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Das Volk im Tal

Wie Alteingesessene und Neuzugezogene im Weimarer Land gemeinsam Dörfer vernetzen und wiederbeleben – und wie dabei ein buntgemischtes »Talvolk« entsteht.

von Thomas Meier , erschienen in 57/2020

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© Foto: Thomas Meier

Als ich im Frühjahr 2016 von einem ­Besuch des 300-Seelen-Dorfs Hauteroda im Thüringer Kyffhäuserkreis in unsere Lebensgemeinschaft Schloss Tonndorf im Weimarer Land zurückkehrte, fragte ich mich, ob das jetzt »Thema verfehlt« war oder der Anfang von etwas Grundlegendem. Bürgermeister Eichholz hatte mir in Hauteroda leerstehende, gemeindeeigene Gebäude gezeigt: ein Fachwerkhäuschen, die ehemalige Gaststätte, das nur wenig genutzte Kulturhaus und die einstige Dorfschule. Zugleich erzählte er von vielen Höfen im Ort, die bereits leerstünden, und weiteren, in denen nur noch alleinstehende alte Menschen lebten. Er wollte eigentlich nur meinen Rat als Architekt, aber nach jahrelangem eigenen Erleben eines wachsenden Ökodorfs konnte ich irgendwann gar nicht anders, als weiterführende Fragen anzusprechen: »Bei welcher Kinderzahl habt ihr euren Kindergarten geschlossen?«, »Wie viel Land besitzt die Gemeinde?«, »Wie viel die Kirche?«, »Wie wird es bewirtschaftet?«, »Wie weit ist die nächste Grundschule entfernt?« …
Im Anschluss ging es um Lösungen. Wir sprachen von landsuchenden, frisch ausgebildeten Bio-Landwirtinnen und -Landwirten, denen Gemeinde und Kirche durch Pachtland ermöglichen könnten, heimisch zu werden. Von den Höfen, die dann wiederbelebt und ausgebaut würden, und von Unterstützung für ein würdevolles Altern im Dorf. Dass sich ein einfach gehaltener Waldkindergarten schon bei 12 bis 15 Kindern ermöglichen lässt, und dies schon wieder zwei Erwachsenen Arbeit gibt. Von durch Bürgerinnen und Bürgern betriebenen Genossenschaften, in welche die Menschen vor Ort investieren und gemeinsam eine Photovoltaik-Anlage für das Dorf, ein Nahwärmenetz, den Ausbau leerstehender Gehöfte oder einen Dorfladen betreiben können. Und dass in einer Dorfkneipe vormittags mit dem vor Ort angebauten Gemüse das Essen für die benachbarte Schule und für einen gemeinsamen Dorf-Mittagstisch, an dem die Kinder des Waldkindergartens, die Seniorinnen und Senioren sowie die vor Ort Beschäftigten zusammenkommen, gekocht und damit die geringere Auslastung an Wochentagen kompensiert werden kann. Von »Mitfahrbänken« und Dorfkino, vom gemeinsamen Pflegen der Streuobstwiesen und von einer Pflanzenkläranlage als Lösung für die fehlende Abwasserklärung. Bürgermeister Eichholz hatte an diesem Nachmittag zugehört und mitgeträumt, und doch war ich nicht sicher, ob er etwas davon aufgreifen würde. Zwei Tage darauf rief er an. Ob ich das noch mal erzählen könne – diesmal wolle er die aktiven Menschen aus den Vereinen dazuladen.

Eine buntgemischte Initiative
Heute – vier Jahre später – bin ich dankbar für diesen Besuch in einem Dorf, das von den heute leider normal gewordenen Problemen ländlicher Räume so deutlich gezeichnet war. Dieses Erlebnis inspirierte mich, im Rahmen von GEN Deutschland gemeinsam mit Gleichgesinnten mehrere durch das Umweltbundesamt geförderte Kooperationen zwischen jeweils einer Mitgliedsgemeinschaft und einem gewachsenen Dorf aus deren Region auf den Weg zu bringen (siehe Oya 54) – eine Arbeit, die bis heute anhält und aktuell in unser Netzwerk »Lernorte für morGEN« mündet. Zudem hat es mich tiefer und tiefer ins Thema »Dorf- und Regionalentwicklung« hineingeführt – auch vor der eigenen Haustür. Denn wie viele andere Ökodörfer auch, kam meine Lebensgemeinschaft auf Schloss Tonndorf in den letzten Jahren in eine Phase, in der die Aufbaujahre gemeistert waren, ruhigeres Fahrwasser erreicht war und in der wir den Blick heben und in intensiveren Austausch mit unserem Umfeld treten konnten.
Im Februar 2017 telefonierte ich mit dem Bürgermeister unseres Nachbardorfs. In unserem etwa 5 mal 15 Kilometer großen, von Wald umsäumten Tal im südlichen Weimarer Land liegen vier Dörfer; Nauendorf ist eines davon. In den anderen dreien hatte ich Bekannte direkt angesprochen – solche, von denen ich wusste, dass sie sich für eine zukunftsfähige Entwicklung unserer kleinen Region würden einsetzen wollen. Nach Nauendorf hatte ich bisher keine engeren Verbindungen, und so lautete meine Frage an den Bürgermeister, ob er mir geeignete Menschen empfehlen könne. Nach längerem Zuhören war seine freundliche Gegenfrage, ob er auch selbst mitwirken und seine Frau mitbringen könne. Und so kamen wir bald darauf zusammen – eine Hebamme, ein Forstwirt, ein Banker, eine Yogalehrerin, ein Tischler, eine Köchin, ein Zimmerermeister, eine Lehrerin, eine Landschafts­architektin und ein Naturfotograf.
Heute sind wir gut zwei Dutzend Menschen – eine von Bürgerinnen und Bürgern getragene Initiative für gutes Zusammenleben in unseren Dörfern. Wir sind Einheimische und Zugezogene, die Lust darauf haben, unsere Region mitzugestalten, gemeinsam nachzudenken und Engagement zu teilen. Überparteilich und weltoffen – auch wenn der von uns gewählte Name »Talvolk« – eine aus dem Mittelalter überlieferte Selbstbezeichnung der Menschen hier im Tal – manche stutzen ließ. Auch wir hatten darüber gesprochen, ob diese Namensgebung zur Verwechslung mit völkischen Ideologien führen könnte. Letztlich haben wir uns dazu entschieden, Wörter wie »Volk« oder »Heimat« nicht aufzugeben, sondern stattdessen mit lebensfördernder Bedeutung zu füllen. Im Grimmschen Wörterbuch von 1854 wird thalvolk übrigens schlichtweg als Synonym für »Talbewohner« geführt. Das buntgemischte Talvolk, das hier entsteht, folgt keiner bestimmten politischen Linie, sondern ist dem gemeinsamen Anliegen der weltoffenen Wiederbelebung unserer Region verbunden.
Seit zwei Jahren treffen wir uns monatlich und »ziehen« wechselnd durch die Gemeindehäuser der vier Dörfer. Diese »Talvolk-Treffen« dienen dazu, einander besser kennenzulernen, neue Mitwirkende einzubeziehen, uns gemeinsam auszurichten und uns über die Entwicklungen in den zahlreicher werdenden thematischen Arbeitsgruppen auszutauschen. Während die einen Mitfahrbänke an den Ortsausgängen errichten und auf eine Mitfahr-App fürs Tal hinarbeiten, ­haben die nächsten bereits eine solidarische Landwirtschaft entwickelt, wirkt eine Obstbau-Gruppe für die Pflege unserer Streuobstwiesen, kümmern sich andere um die monatlichen Dorfkinoabende, wird ein Kulturlandschaftsweg durchs Tal geplant, trifft sich eine Gruppe von Lehrerinnen, Lehrern und Eltern regelmäßig zur Gründung einer freien Schule. Und wir werden bekannter: Im vergangenen Sommer haben wir den thüringischen Minis­terpräsidenten Bodo Ramelow von einer unserer Mitfahrbänke mit der Kutsche abgeholt und ihm von den kleinen Revolutionen in unserem Tal erzählt.
Inzwischen erhalten wir vielfältige Unterstützung: etwa als gefördertes Projekt des »Neulandgewinner«-Programms der Robert Bosch Stiftung. Wir werden einander vertrauter, und unsere Ideen werden mutiger: Im Herbst machen wir eine gemeinsame Inspirationsreise zu »Wandeldörfern« – unter anderen nach Flegessen und Heckenbeck. Das nächste Silvesterfest werden wir vielleicht alle zusammen mit der Gemeinschaft auf dem Schloss feiern. Das Integrierende unserer Initiative hat schnell zu einer ausreichenden Zahl an Mitwirkenden geführt und manche Ressentiments gar nicht erst aufkommen lassen: So fühlen sich etwa die Gemeinderäte nicht brüskiert, begreifen sie doch den dorfübergreifenden Ansatz.

Neue Verbindungen entstehen
Derzeit beginnt unsere Arbeit, auch in die Region hinein auszustrahlen: So arbeiten wir am Aufbau einer Klimaschutz­region im Ilmtal und tun dies gemeinsam mit verschiedenen Thüringer Universitäten, zwei Landkreisen, der Stadt Weimar, Regionalverantwortlichen des LEADER-Programms, bürgerschaftlichen Initiativen wie der Transition-Town-Initiative Weimar, der Gemeinwohl-Regionalgruppe Thüringen oder dem Nachhaltigkeitszentrum Thüringen sowie innovativen Wirtschaftsunternehmen, wie der Energiegenossenschaft Ilmtal oder der Erzeuger-Verbraucher-Gemeinschaft Weimar. Hier geht es um eine von vielen Menschen getragene Wiederbelebung regionaler Wirtschaftskreisläufe und um die Regeneration unserer Lebensgrundlagen zum Wohl aller. Dabei wird es künftig noch viel mehr zu tun geben. Der Anblick des 2019 erstmals ausgetrockneten Flusslaufs der Ilm steckt uns allen tief in den Knochen.
Mögen wir weitsichtig, kooperativ und konsequent genug sein, um dem gerecht zu werden, was die Zeiten und unser Gewissen uns abverlangen.


Thomas Meier (48) ist Mitbegründer der Lebensgemeinschaft Schloss Tonndorf und Vorstandsmitglied von GEN Deutschland. Als Gemeinschaftsberater befasst er sich mit zukunftsfähiger Dorf- und Regionalentwicklung. www.schloss-tonndorf.de

Mehr übers Talvolk erfahren?
talvolk.de

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