe verbaut wurden, deren Schädlichkeit wir häufig gar nicht kennen – etwa die Dämmstoffe, die gegenwärtig zur energetischen Sanierung eingesetzt werden. Diese Wärmedämmverbundsysteme verursachen Ausdünstungen nach innen und Auswaschungen ins Grundwasser. Sie wurden zwischenzeitlich als Sondermüll deklariert und gelten heute nur deshalb wieder als Restmüll, weil die Kapazitäten der Sondermülldeponien nicht ausreichten! Das sind künftige Altlasten, die uns noch lange beschäftigen werden. Ich sehe keinen Sinn darin, solche Stoffe weiterzunutzen. Stattdessen müssen wir darüber nachdenken, wie wir sie unschädlich machen können – genauso wie Asbest, PCB-Beschichtungen oder Holzschutzmittel in Dachstühlen.
CV  Die Gefahren, die von einem Bauteil für die Mitwelt ausgehen, müssen eingehaust werden. Denn sie sind ja nun mal in der Welt, und auch in der Verbrennung werden Giftstoffe freigesetzt. Lebenszyklusanalytisch – also: von der Stoffstromebene aus betrachtet – kann es durchaus sinnvoll sein, ein Gebäude mit Wärmedämmverbundsystemen stehenzulassen und weiterzunutzen. Ich habe meine Probleme mit dem Dogmatismus der Cradle-to-Cradle-Perspektive. Das ist für mich eine weitere technikgetriebene Utopie. Ich denke, wir kommen nur weiter, wenn wir bei den menschlichen Bedürfnissen ansetzen. Der geringste Energie- und Materialaufwand entsteht, wenn der individuelle Wohnflächenbedarf reduziert wird und mehr Wohnraum tatsächlich als das, was er ist, genutzt wird.
JM  Ich habe kürzlich eine Lebenszyklusanalyse und ­Ökobilanz für ein Holzhochhaus aus möglichst vielen nachwachsenden Rohstoffen erstellt. Dabei wurde klar, dass der Fokus auf der grauen Energie liegen muss – jener Energie, die für die Herstellung der verbauten Materialien eingesetzt wird. Dafür ist die Materialwahl entscheidend. In Frankreich müssen mittlerweile 50 Prozent jedes Neubaus aus nachwachsenden Rohstoffen bestehen. Für Gebäude unterhalb der Hochhausgrenze könnten das durchaus auch 80 Prozent sein. Wie die Stoffströme für Umnutzung oder Rückbau genau aussehen könnten, ist noch unklar. Klar ist jedoch, dass wir nichts zusätzlich bauen sollten, das wir nicht wirklich, wirklich brauchen. Laut UN-Prognose wird es allerdings bis 2050 weltweit einen Bevölkerungszuwachs von drei Milliarden Menschen geben – wie für diese Menschen adäquate Behausungen entstehen können, ist mit den vorhandenen, konventionellen Bautechniken eine offene Frage.
CV  Ich war gerade auf einer Reise in Äthiopien, und dabei veränderte sich mein Verständnis von »adäquater Behausung«. Ich denke, es gibt keine geteilte Vorstellung von einem guten Leben – die lässt sich nur aus dem bisherigen gewohnten Lebensstandard heraus entwickeln. In Äthiopien gibt es keine Zimmer – es gibt nur einen geteilten Raum, das ist der Wohnraum. Traditionell werden dort Rundbauten aus Baumstämmen, Gras und Schilf gebaut. Holz ist jedoch auch die Energiequelle Nummer eins, und es gibt Flächenkonkurrenz mit dem Nahrungsmittelanbau – das sorgt für eine große Holzknappheit.
JM  Wie die Zahlen der Bundeswaldagentur zeigen, gibt es in Deutschland einen jährlichen Zuwachs von etwa 120 Millionen Kubikmetern Wald. Jährlich werden davon etwa 76 Millionen Kubik­meter gefällt. Dieses Holz wird momentan nur zu einem geringen Teil zum Bauen genutzt. Wenn der vom Bundesbauinstitut errechnete Wohnraumbedarf realisiert werden würde, könnten wir diesen gesamten Bedarf, 270 000 Wohneinheiten pro Jahr, in Massivholzbauweise ausführen – dafür würden etwa 12 Prozent des geernteten Holzes benötigt. Das wäre zudem ein großer CO2-Speicher. Gewiss gibt es in anderen Ländern weniger Holz, und es hat auch nicht die idealen Eigenschaften für das dortige Klima.
AV  Mich interessiert, wie solche Erfahrungen außereuropäischen Hausbaus unser Verständnis von regional gewachsenen Bauweisen bereichern können. Es gibt ja auch hiesige vorindustrielle Bautraditionen, an die wir anknüpfen können. Sollten wir nicht insgesamt viel diverser und angepasster an örtliche Gegebenheiten bauen?
JM  Ja, auf jeden Fall. Ich erarbeite gerade gemeinsam mit der Demeter-Farm Sekem in Ägypten ein Projekt, um den Menschen dort Kenntnisse aus dem in Europa weiterentwickelten modernen Lehmbau zugänglich zu machen. In Ägypten gibt es ein sehr starkes Bevölkerungswachstum, und es wäre fatal, diesen Wohnraumbedarf mit der konventionellen Bauweise zu befriedigen. Die Wüste rund um Kairo ist schon jetzt voller Bauschutt.
CV  In Äthiopien gibt es ein ähnlich starkes Bevölkerungswachstum, das Slums entstehen lässt. Zum Teil wird die traditionelle Bauweise fortgeführt – jedoch mit Eukalyptus, der zerstörerisch für die Ökosysteme und die Böden ist. Das ist ein typisches Pro­blem: Alte Techniken werden aufgegriffen, jedoch mit einem anderen, schneller verfügbaren Material, das neue Probleme aufwirft. Viele alte Kulturtechniken sind auch in Vergessenheit geraten. Ich habe dort auch ein Projekt besucht, bei dem versucht wird, traditionelle Bauweisen, die lokale Ressourcen verwenden und vollständig rückbaubar sind, wiederzubeleben und mit neuen Erkenntnissen zu verknüpfen.
AV  Anhand solcher Beispiele ließen sich aufschlussreiche architekturanthropologische Fragen entwickeln – das würde ich gerne ein andermal aufgreifen. Lasst uns einstweilen zurück nach Europa blicken: Wie seht ihr hier und heute das Verhältnis von Expertinnen und Laien im Umbauprozess eines Hauses?
JM  Da sind wir wieder mitten im Thema: Wir müssen einfacher bauen! Es werden mittlerweile so viele Schichten in einem Gebäude verbaut, dass selbst die sogenannten Experten nicht mehr überblicken können, was das Zusammenspiel aller dieser Materialien verursacht. Ich denke, das hat viel mit Wohnstandards zu tun. Schallschutz, Brandschutz, Statik, Energieeffizienz, Behaglichkeit, Barrierefreiheit, Baurecht und DIN stellen drastische Anforderungen. Es bedarf einer eigenen Wissenschaft, um all diese Anforderungen zu erfüllen und dennoch einfach und rechtlich abgesichert zu bauen.
CV  Diese Situation hat uns unser individuelles wie gesellschaftliches Sicherheitsbedürfnis beschert. Alles muss hundertfach gegen jede Eventualität abgesichert sein. Auch wenn das, historisch betrachtet, viel Gutes gebracht haben mag, gilt es heute zu fragen: Welche Risiken können und wollen wir wieder selbst tragen? Der Gewinn würden dann auch neue Handlungsspielräume sein.
AV  Vielen Dank euch beiden für das Gespräch!

 

Corinna Vosse arbeitet als Projektentwicklerin und ­Soziologin.
In Berlin hat sie den Verein »Kunst-Stoffe e. V.« und  die »Klimawerkstatt Spandau« sowie in der Prignitz die »Akademie für Suffizienz« mitbegründet. akademie-suffizienz.de, kunst-stoffe-berlin.de

Jeroen Meissner (39) hat sich schon während seines Architekturstudiums intensiv mit ökologischen Fragen befasst. Heute arbeitet er in Berlin für das Architekturbüro »Partner und Partner Architekten« im Bereich Holzbau. partnerundpartner.com

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