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Widersprüche aushalten

Bei einem Zusammentreffen von Menschen aus ­Ökodörfern und Widerstands­bewegungen wurde die Bedeutung von ­Gemeinschaftsprozessen deutlich.

von Luisa Kleine , erschienen in 57/2020

Bild

© Foto: Thomas Meier

Eileen, Matthias, Thomas und ich sitzen auf einer Bierbank in der Sonne, ­mitten im Klimacamp in Pödelwitz im ­August 2019. Um uns herum herrscht ein buntes Getümmel von jungen Klima­aktivistinnen. Viele von ihnen engagieren sich bei Kleingruppen­aktionen, bei Blockaden oder anderen kreativen Formen des zivilen Ungehorsams. Die Dringlichkeit, die Zerstörung unserer Lebensgrundlagen aufzuhalten, ist hier, in dem von der Abbaggerung bedrohten sächsischen Dorf, wie mit Händen greifbar. Die Menschen um uns herum malen Banner, planen Aktionen und diskutieren über Privilegien und das neue Polizeigesetz. Wir vier reden über unsere Aufgabe im Prozess der gesellschaftlichen Transformation. Alle leben wir in Gemeinschaften und sind auch Teil des Lenkungskreises von GEN Deutschland, dem deutschen Zweig des weltweiten Ökodorfnetzwerks. Unser Leben ist mehr von der Bemühung um den Aufbau neuer Strukturen geprägt als davon, Zerstörerisches aufzuhalten. Wie stehen unser Alltag und unser Wirken in Beziehung zum aktiven Widerstand? ­Was hat der Bau von Strohballenhäusern mit Blockade­aktionen zu tun?

Vernetzung! – Vernetzung?
Vernetzung! Vernetzung! Vernetzung! Mir scheint, alle sprechen heute davon, als wäre es das Transformations-Mantra schlechthin. Aber müssen wir wirklich alles mit allem vernetzen? Was ist mit »Vernetzung« überhaupt gemeint, und wann ist sie wirklich sinnvoll?
Die vielen Initiativen, die auf eine wachstums­befreite, gerechte Gesellschaft hinarbeiten, haben ganz unterschiedliche Bilder davon, welcher Weg dorthinführt – und auch, wie diese Gesellschaft dann konkret aussehen soll. Und häufig begegne ich dem Anspruch, wir müssten ein großes »Wandelbündnis« gründen; in dem wären dann alle Widersprüche aufgelöst – und mit dem Wandeleinheitsbrei wäre dann die Welt gerettet. Andere meinen, sich von allem, was nicht exakt ihren eigenen politischen Positionen entspricht, abgrenzen zu müssen. Immer wieder bewege ich mich in diesen Spannungsfeldern zwischen Einheit und Abgrenzung. Dazwischen liegt für mich das Feld der Widersprüche, die es auszuhalten und das es zu halten gilt. Welche Organisationen laden wir etwa bei GEN zu einer Veranstaltung ein? Wer darf Teil des Netzwerks werden? Wen nehmen wir in unsere Gemeinschaft auf?
Diese Prozesse sind anstrengend, spannend und wichtig, denn es werden Werte und Grenzen verhandelt: An welchem Punkt unterstütze ich eine Bewegung oder Organisation, wann dulde ich sie, wann grenze ich mich von ihr ab oder arbeite sogar gegen sie?
Allgemein beobachte ich eine größer werdende Fähigkeit, Unterschiede auszuhalten und nicht auf der einen richtigen Lösung zu beharren. Morgens zu meditieren und mittags einen Kohlebagger zu blockieren oder sich mit den eigenen Gefühlen zu beschäftigen und gleichzeitig systemkritisch aktiv zu sein, erscheint mir nicht mehr als unvereinbar. Es begeistert mich, die vielfältigen Perspektiven, aus denen heraus Menschen den Wandel verstehen, zu verstehen und in Kontakt zu bringen.

Ein Spannungsfeld wie Weihnachten mit der Familie
Ein paar Monate nach dem Klimacamp in Pödelwitz findet das Herbsttreffen von GEN statt. Zum ersten Mal gibt es ein Fokusthema – Klima –, und zum ersten Mal sind zu dem sonst immer sehr intimen Herbsttreffen Menschen eingeladen, die nicht in Gemeinschaften leben, sondern in Widerstandsbewegungen, wie »Extinction Rebellion«, »Free The Soil« oder Waldbesetzungen, aktiv sind.
Von der Idee, uns als Ökodorf-Initiativen, die sich dem strukturellen Wandel verschrieben haben, mit Widerstandsbewegungen zu vernetzen,  erhoffen wir uns Synergieeffekte zwischen den Bewegungen, ähnlich wie beim Projekt »Zähne putzen«, in dessen Rahmen sich im Widerstand aktive Menschen in Ökodörfern von Aktionen erholen können. Wir denken auch an eine gebündelte Außenwirkung, wenn parallel zum Widerstand gegen alte Strukturen auf bereits bestehende neue Lösungen hingewiesen wird. Wir lassen uns auch nicht entmutigen, als im Vorfeld des Treffens Bedenken auf Seiten der Gemeinschaften laut werden: »Diese jungen Hüpfer sollen uns nun also erklären, wie Aktivismus geht?«; »Ist Widerstand zu leisten nicht, wie Öl ins Feuer zu gießen?«; »Klima? Ich vermisse die intimen Räume, in denen wir uns mit uns beschäftigen!« – Die freudigen und kritischen Mails lesend, die als Antworten auf die Einladung gekommen sind, spüre ich Aufregung und Neugierde. Und ich fühle einen geistigen Muskel in mir arbeiten: den Widerspruchsmuskel. Er wird immer dann beansprucht, wenn ich mich in Spannungsfelder begebe, in Kontroversen und Widersprüchlichkeiten. Das passiert besonders auf Veranstaltungen – ja, auch bei Familienfeiern –, wo Menschen mit verschiedenen Perspektiven zusammenkommen und unvereinbar erscheinende Meinungen aufeinanderprallen: »Wir müssen erst uns selbst heilen, um die Welt heilen zu können.« – »Mach kaputt, was dich kaputt macht!« – »Also ich könnte mir schon vorstellen, mal ein Elektroauto zu kaufen …« – »Diese gewaltbereiten Aktivisten machen doch alles nur noch schlimmer!« – »Wir müssen alle aussteigen und uns selbst versorgen!« – »Damit sich etwas ändert, müssen wir stören!« –
Ich grübele noch bis zum Abend vor dem Netzwerktreffen über die Frage nach, wie Menschen aus Ökodörfern und Widerständige eine verbindende Sprache finden können, wie Begegnung auf gleicher Augenhöhe geschehen kann und wie wir uns in Vielfalt gemeinsam ausrichten können.
Am nächsten Vormittag stehen dann Angehörige der beiden Gruppen in drei Kreisen im Raum. In der Mitte liegen große Papierbögen mit den Aufschriften »Widerstand leisten«, »Neue Strukturen aufbauen« und »Bewusstseinswandel«; der Dreiklang orientiert sich am Wandel-Modell der Tiefenökologin Joanna Macy. Wir erinnern uns daran, wann und wo wir diese Dimensionen des Wandels schon erleben konnten, suchen nach Bildern, Gefühlen, Bewegungen und Lauten. Nach einem Abtauchen in ein für einige zunächst ungewohntes Feld kommen wir zusammen, um uns Geschichten des Wandels zu erzählen: Wann in meinem Leben konnte ich Wandel erleben, und wie hat sich das angefühlt? Es werden Episoden von Blocka­den, Nachbarschaftsfesten oder dem Bewusstwerden von Sexismus erzählt, wie Traumata heilten oder eine Genossenschaft gegründet wurde. Wir spüren: In uns allen gibt es alle Teile der Wandlung, und es braucht alle Teile gleichwertig und gleichzeitig, um Wandel möglich zu machen. Ist es also nicht eigentlich ganz einfach?

Verflixte Vernetzung
Nein, es ist nicht einfach. Die Welt ist komplex, lebendig und jeden Tag neu. Ich mache mich immer wieder auf die Suche, schreite fragend voran auf einem offenen Weg. Manchmal scheint es mir wichtig zu sein, mich abzugrenzen, um nicht von der Megamaschine eingehegt zu werden oder mich von meinen eigenen Werten zu dis­tanzieren. Ein anderes Mal führt der Weg aus meiner Komfortzone hinaus, und ich übe mich darin, andere Perspektiven zu verstehen. Immer wieder mache ich mir die große, manchmal nebelige Landkarte des Wandels klar, um mir bewusstzumachen, an welcher Stelle ich stehe. Dann besinne ich mich wieder auf meinen Fokus und auf den nächsten Schritt.
Der Raum ist jetzt still. Ich sitze mit sechs Menschen, die in ­unterschiedlichen Bereichen aktiv Widerstand leisten, und stelle ihnen Fragen. Wenn diese Menschen Geschichten vom Wald erzählen, von Erschöpfung und von der Angst vor Repression, von der Freude über eine geglückte Aktion und von der großen Verzweiflung, wenn das eigene Zuhause mit einem Mal von der Polizei geräumt wird, dann fühlt sich jedes gesprochene Wort wichtig an.  Hier einige Stimmen aus dem Kreis: 

Frieda erzählt:
»Ich kam mit vielen Ideen und Visionen und mit viel Energie zum GEN-Treffen – und auch mit einem Hilferuf: Denn tatsächlich scheitern viele Bewegungen, weil wir nicht wissen, wie wir gut miteinander leben und arbeiten können – es ist so, wie ihr das alle von zu Hause kennt. Ich war im Sommer in verschiedenen Extinction-Rebellion-Gruppen in Europa, und es war wunderbar, zu sehen, dass es viele Menschen gibt, die motiviert sind, das System und sich selbst zu wandeln – aber es gab überall die gleichen Probleme! In Gemeinschaften sehe ich, dass es viele Lösungsmöglichkeiten gibt. Es läge ein großer Schatz darin, das Wissen und die in Gemeinschaften ent­wickelten Methoden auf unsere Bewegungen zu übertragen, die sich als Gemeinschaften eines anderen Typs bilden, weil sie flexibel und fluider sind. Das ist mir eine Herzensangelegenheit!«

Maike erzählt:
»Aktivistinnen und Aktivisten sind permanent mit Ungerechtigkeit konfrontiert, aber ich sehe, dass wir kollektiv nicht gut mit dieser herausfordernden Situation umgehen; das tut mir weh! Leute brennen aus, weil wir nicht für Strukturen sorgen, die uns auffangen könnten. Wir sind alle gleich ausgelaugt, und keiner kann die oder den anderen halten.
Die tägliche Anspannung ist groß: Ich muss Sicherheitsvorkehrungen treffen, ­damit ich nicht Mails an irgendwelche Leute schicke, die mit meinem richtigen Namen in Verbindung gebracht werden könnten – ein Quatsch, den ich überhaupt nicht machen will. Es ist auch anstrengend und ernüchternd, Dinge verschweigen zu müssen, nicht irgendwo hingehen zu können und zu sagen: ›Ey, es gab diese Aktion, wir haben das und das gemacht, und es geht mir schlecht damit.‹
Richtig heftig ist es natürlich, wenn Menschen sterben. Vor ungefähr drei Wochen war der Jahrestag von Steffen Mai, der im Hambacher Forst gestorben ist, weil die Polizei da reingegangen ist. Steffen war ein Freund von mir. Nicht zuletzt, weil ich merke, dass wir nicht die Strukturen haben – oder dass ich nicht die Strukturen habe –, die mich in dieser schmerzhaften Situation unterstützen könnten, bin ich hier auf dem Treffen.«


Theo erzählt:
»Ich war bei einer Waldbesetzung in Frankreich. Irgendwann wurde der Wald geräumt, und von einem Tag auf den anderen war unsere Struktur weg. Viele Kontakte, die wir geknüpft hatten, waren auch weg; einige Menschen saßen im Gefängnis. Wir hatten erstmal keinen Ort, wo wir uns hätten sammeln und über unsere Erlebnisse sprechen können. Letztlich haben wir es irgendwie geschafft, uns in kleinen Gruppen auszutauschen, das hat sehr geholfen. Ich habe zum Beispiel gesehen, wie Freunde von Polizisten zusammengeschlagen wurden, was mich extrem wütend gemacht hat. Um diese Wut nicht in etwas Destruktives gegen die Polizei zu verwandeln, sondern sie konstruktiv zu nutzen, war es für mich sehr wichtig, mich mit anderen auszutauschen.«

Alle im Raum sind ganz wach und hören zu. Es geht hier nicht darum, eine Form des Aktivismus zu heroisieren; es geht auch nicht darum, zu vergleichen, wer wirksamer oder wer erschöpfter ist und wer mehr Erholung verdient hat. Hier sprechen Menschen aus verschiedenen Feldern des Wandels, und sie sprechen als sie selbst von ihrem Erleben, ihren Sorgen und Freuden. Ihre berührenden Worte erzeugen Resonanz.
In diesem Moment können wir die Widersprüche halten.

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