Oya braucht Mithilfe!

Alle Artikel der gedruckten Oya-Ausgaben sind auf dieser Website kostenlos zu lesen. Dahinter steckt viel Arbeit. Bitte helfen Sie mit, dass wir alle Texte weiterhin frei zur Verfügung stellen können:

• Nein, danke

• Ja, ich unterstütze Oya

Bitte wählen Sie hier den Betrag, mit dem Sie Oya unterstützen möchten:



Falls Sie kein PayPal-Konto haben, können Sie natürlich
auch direkt unsere Bankverbindung verwenden:

IBAN: DE96 4306 0967 1112 9897 00 • BIC: GENODEM1GLS
Verwendungszweck: Oya-Online Beitrag

Landschaftsgeschichten

Die Oya-Redakteurinnen Anja Marwege und Andrea Vetter sprachen miteinander über Landschaftserfahrungen.

von Andrea Vetter , Anja Marwege , erschienen in 57/2020

Bild

© Foto: Ines Kramarić

Wie können wir uns mit der Qualität eines Orts, einer Landschaft, in der wir gerade leben, verbinden? Können uns Märchen, Mythen und andere kulturelle Überlieferungen dabei helfen? Wie können wir uns auf diejenigen beziehen, die vor uns dort gelebt haben, und das Verbundensein mit einer Landschaft als eine gestaltende Kraft nutzen? Wie halten wir unser Herz offen in Anbetracht des Grauenhaften und ­Gewalttätigen, das mit dem Missbrauch von Mythen verbunden war und ist? Anja Marwege und Andrea Vetter durchgingen die inneren und äußeren Landschaften, in denen sie leben.

Anja Marwege  Andrea, wir beide leben an zwei völlig verschiedenen Orten. Lass uns nach Verbindungen forschen. Was macht für dich das Beheimatet-Sein aus? Was ist für dein Eingebundensein an einem Ort von Bedeutung?
Andrea Vetter  Mich nährt es sehr, mich mit einer ganz weiten Vergangenheit an Orten zu verbinden. Fast immer, wenn ich um den See hinter unserem Vereinshaus gehe, bringe ich ein Stück Feuerstein, den es hier reichlich gibt, vom Spaziergang mit. Manche Steine sind nur schön geformt, ich habe aber auch schon einige gefunden, bei denen ich mir sicher bin, dass sie von Menschen bearbeitete Werkzeuge sind. Ich weiß nicht, ob meine Funde einer archäologischen Bestimmung standhalten würden. Aber die Fundstücke liegen so perfekt in der Hand, sind so scharf und gut zum Schneiden oder Bohren geeignet, sind so fein gearbeitet, dass es mir schwerfällt, an Zufall zu glauben. Und warum auch nicht? Der See ist von der letzten Eiszeit übrig­geblieben, und wenn ich um den See gehe, dann gehe ich in Gedanken mit den Menschen, die damals dort waren, ihr Lager am Ufer aufgeschlagen haben, den Vorfahrinnen der Gänse gelauscht und ihre beeindruckenden Formationsflüge bewundert haben, genau wie ich es heute tue. Dieser weite Horizont hilft mir, geerdet zu sein und die Gegenwart nicht zu aufgeregt zu betrachten, auch wenn es zweifellos wichtig ist, aktiv in der Gegenwart zu handeln. Diese Verbindung funktioniert nicht ­abstrakt, sondern nur an einem konkreten Ort – das kann auch auf Reisen sein.
AM  In der ländlich geprägten Endmoränenlandschaft nahe der Elbe, in der ich lebe, hat die agrarindustrielle Bewirtschaftung fast alles Gewachsene ausgeräumt. Hecken und Wälder sind auf ein zerstückeltes Minimum reduziert, die Wege sind allesamt geteert und führen schnurgerade aus dem Dorf hinaus. Dort gibt es einen Sandstein in einem kleinen Eichenwäldchen am Dorfrand. Genau wie im Elbsandsteingebirge steht da ein hoher, turmartiger, von Wind und Wetter geschwärzter Fels an einem Hang, bloß viel kleiner als die weltberühmten Verwandten. Die Kinder lieben es, dort zu spielen, sich in kleinen Höhlen zu verstecken und von dem Felsen in die Ferne zu gucken. Diese Landschaft ist nun mein Lebensmittelpunkt. Das Leben in einer »toten Zone« – so bezeichnen Hildegard Kurt und Shelley Sacks in ihrem Buch »Die rote Blume« Orte, an denen der »komplexe Horror unserer Zeit zutage tritt« – weckt in mir das Bedürfnis, selbst lebendige Orte zu schaffen. Kleine Kraftorte wie den Sandstein gibt es überall, sie sind einfach da und strahlen eine Energie aus, die eine Verbindung zwischen der Landschaft und mir schafft. Orte mit ähnlicher Kraft sind die großen Eichen in unserem Dorf, die Plätze, an denen häufig etwas Gemeinsames stattfindet oder solche, die gemeinsam geschaffen wurden. Das sind Orte, die sich nicht kopieren lassen, sondern die gefunden werden müssen. Ich bin froh, dass es sie selbst in dieser leergeräumten Agrarwüste mit wenig gewachsener Dorfstruktur gibt. Sie sind Ankerpunkte, aus denen wieder mehr gemeinschaftliches Leben und Tätigsein entstehen können.
AV  Ich denke viel darüber nach, was eigentlich »typisch« für eine bestimmte Landschaft ist und was dagegen typisch für Dorfleben in Mitteleuropa insgesamt ist. Ich bin in einem Tausend-Seelen-Dorf in Baden-Württemberg aufgewachsen und lebe jetzt zum größeren Teil in Berlin, zum kleineren Teil in einem wieder rund tausend Einwohnende zählenden Dorf im Odervorland in Ost-Brandenburg. Berlin fühlt sich seltsam wie eine ­»Insel« an –viele Menschen, die hier wohnen, empfinden das auch so –, weil durch die vielen Häuser die eigentliche Landschaft kaum mehr durchschimmert. Dabei stellt sich sofort die Frage: Was ist die »eigentliche« Landschaft? Berlin hat viele große und wunderschöne Parkanlagen, die zeigen, was auf diesen trockenen und sandigen Böden an Landschaftsgestaltung möglich ist. Da sind Englische Gärten, wie der Glienicker Park mit der Pfaueninsel aus dem 18. Jahrhundert, und es sind neue Gärten, wie der Britzer Garten, der als Bundesgartenschaugelände 1984 angelegt wurde. Ich empfinde diese Parks und Gärten als eine der schönsten zivilisatorischen Errungenschaften unserer ansonsten an Schrecken reichen Zivilisation. Das Haus, das ich in Brandenburg mitbelebe, ist eine ehemalige Berufsschule mit Internat, ein riesiger Kasten, der mitten in eine solche Park­anlage hineingebaut wurde. Ich freue mich über die immergrüne Steineiche und den riesigen Gingko-Baum, die nun in »unserem« Garten stehen, gemeinsam mit den Robinien, Eichen und Blutbuchen; und auch den Hollerbüschen und der Mirabelle, die sicherlich später dazugekommen sind, als unser Garten schon Schulgarten statt Park war. Außerhalb des Parks, des Sees und des Dorfs kenne ich dort auch die ausgeräumte Agrarwüste, von der du sprichst, Anja. Es ist schon merkwürdig: Derselbe Boden im selben Klima wird zu Industrieacker, zu Forst­acker, zu Park oder zu Garten – alles in der Landschaft, in der wir leben, ist ja von Menschen mitgestaltet, erdacht, gepflanzt worden. Und wenn wir die Brandenburger Sandlandschaft sich selbst überlassen würden – dann gäbe es vielleicht schnell nur noch Heidekraut.
AM  Wenige Jahre, bevor mein Großvater starb, erzählte er mir von den Gräben, die die Moorflächen in der Nähe des wendländischen Dorfs, wo er lebte, umgaben. Bis heute lassen sich Vertiefungen erkennen. Als Junge konnte er beobachten, wie darin unter Verwendung großer Mengen Eichenrinde Tierhäute gegerbt wurden. Ich kann das als Geschichte, nicht mehr aber als leibhaftige Erinnerung, weitergeben und übe mich darin, die mich umgebende Landschaft und ihre Zeitzeichen zu lesen. Welche Formen und Möglichkeiten gibt es heute in der Landschaft, diese Art von wesentlichen Arbeiten zu erbringen? Welche sinnlichen Erfahrungen aus der Landschaft gebe ich an meine Enkel und Enkelinnen weiter? Wie erfahren wir heute Landschaft und Natur?
AV  Früher bezeichneten die Menschen die Qualität eines Orts als »Genius loci«, und manche Landschaftspsychologen, Schriftsteller, Architekten, Städte- und Landschaftsplaner verwenden diesen Begriff noch heute, um die jeweils eigenen Qualitäten bestimmter Orte zu beschreiben. Das menschliche »Mitgestalten« kann entweder gegen diese Qualität angehen oder in einen organischen Fluss mit diesem »Ortsgeist« treten. Allerdings führt die fortschreitende Erdüberhitzung gegenwärtig dazu, dass Anmutung, Vegetation und insgesamt die Qualität von Orten und Landschaften sich innerhalb kürzester Zeit radikal verändern. Das ist eine Frage, die mich gerade sehr umtreibt: Wie werden wir – ich ganz persönlich und »wir« kollektiv – damit in der nächsten Zeit ­umgehen?
AM  Je länger wir an unseren Orten wohnen, desto mehr Geschichten erfahren wir von ihnen. Wie können uns die mitteleuro­päischen Märchen und Mythen helfen, mit den Orten eine tiefere Verbindung aufzunehmen?
AV  Als kleines Kind und dann später wieder, so mit 12 oder 13 Jahren, habe ich bewusst angefangen, Märchen zu lesen, alle Grimm’schen, später auch Kunstmärchen, dann Märchen aus aller Welt und besonders gerne lokale Sagen. Ich will doch wissen, was sich die Menschen an den Orten, an denen ich bin, früher erzählt haben! Es gibt viele Arten, Märchen gegen den Strich zu lesen und matriarchale oder herrschafts­kritische oder entwicklungspsychologische Linien darin zu entdecken. Die Märchen verändern sich dadurch. Auch die Sicht der Brüder Grimm auf die Märchen war ja eine bestimmte patriarchale, monarchistische, christlich geprägte, aus der sie die mündlich überlieferten Geschichten dann in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu Papier gebracht haben. Generell finde ich das nicht einfach: Wie kann ich mich auf mitteleuropäische Geschichten beziehen, angesichts der Tatsache, dass viele dieser Geschichten von Jahrhunderten des Leids und der Unterdrückung erzählen und dass ältere Geschichten, wie germanische Überlieferungen, auch noch von völkischen Gruppen und den Nazis missbraucht wurden und werden? Kann ich die Bilder und Motive angesichts dessen als etwas Stärkendes nutzen? Und wie?
AM  Gehören manche Bilder vielleicht sogar fest zu Orten, kommentieren sie etwa?
AV  Der Kulturanthropologe ­David Abram beschreibt Landschaften als die Geschichten- und Wissensspeicher ortsbezogener Gruppen. Der Schriftsteller Bruce Chatwin berichtete etwa von Menschen in Australien, die an bestimmten Orten gar nicht anders konnten, als die mit diesem Ort verbundenen Geschichten zu erzählen. Bestimmten Landmarken waren bestimmte Geschichten, die genau dort in einem ganz bestimmten Tempo erzählt werden mussten, buchstäblich »eingeschrieben«. Und wenn diese Orte mit dem Auto passiert wurden, mussten die Geschichten eben entsprechend schneller erzählt werden. Ganz anders  die Grimm’schen Märchen, die teilweise auf Erzählungen aus Frankreich, Irland, der arabischen Halbinsel oder aus Indien basieren. Auch wenn diese Geschichten inzwischen als »typisch deutsch« gelten, stehen sie eher für eine globale Erzähl­tradition.
AM  Die Kunst des mündlichen Erzählens erscheint mir als eine wichtige Praktik. Landschaften, Geschichten und Menschen verändern sich schließlich. Ich habe schon oft die Erfahrung gemacht, wie sich die Geschichte erst während des Erzählens entfaltet. Wenn ich heute meinen Kindern abends eine Geschichte erzähle, überlege ich mir vorher nicht, wovon sie handeln und wie sie ausgehen wird. Oft bin ich selbst völlig überrascht von Charakteren oder plötzlichen Wendungen. Es fließen lokale Bezüge zu unserem Lebensort ein und was gerade in den Kindern vorgeht. Manchmal erzählen wir eine Geschichte an mehreren Abenden immer weiter. Das verbindet uns miteinander und mit dem Ort, an dem wir leben. Ich empfinde das als ein sehr tiefes Erlebnis. Das ist etwas ganz anderes, als ein Bilderbuch, das ich gerade schön finde, vorzulesen.
AV  Zu den Überlieferungen zählen für mich auch die Geschichten, die sich die Menschen in meiner Nachbarschaft erzählen. Kann ich diese Fäden aufnehmen? Kann ich diese oder jene Geschichte weitererzählen? Das ist für mich essenziell für das Eingebundensein in einen konkreten Ort. Das brandenburgische Dorf, in dem ich oft bin, feiert nächstes Jahr sein 777-jähriges Jubiläum. Selbstverständlich helfen wir vom »Haus des Wandels« dabei, den Festumzug zu organisieren – auch wenn es uns manchmal gruselt, woran dabei erinnert wird: an den Templerorden, der den Ort gegründet hat (wer war denn vorher hier?) oder an die zahllosen Kriege, aus denen die Geschichtsschreibung im Wesentlichen besteht. Das ist zugleich wahr und auch nicht wahr. Ja, es gab diese schrecklichen Kriege, aber es gab auch viel Liebe und Alltag – und irgendwann sogar Kartoffeln. Vielleicht schaffen wir es, in dem Umzugsbild, das von unserem Haus gestaltet wird, etwas davon mit den anderen Fäden zu verweben.

Zurück zur Startseite

Hintergrundinfos zu Oya auf Facebook

Oya gemeinsam ermöglichen!